NIKOLAUS-FEST - 06.12.

 
 
NIKOLAUS-FEST
 
Am 06.12. wird im abendländischen Kulturkreis das Nikolaus-Fest gefeiert: Nikolaus / Niklas / Niklos / Nikolo - griech. „Sieger über das Volk“, Patron der Schif­­­­­fer, Retter aus Sturmesnöten, Schützer des Viehs, Bewahrer vor Vieh­­seuchen. Sein Kalenderstandort bei der Vieh-Rune (), harmoniert mit seinem Vieh-Patronat. Als verhüllter Geistgott hat er das innigste Verhältnis zu jeglichen Schülern, Studen­ten, Lernwilligen und wurde im Mittelalter zum Kinderbe­scherer und -be­strafer. Am 14. 12. folgt im Kirchenkalender der Nikasius - der weitgehend - teil­weise wortgetreu - gegen gleiches Unheil angerufen wurde wie sein Namens­vetter, galt als Wohlstandserhalter und wurde gegen Wohlstandsmin­derung angefleht. Es handelt sich um diesel­be Legendengestalt.
 
„Sankt Nikolaus“ ist zu seinem Namenstag  in vieler Kinder Munde, ob als Kinderlied oder als bunter Schokoladenmann. Er ist auch der volkstümlichste „Kirchenheilige“ der Deutschen überhaupt. Seit 1500 Jahren wird er verehrt. Im 4. Jahrhundert, wurde gemunkelt, soll er gelebt haben. In Wahrheit hat es einen „heiligen Nikolaus“ nie gegeben. Der Theologe und Brauchtumsforscher Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti erklärt: „Man weiß, dass es den ,Nikolaus von Sion‘ gegeben hat, einen Abt in Kleinasien, der im 6. Jahrhundert lebte. Man weiß auch, dass es den anderen Nikolaus gegeben hat: Nämlich einen Bischof ,Nikolaus von Myra‘. Wann der aber gelebt hat, weiß man eben nicht. Man vermutet heute, dass er im 3. oder 4. Jahrhundert gelebt haben muss. Und da ist bereits das Ende des historischen Wissens erreicht.“ Bekannt ist, dass die ersten Legenden von „Nikolaus von Myra“ aus der Ostkirche kamen. Hier wurde er schon seit dem 5. Jahrhundert verehrt. Im Westen geschah das erst 300 Jahre später. Man starte eine Rettungsaktion, die Gebeine des „Heiligen“ wurden aus dem kleinasiatischen Myra ins süditalienische Bari verfrachtet, wo sie am 09.05.1087 ankamen. Der Grund für die Maßnahme war der Umstand, dass Myra Gefahr lief, von den Muslimen erobert zu werden. Damit wären dann die Gebeine des „Hl. Nikolaus“ der westlichen Christenkirche verlorengegangen. Im 13. Jahrhundert wurden sie zur Berühmtheit. Den Nikolaus zählte man jetzt zu den „vierzehn Nothelfern“ und man schmückte die Kunstgestalt mit zahlreichen frei erfundenen Nikolaus-Legenden. Angeblich soll er unter Kaiser Konstantin am berühmten Konzil von Nizäa 325 teilgenommen haben und am 06.12.343 gestorben sein. Doch auf der Namensliste dieses ersten Konzils der christlichen Kirche ist er nicht zu finden. Vor allem auch in Hafenstädten weihte man Nikolaus als dem Schutzheiligen der Seefahrt Kirchen und Kapellen, wie zum Beispiel in Hamburg die Hauptkirche „Sankt Nikolai“. Bis ins 15. Jh. entstanden von Skandinavien bis Italien mehr als 2.000 Nikolaus-Kultstätten im Abendland.
 
Britische Kinder schreiben schon im Oktober ihre Wunschzettel an den „Father Christmas“ / „Santa Claus“ mit seinem Rentier „Rudolph“. In Finn­land werden im Oktober schon kleine Weihnachtsfeiern abgehalten. Der holländisch-flämische „Sinterklaas“ geht - wie die Legende berichtet -  be­reits Anfang November in Spanien an Bord seines Schiffes, mit Säcken voller Geschenke, seinem Schimmel und dem Helfer „Zwarte Piet“, um Mitte November in einem alten Hafen anzulegen. Dann reitet er auf sei­nem weißen Pferd durch die Niederlande, Flandern, Friesland. In der Nacht vom 05./06. Dez., seinem Geburtstag, füllt er den Kindern die be­reitsgestellten großen Holzschuhe vor dem Kamin usw.; zum eigent­ichen Weihnachtsabend findet keine weitere Bescherung statt.
 
In Dänemark kannte man als Julgestalten nur Elfen und die gnomenhaften „Juul Nissen“. Das sind kräftige kleine uralte Kreaturen deren Freund man sein sollte, denn sie spenden Glück und Hilfe. Im anderen Falle aber be­rei­ten sie groben, schweren Schaden. Sie tragen graue Mäntelchen wie Hosen aus grobem Loden, aber eine rote spitze Mütze und gleichfarbene Strümpfe. Hervorgegangen scheinen sie aus dem Hauskobold, der in je­dem Bauernhof mit einem Herd, einer Feuerstelle, gedacht wurde. Viel­­leicht war er eigentlich jener Vorvater, der tot im Hügel auf dem Feld be­graben und doch dafür sorgte, dass alles nach den bewährten Gesetz­en des Lebens weiterlief, also der ahnenkultische Hausgenius, der sich stark dem Geist- und Totengott Wodin anglich.
 
Auch in Estland bringen Gnome im Dezember schon vorweihnachtliche Süßigkeiten und Früchte und den „Jouluvana“ erwartet man am Heiligen-Abend. In Norwe­gen beschert der „Julesvenn“ oder „Fjøs Nisse“, ein Weihnachtszwerg, der siebenmal stärker ist als ein Mensch. Aber dreizehn „Yulemen“ bzw. „Jóles­­veinar“, „Weihnachts­kobolde“ necken/strafen mit faulen Kartoffeln oder belohnen mit kleinen Geschenken vom 12. bis 24. Dez. die Kinder auf Island in der Weise, dass täglich ein anderer erscheint. In früheren Tagen spielen sie, der Sage nach die Söhne des Riesenehrpaares Grýla und Leppalúði, den Menschen aber recht brutale Streiche. Der finnische „Joul­upukki“ lebt im hohen Norden, ist verheiratet und lässt in seiner Werk­statt, unter Mitwirkung seiner Frau, all die schönen Geschenke erstehen. Dieser knappe Überblick legt schon den Schluss nahe, dass der rotbe­mützte Weihnachtsmann eigentlich aus neckenden, strafenden oder hilf­reichen, belohnenden Kobolden / Gnomen / Haus­wichten hervorging, die den ganzen Julmond/Dezemeber über auftauchen konnten. Aber auch die übergeordnete seelengöttliche Wodangestalt wirkte deutlich mit hinein.
 
Julgeister
 
In norweg. Erklärungen der alten Primstab- / Kalenderstab­-Markie­rungen heißt es: „In alter Zeit glaubte man, dass St. Nikolaus mit Odin identich war, der kurz vor Weih­nach­ten auf einem weißen Pferd herumritt.“ Der Brauchtumshorizont germ. Länder läßt einstmals geglaubte und von den Kultgilden spielweise nachempfunde Götter- und Geisterumzüge zur Winterzeit erkennen. Dazu gehören die Sagen vom „Wüten­den Heer“/ „Wuotunges Heer“/ der „Wilden Jagd“ -, ein Glaube an durch die Luft umher­ziehende Geisterheere, an deren Spitze Wotan reitet. Immer wenn der win­terliche Sturmwind heulte, fühlte man den „Wilden Jäger“ über sich. Der deutsche Landmann nannte ihn den Wod und bedauerte den Wanderer, der seine Heimat noch nicht erreicht hatte; denn oft ist Wod boshaft, selten mildtätig - er versucht die Schwachen zu de­mütigen, die Starken zu finden und zu belohnen. Nur wer dann mitten im Wege bleibt, ohne Angst und Schrecken, dem tut der rauhe Jäger nichts, darum ruft er auch den Reisenden zu: „Mitten in den Weg !“ (Grimm, Mythol. 1854, S.876f) Nach diesen Vorstellungen sollen sich in der Julzeit, in der die Toten umgingen, alle Lebenden möglichst innerhalb ihrer vier Wände halten. Wer unter freiem Himmel blieb, konnte auf die Asgårdsreise mitgenommen werden, im sausenden Zug der Jenseits­geister, der unter der Führung von Wodan-Odin, des Todesgottes selbst, über das Land hinweg­brauste. In Schon­en/­Schwe­­­den wird ein in den Nov.-Dez.-Nächten von Seevögeln verursa­chtes Brausen „Odens Jagd“ genannt. In Thüringen, Hessen, Franken, Schwa­ben  erhielt sich der Ausdruck „das Wütende Heer“. In Baiern sprach man vom „Nacht­gejaid“ / „Nachtge­lait“. (Grimm, Mythol. 1854, S. 870 ff) Dieser heidnische Grundzug des mürrischen Alten, des lohnenden oder strafenden Geistes, blieb bis auf die heutigen Weihnachtsmann-Brauchtümer unbeirrt erhalten.
 
Die Hauptnächte für die wilden süddeutsch-alpenländischen Umtriebe der Perchten und Rauhnachtsgeister waren früher vor allem die Nacht 05./06. Dez., WSW-Nacht, Silvesternacht und die „Perchtnacht" vor Heiligenkönig. Ein früher Belege für den Per­chtenbrauch in Bayern wurde gefunden. Es handelt sich um eine Rechnung der Marktgemeinde Dießen am Ammersee von 1582. Denen, die die Percht gejagt hatten hatte man ein Entgelt gezahlt. 1601 erließ die geistliche Obrigkeit der Fürstpropstei Berchtesgaden ein Verbot gegen das Perchtenlaufen. Junge Männer verkleiden sich entweder als schöne Perchten, die Holden, oder als die eigentlichen schiache Perchten. Während die Schönperchten ebenmäßige Larven vor dem Gesicht tragen, durch die sie Würde und Ruhe ausstrahlen, laufen die Schiachperchten unter Trom­mel, Schellen- und Pfeifengedröhn mit Unholdsmasken, Tierköpfen, Bockshörnern herum. Die wilden Gesellen sind in zottiges Pelzwerk oder in zerfetzte Kleider gehüllt. In diesen schrecklichen Vermummung hüpfen, wirbeln und fegen sie krächzend und ächzend, scheppernd und krachend, winselnd, jaulend und kreischend durch die Straßen und führen ihre Tänze auf. Der Anblick der greulichen Masken vermag Dämonen und Unholde der Rauhnächte angeblich zu täuschen, indem ihnen vorge­gaukelt wird, hier seien die bösen Geister bereits am Werk. Bisweilen aber, so hoffen die Maskenläufer, haben auch die Dämonen Angst vor den Gestalten, wenn sie nämlich gräßlicher sind als sie selbst.
 
Aus dem altheidn. Ahnengeisterglauben an die Alfen wurden die Elfen­mär­ch­en. In Dänemark stellt man ab dem 1. Dez. Reispuddingschälchen (früher den all­gemein üblichen Hafergrützenapf) für die Elfen auf den Dachboden. In Schottland glaubt man, in den Weihnachtsnächten seien die Elfen unterwegs und nur ein brennendes Feuer könne sie abhalten durch den Kamin ins Haus zu kommen. In Estland geht die Überlieferung vom Dämonenumzug in der Weihnachtszeit, da würden Unholde auf ihren Besen durchs Land reiten um üble Streiche zu vollführen, weshalb man ab Dezemberanfang alle Besen peinlich sauber hält. In Island erscheinen in den letzten 13 Tagen vor Weihnachten die groben Schabernack treibenden koboldhaften Jóles­veiner. Diese Jahreswochen des tiefsten Sonnenstandes, um die Wintersonnwende herum, zeichnen sich durch Geisterum­züge und -lebendigkeit jeglicher Art aus, han­delt es sich doch um die Hauptspukzeit. Deshalb strömen insbesondere die Isländer ebenso wie die Finnen am 24. 12. auf die Friedhöfe, um Ihrer Verstorbenen zu ge­den­ken. Dabei werden viele große Kerzen angezündet, die auf den Gräbern die gan­ze Nacht über brennen.
 
Niklas gegen Nickel
 
Die Christenkirche musste ein vitales Interesse daran haben, eine von ihr  kontrollier­bare Ersatzfigur in diese geglaubten und brauchtumsmäßig nachvollzogenen Seelen-, Geister und Koboldumzüge einzuschleusen. Dies gelang in Gestalt des Nikolaus, der ursprünglich nur irgendein orientalischer Bischof war. Der „Heilige“, an oder um dessen Tag die heid. Kultumzüge stattfanden, konnte mit ihnen in Verbindung ge­bracht werden. Die Umgestaltung der Aufzüge im christl.-pädagogischen Sinne, bei denen dann die Prüfung der Braven (der im christlichen Sinne Frommen-Ange­pas­sten) durch die Rute oder die Belohnung, eine so große Rolle spielte, entspach zwar den christlich-mittelalterlichen Lateinschul­verhältnissen, doch der Ansatz ist älter und erwiesenermaßen schon heidnisch -, schließlich liegt es auf der Hand, dass man von den wohl­wollenden Wirkkräften Hilfe und Lohn, von den feindlich gesinnten aber Scha­bernack und Bös­willigkeiten zu erwarten hatte.
 
Durch Hineinschickung christlicher Gestalten - Bischof und Engel (anstatt Gottheit und Geister/Alfen/Elfen) - wurden auch die ursprünglich mitwirkenden Guten/Holden der altgläubigen Götterspiele allmählich zu dunklen Dämonen herabgedrückt. In Ös­te­reich kommt der Niko(-lo/-laus) mit dem Klaubauf und vielen Maskenläufern, auch Tier­masken, lärmend in die Häuser, bringt Gaben und prüft die Kinder. Im Odenwald­kreis gibt es bei den lauten Umzügen, den kinderschreckenden  Bohlischbock / Rü­ben­bouz / Bollebouz / Hörnersnickel / Bensnickel / Strohnickel (in Binsen od. Stroh ge­hüllte winterverkörpernde Gestalten), den Hörnersvaltin, ein weißes Pferdege­spenst. Die Gestalt des Odenwälder Schimmelreiters, die auch bei anderen Um­zü­gen mit­zog, ritt ja ebenso in Friesland, Flandern und Norddeutschland als Sinner­klaas und „Sünnerklaas up’t witte Peerd“ durch Nov. und Dez.-Nächte. So wie Wo­din-Odin als Totenseelen-Geisterherr die Scharen des Wilden Heeres auf einem Schimmel an­führte, so spielte er unverkennbar als Schimmelreiter auch die Haupt­rolle bei den Um­zügen die sich zum Nicklaus-Brauchtum entwickelten.
 
Im Kanton Zürich nennt man die Nikolausnacht „Isegrindnacht“, Isegrind ist ein böser Geist. An die Bösartigkeit der in dieser Zeit umgehenden Geister erinnert das „Klaus­jagen“ in der Schweiz; in Küßnacht verjagt man die Kläuse von den Kirchbäumen, um guten Ertrag zu erhalten. Hier hat heidn. Geisterglauben auch den christl. Klaus­/Ni­kolaus vereinnahmt.
 
Am klarsten blieb der verfälschte Wotan/Wodin im düsteren Rutenträger, dem Niko­laus-Gesellen „Knecht Ruprecht“ (germ. Hruodperaht / Ruot­perht „Ruhmglänzender“) zu erkennen. Im Erzgebirge galten er und Sankt Niklas als Brüder. „Knecht Ruprecht“ oder „Hans Rupperich“ stellte die Geschenke das Jahr über im Wald selbst her, um dann mit viel zu großen Stiefeln, einem alten Mantel welcher durch Strohseil als Gürtel zusammengeschnürt wird am Heiligabend polternd zu den Kindern zu kom­men. Ausgestattet mit einem Besen oder einer Rute und dem Sack auf dem Rücken tritt er an die Tür, um gute Kinder zu bescheren und böse Kinder in den Sack zu stecken. Er stellte seine Frage: „Habt ihr auch gefolgt ?" und die Kinder sagen ihr gelerntes Verslein auf: „Rup­prich, Rupprich, guter Ma, saah mich net su finster a. Steck när ei dein Rutenbaasen, ich bi e artig Kind gewaasen !" Darauf hin verteilte er die Geschenke und verschwand mit Getöse. Anderswo heißen die mit Nikolaus auftre­tenden unholden Gestalten: Hans Muff / Krampus / Hans Trapp / Klaubauf / Pelz­märte / Bollebouz (von bollern, poltern) usw. Meist sind sie mit Schellen/Glocken behangen; sicher wollte schon das Heidentum den Zug der Wotansjagd durch lärm­endes Getöse nachahmen. Bezeichnenderweise heißen einige Abende/Nächte der Vorweihnachtszeit Bossel-, Bolster-, Klopf-, Klöpfles-, Rumpelnächte -; erste Klopf­nacht ist der 30.11., die Andreasnacht . (Handwörterb. d. dt. Aberglaub. Bd. IV, S. 1542) Auch die Odenwälder Nickel lärmen, rasseln mit Ketten, knallen mit Peit­schen, laufen den Leuten nach, klopfen mit Stöcken an Fenster und Türen -, es sind die ur­unholden und/oder christlich verunholdeten Figuren im Brauchtumsspiel. Nach kir­chenchristlicher Regie stehen die „bösen“, wodanischen Nickel dem „guten“ christl. Niklas gegenüber. Spach- und Ideengeschichtlich haben beide nichts miteinander zu schaffen: Der Namen eines Christen­bischofs, des Nikolaus / Nikolaos (griech. „Sieger über das Volk“), klang nur wie der Bei­na­men des Wodin altn. „hnicudhr / hnicarr“; ein Begriff für den oftmals unberechenbaren, neckenden, böswilligen Wasser- / Meergeist: ahd. nihhus, nichus, nikhus; ags. nicor, altn. nykr, anderswo nik /nickel / nicker / necker / nek / nök / näk / nix.(Grimm, Dt. Wörterb. Bd. S.13, 514ff)
 
Ein typisierendes altes Nickel-Märchen ist dies: „Auf der Insel Rügen liegt in einem dichten Walde ein tiefer See, fischreich, aber trüb von Wasser, und kann man nicht wohl darauf fischen. Doch aber unterstanden's vor langen Jahren etliche Fischer und hatten ihren Kahn schon auf den See gebracht. Den andern Tag holten sie zu Haus ihre Netze, als sie wiederkehrten, war das Schiffel oder der Kahn verschwunden; da schaute der eine Fischer um und sah das Fahrzeug oben auf einem hohen Buch­baum stehen, deswegen schrie er: ,Wer Teufel hat mir den Kahn auf den Baum ge­bracht ?‘ Da antwortete aus der Nähe eine Stimme, aber man sah niemand, und sprach: ,Das haben nicht alle Teufel, sondern ich mit meinem Bruder Nickel getan !‘" Und auch eine Thüringer Geschichte von Nixen zeigt deren urige Heidenschaft: „In einem Teich bei Wenigenauma lebte ein Nix mit seinen beiden Töchtern. Die wollten etwas vom Leben haben, verließen den Teich und gingen nach Merkendorf oder Piesigitz zum Tanz. Immer gab es junge Männer die die beiden Hübschen nach Hau­se begleiteten [...] Die Nixenmädchen versteckten ihre Burschen meist erst ein­mal hinter der Haustür. ,Unser Vater kann Christen nicht leiden’, sagten sie, er muss erst zur Ruhe gegangen sein !’ Einmal hörten die Begleiter in ihrem Versteck, wie der alte Nix seine Töchter anfuhr: ,Ich rieche Christenfleisch. Habt ihr Christen­kerle mitge­bracht oder seid ihr bei Christen gewesen...“  (Robert Eisel, „Sagenbuch des Voigt­landes“, 1871, Gera)
 
Dass Nöcken oder weibliche Nixen jährlich ihre Opfer fordern, die sie auf den Grund von Bächen und Teichen ziehen, geht aus etlichen Erzählungen hervor. Kindern die baden wollen und am Ufer stehen, rufen die Eltern in Hessen warnend zu: „Der Nö­cken [Nix] möchte dich hineinziehen !" Folgenden Kinderreim sagt man: „Nix in der Grube, du bist ein böser Bube, wasch dir deine Beinchen mit roten Ziegel­stein­chen !“
 
Ebenso steht der skandinavische Weihnachtsgnom Nisse in einem derartigen Ver­wandt­­schafts­verhältnis zum Begriff des Bösen. Nis ist der gleiche Name wie Niels; will man auf Dänisch den Teufel nicht beim Namen nennen, so spricht man von ihm als „Alter Niels“, und wenn der Engländer „Old Nick“ sagt, meint er ebenfalls den Teu­­­fel, den alten, gestürzten Gott. Auch in den Akten der dt. Hexenprozesse kom­men die Teufelsnamen Nickel und Großnickel vor.
 
Nickelwar also in heidn. Zeit einer der vielen Beinamen Wodin-Odins, der als Herr über Wind und Wasser durch die Lüfte im Sturm naht wie er über Wasserwellen wandelt und deshalb verschiedentlich als Neptun aufgefasst wurde (Grimm Mythol. 1854, S.99,110,135,456 ff). Die sprachliche Lösung bringt ein indogerm. Grundwort nikros, das auch im einstmals ungebärdig-ungebändigten schwäb. Neckar-Fluß erhalten blieb, dessen Wurzel nik soviel bedeutet wie „anfallen / stürzen / heftig beginnen“. Später, verständlicherweise zielgerichtet erst in christl. Zeit, wurde der Nickar / Nickus zunehmend verteufelt, einst war es nichts als eine Bezeichnung für den heftigen Gemütserreger Wodin.
 
Nikar-Wodin
 
Dieser schenkende und erzieherisch auch strafende, neckende Geist - der Nycker / Nichus / Nikhus - ist Wodin in eigener Person, der sich auch unter die­sem Namen in meh­reren Quellen zu erkennen gibt. Im eddischen Grimnismál (46-48) zählt Odin selbst einige seiner Namen auf: „Grim [Maskenträger] hieß ich, Gangleri [Wander­mü­der] hieß ich, Herian [Herrscher] und Hialmberi [Helmträger] auch, Thekk [Willkom­mner] und Thridi [Dritter], Thud [Schmaler] und Ud [Woge], Herblindi [Heerver­blen­der] und Har [Erhabener], Sad [Wahrhaftiger] und Swipall [Wandelbarer] und Sann­getal [Entschleierer], Herteit [Kampffroher] und Hnikar [Stößer / Aufhetzer] dazu [...]. Hnikud [wie Hnikar]. In Gylf. 3 wird erklärt wie der vornehmste der Götter, Odin, heißt:„ Er heißt in unserer Sprache Allvater, aber im alte Asgard hatte er zwölf Namen, der zweite Herre oder Herian, der dritte ist Nikar oder Hnikar, der vierte ist Nikud oder Hnikud...“. Bei den altn. BezeichnungenHnicudhr, Hnicarr,enstand das „r“ aus altem „s“. Reginsmál 18 enthält eine Erzählung über Sigurd, der bei Sturm­wetter in Seenot gerät, worauf sich eine Gestalt vom Vorgebir­ge her dem Schiff nä­hert und die Elemente besänftigt. Darauf­hin erkannte die Mann­schaft, dass Odin ihr Retter war. Dieser sprach: hnicar heto mic : „man hieß mich Nikar“. In der Norna­gest saga (6, 4): „Künd mir das Hnikar [Odin], Du kennst alle Vorzeichen für Asen und Irdische.“ Und in Gylf.3 werden die Namen Allvaters aufge­zählt, u.a.: „Nikar oder Hnikar, der vierte ist Nikud“.Dass also Wodin und „Sankt Niko­laus" identisch sind, durch Wort­gleichklang, Attribute und Legende, ist sicher.84Ein Kult­name des Spät­herbst-Wodin muss Nikus gewesen sein, worauf die Christen­kirche ihren Niklas da­rüberlegte. Die Erklär­ung bietet sich dergestalt an: Beim Herbst-Win­ter-Wodin, so wie er sich bei­spielsweise in seiner „Wüti­gen Jagd“ immer wieder er­zeigte, überwiegt jahr­es­zeitlich be­dingt - das Neckende, Ärgerliche, Närren­de, Fop­pende, Beun­ru­hi­gende, Kraft­prü­fende -, zuweilen auch bös­willig scheinende. Zwar ist es nicht die ty­pischste Seite des ganzheitlichen Wodin - aber doch ein Aspekt des winter­ar­gen Wo­din-Nickus-Nickel.
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