XIII. DAS HERULISCHE RUNEN-MYSTERIUM

Copyright © Gerhard Hess - Juli 2014

 

DAS HERULISCHE RUNEN-MYSTERIUM

 

Von der 508 von Italien aus nach Skandinavien zurück gewanderten herulischen Adelsschicht hörte man nichts Konkretes, doch der Runenstein von Röck, aus Mitte 9. Jh. in der Gemeinde Ödeshög  / Östergötland, zeigt die längste bekannte Runeninschrift und ausgerechnet sie lässt vermuten, dass die weitgereisten herulischen Runenmagier nicht sang und klanglos im weiten Skandinavien untergingen. Die faszinierende Inschrift wurde ersichtlich von dem Heruler-Nachfahr Uarin für seinen toten Sohn Uämod und die vor neun Menschenaltern unter den „Hreidgoten“ (Edel-Goten) lebenden Vorväter errichtet. Ein Menschenalter wird mit etwa 30 Jahren angesetzt; es liegen zwischen Theoderichs Herrschaftszeit im frühen 6. Jh. und der Rökstein-Errichtung im frühen 9. Jh. genau neun Generationen. Die Vorderseite beschreibt Kämpfe im Ostgotenreich des Tjodrik (Theoderich der Große) unter dem Rådulf (König der Heruler), das Leben wegen seiner Missetaten verlor. Es wird darauf angespielt, dass dieser König, trotz seines Freundschaftsvertrages mit Theoderich, der ihn zur Mäßigung verpflichtete, aus purem Übermut die Langobarden angriff, Reich und Leben in der Schlacht auf dem Marchfeld verspielte, so dass seine adeligen Sippenan­ge­hörigen in die Nordheimat, nach Schweden, zurückwandern mussten. Hier haben sie ganz offensichtlich die heimischen Svear kulturell stark beeinflusst und spielten eine herausragende Rolle in deren Entwicklung während der Vendelzeit (ca. 600-800). (Troels Brandt, „Hypothesis of the Heruls”, 2000)

 

Was Erul schuf ist mehr als eine Schreibschrift, seine Schöpfung  ist zweigesichtig, es ist eine Lautbuchstaben- sowie eine Sinnbuchstaben-Folge, es handelt sich um ein weltanschauliches Konzept, eine umfassende Gotteslehre, ein Ritenweiser, ein sakraler Festkalender. Deshalb geht die Deutung derer an der Wirklichkeit vorbei, welche eine „Übernahme“ seiner Zeichen aus irgendwelchen alpenländischen Schreibschriftsystemen vermuten und zu erklären versuchen. Ich werde Eruls Struktursystematik erklären. Der Runenstein von Röck steht in der Gemeinde Ödeshög / Västergötland, am Ostufer des Vättern-See, etwa 30 km südlich von Vadstena, nahe bei Motala, welches ca. 40 km südlich von Askersund ist und um sie 150 km südwestlich vom Mälersee, westlich von Stockholm. Bis zur Wikingerzeit war der Mälaren mit der Ostsee verbunden, in ihm lag auf einer Insel der wichtigste wikingerzeitliche Handelsplatz: Birka. Dort in Vadstena fand man einen völkerwanderungszeitlichen (450-550 n.0) Goldbrakteaten (Geleitmünze / Amulett) welcher schon durch eine kreisförmige Runenanordnung der manipulierten ursprünglichen 24-er Runenreihung im Randfeld, seinen sakral-kalendarischen Grundgedanken demonstriert (Abb. 17). Die Veranlassung, die ursrüngliche Runenreihe leicht abzuändern, erfolgte allein aus dem Werkgedanken, ihren kalendarischen Aspekt auch als Zahlengefüge des Jahres darzulegen. Das Mondjahr mit seinen 354 Nächten sollte sich im runischen Zahlenreigen abzeichnen. Die additive Runenreihe von 24 Zeichen ergibt aber nur den Wert 300.  Der Erilar von Vadstena stellte seiner Runenreihe deshalb zuerst einmal den Begriff  „luwa tuwa“ voraus; tuwa heißt „zweimal“. Die Bedeutung des möglicherweise magischen Formelwortes luwa ist noch nicht erschlossen. Es könnte angls. lufian, ahd. luban = lieben und/oder lat. luna und einem germ. Mondsichel-Begriff lewa, altn. („Sichel / Sense“) gebildet sein -; bekanntlich besteht die Jahr-Rune aus zwei Sichelzeichen. Zweimal die Sichel (Halbkreis), als Symbol für jeglichen Auf- und Abstieg, ergeben das Jahresrund. Bei rechtsläufiger Zählweise erbringt die luwa-tuwa-Formel 66. Dann folgt die Runenreihe unter Veränderung von zwei Positionen: 1. Vermeidung der p-Rune durch Ersatz der b-Rune, also deren dadurch zweimaligem Erscheinen. Der p-Laut, welcher im germ. Lautsystem ohnehin keine rechte Verwendung fand, ist später allgemein durch -Runen wiedergegeben worden (KRS, S. 14f). 2. Weil es hier vordergründig um das Mondjahr geht, ist die Begriffsrune d = „Heller-Tag“, welche an vorletzter Stelle zu stehen hätte, weggelassen, d. h. unter der Öse in die Unsichtbarkeit versteckt worden. Ersatzweise rückte man die o-Rune an deren Platz auf Nr. 23. Damit ergibt sich das Zählergebnis welches zum Mondjahr von 354 Nächten führt. Die erste Achtergruppe, von f bis w = 36 -, die zweite Achtergruppe, von h bis s = 104 -, die dritte (nur) Siebenergruppe (denn d-Rune fehlt bzw. ist unter der Öse unsichtbar), von t bis o = 141. Zusammen ergeben 66 + 36 + 104 + 141 = 347. Unterhalb der Amulett-Öse wurde in Gestalt von 4 insgesamt - mit einer größerern und 3 kleineren - im Dreieck postierten perlenartigen Verzierungen die Mond- und Jahreszahl 4 hervorgehoben. Der Mond hat 4 Phasen und das Jahr 4 Kardinalpunkte der 2 Wenden und 2 Gleichen. Dazu kommen die 5 (1 - 2 - 2) Trennungspunkte zwischen den runischen Achtergruppen. Aus Addition dieser 8 kleinen Zähleinheiten zu 347 ergibt die gewünschte Zahl 354. Nachdenklich macht, dass bei linksläufiger „Oding-Zählweise“ - ohne Anrechung der 8 Zählpunkte und bei Weglassung des wahrscheinlich mondmagischen Begriffes „luwa“ - sich die Sonnentageszahl 364 ergibt. Rechnet man das Jahr mit 52 Wochen von 7 Tagen gelangt man zur Tageszahl von 364. Auf 365 kommt man durch Hinzunahme der größeren „Zierperle“ im Mittelpunkt des Perlendreiecks unter der Öse. Auffällig ist, dass die 8 kleineren Zählpunkte (blau), zusammen mit dem einen größeren Zählpunkt (rot), die wichtige germ. Lichtzahl 9 der Sonnen-Rune des ODING-Systems erbringt. In dieser Weise ist dem versteckten Runengeheimnis des Amuletts auf die Spur zu kommen, wie es dem magisch-runischen Schriftdenken entspricht, so wie es im Prinzip der runenmystisch kongeniale Heinz Klingenberg gelehrt hat.

 

Abb. 17

 

Auf die Fragestellung, ob die Runenreihe ursprünglich rechts- oder linksläufig konzipiert sei, erwies sich die Entscheidung zunächst als schwierig. Eine Buchstabenreihe kann von links nach rechts - also rechtsläufig (nach rechts hinlaufend) - geschrieben und gelesen werden, wie das heutzutage bei uns üblich ist. Sie kann aber, wie die weitaus meisten alten Schriften - entgegengesetzt verlaufen, also rechts beginnend. Unabhängig davon, wohin die Zeichen schauen, ob sie rechts- oder linksläufig aufzufassen sind, hat der Runen-Schöpfer seine Urkonzeption von O bis F erdacht, was im Folgenden noch bewiesen werden soll. Die Futhark-Reihe des Kylver-Steines ist rechtsläufig, hingegen die des Vadstena-Amuletts linksläufig und seine Zahlenzuordnungen scheinen sowohl links- wie rechtsläufig gemeint sein. Es wäre auch durchaus denkbar, dass die uranfänglich linksläufige Zahlenzuordnung der Runen so geheim war, dass durch ein kriegerisches Vorkommnis, und dem damit einhergehenden Untergang der qualifiziertesten Wissensträger, ein Tradierungsbruch geschah, so dass fortan - nachdem sich die rechtsläufige Schreibrichtung durchgesetzt hatte - nur rechtsläufiges Runenzahlenverständnis übrig blieb. Da das rechtsseitige-männliche Prinzip dem linksseitigen Weiblichen vorgeorden ist, das war der Antike derart selbstverständlich und zwingend, dass der Rechtsbeginn wie ein Gesetz galt und auch bei der Runen-Reihung Gültigkeit genossen haben muss. 

 

Die auf uns gekommenen Runen-Begriffswörter zeigen eine Reihenfolge, deren schöpferischer Sinn problemlos sakral-kalendarisch zu erklären ist. Die 24 Runen stellen die 24 Mondspositionen des Sonnenjahres dar, wir haben mithin den aussagestarken erulisch-heidnischen Festkalender vor uns. Wegen der Differenz von ca. 11 Tagen zwischen Sonnen- und dem etwas kürzeren Mond-Jahr muss jeweils im 2. dann im 3., darauffolgend wieder im 2., ein Schaltjahr gesetzt werden, welches einen 13. zusätzlichen Leermonat enthält. So, schreibt der angelsächsische Gelehrte Beda (672-734), hätten es seine heidnischen Vorfahren gehalten, die bekanntlich aus Jütland kamen. (Beda Venerabilis, „De temporum ratione“, Kap. 13) Dieses luni-solare Jahrsschema ist im prägermanischen Großraum seit Jahrtausenden unverändert gebräuchlich, wie es die „Kalenderscheibe von Wangen-Nebra“ aus ca. 3.800 v.0. demonstriert. Aufgrund der Untersuchungen von Prof. W. Schlosser und Rahlf Hansen vom Planetarium Hamburg ist gesichert, dass die Nebra-Scheibe in der Bronzezeit als „astronomische Uhr“ zur Synchronisation von Sonnen- und Mondkalender diente, was mit Hilfe eines Schaltsymbols erfolgte. Das in der Runenreihe bzw. dem Runenring verankerte Kalenderwissen muss also im Norden als uraltes Wissensgut bis auf Erul weitergereicht worden sein. Dazu stellt ein Sprachforscher fest: „Somit könnten die Schöpfer der Himmelsscheibe von Nebra im heutigen Sachsen-Anhalt durchaus direkte Vorfahren der Germanen gewesen sein und waren jedenfalls sehr wahrscheinlich nicht frühe Kelten, weil Kelten hier nie gesiedelt haben.“ (Wolfram Euler u. Konrad Badenheuer, „Sprache und Herkunft der Germanen“, 2009 S. 25) Die kalendarische Zeichenreihe die Erul schuf, sieht, mit Zustellung der Runenbegriffe, folgendermaßen aus (KRS, S. 4):

o – 01 - oþilan (Erbbesitz, Heimat, Erbe + Art, Adelsgut, Adel, Sippenseele)
d – 02 - dagaz (Gott Dag, Tag-Vater, Svipdag, Weihung des Beginns)
ŋ – 03 - Ingwaz (Gott Ingo-Fro, Ingvi-Freyr, Fruchtbarkeit, Frieden, Freien + Freude)
l – 04 - laukaz, laguz (Lauch + Lauge, Kraut + Wasser, Mond, Heilkraft, Gedeihen)
m – 05 - mannaz (Urmensch bzw. Mann + Männin, Menschengeist)
e – 06 - ehwaz (Pferd, Kosmos-Synonym, Sleipnir)
b – 07 - bercanan (Birkenreis, Birke, Göttin Frigg-Freyja)
t – 08 - tiwaz (Gott Tius, Tyr, Irmin, Himmelsgott, Gerechtigkeit)
s – 09 - sowilo (Sonne, Sieg, Siegfest-Sigrblot)
z – 10 - algiz (Alken, Elchbrüder, Schutzgötter)
p – 11 - perþo (Göttin Perchta, Fruchtbaum, Quelle, Kessel, Liebe)
ë – 12 - ëwaz (Eibe, bipolarer Weltenbaum, Feinde + Freunde)
j – 13 - jeran (Jahr, gutes Erntejahr, Wechsel in die zweite Jahrshälfte)
i – 14 - isaz (Eis, Kälte, Erstarrung, Verderben droht)
n – 15 - naudiz (Notwendigkeit, Notwende, Schicksalszwang)
h – 16 - haglaz (Hagel + Heil, jähes Verderben + Schutz vor Schaden)
w – 17 - wunjo (Wonne, Wunscherfüllung, Ernte),
g – 18 - gebo (Gabe, Opfergabe, Geschenk, Vermehrung)
k – 19 - kenaz (Fackel, Lichtabstieg, Krankheit, Geschwür)
r – 20 - raido (Ritt, Fahrt, Weg, Reise, Wagen)
a – 21 - ansuz (Asengott, Wodin-Odin, Ahnen, Seelen, Asen- + Alfen-Herbstfest)
þ – 22 - þorn (Schlaf- + Todesdorn, Hrimthurse, riesischer Unhold)
u – 23 - uruz (Urrind, Auerochse, Tod der Zeugungskraft)
f – 24 - fehu (Vieh, Fahrhabe, beweglicher Besitz, Geld)
 
Wir dürfen absolut sicher sein, dass die Runereihe in ihrer ursprünglichen Ordnung mit  „o“ beginnt und mit  „f“ endet. Woher nehmen wir diese Sicherheit ? Kein philosophisches, religiös überhöhtes System könnte mit dem Begriff „Vieh“ (materieller Wert) beginnen. Die Welt des Geistes nimmt ihren Anfang zweifelsfrei aus Vorstellungen von Geist und Seele; das „O“ wurde in der Antike als der erste Seelenlaut beschrieben. Wie ausgeführt,  beginnt nach unverfälschter alter Vorstellung alles Rechte mit rechts, weil die linke Seite die nur zweitberechtigte, sekundäre (bei Geweben die falsche) ist. Und völlig unmissverständlich sprechen die runischen Zahlenzuordnungen von der rechtsbeginnend-linksläufigen Urversion. Eine Alternative ist für einen Kenner der zahlenmythologischen Komplexe ausgeschlossen. Vielleicht schon vor, sicher aber seit den Pythagoreern, bis in die frühchristliche Zahlenmythologie und -sprache hinein, stehen die Zahlen für sehr fest umrissene Aussagen. Diese decken sich nur dann mit den Runenbegriffen, wenn linksläufige Durchnummerierung vorgenommen wird. Demzufolge beginnt die Reihung mit den ersten drei Buchstaben: O-D-iNG. Die Überlegung drängt sich auf, ob diese Buchstabenfolge einen nachvollziehbaren Sinn ergeben könnte. Das ist sehr wohl der Fall. Die Kernsilbe des germ. Wortes „wôd-gôd“, ahd. „got”, nhd. „Gott“ ist „od“. Sowohl ôdal, wie auch die anderen germ. Entsprechungen mit auðna („Schicksal / Glück“) und auðr („Reichtum“) gehen auf die indogerm. Wurzel audh zurück. (J. Wilhelm Hauer, „Schrift der Götter“, 2004, S.126f, 199) Der Gott Od, altnord. Óðr, gilt nach den Quellen (Gylfaginning u. Skáldskaparmál) als Ehemann der gemeingerm. Muttergöttin Freyja, wodurch er sich als der ursprüngliche Geist-Seelengott des germ. Pantheons zu erkennen gibt. Sein, wie auch Wodin-Odins Begriff, leitet sich vom altnord. Wort „óðr“ her, das im Uransatz nichts anderes als „Seelenwallung, -erregung“ bedeutet. Óðrörir („Seelenerreger“) heißt der mythische Trank aus dem Speichel aller Götter, der höchste Gelehrsamkeit, Weisheit und Dichtkunst schenkt. Von diesem vortreff­lichen Mettrank Odin, da begann sein Geist zu wachsen, er fühlte sich wohl, ein Gedanken führte ihn zum nächsten und er kettete Werk an Werk (Hávamál, 140-141). Mit dem Begriff altn. óðr, germ. wôÞa „Gesang“, wurden Gesang und Dichtung bezeichnet und als Ad­jektiv beschrieb man damit Seelen­erregungen wie „erregt / wütend / rasend / toll“. Im heu­tigen schwed. Wortschatz gibt es noch odon, die „Rauschbeere“.
 
 
Die linksläufig ersten drei Runenbuchstaben - - = O:D:NG können folglich wie A:B:C als Kurzbezeichnung des Gesamtverbandes verstanden werden. Da die „Ing-Rune“ qŋ (NG) ein hoher nasaler rachenlautiger Konsonat ist, der nur durch Voranstellung eines „i“ zu prononcieren ist, stellen wir ein kleines „i“ dem „NG“ voran, so dass es zur Schreibung ODiNG kommt. Dann handelt es sich um die Begriffsrunenfolge: odalaz - dagaz - ingwaz, der sinnvollen Aussage: „Seelenart-Erbgut“ - „Tag-Anbruch“ - „Fruchtbarkeit-Gedeihen“. In dieser extremen Kurzform liegt konzeptionell alles menschliche Hoffen und Wirken begründet. Zum anderen dürfen wir -- „Oding“ als Wort - im Sinne der Begriffsrunenfolge - auffassen, oder als auch als „OD-Kind / Seelen-Geist-(Gott)-Kind“ interpretieren. Wie überaus treffsicher dieser Name für das intelligente Runen-Produkt ist, muss nicht eindringlicher erklärt werden. „-Ing“ als ahd.-germ. Sufix bezeichnet die Zugehörigkeit zum vorhergehenden Wortteil, welcher der Name einer Person oder einer Ortschaft sein kann. In der Namenkunde kennen wir die Ableitungen: -ing/e/n, -in(c)k, -ung/e/n, -ongen, -ang/en, -engo. Der älteste Name der Stadt Göttingen, in einer Urkunde 953 Ottos I. erwähnt, war „Gutingi“, nach heutiger bescheidener Ansicht, weil ein kleiner Bach namens „Gote“ die Anwohner bewogen habe, die Stätte danach zu benennen. Archäologisch ist Göttingen schon im 7. Jh. nachweisbar, woraus zu schließen wäre, dass viel eher als das Rinnsal ein göttlicher Weiheort, eine heidnische Opferstätte der echte ursprüngliche Namensverursacher war. Die vielen schwäbischen Ortsnamensendungen auf „-ingen“ erweisen die überwiegend nordische Abkunft der Alamannen. Denn die Ing-Endungen scheinen zu einem gewissen Zeitabschnitt besonders gern die als „Ingwäonen“ bezeichneten germ. Völker genutzt zu haben. Die antiken röm. Schriftstellern „Plinius der Ältere“ und Cornelius Tacitus nannten jene Stämme so, die insbesondere Gott Ingvi verehrten und an der Nordsee („proximi oceano“) wohnten. Dazu zählen die Angeln, Chauken, Friesen, Sachsen, Warnen, Jüten, Kimbern und Teutonen, obwohl auch die Schweden zu Ingwi-Verehrern gestellt werden müssen. Wir finden Ingen-Orte z.B. in Dänemark: Kolding, Jelling -, in Schweden: Blekinge -, in England: Reading, Birmingham, Nottingham, Kensington -, im Niederland: Scheveningen, Groningen, Selsingen -, in Deutschland: Wernigerode, Recklinghausen -, die Langobarden brachten die -engo-Endungen nach Italien. Bis heute leben, über 35 Generationen hinweg, in der italienischen Stadt Volterra, die Nachkommen der angesehenen Patrizierfamilie „Inghirami“, die sich auf einen sächsichen Kriegsmann zurückführt, der, laut Familiendokumente, als „Herman Dux Sachsonis, anno 967“ im Gefolge Kaiser „Ottos des Großen“ in die Toskana kam. Ein englischer Benediktinermönch und Mathematiker namens Walter Odington lebte im 14. Jh. in Evesham und Oxford.
 
 
Gehen wir davon aus, eine runenreligiöse Kultgruppe des skandinavischen Raumes hätte die Lehren des Meisters Erul in besonders treuer und reiner Form bewahren können, dann hätten sie möglicherweise eine Selbstbezeichnung gewählt, in der ihr Glaubenskonzept zum Ausdruck gelangt wäre. Sie hätten „die Odingis“ genannt werden können oder sich selbst so geheißen. Ein derartiger Name taucht tatsächlich auf. Die im Jahre 551 verfasste „Goten-Geschichte“ des Goten Jordanis, stellt eine der wichtigsten Quellen für unsere Kenntnis der Völkerwanderungsgeschichte dar und ist als Zusammenfassung einiger der wichtigen zeitgenössischen Geschichts­schreibungen von großem Wert, weil die bedeutendsten der Vorlagen über die Goten, die Jordanis benutzte (die Schriften des Ablabius und des Kassiodorus), verloren gingen. In Kap. III beschreibt er die verschie­denen Völker der „Insel Skandza“, Skandinavien. Bei dieser Aufzählung handelt es sich, nicht immer allein um Völkernamen im ethnischen Sinne, sondern um die Namen von Kultverbänden, d.h. von Volksgemeinschaften, die einer sie verbinden­den religiösen Idee anhingen. Jordanis berichtet, eine Gruppe des Namens „Otingis“ sei in Skandinavien ansässig. Die Lautdifferenz von „t“ und „d“ wäre als mundartliche Übertra­gungs­un­schärfe einzuschätzen -; bei der Endlautung „-is“ handelt es sich um gewöhnliche pluralbildende Form.
 
 
Das vom Runengenie Erul erdachte Buchstabensystem ist ein kalendarisches, das bedeutet, ein gesamtheitliches, denn die Zeit ist die Folie auf der sich das All abzeichnet. Die Erul’schen Grundgedanken, wie wir sie aus seiner Schöpfung ablesen können, lauten: Die belebende Sonnenkraft ist göttliche Urquelle allen Seins, sie ist als 9. -Sowilo-Rune als Potenzierung aus dem solaren Urgeist des Ingwi der 3. -Rune erblüht. 24 Runen sind die Segmente des Jahres, 24 Neu- und Vollmondstände ergeben ein Norm-Sonnenjahr, das nach der Schaltregel der jeweiligen Mond-Sonnen-Realität angeglichen werden muss (luni-solares Kalenderprinzip). Die Addition aller 24 Runen ergibt 300 bzw. die solare 3. Die 24 Mondphasen gehören zu 12 jährlichen Mondgängen, 12 X die Sonnenzahl 3 = 36 und 36 X 3 = 108 mit QS (Quersumme) 9. Da aller Intellekt Lichtgeist ist, müssen auch die Runen von Sonnengeist gewoben sein und selbigen widerspiegeln können. Sie können es. Das Runen-ODiNG umfasst 6 Selbstlaute (Urlaute / Vokale) sowie 18 Mitlaute (Konsonanten). Als Vokalzeichen sind vorhanden: O, E, Ei (ein Laut zwischen E und I), I, A, U. Die Lautwerte der Konsonantenzeichen sind: D, Ng, L, M, B, T, S, Z (nur als Endlaut), P, J, N, H, W, G, K, R, Th, F. Kombiniert man die 6 Vokale jeweils mit einem der 18 Konsonanten, dann werden 6 x 18 = 108 Grundstammsilben geschaffen, aus denen sich im runentheoretischen Sinne die germanische Sprache entfaltet haben dürfte. Diese 108 Urmöglichkeiten werden hier der Reihe nach aufgezeigt:
 

 

Die Runenreihe ist als Kreis gedacht, die Zeit ist als endlose Spiralkreisung zu verstehen. Ob Erul die Kreiszahl gekannt haben kann, entzieht sich meines Wissens:  360° durch 10 geteilt = 36 x 3 würde auch 108 ergeben. Aber die Alten rechneten mit einem Sonnenrundjahr von 360 Tagen. Auch in der aussagestarken kalendarischen Ornamentik des bronzezeitlichen Sonnenwagens von Trundholm (Dänemark, Mus. Kopenhagen) ist sie hervorgehoben. Der mit Kreischen in seinen Ornament-Ringen geschmückte Sonnendiskus von Trundholm trägt auf den beiden 2. Kreischen-Ringen, seiner Vorder- und Rückseite, jeweils 36 Kreischen. Wird diese Kreischen-Zahl mit der Ringposition addiert (bei Annahme des Mittelpunkt-Kreises als 1), ergibt sich die Rechnung 36X3= 108. Eine zufällige Hochachtung der Zahl 108 ist nicht anzunehmen, angesichts ihrer Bedeutung, ebenso in anderen Religionen, wie der hinduistischen und buddhistischen. Die Hochschätzung der 108 als geistliche Totalitätszahl erklärt sich aus der mathematischen Philosophie der Triade. Bei religiöser Wertschätzung der 3 und der 6 (1+2+3 =6) muss die Rechnung 62 + 62 + 62 = 108 zur Vollendung dieses Zahlengedankens führen, der mit seiner Quersumme (Kern- und Seelenzahl) die germ. heilige 9 erbringt (1+0+8 = 9). Krishna, die Inkarnation des Sonnengeistes Vishnu, tanzt im Kreise von 108 liebreizenden Gopis, die sich auf der höchsten Stufe der vollkommenen reinen Liebe und Hingabe be­finden. Für die Buddhi­sten ist es die Zahl der Arhats, jener verklärten, vollendeten Heiligen, auch die der Perlen der Mala, der Gebetsketten. Sie führen folgende Rechnung damit durch: 6 x 3 x 2 x 3 = 108. Das bedeutet: 6 Sinne (sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, denken), 3 Formen der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), 2 Zustände des Herzens (ehrlich oder unehrlich), 3 Möglichkeiten für Gefühle (mögen, nicht mögen, Gleichgültigkeit). Man spricht von 108 Bänden tibetanischer heiliger Schriften bzw. von 108 Büchern des Buddha. Die Fußsohlen von thailändischen Buddha-Figuren sind oft mit 108 Symbolen verziert. Ein  buddhistischer Text schildert 108 Klesas (geistige Entweihungen als Ursachen des Leidens). In Japan werden zu Neujahr die Glocken 108 mal geläutet, um den Körper von den 108 Übeln zu befreien und für die 108 Freuden des kommenden Jahres. Im chinesischen mittelalterlichen Volksbuch „Shui Hu Zhan“ gibt es 108 Sterne der Bestimmung, also Helden die sich  zur Rechtmäßigkeit verbünden. 108 Weihestätten muss der Lamapriester auf seinen Meditationsreisen aufsuchen usw..

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