Märchen zum Jola-Blót

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Die Sonnen-Suche

(Hochjulfeier = Mitte Januar)

 
Es lebte einmal vor vielen Jahren hoch im germanischen Norden ein Mann mit seiner guten Frau, die hat­ten drei Kinder, zwei goldhaarige Mägdelein und einen festen Kna­ben. Sie wohn­ten in ihrem Häuschen am großen Walde.
 
Als das Jahr zur Neige ging, begannen die Stürme zu rasen, wie schwarze Totenfinger ragten die kahlen, regennassen Äste der Bäume in den bleigrauen Himmel. Die Flammen des Herd­feuers waren vom langen Brennen, Kochen und Brutzeln ganz müde und schwach geworden. Schließlich wurden sie immer kleiner, verkrochen sich tief in der Asche und schliefen ein. Und wie die langen Mittwinternächte hereinbrachen, saßen die Menschen in ih­rer dunklen Behausung ohne Licht und ohne wärmendes Feuer.
 
Eine große Angst schlich sich da in die Hütte und in die Herzen der kleinen Familie, sie lauschten nach drinnen und nach draußen, aber weder aus ihren Seelen noch aus der garstigen Winteröde vernahmen sie einen Rat oder eine Hoffnungsbotschaft.
 
Als sie so kauerten und das jüngste Mädchen, die kleine Inge, leise zu wimmern be­gann, da vernahmen sie Schritte ums Haus, und es wurde an die Fensterläden geklopft. „Wer ist drau­ßen ?“ fragte der Vater. Eine Männerstimme antwortete: „Die Winterrie­sen ha­ben unseren milden Sonnenherrn Frô erschlagen, den sie auch den Weißen Balder nen­nen – die Sonne ist tot !“
 
Da begannen sich die Leute sehr zu fürchten. Der Vater sagte: „Vielleicht starb er nicht ganz, und er kann wieder gesund werden, wir wollen ihn suchen, um ihm Hilfe zu bringen.“
 
Er schnürte Wegzehrung in ein Bündel, nahm seine Frau bei der Hand, rechts und links hielten sie ihre Mädchen - Thor­sten, ihr Junge, aber lief voraus. Ein eisiger Wind schlug die Schnee­decken von den Fich­ten herunter und warf sie ihnen um Nasen und Ohren. Schon bald stapften sie, einer hinter dem anderen, durch ungebahntes Land, über bucklige, öde Fel­der, weite trostlose Täler und stiegen auf manche Höhen hinauf.
 
Einmal gelangten sie an einen Schafspferch. Die Tiere lagen, ohne sich zu regen, dicht bei­einan­der, so als seien sie tot. Sie kamen an einen Bachlauf, aber das früher so munter plät­schernde Wasser war gefroren, und die Fischlein standen erstarrt unter dem Eis. Sie erreich­ten eine windschiefe Kate, die überdachte viele große aus Binsen ge­flochtene Bienen­stöcke. Die vorwitzige Heidrun reckte sich hoch, um ein Ohr daranzuhalten, doch sie vernahm weder Summen noch Schwirren. „Ist denn alles Leben erfroren?“ be­gannen jetzt die Kinder zu jam­mern.
 
„Seid ruhig, harret noch ein wenig aus“, sagte der Vater, „wir werden die Sonne schon finden !“ Und während er redete, da trat ein herrlicher weißer Hirsch aus dem Walde. Sein mächtiges Geweih schimmerte, als trüge er eine güldene Krone auf dem Haupte, und dazwischen prangte ein Zeichen, das unsagbar viel Vertrauen und Hoff­nung aus­strahlte. Der Vater beugte sich zu den Kindern und flüsterte: „Er trägt die Rune des Lichtes und des Le­bens, nun ist gute Kunde nicht mehr fern.“ Der König des Waldes blieb vor ihnen stehen: „Was sucht ihr Menschen hier im Wildhag ?“
 
„Wir suchen die Sonne“, riefen sie wie aus einem Munde. Der Hirsch erkannte ihre Ab­sicht, daß sie dem Lichtherrn aus ebenso ehrlichem Herzen helfen wollten, wie sie sich selbst gern errettet hätten. So schritt er voran und winkte ihnen mit dem Kopfe: „Folgt mir, ich will euch den rechten Weg weisen.“
 
Da knackte und brach es im Unterholz, ein starker Wildeber schnaubte heran, dass die Kinder erschrocken stillestanden. Der steil aufragende Nackenkamm des Tieres glänzte so, als trüge er Borsten aus purem Gold. Wie verwundert waren die Menschen, als auch dieses Wesen aus dem Winterwald zu reden anhob: „Den Pfad zur Sonne, den weiß ich allemal so gut wie der Hirsch“. Mit diesen Worten wuselte er nach vorne, um sich an die Spitze des Zuges zu stellen.
 
Über ein Weilchen gesellte sich ihnen ein Rehlein zu, ein Hase hoppelte vertrauensvoll heran, einige bunte Vögelein - Spechte, Finken, Meisen - flatterten mit, indem sie von Ast zu Ast flogen. Von überall erklangen die Stimmen: „Wo ist die Sonne ge­blieben, lasst sie uns su­chen !“ Aus verschneiten Bü­schen schlüpften Zwerglein und aller­hand quirlige  Waldleut­chen mit ihren braunen Rinden- und Mooskleidchen, um sich ein­zurei­hen. Keines von ihnen vergaß, etwas Gebäck und ein Labetrünklein mit auf die Reise zu nehmen. Das Igelchen ver­mochte mit seinen Trippelschritten kaum mitzuhalten, der Dachs, der Luchs und der immer brummelige Bär schlossen sich an. Und weil Meister Petz meinte, irgend etwas gutma­chen zu müssen und um zu bekunden, dass sich keiner vor ihm ängstigen müsse, erlaubte er dem Mäuslein, sich in seinem dicken Rückenpelz festzuhalten um ebenfalls mitzu­kommen. Sogar der Fuchs - sonst ein arger verschla­gener Geselle und Tunicht­gut - lief in einem geringen Ab­stand hinter den Sonnensu­chern her.
 
Nach langer beschwerlicher Wanderung standen sie vor einem hohen Berg. Der Gold­eber und der Weiße Hirsch nickten einander zu: „Hier ist es, wir sind da !“
 
Aber der Berg war ganz in Nebel gehüllt, trug einen Panzer von Eis und verharschtem Schnee, es war trotz Suchens kein Eingang zu finden. So laut sie auch alle riefen, ihnen wurde keine Tür geöffnet. Der Bär versuchte mit seinen Tatzen die Schollen zu zerteilen, aber vergeblich. Als schon die Enttäuschung um sich greifen wollte, und die Kälte be­gann unter Jacken und Mäntel zu kriechen, kam dem schwachen, aber gewitzten Häs­chen ein rettender Gedanke. Es lief flugs in den Wald und kam bald darauf mit einer Haselrute im Schnäuzlein zurück. Solch ein Wün­schel­rütlein öffnet die schwersten Ei­chenpforten, und die geheimnisvollsten Schlösser springen - wie von einem Zauberwort bewegt - weit auseinander. Der Vater bedankte sich, ergriff den Haselzweig und schlug einer Eingebung folgend dreimal auf die schmale Felswand, die hinter bedrohlichen dic­ken langen Eiszapfen verborgen schien.
 
Da spaltete sich das Gestein, das Eis zerbarst, ein Tor sprang auf. Sie traten ein in einen weiten Saal, der funkelte und gleißte wie ein Sternenhimmel voller Diamanten und Sma­ragde. Und inmitten dieser Glan­zesfülle saß eine Frau, die war schön wie der nordische Sommertag in seiner klaren, hohen heiligen Helle. Die Kinder konnten ihren verwunder­ten Blick nicht von ihr wen­den, ein jedes dachte bei sich, dass diese Bergkönigin ein bisschen aussah wie ihre eigene Mutter. Sie hatte Haare gleich geputzten Silberfäden, in denen sich die rotgoldene Son­ne spiegelte. Auf dem Schoß hielt sie ein Kind, das so freundlich schaute, dass man dar­über alle Sorgen vergessen musste.
 
„Was wollt ihr ?“ fragte die Frau. Die ganze Gesellschaft verneigte sich tief und wagte kaum zu atmen; selbst jene Tiere, die für gewöhnlich als unverständig gelten, hatten etwas in den Augen, das man nicht erklären konnte.
 
Dann wagten sich einige Stimmen vor: „Frô-Balder ist krank oder tot, auf der Welt ist es fin­ster und kalt, wir müssen erfrieren.“ „Kann es denn keine Rettung geben ?“ „Darum sind wir gegangen, der Sonne Heil zu suchen. Der weiße Hirsch und der goldene Eber haben uns geleitet, sie führten uns zu dir.“ „Bist du die Lebensmutter ?“
 
„So seid ihr recht“,sprach die Frau, „mir geben die Menschen viele Namen: Man nennt mich Frau Holle oder Berte oder Frigga, und dies ist mein Kind, das Frô-Ingu oder Bal­der heißt – ich habe es wiedergeboren vor einem Mondlauf, in jener tiefsten Jahres­nacht.“
 
Die Frau Holle lächelte mit glücklichen Augen ihr Kindlein an und sprach so leise, dass es nur das Mäuslein hörte. Das war ganz dicht herangekommen, weil es genau zusehen wollte - war es doch von Natur aus sehr kurzsichtig. Es erzählte später den anderen die Worte der Großen Mutter: „Ich werde ihn immer wieder aufs neue zur Welt brin­gen, ganz gleich, ob ihn mir die Eisriesen erschlagen oder ob der Winterwolf ihn ver­schlingt !“ So hatte sie ge­sprochen. Und es zog eine große Freude in die Herzen aller.
 
Wie aber Frau Holle in so viele sehnsüchtige, lichthungrige Augenpaare hineinschaute, da hob sie ihr Kindlein hoch in die Höhe, dass es auch von den kleinen Leuten und von de­nen gesehen werden konnte, die weit hinten standen.
 
Nun vermochte keiner mehr die Würde und die Heilig­keit der Stätte zu wahren, die ganze bunte Gesellschaft begann wie toll zu rufen und zu winken, und das erlebte Glück quoll so unbändig aus ihren Seelen hervor, dass die Le­bensmutter gern um ein wenig gedämpfteren Frohsinn gebeten hätte. Aber sie kannte ja die Art ihrer Schöpfungen, sie wusste um die Not im nordischen Winter und ließ ihre Besucher gewähren.
 
Diese hatten sich an den Händen gefasst, begannen zu tanzen und zu springen und san­gen da­bei in hundert Stimmen, dass die festliche Halle widerschallte. „Gut Jul, gut Jul !“ riefen sie, „das Rad des Lichtes und des Lebens dreht sich aufs neue, es kehrt zurück !“ Der sonst so würdige weiße Hirsch scheute sich nicht, das goldene Schwein zu einem Vortänzchen zu bitten, was dieses mit einer Reihe gewagtester, aber doch sicherer Schritt­folgen und Drehun­gen meisterte, die man ihm wirklich nicht zugetraut hätte. Die gesamte Feier­gemeinschaft klatschte Beifall und lachte, dass ihnen die Wonnetränen die Backen hinabkullerten, bis sie selbst vor lauter Ausgelassenheit durcheinanderkugelten. Die Zwerge vom Völkchen der Tomten, die mit den besonders spitzen roten Zipfelmüt­zen, schie­nen übereingekommen zu sein, wie von Sinnen mit ihren Köpfchen hin- und herzu­wip­pen, und nach einem Takt, den wohl ganz allein sie hören mochten, alle gleich­zei­tig mal mit dem rechten, ein andermal mit dem linken Fuß aufzustampfen. Das alles machte hungrig und durstig, man zog die Pfropfen aus den hölzernen Bierröh­ren, und die schäumenden Hörnlein kreisten von Hand zu Hand. Kuchen und Grütze, Äpfelchen, Nüsse und Leckereien manch seltener Art kamen zum Vorschein. Jeder gab und nahm, wie es von je her Brauch unter guten Freunden ist.
 
Schließlich wollte man noch einen Sonnenreigen laufen, man legte die Hände oder Pfo­ten auf die Schultern des Vordermannes, so gut es eben ging, und so entrollte sich die frohsin­nige, lachende Schlange der Geschöpfe aus dem Tor der Lebensmutter hinaus und zu­rück in die feind­selige, dunkle Winterlandschaft hinein. Jeder strebte getröstet seiner Behausung zu. Vom Herd der Frau Holle hatten alle, die es brauchten, etwas Glut mitnehmen dür­fen. Man würde die Feuerstellen wieder zum Brennen bringen. Man würde sich mit neuem, frischem Feuer Wärme schaffen. In dieser Nacht spürte keiner mehr die Ge­fahren und die Ängste, sie waren vergessen ge­macht durch den Anblick der unbeirrba­ren Lebens­mutter und ihres unbesiegba­ren Son­nenkindes.
 
Einige riefen, man solle es von nun an jedes Jahr so halten, man solle eine Sonnenbe­grüßungsfeier einrichten, auf der nur Frohsinn, Friede und gegenseitiges Helfen und Glück­lichmachen gelten möchte.
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