Märchen zum Asa-Alfa-Blót

Die Seelenfahrt zum  Witten-Odland

(Asa-Alfa-Ahnengedenken = Oktober)

 

An der Asenförde nahe Glücksheimen wohnte einst ein armer Heringsfischer namens Runar Volkerts mit Weib und Kindern. Mal hatte er mehr, mal weniger Fische im Netz - aber es reichte immer gerade aus, um seine Familie zu ernähren. Im frühen Nebel­mond - so um die Mittagsstunde - ist ihm etwas Seltsames widerfahren.
 
Gerade, als er sich zum Grün­kohlessen niedersetzen will, hört er, wie ein Hufegetrappel sich seiner Kate nähert. Er tritt an die Tür - und vor ihm steht ein Fremder, ein grau­bärtiger Schimmelreiter, dessen lang in die Stirn gezoge­ner Schlapphut die Augen nur erahnen lässt. Nach Art alter Zeiten ge­kleidet, tritt dieser auf die Stubenschwelle und fragt in fremd klingendem Tonfall: „Ben ek hie recht bie Vedder Fisker­mann ?“, und wei­ter, ohne Antwort abzuwarten: „Mag ek ju up eenige Woorden anspreken ?“ Die Ein­ladung zur Teilnahme am Essen überhört er; mit gemessener, fast würdevoller Be­wegung winkt er den Fischer zum Fenster, von dem aus man den Strand überschauen kann. Als Kom­missio­när gibt er sich zu erkennen, der den Auftrag habe, einen Fährmann zu mieten, der gewillt sei, so viele Seelen, als sein Schiff fasse, nach Witte Odland überzusetzen. Der Fischer erschrickt anfangs, fasst sich aber. Sie handeln miteinander um den Preis und werden endlich einig: für jede Seele einen Krummsteert. Dreitausend Seelen kann des Fi­schers Schaluppe fassen. Der Fremde zahlt sofort, mit gehacktem Silber, wie es in urfer­nen Zeiten üblich war. Eilig und sachkundig misst er die Silberdrähte auf einer Hand­waage, die er im Mantel mit sich führt. Dann nennt er in befehlendem, scharfem Ton Ort, Zeit, Kurs und Ziel, damit der Fischer es sich genau einprägt, und verschwindet so plötzlich, wie er gekommen war.
 
Rechtzeitig ist der Fischer am vereinbarten Platz und hat seinen Kahn bereit. Solange der volle Mond am Nachthimmel steht, geschieht nichts, er wartet - noch ist Zeit bis zur gesagten Stunde. Als aber der Mond unterge­gangen ist, hört er etwas wie nahes Rabengeschrei - und dann merkt er, dass seine unbeladene Schaluppe langsam anfängt zu sinken, als ob sie befrachtet würde, bis zuletzt nur noch eine Handbreit des Bordes über Wasser frei bleibt. Da vermutet der Fischer, dass er voll geladen sei, und stößt ab. Von seiner Last sieht er anfangs nichts, bei genauerem Zusehen bemerkt er ei­nige sich hin- und herbe­wegende, ineinanderfließende Nebelflecke; ein leises Flü­stern und Knistern mischt sich zu­weilen mit dem Knarren der Ruder und dem sanften Wellen­schlag des Wassers.
 
End­lich kommt Witte Odland in Sicht, er hält Kurs auf die Bucht und legt bei völliger Windstille am Ufer an. Er sieht niemanden am Land, hört aber, wie sich die dumpfe Bassstimme des Fremden erhebt um eine endlos lange Namens­liste zu verlesen; dabei wird sein Schiff immer leichter. Als die Stimme schweigt, glaubt er, dass seine Passagiere alle gelandet seien, stößt ab und fährt wieder heim. Seitdem hat er das Jahr für Jahr gemacht, bis er selbst grau und schwächer und steif in den Gelenken wurde. Sein Fährlohn lag zu jedem Nebelmond pünktlich auf dem Fensterbord. Den Schimmelreiter sah er nie wieder. Wer einen Vertrag mit so einem macht, das fühlte und das wusste Runar Volkerts, der hat Wort wie Handschlag zu halten bis in den Tod.
 
Runar Volkerts kam ins Liegen, seine kleingealterte Frau hockte mit rotgeweinten Augen am Bettkasten, seine erwachsenen Kinder standen stumm vor der langen Truhe, und die ganze Schar sei­ner blondsschopfigen Enkel schaute vom Fußende mit unverständigen weiten Augen zu ihm hin. Dann erinnerte er sich an so etwas, wie als ginge er durch eine dunkle Röhre, an deren Ende ein Licht schimmerte. Sein Besinnen setzte wieder ein, als er sich mit vielen Wartenden am be­kannten Ufer wie­derfand. Dort lag die Scha­luppe von Thorsten Nordal, dem Fischer aus der Nachbargemeinde. Er kannte ihn gut und grüßte ihn mit winkender Hand - aber der sture, wortkarge Kerl schien ihn überse­hen zu wollen. Auf einmal gewahrte er unter den vielen frem­den Gesichtern das seiner lieben Frau, die ein Leben in Treue, Fleiß und stetigem Frohsinn an seiner Seite gegan­gen war. Sie liefen aufeinander zu und hielten sich, ohne zu fragen, ganz fest bei den Händen. Als der Mond unter die Dünen sank, bestiegen alle das Schiff, und die Fahrt begann. Er kannte die Strecke nach Witte Odland gut; er fühlte sich vertraut und gebor­gen; er hielt seine Gefährtin so fest umschlungen, wie er sie da­mals als junge blühende Maid beim Tanz gehalten hatte. Dann sah er am Ufer von Witte Odland den Schimmel­reiter wieder, und als auch sein Name aufgerufen wurde, hatte er das Gefühl, endlich nach Hause gekommen zu sein. 
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