DAS HAGEL-BITTOPFER

Genau so wie in Heidenzeiten - Prozession im Stubaital / Tirol

 

HAGEL-BITTOPFER-DRACHTEN

 
 
Zeit: Ende Juli / Anfang August
 
Fest: Hagelbittopfer
 
Name: Hagel
 
Lautwert: H -
 
Rune: 16.


Im Zeitraum der Hagel-Rune liegt die gefährlichste Hagelzeit des Jahres. In ihrem Nahbereich liegen die Gedenktage der verchristlichten Hagel-Heiligen, der „Wetterherren“ (Johannes - Paulus“, 26.06.), die Wetterpatrone „Petrus und Paulus“ (29.06.) und des „Wetterpatrons“ Donatus (30.06), dessen Name an den heidnischen Wettergott Donar erinnert. „St. Donatus“ kam sicher allein wegen einer naiven Namensdeutung (mhd. doner = Donner) zu seinem Ruf als Helfer gegen Blitzschlag. Die Apostel Peter und Paul gelten als „Wetterherren“, daher redet man auch vom „Wetterherrentag“. Klerikale Info: „Weil sie [Johannes - Paulus] historisch nicht nachweisbar sind, wurden sie bei der Reform aus dem römischen Kalender gestrichen.“ Im unmittelbaren Bereich der H-Rune liegt die „Wetter-Heilige“ Anna (26.07.), welche ebenfalls gegen Hagel angerufen wird. Der Gedenktag „Maria-Schnee“ (05.08.), mit seinem Bauernspruch, „Regen an Maria Schnee // tut den Kornähren viel weh“, könnte an einen Hagelschlag im Sommer erinnern wenn auch die Kirchliteratur von einem legendären „Schneewunder“ faselt.

Der dritte Sommermonat, nach dem röm. Kaiser „Augustus“ geheißen, ist der Erntemonat, im Volksmund: Ougst, Aoust, Ouwest, Ooust, Augst, Ascht; ahd. Aranmanot, von Aran („Ernte“); auch der Name Kàrschnatz („Kornschnitt“) erscheint. In niederdt. Mundart ist hausten/austen „ernten“; demnach bedeutet Haust/Aust „Ernte“, und der Austmonat würde die Bedeutung von Erntemonat ausdrücken, Veodmonath („Monat des Tollkrautes“) nannten ihn die angelsächs. Einwanderer Englands.

Der ODING-Befund erschließt mehr als nur eine altgläubige Vorerntefeier gemeinsamer Anrufung der Alken-Dioskuren-Zwillinge. Wenn der siegreiche Abstiegs-Alke Hödur die Erdmutterhypostase Nanna gewann, müsste er jetzt mit ihr Hochzeit halten.

Die Kalender-Anna des 26.7. entspricht der Märzmutter-Anna des 15.3. (-Rune) ebenso wie der Maimutter-Nanna (-Rune), der eddischen Frau des Alke-Baldur und der Herbstmutter Notburga am 14.9. (-Rune). Je nach jahreszeitlichen Gegebenheiten wechselt die alte Göttin ihr Gesicht und ihre Verhaltensmuster. Sie ist einmal die Weiße, dann die Schwarze -, wie es Anna und Grete (20.7.) demonstrieren.

In früheren Zeiten, in denen unsere germanischen Runen entstanden sind, wurde das Getreide bekanntlich mit der Hand von den Schnittern eingebracht. Damals ging der Ernteprozess sehr langsam vonstatten und zog sich über viele Wochen hin. Um die Zeit Anfang August war man noch vollends in der Ernteanfangsphase. Damit die Ernte auch gut zu Ende gehen konnte, wurden die Hagelbittopferzüge um die Felderregionen abgehalten. Zu diesem Ernte-Beginnfest gemahnt die 16. Hagel-Rune des Runen-Festkalenders.- Im altbäuerlichen Brauchtum standen wohl die Bitte um Abwendung von Wetterschäden und Hagelschauern im Vordergrund -, wie Hagel-Abwende- und Erntebittumzüge („Drachte“) um die gefährdeten Feldregionen, wobei man in weißes Linnen umhüllte Göttersymbole mitführte. Im 8. Jh. polemisierte die Kirche noch heftig dagegen, späterhin organisierte sie die Prozessionen in eigener Regie.

Des ODING-Runenkalenders Hagel-Rune steht auch wetterkundlich mit ihrem Standort Juli-Ende-August-Anfang richtig platziert. Zum Thema der Hagelhäufigkeit teilte mir Herr Dr. Otto Svabik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien per e-mail vom 18.6.002 dieses mit: „Sehr geehrter Herr Hess ! Eine kurze Antwort zu Ihrer Frage nach der Hagelhäufigkeit in Europa: Klimadaten der europäischen Wetterdienste zeigen, daß der Jahresgang des Elementes Hagel dem des Elements Gewitter folgt. In Mitteleuropa (rund um den Gebirgszug der Alpen) finden sich drei Viertel aller Tage mit Gewitter in den Monaten Mai bis September; in diesen Zeitraum fallen auch nahezu alle Tage mit Hagelschlag. Die größte Anzahl fällt dabei in den Juni, wenn die Sonneneinstrahlung bereits kräftig genug ist, um stärkere Konvektion (Aufbau mächtiger Gewittertürme) auszulösen. Die Höhe der 0°- Isotherme ist (im Vergleich mit den Monaten Juli und August) deutlich niedriger, und damit die Wahrscheinlichkeit eines Hagelschlages größer. Allgemein sind dabei die Schaden bringenden Hagelschläge weniger intensiv als im Hochsommer, wenn wesentlich mehr Wasserdampf in der Konvektion mitgeführt wird. Damit finden sich Hagelkatastrophen zumeist im Juli und im August, seltener im Juni und Anfang September. Für Österreich lautet die mittlere Anzahl der Tage mit Hagel / Jahr für Mai: 0,9 , für Juni: 1,4 , für Juli: 0,9 , für August: 1,0 , für September: 0,1. Im Mittelmeer- Raum konzentriert sich die Gewittertätigkeit, klimatisch bedingt auf den Spätsommer bzw. auf den Herbst, wobei sich Gewitter- und Hageltage auf die Monate September und Oktober konzentrieren. Natürlich gibt es auch die berühmten Ausnahmen, mit Hagelschlägen außerhalb der erwähnten Monate. Voraussetzung sind immer länger andauernde Sonneneinstrahlung, mit Wasserdampf stark angereicherte Luftmassen und labile Schichtung der Atmosphäre. was in Zentraleuropa immer zwischen April und Oktober möglich ist. - Ich hoffe Ihnen geholfen zu haben, bin für weitere Fragen Ihrerseits erreichbar. Mit freundlichen Grüßen“

Auch die Christenkirche wusste von dieser Erscheinung und legte deshalb das Fest „Maria-Schnee“ auf den 5. August.

Die Feld- und Flurumgänge sind ein altes gallogermanisches Herkommen, gegen das die Christenkirche anfangs heftig polemisierte, dann aber - weil das Volk davon nicht abzubringen war - unter eigener Regie organisierte. Schon der Bischofs Mamertus von Vienne gestattete im Jahr 469/470 Flurumgänge gegen Erdbeben und Missernten. Die Kirchversammlung von Orléans erlaubte sie 511 für alle Kirchen Galliens. Drei Bitttage wurden von Papst Leo III. (795-816) dann auch in Rom, sowie den Gesamtbereich der römischen Liturgie, eingeführt. Besondere Hagel-Bitt-Umgänge gab es an einzelnen Orten zu verschiedenen Tagen in der Bitt- oder Kreuzwoche: am Dienstag, am Freitag („Hagelfreytag“ / „Schauerfreitag“) oder auch am Samstag oder Sonntag. Trotzdem wurden die Hagelprozessionen und andere Flurumgänge, so der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti, trotzdem „oft unter Ausschluss des Pfarrers“ abgehalten und gestalteten sich mitunter wohl „zu wilden Aktionen mit reichlich Alkoholzufuhr“. (Manfred Becker-Huberti: „Lexikon der Bräuche und Feste“, Abschnitt: „Johannes und Paulus (26. Juni)“, 2000, S. 147) Solche Prozessionen begannen nach Mitternacht und dauerten viele Stunden, wie hätte das ein gestandenes Mannsbild ohne einige Stärkungstrünklein auch ertragen können ?! In Marl (Regierungsbezirk Münster) erhielten die dortigen Schützen für ihre polizeiartige Mithilfe und ihren Aufwand bei der Hagelprozession im 18. Jahrhundert eine Tonne Bier als Vergütung.

Der jährliche Ritus der Hagelprozessionen oder Schauerprozession kommt selbstverständlich aus der altgläubigen Hagelabwehrbitte an die Gottheiten, worauf der ODING-Runenkalender hinweist. Um die Hagelgefahr abzuwehren, versuchte man in Gestalt von Opferriten die überirdischen Mächte wohlwollend zu stimmen, um gutes Wetter für gutes Wachstum und eine gesegnete Ernte herbeizuführen bzw. Schaden von den Fluren fernzuhalten. Das gedeihliche oder vernichtende Wetter in der letzten Wachstumsperiode von Juni bis September entschied darüber, ob man im späten Winter und im nächsten Frühjahr noch genügend Vorräte für Mensch und Tier haben würde oder ob mit Hunger, Krankheit, Armut und Tod zu rechnen wäre.

Am Gedenktag der sog. „Wetterherren“ (Johannes und Paulus), am 26. Juni, fanden vornehmlich Hagelprozessionen und Schauerfeiern statt. Auch natürlich zum Fest der heiligen Anna (altirische Muttergöttin), am 27. Juli, die zu einer volkstümlichen Schutzpatronin gegen Gewitter wurde, hielt man Hagelbittumgänge. Sie fallen in die Zeit der hochsommerlichen Hundstage, welche in hohem Maße hagelgefährdet sind. Ebenso der angeblich heilige röm. Soldatenführer „Donatus“ wird in der Eifel und im Raum um Köln als Patron gegen Blitz, Unwetter und Feuer verehrt; sein Fest ist am 30. Juni. Seit 1729 hatten die perfiden Jesuiten bei Volksmissionen die (Johannes-)Hagelfeier verteufelt und ihren Hausheiligen „Donatus“ als unübertrefflichen „Wetterpatron“ empfohlen. In einigen westfälischen (Ostbevern) Ortschaften wird noch immer bei den Hagelprozession eine Donatus-Statue durch die Felder getragen, so wie man in Heidenzeiten eine Götterstatue umher trug. Und so wie man im Heidentum neben dem Himmelsherrn Donar (Thor), der für Gewitter und Hagel zuständig war, auch der Erdmutter mit entsprechen Bitten gedachte, sind dort der christlich erkünzelten „Gottesmutter Maria“ und deren Mutter „Anna“ weitere „Segensstationen“ geweiht.

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