XII. DIE RUNENSCHRIFT

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DIE RUNENSCHRIFT

 

Abb. 14 

 

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Beispielhaft für eine sehr frühe, ungeübte Runenpickung  ist der Schriftzug „braido / brando“ von Himmelstalund bei Norrköping im östergötländischen Schweden. Er ist linksläufig und mündet in einem halben bronzezeitlich anmutenden „fast verbrannten“ Schiffsrumpf. Es bietet sich an, das archaisch anmutende Zeugnis als Darstellung einer Brandschiffsbeerdigung - also „Schiffsbrand“ - zu deuten. Die Datierung wird zwar von Seiten der Fachgelehrten als völkerwanderungszeitlich vermutet, doch wird sie noch älter sein. (KJR, S. 121 ff / KRS, S. 209ff) Die Abb. 14 zeigt diese Runenfolge zusammen mit meinen Abrieb-Utensilien. -- Rhabanus Maurus (776 -856), der fränkische Universalgelehrte und Kirchenmann, erwähnte um das Jahr 840 in seiner Schrift „De inventione linguarum“ ein Runen-Alphabet, „wie es die Marcomanni - jetzt Nordmanni genannt - gebrauchten, von denen jene abstammen, die die Theodisca lingua sprechen“. Zu dieser Textstelle erklärte Wilhelm C. Grimm: „Daraus folgen drei wichtige Sätze: erstlich, dass dies Alphabet für ein ursprünglich deutsches galt, zweitens, dass nur die, welche dem Heidentum zugetan waren, sich dessen bedienten, und zwar drittens, zu einem besonderen Zweck, um ihre Gedichte, Zaubersprüche und Weissagungen damit aufzuschreiben.“ (GÜR, S. 82) Hrabanus, der Leiter der Klosterschule Fulda, später Erzbischof von Mainz, begriff also unmissverständlich die Runenbuchstaben als die Urschrift der Deutschen.

 

 

Zu seiner Zeit hatte die Runenschrift der christlicherseits forcierten Ausbreitung des lateinischen Alphabetes weichen müssen, doch noch im 6. Jh. scheinen sie breiter genutzt worden zu sein. Schrieb doch der mit deutscher Sprache und Sitte vertraute Venantius Fortinatus (Bischof zu Poitiers, wohl langobardischer Abkunft, aus Oberitalien, in Ravenna erzogen) an seinen Freund Flavus, wenn er ihm nicht lateinisch antworten wolle, so könne er sich der „barbara runa“, der „deutschen Runenbuchstaben“ bedienen. Den Begriff „barbara“ setzte er auch an anderen Stellen seiner Abhandlungen ohne abwertende Bedeutung für „deutsch“ ein. (GÜR, 61ff) Vom Merowingerkönig Chilperich (537-584) hören wir, dass er dem Gebrauchsalphabet einige Buchstaben zufügen ließ, wobei er die Buchstabenform für „wi“ aus den Runen entnahm. Doch der Kampf der Kirche gegen jegliche Konkurrenz kannte kein Nachsehen. Auf Betreiben des in Gallien einflussreichen Erzbischof „Caesarius von Arles“ - der als Initiator einer Reihe von Synoden Kirchenpolitik machte - ordnete der Frankenkönig Childebert I. (um 497-558), Sohn Chlodwig I., für das ganze Reich die Vernichtung von „Götzenbildern“ an und stellte heidnische Festbräuche unter strenge Strafen. Eine Stelle bei Kero (um 720) dokumentiert dann den kirchlichen Verdrängungskampf gegen die deutschen Buchstaben. Da wird den Mönchen verboten von irgend jemand etwas in Runen, „rûnstaba“ Geschriebenes anzunehmen. (GÜR, 70f) Der Begriff „rune“ ging also nicht so verloren, dass er in christlich-mönchischer Zeit unbekannt geblieben wäre, er verschwand im Gebrauch, weil kein „ordentlicher“ Christenmensch mehr mit diesem Schreibsystem arbeiten sollte. Die deutschen Begriffe „raunen“ für geheimnisvolles Flüstern und „Alraune“ für „Allgeheimnis“ erhielten sich aber durchgehend. Bei Venantius Fortunatus (um 540-600/610), einem klerikaler Dichter der Merowingerzeit findet sich das latinisierte Wort „rhuna“ in einem Gedicht („Carmina“ VII, 18); da heißt es in der Übersetzung: „Die Rune der Barbaren mag man auf eschene Tafeln zeichnen; was der Papyrus vermag, tut der geglättete Zweig.“ Verantwortlich dafür, dass wir eine runische Fundarmut zu beklagen haben, sind drei Kriterien: 1. Vergänglichkeit hölzerner Schreibgründe, 2. klerikale Ausrottungsbemühungen, 3. der im späten 7. Jh. einsetzende Glaubensumbruch, der mit der Auflösung herkömmlicher Sozialstrukturen einherging, so dass Gräberschändungen und Grabräuberei auf den Heidenfriedhöfen des Frankenreiches im größten Umfange ganz offen betrieben werden konnte.

 

Abb. 15 a

Abb. 15 b

 

Dass den Alamannen Runenwissen und Wodanreligion bekannt waren geht aus dem Fundmaterial allamannischer Gräberfelder ihrer Siedlungen hervor. Die Gürtelschnalle von Pforzen (Abb. 15) und die beiden Bügelfibeln von Nordendorf tragen aussagestarke Runen-Inschriften, die erst aus ca. Mitte des 6. Jhs. stammen. Die Schnalle selbst stammt möglicherweise aus einer langobardischen oder gepidischen Werkstatt. Beachtenswert ist der Umstand, dass der Gürtelschnallenbesitzer der einzige Krieger im gesamten Gräberfeld von ca. 600 Niederlegun­gen war, welcher eine vollständige Waffenausrüstung besaß, wie sie nur alemannische Adlige trugen, bestehend aus zweischneidigem Langschwert, Messer, Lanze und Schild. Auf dem rechteckigen Silberblech findet sich die fein geritzte zweizeilige Runeninschrift: „aigil andi allrun HH elahu gasokun“ (Abb 15). Das würde bedeuten: „Aigil und Allrun [den] Hirsch [die Hirsche] bekämpfen.“ Das ist schwer verständlich als Motto auf dem Koppelschloss eines Kriegers. Die heidnische Motivation der Inschrift geht nicht nur unzweideutig aus vorhandenen heidnischen Formelbegriffen der Inschrift hervor, sondern auch aus den im Zierrand der Schnalle eingeritzten 18 Begriffs­runen (  = sowilo) mit der Bedeutung „Sonne“. Der nordische Sonnen- und Fruchtbarkeitsgott Fro/Freyr erschlug im eddischen My­thos mit einem Hirschgeweih den Beli, den Führer der riesisch-teufli­schen Schandrotte -; der Gott konnte also in einer Hirsch-Emanation gesehen werden. In der spätnordgerman. Dichtung „Solarljodr“ (11./12. Jh.) ist vom „Sonnenhirsch“ die Rede. Seine mythische Lichtgestalt lässt ihn zum Feind der Schlan­gen und des Dra­chens bzw. des Teufels werden. Wie altverbreitet derartiges Glaubensgut ist, ersieht man dar­aus, dass der „alexandrinische Physiologus“ entsprechend der antiken Naturgeschichte von 140 n.0 lehrte: „Der Hirsch ist ein Feind des Drachen.“ Denken wir auch an die spätkaiserzeitliche Hirschdarstellung auf dem dreieckigen Hirschhornkamm aus dem Frauengrab Nr. 74 Altenburg Lkr. Bamberg. Hinter dem Schriftblock (Abb 15) wurde eine kleine Flechtbandzier angefügt. Wir dürfen davon ausgehen, dass auch dies Bildelement eine symbolische Bedeutung trägt - vielleicht als „Schicksalsgeflecht, Nornengewebe“. Es kommt überaus häufig vor, auch auf Gürtel­schnallen, Talismanen, ebenso auf dem heidn. Grabstein von Niederdollendorf. Das erste Wort der Runenfolge, „Aigil“, wäre ein unbekannter Männername. Doch kein Mensch in der fraglichen Epoche hätte seinen Namen ungetarnt auf der Front­seite sei­ner Gürtelschnalle preisgegeben; wusste ein Gegner den Namen des Kämpfers, so hätte er nach antiker Ansicht Gewalt über den Namensträger erhalten. Der aufmerksame Betrachtung findet ein kleines „s“ im Schriftfeldrand über dem Namen „Aigil“ zwischen den Buchstaben „i“ und „l“. Der wirkliche Name des Kriegers war also „Aigisl“. Namen aus Runeninschriften mit -gisl sind vielfach belegt, z.B. Audgisl, Eringisl, Asugisalas. Die Namen auf Endungen -gisl finden sich besonders im langobardischen Bereich. Unter „gis“ verstand man einen Schöss­ling, Spross - daher auch „gisil“ = „Pfeil“. Naheliegend, aber ungesichert ist, dass der Begriff urnord. „gisla“, altisländ. „gisl“ (Geisel) daraus abzuleiten ist, wurden doch in der Regel die Jünglinge und Jungfrauen, also die frischen Sprossen eines Stam­mes / Volkes, als Geiseln gestellt. Der Runenname „aigisl“ könnte „Ahnenspross“ bedeu­ten, denn Ahn, Ohm, Großvater, das Väterchen heißt im Altnord. „ái“. Das zweite Wort lautet „andi“, was als „und / auch“, ahd. „anti / unti“ zu verstehen ist. Als drittes Wort kommt „allrun“ hinzu, die mitunter angegebene Lesung ailrun ist fasch, denn ein „i“ ist nicht vorhanden. Allrun könnte als Frauenname aufgefasst werden, der germ. männliche Eigenname altnord. „Alli / Alle“, angelsächs. „Alla“, ahd.. „Allo“ ist bezeugt, doch würde ich eher an den Begriff „alle Runen“ denken. Das folgende „elahu“ ist neben ahd. „elaho, alaho, elho“ zu halten, es bedeutet Elch / Hirsch / Sonnenhirsch in der Einzahl. Im Falle der Mehrzahlbildung wären die Alkes, die göttlichen Hirschbrüder gemeint. Auch hier weist wieder eine Besonderheit auf die Bedenken des einsti­gen Besitzers hin, das Gottessynonym „Hirsch“ ungetarnt aufzutragen. Die visuell er­kenn­bare Buchstabenfolge lautet eigentlich: „ltahu“, was keinen Sinn ergäbe. Die dichte, gleichmäßige Stel­lung der beiden ersten Stäbe und die unterschiedlichen Griffelansätze bei Ritzung des Winkels über der Senkrechten des vermeintlichen „t“ (des zweiten Buch­stabens) zeigt aber, dass als erster Runenbuchstabe ein unvollkommen geritztes „e“, also nicht die Folge „lt“, sondern „el“ gemeint ist. An dieses unvollkommene „e“ wurde in Binderunenmanier ein „l“ angehängt. Auf diese Weise entsteht „elahu“. Dann folgt „gasokun“ oder „gasokuz“ (ahd. „gasahhis“ von „gasahhan“) mit der Bedeutung „streiten“. Dass dieses Wort in späterer Zeit und in gelehr­ten Texten auch die Bedeutung „verdammen“ annehmen konnte, ist unerheblich aus der Sicht eines alemannischen Kriegers des 6. Jhs. Am Ende der oberen Zeile wurden zwei leicht kursive „h“-Begriffsrunen „Hagel“ eingeritzt - zusammen mit dem „h“ des dritten Wortes, also dreimal „Hagel“, was als Wunsch des „raschen Verderbens“ auf den Gegner herabbeschworen wurde. Die erste von der Norm abweichende Auffälligkeit des Wortes besteht aus den beiden Verlängerungen des Abstriches des „a“ (), wodurch ein binderuniges „h“ zwischen den Senkrechten des „a“ und des folgenden „l“ entsteht. Diese zwei Verlängerungen sind durch Neuansatz des Griffels bewusst gezogen worden; die Lupenbetrachtung er­weist den Befund. Auf solche Weise entsteht bei Buchstabendrehung das Wort „hal(l)run“, was „Heilrune(n)“ bedeu­ten könnte. Die Form „hal“ als „heil, gesund, ganz, unverletzt“ zu lesen, ist nicht völlig unmöglich, denn urgerm. „hailiz“, got. „hails“; angelsächs. „hal / häl“ (halig = heilig, halor = Rettung) sind aus älterem „halja-s“ her­vorgegangen. Mit dem Wortanteil „hal“ könnte aber auch „geheim, verborgen“ gemeint sein. Das nhd. „hehlen“, mhd. „häle“, ahd. „halingon = heimlich“ sind aus einer Wortwurzel „hal“ entstanden. Es muss letztlich offen bleiben, ob der Runenritzer mit dieser Silbe „heil“ oder „heimlich / geheim“ gemeint hat. Beide Möglichkeiten sind gleich gut denkbar. Bei weiterer Lupenuntersuchung der Inschrift zeigt sich, dass eine feinere, aber exakte Ritzlinie von etwas oberhalb des Abstrichs vom zweiten „l“ (in „allrun“) bis zur Grund­linie geführt wurde; so entstand aus dem „l“ wahlweise ein „u“. Demnach sollte das Wort „allrun / hal(l)run“ ebenso als „alurun“ gelesen werden kön­nen. Das oft vor­kom­mende runische Formelwort „alu“ bedeutet „Zauber, Abwehr- / Schutzzauber“. Die Ge­samtlesung des Abschnitts dürfte demnach lauten: „Alle Heil- (bzw. Geheim-)Schutzzauber-Runen“. Die komplette Lesung der Doppelzeile drückt aus: „Aigisl [Ahnenspross] und [mit Hilfe aller] Heil- [bzw. Geheim-] Schutzzauber-Runen [wünscht dem Gegner] jähes Verderben – [er will für / unter dem Schutz des] Sonnenhirsches streiten !“ Dass ein Krieger aber ein plakatives Bekenntnis zu seiner göttlichen Schutzmacht - dem Gotteshirsch - ablegt, das ist so naheliegend, dass es noch in unserem Jahrhundert tiefstes Verständnis erfährt. Denke man nur an die Formel auf dem Koppelschloss des deutschen Heeres: „Gott mit uns“ und an die vielen talismangleichen Gürtelschnallen noch heutiger Zünfte und Vereine.

 

Abb 16 a

Abb. 16 b

 

Kaum einfacher, weil mehrdeutig im Inschriftkomplex, erweist sich die Deutung der silbernen Bügelfibel des 6. Jh., die aus einem allamannischen Frauengrab bei Nordendorf gehoben wurde (Abb. 16). Sie entspricht ganz dem Muster nordgerm. Schmuckproduktionen, mit ihren Themen volksgläubiger Mythologie. Tierköpfe flankieren den Spangenfuß unterhalb des Bügels und möglicherweise die Chiffren der gefiederten wodanischen Hilfsgeister (HGS S. 172ff) die oberen Ecken der Kopfplatte. Der Bügel endet in einem quadratischen Rähmchen, über dem drei liegende s-Runen erkennbar und Schlingenzöpfchen an den Flanken platziert sind. Als Zentralmotiv unterhalb des Bügels dominiert die Schmuckform der Begriffsrune Ing ( ), welche durch schmale, trotzdem deutlich durchgebildete Beinchen, ebenso die Lesung als Odal-Rune ( ), mit der Bedeutung „Erbgut und Eigenart“, erlaubt. In 6 Bogenfeldern endet die Fußzunge, 12 fußsohlenartige Symbole gehören neben weiteren Inhalten zum altgläubigen Bildprogramm der Kopfplatte, deren Rückseite eine vierzeilige rechtsläufige Runenritzung birgt. Die Zeichenfolge der Langzeile ist: a w a l e u b w i n i y (awa leub wini ï). Gekontert, also gewissermaßen auf dem Kopf stehend, ist eine zweite Inschriftfolge graviert, die der Spange ihre hohe Bedeutung verleiht. In die Höhe gerichtet, von den Himmlischen leichter wahrzunehmen, werden untereinander geschrieben, drei Worte aufgeführt: logaðore, wodan, wigiðonar. Jede Zeile bietet einen Götternamen, der auch sonst in gleicher oder ähnlicher Form bekannt ist. Logaðore ist eine Wechselform von altnord. Loður, wozu die Kurzform Loki gehört, Wodan entspricht ahd. Wuodan, altnord. Oðinn, und Wigiðonar hat altnord. Vingðorr neben  sich. Die Nennung einer germ. Göttertrias ist nichts Ungewöhnliches: „Aller guten Dinge sind drei !“ Das eddische Gedicht von der Weltentstehung „Völuspa“ nennt in Strophe 18 drei göttliche Urmächte: Oðinn, Hönir und Loðurr, welche bei der Erschaffung des ersten Menschenpaares zusammenwirkten und in den Skalskaparmal (Eddische Dichtersprache) sind es ebenso drei herumschweifende Götter: Oðinn, Loki und Hönir. Im Heiligen Hof zu Alt-Uppsala / Schweden zeigten die Goden drei Erbauungsstauen der Götter Thor, Odin, Frikko. Die erstgenannte Macht auf der Nordendorfer Spange ist der in mehreren altenglischen Glossaren erwähnte Logeðer, Logðor, Logðer für Ränkeschmied bzw. Zauberer. Dazu zu schauen sind altengl. loga (Lügner), logðer (schlau, listig) Der germ. Gegengott Loki wird in der Edda als der titanische Ränkeschmied und Zauberer, die personifizierte Lüge, geschildert. „Groß war Loptr [Loki] im Lügen !“, heißt es im þohrsdrapa der Skaldskarpamal, Kap. 8. Richtige faustdicke Lügen heißen auf Island noch heute Loki-Lügen. Der zweite Wortteil -ðore, verwandt mit dem Begriff des nordischen Hammer- und Himmelsgottes þor / þur, leitet sich ab von altengl. ðuren / ðweran (rühren, schlagen, hämmern, schmieden, ahd. þweran (umrühren, mischen). Deshalb logaðore (Lügenschmied). Kaum verwundern darf uns die Nennung bzw. Anrufung dieses argen Dämons, entspricht es doch menschlich-allzumenschlicher Logik, den Versuch zu wagen, die Kräfte des Oben und des Unten gleichzeitig zum Dienst zu verpflichten. Es gab viele Vorläufer des goethischen Magister Faustus, dem der Mephisto-Loki zum zeitweilig tüchtigen, wenn auch zweifelhaften Helfer wurde. Die Faust-Sagen, die von einem berichten, der den Teufel beschwört, um mit ihm einen Bund zu schließen, wurden erst im 16. Jh. aufgezeichnet, das Thema aber ist, wie wir sehen, uralt. Die zweite Nennung ist die des Wodan. Sie zeigt, dass die wodanische Reformation gegriffen hat, der alte Himmelsgott Teiwaz-Tiu wird nicht als Wort geführt, wurde vielmehr nur gegenüber dem Wodan-Schriftzug, als liegende Begriffsrune „t“ (  ) graviert. Der dritte Name lautet Wigidonar, also „Weihe- / Heil-Donar“ oder „weihe / heilige Donar !“ Der alamannische Segensgott des 6. Jhs. entspricht dem altnord. Vingþorr im eddischen „Lied vom Thrym“ (Þrymskviþa 1,1) und dem „Lied vom Alwis“ (Alvíssmál 6,1) Ich selbst besuchte den Runenstein von Väne / Aska in Westergotland / Schweden, dessen Schriftband mit dem frommen Wunsch endet:   „Þur uik“ („Thor weihe !“). Diverse Übersetzungsbemühungen der Spangen-Inschrift weichen sehr von einander ab, auch durch unterschiedliche Wahrnehmung der Ritzlinien. Helmut Arntz las: „Logaðore, Wodan [und] Donar, [gebt] göttlichen Schutz der Leubwinia !“ -- Aage Kabell las: (L)eubwinīi -- [möchten] Wingiðonar, Wōdan [und] Logaðorre für die Ewigkeit (= immer) dem Leubwini [beistehen]. -- Ute Schwab las: Dem Logaðor - Wōdan - weihe, Þonar ! Awa ! Liebes [wünscht dir] der Geliebte, oder: Awa [wünscht] Liebes, Geliebter. -- Walter Steinhauser las: Den Vertrag prüfe [und billige] Wōdan. Abwehr, Schutz - Weihe, Þonar ! Awa [wünscht] dem Leubwin Lauch (= Gesundheit) – Ich meine, da altengl. „awa“ die Bedeutung von „immer“ besitzt, altengl. leof, got. leub, ahd. liob das Adjektiv „lieb, teuer, angenehm“ meint und „wini“ altsächs. „Freund, Geliebter“ heißt, könnte man in der Tendenz übersetzen: „Immer schätze [ich die] Freund[götter]“, worauf die drei angerufenen Kraftmächte folgen. Unglaubhaft erscheinen dahingegen solche Übersetzungsversuche die einen antiheidnischen, christlich-missionarischen Sinn projizieren, weil dieser angesichts der Zeitstellung anachronistisch wäre, weil er auf Schmuckspangenrückseite unmotiviert wäre und weil er den Kontext des Spangen-Bildprogramms außer Acht lassen müsste. Das Nordendorfer Runenbekenntnis bleibt ein wichtiger Beleg für die Volksreligion der Alamannen.
 
Wie vertraut die allamannischen Beziehungen zum Norden hin waren, zeigt die Grablege Nr. 78 des Gräberfeldes von Donzdorf bei Göppingen auf. Hier fand sich im reichsten Frauengrab des Neckarraumes ein prachtvolles jütländisches Bügelfibelpaar aus letztem Drittel 6. Jh., zusammen mit einem Bronzekessel und einem elbgerm. Keramikbecher. Eine Fibel trägt den rückseitig angebrachten Namen der Trägerin: e h o Die Wissenschaft nimmt an, dass die sog. „Dame von Donzdorf“ aus Skandinavien über den deutschen Nordosten nach Allamannien einwanderte. Der katholische Karlmann (ca. 714-754), karolingischer Machthaber, stand unter starkem Einfluss der Kirchenfürsten. Vorausgegangen war die fränkische Zwangsorganisation der Gebiete östlich des Rheins, als er 746 die alamannischen Herzöge und Adeligen - viele Tausende - nach Cannstatt berief, dort unter fingierten Vorwürfen die gesamte Führungsschicht festnehmen und hinrichten ließ, womit die Eigenständigkeit des alamannischen Herzogtums für alle Zeiten erlosch. Das Massaker ging als „Blutgericht zu Cannstatt“ in die Annalen ein. Es werden auch hierbei, wie so oft in der Geschichte fränkischer Untaten, politische Skrupellosigkeit mit kirchlichem Kalkül korrespondiert haben, denn die missionarische Durchdringung der eigensinnigen Allemannia hatte bis zu diesem Zeitpunkt wenig Fortschritte gemacht, von einer Kirchenorganisation konnte keine Rede sein.
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