VI. ASEN UND WANEN

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ASEN UND WANEN
 
 
Einig sind sich die Fachgelehrten darüber, dass von einem gewissen Zeitpunkt an, der alte indogerm.-germ- Himmelsgott Teiwaz zu Gunsten des Wodanaz an Bedeutung verlor: „der alte Himmelsgott sinkt im größten Teil der germanischen Welt aus seiner beherrschenden Stellung herab.“ (HWA, S. 33) Diese Entwicklung musste folgerichtig dort ihren Anfang nehmen, wo die katastrophalen Konfrontationen mit dem röm. Militärstaat ein Umdenken provozierte. Wenn die Himmlischen versagten, versuchte man die Heilsgabe anderer Machtwesen, eben der halbgöttlichen Ahnenseelen. Es ist korrekt, dass man von der Asen-Religion spricht, wenn es um den Wodan- und Runen-Kult geht. Dass die Asen und Alfen aus der Geisterverehrung hervorgegangene Wesen der Zwischenwelt sind - keine Himmelsgötter - war den Anbetenden und Beobachtern offenbar noch in heidnischen Spätzeiten bewusst. Asen sind Produkte des Ahnenkultes. Der wohlunterrichtete gotische Gelehrte Jordanes (-552 n.0) beschreibt in seiner „Gotengeschichte“ erstaunlich klar den religionsgeschichtlichen Prozess der Herausentwicklung des Asen-Glaubens aus der Verehrung siegreicher, heroischer Ahnengeschlechter bzw. -geister. Er schreibt von seinen Vorfahren: „proceres suos ... non puroshomines, sed semideos, id est ansis, vocaverunt“ -, ausführlich:  Weit und breit siegten sie und nannten ihre Edlen, deren Glück sie ihren Sieg verdankten, nicht mehr einfache Menschen, sondern Ansen, das heißt Halbgötter.“ Dann zählt er die Stammtafel dieser Ahnen auf, an deren neunter Stelle Odwulf erscheint. („Getica“, 76, 13) Da der „Od“-Begriff, sehr gut erkennbar, die Sippenseele meinte, ist der Name der höchsten Gemeinschaftsseele, gewissermaßen als Summe aller verehrten Heldenahnen, der vergöttlichte Od bzw. (W)Odin, religionsgeschichtlich durchschaubar. Grundlage unserer Feststellung ist die Nachricht aus eddischer Mythologie vom Gotte Óð / Óðr. Der Umstand, dass er mit Óðinn nicht gleichgesetzt werden kann und als Ehemann der allgerm. Muttergöttin Feija-Freyja galt (Vsp. 25), erweist seinen Ursprung aus einer voraltnordischen, viel älteren, wahrscheinlich schon gemeingerm. Schicht. Auch Jan de Vries erklärt: Óðr ist eine alte Gottheit, aus ihm ist Óðinn hervorge­gangen. (AG II, S.87) Sein Begriff weist ihn als Seelen- und Geistgott aus, denn altn. óðr ist das Seelen­leben und wohl auch der Verstand. In Vsp. 18,4 werden dem ersten Menschenpaar die Gottesgaben zuteil: „önd gaf Oðinn, óð gaf Hœnir, lá gaf Lóðurr oc lito góða“ („Atem gab Odin, Seele gab Hönir, Lodur die Wärme und gute Farbe“). Odin-Wodan schenkt Atem/Leben/Seele, während die beiden anderen göttlichen Erscheinungs­formen, Hönir („der Schwanen­gleiche“) und Lodur („der Fruchtbringende“; germ lôdiz, altn. lôð „Frucht / Ertrag“) Geist/Seele sowie Wärme und Farbe geben. Wie wären Sinn und Seele genau zu scheiden ? Dazu schreibt der Isländer Sigurdur Nordal: „önd, óðr: Hier wird eine Unterschei­dung gemacht zwischen dem Lebens­odem und der Seele. önd bestimmt die Lebens­funktionen, ist Teil des Lebens und ist Mensch wie Tier gemeinsam. óðr ist der ,göttliche Funke‘ im Men­schen, der auf höhere Mächte zurückgeht.“ (S. Nordal, „Völuspa“, 1980, S.48) Wodan-Odin ist als Personifikation des göttlichen Funkens im Menschen zu verstehen, der germ. Genius schlechthin. So verstanden, ist auch der eddische Bericht über die dem „Gott“ Odin zugesprochene Runen-Schöpfung, erstaunlich nüchtern und stimmig. Die Schrift wurde nicht mythisch verklärend einer himmelsfernen Gottheit angedichtet, vielmehr vom germanischen Genius - dem überragenden Geist eines Ahnherrn - gewusst. Eine diesbezüglich unmissverständliche Sprache spricht die linksläufige Positionierung des runischen Begriffszeichens „Ase“ für den „a“-Laut auf 21. Stelle des Buchstabensystems. Die 21  bzw. 3X7 bedeutet den wodanisch-odinischen Weltgeist, die Vergeistigung („3“) der Welterscheinungen („7“) -; sie gilt in der Esoterik als Zahl der Vollendung, ist Summe aller Spielwürfelaugen, wird besprochen als Superzahl, als „König der Magier“. Das iranische Gebetsbuch des Avesta, der heiligen Schrift Zarathustras, umfasst sicherlich nicht zufällig 21 Yashts.

 

Die „Asen-Ahnen“-Verehrung war weder eine Erfindung des Erul, seiner Eruler, noch eine germ. Sonderentwicklung. Sie ist ein natürlicher Bestandteil vieler Religionskulturen. Doch dürften die nordjütländischen „Asen-“ und „Oden“--Ortschaften erst entstanden sein, nachdem - wie dargelegt - die regionale Asen-Religion ihre Anerkennung oder sogar Oberhand über die Wanen-Götter-Kulte gewonnen hatte -, also nach Rückwanderung der erulischen Kimbern im ersten Drittel des 1. Jh. v.0. Vor Jütlands Haustüre liegt die Insel Fünen mit der Stadt Odense, deren Ursprungsname Odins-Vi („Odins-Heiligtum“) war. Einer der ältesten Runenfunde stammt aus dem ca. 10 km entfernten Vimose („Heiliges-Moor“), einem der ergiebigsten Waffenopferplätze der frühen Eisenzeit. Es handelt sich um eine Riemenschnalle aus der Zeit um 200-250 n.0, mit der Ritzung: „Ase und Gabe. Ich, der zum Asen gehörige / kleine Ase, weihe dem Asen.“
 
 
Es ist ein bekanntes, alltägliches menschliches Phänomen, dass die Einführung von Neuerungen nicht ohne Provokationen und Widerstände seitens der Bewahrer des Altgewohnten einhergehen. Die alten Götter der nordischen Bauen und Fischer waren die himmelsgöttlichen Wanen (altnord. „Vanir“), zuständig für Witterung und Fruchtbarkeit. Sie entsprechen den schon indogerm.-vedischen „Devas“, deren Begriff inhaltlich und etymologisch mit dem germ. „tiwaz“ („Götter“) verwandt ist. Der ind. „Dyaush“ („Himmelslicht / Himmelsvater“) ist identisch mit griech. Dios-Zeus, lat. Diupiter-Ju(piter), germ. Teiwaz, Tiu, Tyr. Der Gottesbegriff wird am besten durch „Lichtbringer“ erklärt, wie auch der Begriff „Wanen“ die „Hellen“ meint -, wie altsächs. „wanam/ wanum“ die Bedeutung von „schön / glänzend“ trägt. „Vana“ heißt  im heutigen Isländisch zwar noch „traditionell“, doch „vantrú“ ist unter christlicher Verdrehung zur Bedeutung von „Unglauben“ niedergedrückt worden. Götter des Himmels wie Tiu-Tyr, des Gewitters wie Donar-Thor, der Fruchtbarkeit wie Ingo-Fro / Ingwi-Freyr und Göttinnen der Liebe und Ehe wie Freia-Freyja-Frigg, gehörten selbstverständlich ursprünglich dem wanischen Pantheon an. Wenn wir den personifizierten Ahnengeist Wodan-Odin - den schrifterfindenden Genius - in der historischen Gestalt des Erul (oder auch seinen hervorragenden Nachfolgern) gefunden hätten, wäre das Ereignis des „Vanenkrieges“, von dem die „Ynglinga-Saga“ (Kap. 4) berichtet, möglicherweise als Angriff der damals vorpreschenden jungen Wodan-Kultes gegen die Vormachtstellung der Wanen-Götter zu deuten: „Odin zog mit einem Heer gegen die Wanen, aber sie bemerkten es früh und verteidigten ihr Land, so dass keiner den andere besiegte.“ In der „Vǫluspá“ heißt es: „Den Schaft hatte Odin geschleudert ins Heer - das geschah um ersten Weltkrieg - da brach der Wall in der Asen Burg - die streitbaren Wanen zerstampften das Feld.“ Kriegerische Phasen hat die Archäologie im nordjütländischen Raum nachweisen können, denken wir nur an die massenhaften Waffenvernichtungen besiegter Heere in den Opfer-Seen von Illerup-Ådal. Manche, die nach Erklärungen für den Wanenkrieg suchten, brachten frühgeschichtliche Vorkommnisse ins Gedankenspiel. Sie meinten, die Asen mit den aus dem Osten in nordeuropäische Lebensräume der autochthonen „Megalithkultur“ einbrechenden „Schnurkeramiker“ (kupfersteinzeitliche Streitaxt-Kultur) erklären zu können. Ich bin überzeugt, auch dieser Deutungsversuch ist zu kurz gegriffen. Diese beiden geschichtlichen Turbulenzen, mögen sich wohl als mythologische Komplexe in der Volkserinnerung verfestigt haben. Der sogenannte „Asen-Wanen-Krieg“ aber ist - schon aufgrund seiner Begriffsbildung - als ein geschichtlicher nordischer Religionskrieg zu deuten sein. 
 
 
Himmlische und chthonische Mächte
 
 
Doch der uralte Gegensatz zwischen den beiden „Götter“-Gruppen, den himmlischen Lichtmächten und den urväterlichen Schattenwesen, ist ein tieferer: „Grundsätzliche Vorstellungen innerhalb einer Religion, die sich zu Mythen von Kämpfen verdichten können oder müssen, begegnen tatsächlich in vielen Religionen, sei es der Gegensatz zwischen himmlischen und chthonischen Mächten, zwischen hellen und dunklen, sommerlichen und winterlichen Gewalten, oder auf einer vergeistigten Stufe zwischen gutem und bösem Prinzip.“ (HWA, S. 66) Man müsste schon sehr willkürlich und unwissenschaftlich die indogerm. Deckungsgleichheiten von alteranischen, indoarischen und germanischen Mythologien übersehen, wollte man den Wanenkrieg isoliert besprechen. Die Auseinadersetzung in den mythischen Zeugnissen bei den drei indogerm. Völkern ist die gleiche, allein der Ausgang gestaltet sich unterschiedlich. Erscheinen die „Asuras“ („Gegner der Lichtwesen“) im Rigveda der altindischen Religion noch unter Bedeutungen von „göttlich / guter Geist / höchster Geist“, so sanken sie als Gegenspieler der lichtvollen „Devas“ im Hinduismus zu bösen Geistern ab. Sie gelten nicht als reine Höllenwesen, sondern als Geister von üblem Charakter, als überehrgeizige, eifersüchtige und neidische Kreaturen, welche die Lichtgötter zu schädigen versuchen. Bei den eranischen Nachbarn Indiens spielten sich gegenteilige Vorgänge ab. Sie kannten neben den „Ahuras“ (Herren) die „Daevas“ (Lichtgötter). Mit der Glaubensreform des Zarathustra wurde die „Horde der Daevas“ zu unheilvollen Teufeln erklärt, während „Asha / Aša“ als das „gutes Denken / Recht / Wahrheit / Weltgesetz“ bedeutet wurde -; die Wahrheit „Asha“ steht allerorten und in jedes Menschen Brust gegen die Lüge („Druj“ = Trug). Der zoroastrisch-eranische Schöpfergott ist Ahura-Mazda (Weisheits-Herr), dessen Wort ahura ist mit dem altind. asura verwandt ist. Wie derurgerm. Begriff für ahnenväterliche Halbgötter ansu-, spätgot. aza, aisl. áss zu erklären wäre, scheint also der Neigung des Betrachters überlassen. Doch die Meinung von Jan de Vries ist richtungweisend: „Die mir am meisten zusagende Etymologie verbindet das Wort mit ai. asu-, av. anhu ,Leben’, die wieder zur selben Sippe wie lat. anima ,Seele’, got. usanan ,ausatmen’ gezogen werden. Das Wort asu bedeutet aber nicht einfach ,Lebenshauch’ oder ,Lebenskraft’ sondern ebenso die Psyche, die entkörperte Seele, und zwar sowohl zu Lebzeiten in Zuständen der Bewusstlosigkeit als auch nach dem Tode.“ (VGR II., § 346)
 
 
Während demnach aus der Diskrepanz der Verehrung von Himmelslichtgöttern und dem Ahnenkult im hinduistischen Indien die lichtgöttlichen Daevas als Sieger hervorgingen, während im zoroastrischen Altpersien die verehrungswürdigen Ahnen triumphierten, kam es im germ. Raum schließlich zu einem Ausgleich beider Kultkreise und zu einem toleranten Nebeneinander her bestehen beider Verehrergruppen, wie wir es auch noch für die nordgerm. Landnahmezeit Islands (874-930) beobachten können. Die Berichte Snorris, die Historie, sowie die Sprache des ODiNG-Futhark bezeugen übereinstimmend das letztlich friedliche Zusammengehen. Der rücksichtsloseste und unwürdigste Terror gegen Andersdenkende scheint im Norden erst mit der „Kristung“ begonnen zu haben. Wovon unter vielen anderen Beispielen das herausgegriffen sei: Der christliche Norwegerkönig Olaf Tryggvisson warb i.J. 998 um die schwedische Königin „Sigrid die Stolze“, verlangte aber, sie müsse sich vorher taufen lassen, um Christin zu werden. Sie antwortete auf das Ansinnen: „Niemals werde ich den alten Glauben aufgeben, den ich und alle meine Gesippen vor mit hatten. Doch will ich auch mit dir nicht darüber rechten, wenn du an den Gott glaubst, der dir gefällt.“ Der Berichterstatter schreibt: „Da ergrimmte der König und rief: ,Wie sollte ich dich heiraten, du heidnische Hündin und er schlug ihr mit seinem Handschuh ins Gesicht.’“ („Heimskringla“ Kap. VI.)
 
 
GERMANISCHES GEMEINSCHAFTSBEWUSSTSEIN

 

Die schnelle Verbreitung der Runenschrift im Kreis der germanischen Völkerfamilie war möglich weil die Sprachbarrieren zwischen den einzelnen Volksgruppen keine gravierenden Probleme verursacht haben können. Man verstand sich. Man war sich über die gemeinsame Abstammung im Klaren, zumindest müssen es die godischen Wissens- und Funktionsträger gewesen sein. Es galt ein natürlicher germanischer Ethos, der innervölkischen Rücksichtnahme. Der Gotenkönig Ostrogotha lässt dem Gepidenkönig Fastida ausrichten, es sei gottlos gegen Verwandte zu kämpfen Jordanes („Getica“, 94-100). Mit Recht wird für den Nachweis eines germanischen Volksbewusstseins die Stelle bei Cornelius Tacitus („Germania“, 39) angeführt, wo er von der Sonderstellung der Semnonen schreibt: „Als ältesten und vornehmsten Stamm der Sueven rühmen sich die Semnonen. Der Anspruch auf hohes Alter findet seine Stütze in einem religiösen Gebrauch. Zu bestimmter Zeit vereinigen sich sämtliche stammverwandten Völker in der Person von Abgeordneten in einem durch der Ahnen Weihe und die Schauer der Vorzeit geheiligten Wald und feiern da mit einer öffentlichen Opferung […] Durch dieses ganze Treiben geht die Anschauung, dass hier die Wiege des Volkes, hier der allbeherrschende Gott, alles andere untergeordnet und abhängig sei. Bestärkt wird diese Vorstellung durch die äußeren Verhältnisse der Semnonen; in hundert Gaue teilt sich ihr Gebiet und im Bewusstsein dieses gewaltigen Ganzen betrachten sie sich als Haupt des Suevischen Stammes.“ - Dass Germanen nicht anders als wir Heutigen vaterländisch empfinden konnten, geht aus Schilderungen des Tacitus in seinen „Annalen“ (2,5-10) hervor, wo es um die letzten Unternehmung des röm. Feldherrn Germanicus i.J. 16 n.0 an der Weser geht. Der national gesinnte germ. Freiheitsheld Armin-Hermann spricht über die Weser hinweg mit seinem im Römerheer dienenden Bruder Flavus (Blonder), der als röm. Soldat ein Auge verloren hat. Flavus erklärt dem Bruder wie es zu dem Verlust kam und welchen Lohn er von den Römern dafür erhielt. Arminius spottet über solch „elenden Lohn der Knechtschaft“. Darauf geriet die Unterhaltung der Brüder zum Streitgespräch. Tacitus schreibt: „Nun begannen sie in entgegengesetztem Sinn, dieser von Roms Größe, von der Macht des Caesar und den schweren Strafen der Besiegten: Wenn Arminius sich freiwillig unterwerfe, dürfe er auf Gnade hoffen; auch seine Gattin und sein Sohn würden nicht feindlich behandelt. Jener weist auf die heiligen Ansprüche des Vaterlandes, auf die angestammte Freiheit, die heimischen Götter Germaniens, auch auf die Mutter, die ihre Bitten mit ihm teile: er solle doch nicht seine Nächsten und Verwandten, ja das ganze Volk, im Stich lassen und verraten, statt ihr Führer im Krieg zu sein.“ Die beiden vermochten sich nicht zu einigen, so wenig wie sich Patrioten und Volksverräter - beide sicherlich aus wohlerwogenen Gründen - jemals verstehen und akzeptieren konnten. - Wir oben bereits kurz erwähnt, schildert in seiner „Gotengeschichte“ (94-100) der Gote Jordanes wie der Gepidenkönig Fastida sein Volk ohne wirklichen Grund zum Kampf ruft, wie er die Burgunder fast bis zur Vernichtung schlägt und wie er, hungrig nach Landerwerb, auch an die Goten Forderungen stellend mit Krieg droht. Jordans kommentiert: „Und verletzte so das frühere Bündnis der Blutverwandtschaft durch seine unerträgliche Streitsucht.“ Der Gotenkönig Ostrogotha antwortet dem gepidischen Gesandten, „er verabscheue zwar einen solchen Krieg; es werde ihn hart ankommen, und es sei durchaus gottlos, mit Verwandten zu kämpfen…“ Diese Beispiele sprechen für sich, sie erweisen ein völlig intaktes, normal entwickeltes Volksbewusstsein der Germanen. Dass derartige Quellen nicht reichlicher fließen liegt allein daran, dass durch das imperiale Rom und den darauffolgenden nicht weniger imperialen Katholizismus die in Konkurrenz stehenden nationalen Lebensgefühle und Weltverständnisse unterdrückt wurden und die internationalistischen Unterdrücker in aller Regel die Geschichte schrieben. Das germ. Gemeinschaftsgefühl, das Wissen um gemeinsame Abstammung und Wesensart hat politische Gemeinschaften nie davon abhalten können, gegeneinander gerichtete Vorteilssuche zu betreiben, bis hin zur kriegerischen Auseinandersetzung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Bewusstsein von gleicher Art und Herkunft zu sein war nie so bestimmend, dass daraus ein Kriegstabu bzw. ein Friedensgebot hätte abgeleitet werden können. Aber der weitblickende gotische Herrscher „Theoderich der Große“ (451-526) trug sich mit der Konzeption eines großgermanischen Völkerbundes, was hinlänglich das germanisch-arianische Gemeinschaftsbewusstsein unter Beweis stellen dürfte. Folgerichtig waren es die katholischen Frankenkönige, die sich verweigerten und aufgrund ihres religionsbedingten Herausgebrochenseins, jegliche Rücksichten auf Blutsbande als überholt erachtet haben. Könnten vorangegangene Kämpfe zwischen germ. Stämmen, noch ein schlechtes Gewissen zu verursachen fähig gewesen sein, so gab der neue päpstlich ausgerichtete Glaube die Legitimation für jeglichen Brudermord, von dem gerade die fränkisch-christliche Geschichte so übervoll ist.
 
 
 
ERZVATER ERUL - DER RUNENSCHÖPFER
 
 
Wenn wir davon ausgehen müssen, dass keine Religion vom Himmel fällt, dass an jedem Beginn einer mehr oder minder fest umrissenen Welt- und Gottesbetrachtung das schöpferische Gehirn eines Menschen steht, dann ist es legitim in den auf uns gekommenen Quellentexten nach Passagen zu fahnden, welche uns konkrete Nachrichten über diese Person - möglicherweise versteckt und verschleiert tradiert - liefern könnte. Etliche Religionsgründer blieben namentlich bekannt, wie ein Zarathustra, Amenophis-Echnaton, Moses, Pythagoras, Lao-Tze, Konfuzius, Saul-Paulus, Mani, Mohammed. Den Schöpfer der runischen Wodanreligion meinen wir im kimbrischen Germanen Erul erkannt zu haben. Ohne charismatisches Beeinflussungsvermögen und schamanische Fähigkeiten würde ein solcher Mann keine Breitenwirkung erzielen können. Der von ihm gepredigte Heroen-Gott wird eindeutig als Ahnengeist definiert, nicht als überirdischer Lichtgott, von der Art indogerm.-germ. Wanen-Götter, vielmehr als menschlicher Ahnherr, der aufgrund seiner übermenschlichen Leistungen zur Vergöttlichung gelangte. So wie es Jordanus von den Goten berichtet: „Weit und breit siegten sie und nannten ihre Edlen, deren Glück sie ihren Sieg verdankten, nicht mehr Menschen, sondern Ansen, das heißt Halbgötter.“ („Gotengeschichte“, XIII.) An der asen-religiösen Spitze stand die vom wodanischen Geist inspirierte Person Eul. Er selbst müsste im Kern der mythischen Verklärung zu finden sein, wenn wir sie Schale für Schale abheben könnten. Dass ein Verkünder für die Späteren mit dem von ihm gepredigten Gott zunehmend in eins gesetzt wird, wäre in der Religionsgeschichte durchaus kein Novum. Das noch aktuelle Beispiel liefert der Christianismus, wo aus dem reformatorischen galiläischen Wanderprediger Jeschua-Jesus die nachfahrenden Anhänger exakt jenen Gott gemacht haben den er gepredigt hatte. Wenn wir die Berichte - zumindest Teile daraus - über Wodan-Odin, die der Isländers Snorri Sturluson (1179-1241) für sein „Norwegisches Königsbuch“, das wir „Heimskringla“ (altnord. „Weltkreis“) nennen, sammeln und der Nachwelt erhalten ließ, auf den Gottesverkünder Erul übertragen, bewegen wir uns jedenfalls eher in der Realität, als wenn wir sehr menschlich wirkende Berichterstattungen einer Gottheit andichten. Snorri schöpfte aus Textsammlungen des isländischen Historikers Sæmund Sigfússon, alten skandinavischen teils mythischen, teils historischen Lokalsagen, „Denkmälern“ und „Altertümern“, die in den Turbulenzen des 17. Jhs. untergegangen sind. Hören wir nicht in der 1230 geschriebenen, von Snorri veranlassten Textsammlung, die im alten Norden weitererzählten Beschreibungen des Odin-Verkünders Erul heraus ?!
 
 
„Das Land … nannte man ,Asaland’ oder ,Asaheim’, und die Hauptstadt des Landes hieß ,Asgard’. In der Burg lebte ein ,Höfðingi’ [Oberhaupt] namens Odin. Dort war eine große Opferstätte. Es war dort Brauch, dass zwölf ,Hofgodar’ [Tempelpriester] als oberste Goden galten. Sie hatten die Opfer zu leiten und unter den Männern Recht zu sprechen. Man nannte sie ,Diar’ oder ,Drottnar’. Denen musste alles Volk Dienste undVerehrung erweisen. Odin war ein großer Kriegsmann und wanderte weit umher. … Er war so siegreich, dass er in jedem Kampfe die Oberhand gewann. Daher kam es, dass die Menschen glaubten, er müsse seiner Natur nach in jeder Schlacht den Sieg gewinnen. Es war seine Gewohnheit, wenn er seine Mannen zum Kampf oder zu einer Fahrt aussandte, ihnen vorher die Hände aufs Haupt zu legen und seinen Segen zu erteilen. Sie meinten dann eine glückliche Fahrt zu haben. … In jener Zeit zogen die Römerhäuptlinge umher und unterwarfen sich alle Völker. Viele Häuptlinge aber flüchteten vor diesen Kriegsunruhen von ihren Besitzungen. Da aber Odin zukunfts- und zauberkundig war, wusste er, dass seine Nachkommen im nördlichen Teil der Erde herrschen würden. … Als der Asen-Odin mit dem ,Diar’ in das Nordland kam, wird als wahr versichert, dass sie zuerst die Künste und Fertigkeiten ins Land brachten und lehrten, die die Menschen später ausübten. Odin war der vornehmste von allen, und von ihm lernten sie alle Künste und Fertigkeiten, denn er war der erste der sie konnte, und überdies mehr als die anderen. Es muss auch erwähnt werden: er war so schön und edel von Ansehn, wenn er unter seinen Freunden saß, dass jedermann das Herz im Leibe lachte. War er aber auf Kriegszug, dann erschien er seinen Feinden gar furchtbar. Der Grund war, dass er die Kunst verstand Aussehn und Gestalt nach Belieben zu wechseln. Dazu kam, dass seine Rede so gewandt und glatt war, dass alle die ihr lauschten, meinten, sie allein wäre wahr. Er sprach alles in Reimen, wie dies noch jetzt in der Kunst geschieht, die man Skaldendichtung nennt. Odin und seine Tempelpriester heißen Liederschmiede, weil diese Kunst des Dichtens von ihnen in den Nordlanden ausging. Solche Macht hatte Odin, dass er in der Schlacht seine Feinde blind oder taub machen konnte oder vor Schrecken wie gelähmt, und ihre Waffen schnitten dann nicht mehr als Ruten. Aber seine eigenen Mannen gingen ohne Brünnen, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. … Auch besaß er zwei Raben, die er gezähmt hatte, so dass sie sprachen. Die flogen weit über die Lande und erzählten ihm manche Botschaft. Durch alles dies wurde er wunderbar weise. Alle diese Künste lehrte er durch Runen und solche Lieder, die man Zauberweisen nannte…Die meistern seiner Künste aber lehrte er den Opferpriestern, und sie kamen ihm in Weisheit und Zauberkunde am nächsten. … Aber dem Odin und diesen zwölf opferten die Menschen, und sie nannten sie ihre Götter und glaubten noch lange nachher an sie.…“ (Ynglingasaga, 2-7) Es wurden Bedenken erhoben, die isländisch-christlichen Theologen - möglicherweise schon „Ari der Kluge“ - hätten mit derartigen Texten versucht, die heidnischen Götter als historische Personen zu rationalisieren. Das ist hinsichtlich Wodan-Odin nur schwerlich zu glauben und wäre kein treffendes Argument, denn der Altglaube hat ihn ursprünglich selbst als halbgöttlichen menschlichen Helden-Urahn verstanden. Erst im Verlauf seiner religionsphänomenologischen Entfaltung gelangte er zur Machtfülle eines „Allvaters“, so dass schon vor Sammlung und Niederschrift der Texte unterschiedlichste Stufen nebeneinander bestanden haben müssen und weitererzählt wurden. Die Ausbreitung des Odin mit seinem Asenkult soll, dieser Quelle zufolge, zu der Zeit geschehen sein, als die Römerhäuptlinge“ umherzogen und die Völker unterwarfen -, also zur römischen Kaiserzeit. Wenn wir den Ahnenführergott Odin, die verehrte Inkarnation der Ahnenseele, mit Runenvater Erul gleichsetzen, erklärt sich der Mythus auf historisch verständliche Art und Weise. 
 
 
Erul muss diese Auseinandersetzungen der nordischen Religionsbekenner nicht unbedingt höchstpersönlich erlebt haben, aber einer seiner nachfolgenden Hauptleute und Namensträger. Wenn Erul ein Junge war, der während der Kimbern-Wanderschaft zur Welt kam und zur Zeit der Niederlage seines Volkes im Jahre 101 v.0 bei Vercellae, um die 14 Jahre alt gewesen wäre, dann war er während der siegreichen Schlacht von Mutina (72 v.0) im besten Mannesalter von 43 Jahren. Und zur Zeit der Ariovist-Niederlage von Mühlausen am Rhein (58 v.0.) stand er im 57-sten Lebensjahr. Er könnte also noch von der Ermordung Cäsars im Jahre 44 v.0 gehört haben -, da wäre er ein 71-Jähriger gewesen. Auch von Augustus, dem ersten römischen Kaiser (63 v.0 - 14 n.0), könnte er Berichte vernommen haben, ebenso wie von Kleopatra (69 v.0 - 30 v.0). Bei deren Tod wäre er ein Greis von 85 Jahren gewesen. Bekanntlich stand das Greisenalter in höchster Achtung. Die nordischen Spartaner schätzen es so sehr, dass sie nur den über 60-jährigen Zugang zum politisch bedeutenden Ältestenrat, der „Gerusia“, gestatteten. Homer berichtete in seiner „Ilias“ von Nestor, dem achtzigjährigen Fürsten von Pylos (Hafenstadt des Peloponnes), der ein Ratgeber König Agamemnons war. Er verkörpert in der Überlieferung den klassischen Greis, der aus der Weisheit seines Alters schöpft und mit seinem Rat als „Wissensspeicher“ den Jungen zur Seite steht. Ähnlich können wir uns auch ein wenig schwärmerisch den Erul ausmalen, als würdigen, welterfahrenen Runenmeister.
 
 
Die Runen sind ein kompliziertes, erklügeltes, theosophisches Ordnungssystem in der Art eines filigranen, gotischen Maßwerkes, bei dem ein Stein den anderen stützend bedingt. So etwas schafft man schwerlich auf Reisen -, das ist viel eher das reife Alterswerk eines vielwissenden Genies. Die Runen werden vom würdigen, anerkannten Gemeindeführer in Asaland-Kimberland, dem „Höfðingi“ (Oberhaupt) und „Hofgodar“ (Tempelpriester) Erul seinen „Erilari“, den godischen Meisterschülern, zunächst als geraunter Weisheitsschatz der erulischen Gotterkennnis anvertraut und vom Vater auf den Sohn immer weitergereicht worden sein, denn „Runo“ heißt Geheimnis. Erul schuf und vervollständigte höchstwahrscheinlich erst in seiner kimbrischen Heimat das runisch erklärte Glaubenskonzept in der genialen Kürze des nur 24 Buchstaben-Bausteine umfassenden Ordnungsgefüges. Er vergesellschaftete die Lautbuchstaben mit den sie tragenden Zahlensymbolismen, Runen-Begriffen und luni-solaren Kalenderpositionen der Jahresmondstände, in einer Weise des Schriftdenkens das uns heute völlig fremd ist -, doch den Griechen sehr vertraut war, deren 24 Buchstaben ja Laute waren und ebenso Zahlen. (RS S. 62) Auch die Einteilung in 3 Gruppen zu je 8 Runen, altnord. ættir geheißen, übten schon die Griechen.
 
 
Der dem Vorgang einer Schrifterfindung zugrunde liegende erste Gedankengang ist mit hoher Sicherheit nicht der profane Wunsch, ein praktisches Verständigungsmittel zu schaffen, sondern ein Medium für den Transport von etwas Höherem. Das mag uns areligiösen Heutigen seltsam vorkommen, doch geistiges Schöpfertum von solchen Ausmaßen war in antiker Zeit immer religiös motiviert. Die Vorstellung, dass eine neue Heilslehre eines neuen, würdigen, auf sie zugeschnittenen schriftlichen Transportmittels bedarf, ist aber auch für uns noch ohne weitere Erklärungen verständlich. Das war der Anlass, dass der Halbgote Wulfilas eine Missions-Schrift für die Goten schuf, ebenso wie der Byzantiner Kyrill (oder ein Vorgänger) die kyrillische Schrift und Sprache (Glagolitisch) für die Großmährische Mission erfand. Im entgegengesetzten Sinne war es auch nur folgerichtig, dass die christliche Mission die heidnischen Runen für ihre Umerziehungszwecke möglichst mied und nach ihrem Erstarken bis zur gänzlichen Verteufelung bekämpfte.
 
 
Wie und wie rasch sich der Übergang von einem religiösen Glaubenshort zur Mitteilungsschrift der Eingeweihten und weiter zur auch profanen Gebrauchsschrift vollzogen hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Eruls Anhänger, die Gefolgsleute, die schreib- und lesebefähigten Erilari werden als Eruli / Eruler / Eriler / Heruler sich nach ihrem charismatischen Gründer und Großmeister genannt haben, oder zu Beginn von Außenstehenden so bezeichnet worden sein. Sie operierten wie keine zweiten Germanentruppen in den gesamten germanisch überschauten und beeinflussten Gebieten. Mit dem neuen Welt- und Selbst­verständnis ver­breitete sich die runische Schrift und der Wodan- / Wodin- / Odin-Glaube innerhalb der germanischen Völkerfamilie. Zweifellos ist in einem gewissen Umfang auch Lite­ratur in dieser Schreib­technik ent­standen -; wir ersehen es anhand der restlich auf uns gekommenen, auch optisch gefälligen Zeugnisse aus dem hochmittelalterlichen Skandinavien. Dort war man überzeugt, dass diese Schrift seit Urgedenken Teil des nordischen Besitzstandes sei. Aus dem Geschichtswerk des letzen Bischofs für Schweden, Johannes Magnus (1488-1544), erfahren wir, dass nach der Sintflut schon der erste heidnische König des „milden edlen Götavolkes in den Runen eine Schrift besaß, die ebenso alt, wenn nicht älter als die große Flut ist“. Höchst betrüblich wirkte sich der oft genug gewaltsame christliche Glaubensumbruch aus. Sicherlich sind die vom Frankenkö­nig Karl (Einhards „Vita Karolingi Magni“, Kap. 29) einge­sam­melten Volkslieder, -sagen und -mären durch seinen pfaffen­hörigen Sohn, dem frömmelnden Ludwig (778-840), wohl als „heidni­sches Teufelswerk“ verbrannt bzw. an die hassvollen Mönche und ihre vatikanische Zentrale nach Rom ausgeliefert worden. Das wird zwar selbst noch von heutigen allerchristlichsten Bannerträgern in Abrede gestellt, doch welchen anderen Grund sollte es dafür geben, dass sie damals verschwanden ?! Der Ludwig-Biograf Thegan vermerkte („Gesta Hludowici“, Kap. 19): „Die heidnischen Lieder / Gedichte, die er [Ludwig] in seiner Jugend gelernt hatte, verachtete er und wollte sie weder lesen noch hören noch lehren.“
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