DIE ZWÖLFTEN

Salzburger Perchtenläufe mit furchteinflößenden Masken schauriger Gestalten, schallenden Glocken des Licht- und Lärmbrauchtums, zur Verjagung der Dunkelheitsmächte

 

DIE ZWÖLFTEN

 

Die gesamte altgermanische Jul-Spanne - wie sie der ca. 2.000-jährige ODING-Runenkalender in Übereinstimmung mit dem Bericht des Angelsachsen Beda-Venerabilis (672-735) aufzeigen - umfasste zwei volle Mondläufe, einen vor und einen nach der Wintersonnenwende-Mütternacht (21. Dez.). Sie zog sich, je nach Lage der schwankenden Mondmonate, zuweilen bis weit in den Januar hinein. Die heilige Zeit erreichte erst dann ihren Gipfel (am Ende der beiden Jul-Monde), sobald der sichtbare Sieg der Sonnen- und Wachstumskräfte mit dem Längerwerden der Tage offenbar wurde. „Das ist der Thulebewohner größtes Fest“, schrieb im 6 Jh. der byzantinische Schriftsteller Prokop von Caesarea (500-562) in den 5.-7. Büchern seiner „Historien“. In altechter luni-solaren Jahresorganisation der Germanen gab es keine „Zwölften“ im mittelalterlichen Sinne, denn im Mond-Sonnenjahr folgt ohne Pause eine Lunation der anderen -, jedoch die Zeit von der geheiligten „Mütternacht“ (Wintersonnenwende) bis zum Hoch-Julfest der „Hakennacht“ (Mitwinterfest) galt mit Sicherheit als eine besonders festliche Erwartungszeit, in der der sog. Jul-Friede strengeste Einhaltung geboten haben mag. 

 

Die zwölf Weihnachtstage, „die Zwölften“, umspannen im gebräuchlichen Kalender die Zeit vom Weihnachtsabend des 24.012, der vermeintlichen Wintersonnenwende des Julianischen Kalenders, bis zum Morgen des 06.01., „Hoch-Neujahr“ bzw. dem „Dreikönigstag“ bzw. „Epiphania“ („Erscheinung des Herren“) bzw. „Theophanie“ („Erscheinung Gottes“). Die russisch-orthodoxe Kirche hielt liturgisch am alten Julianischen Kalender fest, indem sie die gregorianische Kalenderreform ignorierte, darum rechnet sie die zwölf Tage von ihrem Weihnachtsfeste am 7.01. bis zum 19.01., auf den sie die „Taufe des Herren“ legte. Auch daran lässt sich ablesen, dass es nicht um exakte Kalenderdaten geht, sondern um die Wahrung von 12 Festtagen. Nichts anderes hat sich bei den „Zwölfen“ niedergeschlagen als die altheidnische Tradition eines längeren Weihnachts-Festverkaufes vom errechneten Sonnenstillstand der Wintersonnenwende bis zum ersten Erkennen der Sichtbarwerdung der Sonnen-Neubewegung am Osthorizont, wobei die Zahl 12 zum einen eine symbolhafte Vorwegnahme der 12 synodischen Mondläufe ist die das normale Sonnenjahr ausfüllen, zum anderen an die ungefähre Spanne der Differenz zischen Sonnen- und Mondjahr. Die synodischen Mondphasen, sog. Lunationen, haben Länge von ca. 29,53 Tagen, wodurch 12 Mondphasen ein Mondjahr von 354 Tagen ergeben, welches um 11 Tage, beziehungsweise zwölf Nächte, kürzer ist als das Sonnenjahr von 365 Tagen. Diese Jul-Zeit-Feiernächte werden auch Raunächte oder Rauchnächte geheißen, hergeleitet vom Brauchtum des Räucherns, bei dem man heilig gehaltene Weihzweige zu wohlriechenden Dämpfen verkohlen ließ. Man räucherte d.h. man weihte und säuberte in dieses Jahresphase des Überganges in eine neue Sonnenumlaufzeit die Heime von den Dämonen des alten Jahres. Es wurde auch vermutet, dass die Raunächte vom mittelhochdeutschen Begriff „ruch“ (haarig) abzuleiten wären. Noch heute spricht man beim Pelzwerk von „Rauh- / Rauchware“. Ein Julfest-Bericht von Goten am byzantinischen Kaiserhof - ich komme darauf zurück – berichtet tatsächlich von in Felle gehüllte Jul-Tänzer. In Pelz gehüllte, mit Fell behängte oder von Natur aus mit zotteligem Fell versehene Gestalten wurden in der Volkskunde als „Wilde Männle“ bezeichnet, ihnen haftet die Erscheinung des Ursprünglichen, Ungezähmten, des Wilden an, denn diese wilden „Zwölfe“ lagen gewissermaßen außerhalb der geordneten Sonnenumlaufzeit. So könnten die „Zwölfen“, auch „Glöckelnächte“ (Lärmbrauchtum) geheißen, mit ihren urigen Brauchtümern der Perchten-Umgänge, ebenso aus diesem Gedankengut mit heraus ihre Bezeichnung erhalten haben. Nicht selten wuchsen ja seit alters gebräuchliche Begriffe aus unterschiedlichen, aber sich ergänzenden, Vorstellungsdimensionen zusammen. Es geht eigentlich um das „Winteraustreiben“. Auch die im gesamten germanischen Siedlungsraum bekannte, mit dem Wodankult eng verknüpfte, „Wilde Jagd“ der stürmischen Mächte, endet mit dem Ende der„Rauhnächte“, sie geht mit dem 06.01. zur Ruhe. Nach dem germanisch-deutschen Volksglauben ringen in dieser Jul-Phase des tiefsten Sonnenstandes und des Überganges vom alten in das neue Jahr, die heilen und unheilen Mächte um den Sieg, was sich im süddeutschen Brauchtum als „Perchtenläufe“ erhalten konnte, wo zwei gegensätzliche Gruppen auftreten, nämlich die holden „Schönperchten“ und die unholden „Schiechperchten“ (schiech = hässlich, schlimm, böse). Das altdeutsche Wort bercht bedeutete glänzend, leuchtend, wie Birke und englisch bright = hell.

 

Alle diese Brauchtümer sind an die Erscheinungen des kosmischen Jahres mit seinen typischen Witterungseinflüssen gekoppelt. Mit dem 06.01. beginnend, ist ein Anwachsen der Tageslichtzunahmen erkennbar und mithin ein Sieg der holden Neujahres-Geister nachweisbar. Auch heißt der 06.01. in Deutschland der „oberste tac / obere tag“ (z.B. Urkunde des Klosters Fürstenfeld aus 1325) weil er als 1. Licht-Jahrestag galt. Deshalb kann die „Wilde Jagd“ hier enden und ebenso die „Perchtenläufe“. Auch die Christenkirche, mit ihrem Fest „Theophanie“, schloss sich diesen heidnischen bzw. naturgläubigen Vorgaben ganzheitlich an, indem sie den Tag „Erscheinung Gottes“ nannte. Denn sie konnte nicht umhin, in der Sonne die göttlichste Erscheinung zu akzeptieren und war lediglich bestrebt, die altgläubigen Kulttümer durch Neubenamung für ihren neu zu konstruierenden Ritus zu reklamieren. Deutlich wird noch im süddeutschen Begriff „Hoch-Neujahr“ für den 06.01. um was es einstmals alleine ging, nämlich um die zu dieser Zeit sichtbare Erkenntnis des Neubeginnes des solaren Naturjahres. Ebenso wird der 06.01. als „Dreikönigstag“ ursprünglich im Altheidnischen wurzeln. Äußerst naheliegend ist die Annahme, dass im Altheidentum zu diesem festlichen Erkenntnismoment auch der Gottestriade ihre Ehrungen entgegengebracht worden sind, beispielsweise um einen guten Jahresverlauf zu erbitten. Dass zu den Jul-Göttern der Sonnen- und Fruchtbarkeitsgeist Fro-Freyr gehörte ist belegt, aber auch der „Herr der Wilden Jagd“, der Geist und Seelengeleitgott Wodan, in seinen drei Erscheinungsformen (Wodan, Wille und Weih), muss dazu gehört haben. Auch das weiblich-gebärende Prinzip, in Gestalt der Göttin, durfte nicht fehlen. Die Nascht auf den 06.01, gilt als „Perchtennacht“, zu deren Abend Frauengerichte verzehrt wurde. In der Sagengestalt der „Frau Perchta“, wie unter dem Begriff „Frau Holle“, darf die gemein-germanische Muttergöttin Frija gesehen werden. So wie die „Holle“ die Holde meint, so meint die „Berta / Percht / Perchta / Peratha“ die Glänzende bzw. Reine (ahd. peraht = hell, glänzend).

Bereits im mazedonisch-griechisch geprägten, also hellenistischen Ägypten, ist die Nacht vom 05. auf den 06. Januar als erstmalige Erscheinung oder als Geburt des Sonnen-Knäbleins und als Jahresbeginn gefeiert worden. Die Gläubigen brachen an diesem Tag in den Jubelruf aus: „Die Jungfrau hat geboren !“. Man feierte die Geburt des Sonnengottes „Aion“ aus der Jungfrau „Kore“ (Epiphanius von Salamis (315-403) in „adversus haereses“ 51). Der „Aion“ galt als die personifizierte Weltzeit, während die „Kore“ (Tochter), der Tochter der Demeter, als eine fruchtbarkeitsgöttliche Erdmutter-Emanation zu verstehen ist. Der Kreis schließt sich, so scheint es: Vom altdeutsch-angelsächsischen Fest der wintersonnwendlichen „Mütternacht“, über die Beda Venerabilis (672-735) berichtete, bis zum griechischen Sonnenzeit-Geburtsfest,reichen die Nachweise über den alt-nordeuropäischen Julzeit-Kult des Sonnen-Tiefststandes mit der daraus sich neu erhebenden Jahressonne die den Neuanfang der Jahres-Zeit mit sich bringt. 

 

Ältester Julfest-Bericht

 

Der älteste Julfest-Bericht findet sich in einem Buch des byzantinischen Kaisers Constantin Porphyrogenitus (913-959): „De Ceremoniis Aulae Byzantinae“„Über die Zeremonien des byzantinischen Hofs“. Dazu muss man wissen, dass die gesamte Leibwache der Oströmischen Kaiser fast 200 Jahre lang aus Warägern (Wikingern) bestand, da er sich, wenn es ernst wurde, lieber auf seine Nordmänner verließ als auf seine eigenen Landsleute. Er feierte sogar mit ihnen das Julfest. Davor bestand die Leibwache lange Zeit aus Goten. Jedenfalls handelte es sich immer um heidnische oder nur leicht angechristete Germanenkrieger.
 
Der Text des Constantin berichtet folgendes: „Am neunten der zwölf Jul-Tage warteten die Männer an beiden Eingängen der großen Festhalle des Kaisers, bereit, das ,Gotische Spiel’ vorzuführen. An der linken Tür steht der Flottenadmiral mit einigen Männern und Flötenspielern von seinen Schiffen. Hinter ihm stehen zwei ,Goten’ [Waräger], bekleidet mit Fellmänteln, die Haarseite nach außen gekehrt. Sie tragen Masken. Am rechten Eingang wartet der Kommandant der Leibgarde mit einer Abteilung seiner Männer. Sobald der Kaiser erscheint, befiehlt er dem Zeremonienmeister, die Tänzer hineinzuführen, und da eilen sie in die Halle, während sie die Schilde, die sie tragen, mit ihren Speeren schlagen, womit sie großen Lärm erzeugen, und dabei rufen sie unaufhörlich ,Jul, Jul !’, bis sie den heiligen Tisch erreicht haben. Dort laufen die beiden Einheiten gleichzeitig von beiden Seiten herbei und bilden einen großen Doppelkreis. Nachdem sie dreimal auf diese Art um den Heiligen Tisch gelaufen sind, ziehen sich beide Einheiten an ihre Plätze zurück, die Seekrieger zur Rechten und die Landkrieger zur Linken, und jene aus den zwei Einheiten, die Goten genannt wurden, lasen [sangen ?] das sogenannte ,Gotische Lied’. Darauf folgte ein langes Lied zu Ehren des Kaisers.“
 
Der Bericht spricht wirklich von „Goten“, aber die wirklichen alten Goten oder Deutschen waren aus den Leibwachen und Fremdenlegionen des Kaisers seit etwa 500 n.0 verschwunden. Im 11. Jh. waren es die Skandinavier (die sich damals ebenso noch Goten genannt haben können), die den größten Teil der Leibwache bildeten. Dies scheint die Älteste Beschreibung einer nordischen Jul-Feierlichkeit zu sein. („The Viking“, Gemeinschaftswerk von Wissenschaftlern und Fachleuten aus vielen Ländern, unter Leitung von Bertil Almgren von der Universität Uppsala, 1967)
 
Der im beschriebenen „gotischen“ Jul-Feierspiel erwähnte Doppelkreis-Reigen, um den heiligen Opfergaben-Tisch (oder Baum !), erscheint deshalb bedeutungsvoll im heidnisch-kultischen Zusammenhang, weil er auch anderwärts im Zusammenhang mit nordischen Weihnachtsbrauchtümern Erwähnung fand und weil dieses Kreisen in zentrischen Ringen immer Sonnensymbolik nahelegt.
 
Eine interessante Quelle ist zudem J.J.C. von Grimmelshausen, welcher in seinem 1668 erschienenem „Abentheuerlichen Simplizissimus“ einen „Hexensabbat“ beschreibt (17. Kap. „Wie S. zu den Hexen auf den Tanz gefahren“), mit dem wir einen Augenzeugenbericht eines heidnischen Tanzfestes vor Augen haben. Der Text: „Diese tanzten einen wunderlichen Tanz, desgleichen ich mein Lebtag nie gesehn; dann sie hatten sich bei den Händen gefaßt und viel Ring ineinander gemacht mit zusammengekehrten Rücken, wie man die drei Grazien abmalet, also, daß sie die Angesichter herauswärts kehrten. Der innere Ring bestund etwan in 7 oder 8 Personen, der ander hatte wohl noch so viel, der dritte mehr als diese beide, und so fortan, als daß sich in dem äußeren Ring mehr als 200 Personen befanden. Und weil ein Ring oder Kreis um den andern links und die andere rechtsherum tanzte, konnte ich nicht sehn, wieviel solcher Ring gemacht, noch was sie in der Mitten, darum sie tanzten, stehen hatten. Es sahe eben greulich seltsam aus, weil die Köpfe so possierlich durcheinander haspelten. Und gleichwie der Tanz seltsam war, also war auch ihre Musik; auch sange, wie ich vermeinte, ein Jeder am Tanz selber drein, welches ein wunderliche Harmoniam abgab...; und wie dieser Tanz bald aus war, fieng die ganze höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen, zu heulen, zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll und töricht gewesen wären.“  Soweit der Romanheld Simplizius, der in seinen entsetzten, verchristlichten Augen in den Tänzern nur noch  Hexen und Teufelsanbeter wahrzunehmen fähig war.
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