IV. Erschütterung und Glaubensreform

Copyright © Gerhard Hess

 

Erschütterung und Glaubensreform

 

Der Spartakus-Aufstand mag nach der siegreichen Schlacht von Mutina etlichen größeren und kleineren kimbrisch-teutonischen Gruppen die Möglichkeit zur Flucht in und über die Alpen, aus dem unmittelbaren Machtbereich Roms eröffnet haben. Das Ansehen ihres vormaligen indogerm. Hoch- und Himmelsgottes Teiwaz-Tiu hatte eine bleibende Erschütterung erfahren -; wer mochte noch zu ihm beten, wer sollte noch auf ihn hoffen ?! Die wahre, nämlich die seelisch-geistige Befreiung dieser gedemütigten, in die zumeist schauerlichen Abgründe der röm. Sklaverei hinab gedrückten Menschen, aber geschah erst in dieser Doppelschlacht, in der zwei konsulische Armeen in einem Tagesverlauf zerschmettert wurden. Sie siegten recht plebeisch, alle höhere Weihen entbehrend, ohne Magier- und Matronen-Sprüche, ganz ohne den früher erbetenen höheren Beistand des „himmlischen Schlachtenlenkers“-, allein im Vertrauen auf die eigene Kraft, auf die Kraft die im Blute liegt, in dem die ewige, willensstarke Sippenseele der Ahnen haust. Da musste nur einer kommen, mit Energie, mit theologischem Wissen und Verstand, der die neue Situation in diesem Sinne auszudeuten begann. Nach meiner Arbeitshypothese war es Runenvater Erul. Wann er begann, zu lehren, Zuhörer zu finden und erste Gläubige um sich zu scharen, die sich als Vervielfältiger des jungen, energischen Ahnen-Asen-Wodan-Kultes eigneten, wissen wir nicht -, wir kennen nur die Zeugnisse ihres Glaubens und Wirkens. Aus der Verzweiflung - verursacht durch Niederlagen - erwächst das Infragestellen bisheriger Denkmuster und der Wille zur reformerischen Neuausrichtung. Das Ausschauen nach funktionstüchtigeren, religiös gesuchten Hilfsmächten, kann für die überlebenden Kimbern-Teutonen erst zaghaft einige Zeit nach dem Schrecken der verlorenen Schlachten (102 / 101 v.0), mit dem folgenden Grauen der sich anschließenden Selbstmorde und Ermordungen ihrer fast gesamten Frauenschaft, begonnen haben. Der vage Gedanke, für das eigene Nordvolk, eine seiner Sprache angepasste Schrift zu entwickeln, könnte dem scharfsinnigen Erul schon vorher, während des Alpendurchmarsches - und dem damit verbundenen Kennenlernen des Mediums Schrift - gekommen sein. Doch die psychischen Kräfte für solche Neuschöpfungen und die Fähigkeit - im Besonderen auch die Legitimation für eine erfolgreiche Verkündigung - kann einzig kommen aus dem Erlebnisrausch eines Sieges -, in Eruls erahnter Biographie, aus dem Triumph von Mutina, 72 n.0. Im späteren Christianismus war es die Lüge von der angeblichen „Auferstehung des Gehenkten“ -, im Wodanismus war es die temporäre Wahrheit von der „Auferstehung der Verlorenen“

 

Um das Jahr 71 v.0 hatte der niederdeutsch-suebische Heerführer Ariovist, auf einen Hilferuf seitens der keltischen Sequaner und Arverner hin, mit 15.000 Mann den Oberrhein überschritten und rückte in Gallien ein -, sicherlich auch motiviert durch die innenpolitischen Probleme Roms mit dem Sklavenaufstand. Ariovists Waffenbedarf muss entsprechend groß gewesen sein. Leicht erklärlich wäre, dass, um den Waffennachschub zu sichern, Ariovist, welcher über gute gallische Sprach­kennt­nisse verfügte, in zweiter Ehe die Schwester des norischen Königs Voccio geehelicht hat. Die Noriker waren ein keltischer Stammesverband dessen Hauptsiedlungsgebiet sich im heutigen Unterkärnten befand. Sie verfügten über bedeutende Eisenlagerstätten und Goldvorkommen, sie waren berühmte Metallurgen bzw. Schmiedekünstler, ihr wichtigstes Exportgut war der wegen seiner Härte und Elastizität gerühmte norische Stahl, den sicherlich auch Ariovist für seine kriegerischen Unternehmungen in Gallien geschätzt und benötigt haben mag. Die Noriker standen als Waffenlieferanten in einem vertraglich freundschaftlichen Verhältnis mit Rom. Noch im Jahr 49 v.0 bezeugte der norische König Voccio Rom seine Verbundenheit, indem er Julius Cäsar für den Bürgerkrieg 300 Reiter zur Verfügung stellte. Auch Ariovist trat schon im Jahre 62 mit Rom in freundschaftlichen Kontakt, so dass der römische Senat ihn im Jahre 59, auf Cäsars Empfehlung, mit der Ehrung „amicus populi romani“ (Freund des römischen Volkes) auszeichnete. Es scheint so, dass man Geschenke austauschte. Plinius berichtet von 62 v.0: „Während des gallischen Prokonsulats des Q. Metellus Celer schenkte ihm der Suebenkönig [sicher Ariovist] einige Inder, die, um Handel zu treiben, aus Indien gekommen, durch Stürme aber nach Germanien verschlagen waren.“ Auch der Geograph Pomponius Mela erzählte das Gleiche. Wo diese Inder an den germanischen Küsten gelandet sein könnten, bleibt höchst unerklärlich. Probleme entstanden erst als auch Rom, in Gestalt des Feldherrn Julius Cäsar, begehrliche Blicke auf Gallien zu werfen begann. Ariovist hatte Cäsar in einer Verhandlungsfolge antworten lassen: „Wenn er wolle, so solle er kommen; er werde merken, was unbesiegte Germanen, völlig in den Waffen geübt, die während 14 Jahren kein Dach über dem Kopf gehabt hätten, an Tapferkeit ausrichten.“ („De bello Gallico“, 36) Im Jahre 58 v.0 wurde Ariovists, aus sieben Germanen­stämmen bestehendes Heer, geschlagen -; vier Jahre darauf vernahm man die Klage über den Tod des  „rex Germanorum“ . Die beiden Armeen waren im oberen Elsaß aufeinander gestoßen, tragischerweise kämpften auch hier bereits - wie so oft in der Folgzeit - germanische Truppenteile auf römischer Seite. Die Schlacht ging aus Glaubensgründen verloren, besser gesagt, durch einen Aberglauben, der sich an den Wechsel in der Erscheinung des Mondes knüpfte. Die weisen Volksmütter hatte Ariovist befragt und die weissagten Unglück, wenn man vor dem nächsten Neumond einen ernstlichen Angriff begänne. Das erfuhr Cäsar durch einen gefolterten Gefangen, begann das Treffen und triumphierte schließlich. Nach dieser Niederlage dürfte folgerichtig auch der Nimbus des Matronenkultes höchst angekränkelt gewesen sein. So sah die religiöse und politische Großwetter­lage in der weiten Germanika aus.

 

Der keltisch-germanische Mütterkult, der sich an göttlich verehrte Frauen richtete, „Matronenkult“- begrifflich von lat. mater „Mutter“, matrona „Familienmutter - Dame“ - zeigt seinen Niederschlag in Gestalt von über 800 gefundenen Matronensteinen“, / „Matronenheiligtümern“ mit bildlichen Darstellungen einer weiblichen Dreiergruppe und lateinischen Inschriften. Vorhanden sind sie ausschließlich in den keltischen und gallo-germanischen Siedlungsgebieten des röm. Imperiums und seines Einflussgebietes, wie der Provinz Niedergermanien, Gallien, Nordspanien und Norditalien, massiert aber allein im südlichen Rheinland. Verständlich ist, dass die röm. Regionalverwaltungen diesen harmlosen Fruchtbarkeitskult tolerierten oder sogar forcierten, während er im freien Germanien ohne Nachhall blieb. 

 
 
Das Buch „Heerkönig Ariovist“ von Karl Hans Strobel erschien 1927. Darin gibt es die Stelle wo der suebische Schmied Willo über den Regenbogen- und den Dampfkesseleffekt sinniert. Er spricht zu einem Kelten: „Es ist das Gleiche oben wie unten, der Regenbogen wie dieser Streif, aber der Wege, auf denen das Geheimnis sich offenbart, sind unendlich viele. Wir fassen nur die Bilder dessen was wirklich ist. Und Kräfte sind, denen wir noch keinen Namen wissen Warum zieht der Bernstein, wenn du ihn an der Hose reibst, kleine Schnitzel an, Späne, Strohhalme ? Wie nennt sich die Kraft, die in dem Bernstein sitzt ? Eure Druiden sind voll Weisheit, sie lehren ihre Schüler erhabene Gesänge, uralte Kunde, die aus Britannien kommt, pflanzen sie fort und sie haben Namen für ihre Götter, wie wir für die unseren. Was sind aber diese Götter die euren wie die unseren ? Sie sind Namen für die Kräfte, die ihr kennt und die wir kennen, für die Kraft des Frühlings, die mit Grün und Blüten die Erde schmückt, für die Kraft des Sommers, die Früchte heranreift, für die lodernde Kraft des Gewitters. Wie aber heißen die unbekannten Kräfte, von denen Himmel und Erde voll sind ? Ich sage dir, es sind noch eine Menge unbekannter Götter, denen wir keine Namen wissen, und alle zusammen beruhen vielleicht in einem ganz großen unbekannten Gott, fern und hoch über ihnen, so wie diese sieben Farben in dem einen Sonnenlicht beruhen. […] Wasser und Feuer scheinen sonst Feinde, aber hier sollst du sehen, wie Feinde, richtig behandelt, zu gemeinsamem Wirken zu vereinen sind. Es steckt ein Geist in dem Wasser, ein starker Geist, der durch Feuer erlöst wird. Wer sieht es dem Wasser an, wenn es über Steine springt oder in dunklen Teichen ruht ? Und dennoch schläft diese Kraft in ihm, der wir keinen Namen wissen, ein Teil des unbekannten Gottes. In unseren Runen steckt tiefe Weisheit. Von einer Dreiheit aller Dinge wissen sie, eine Dreiheit beherrscht das All, und Oben wie Unten sind darin gleich. Entstehen, Walten und Vergehen. Und immer das Dritte, ist das Unbekannte. Du hast das Sonnenlicht und das kantige Glas, das Dritte gesellt sich dazu, das vordem nicht war, der Farbstreif. Du hast Feuer und Wasser und siehe, schon pocht die unbekannte Kraft an ihr Gefängnis.“ K.H. Strobel hat es in seiner Beschreibung gut erfasst, das damalige Offensein und Suchen nach einer neuen, unbekannten Gottheit, so dass die Verkündigung Runenvaters Eruls und seiner Glaubensbrüder und Schwestern auf weit geöffnete Ohren traf, wenn sie vom großen Geistgott Wodinaz predigten, der asischen Ahnenseelenmacht, dessen 21. Zauberrune sich zur hochgöttlichen Kernsumme 3 reduzieren lässt.

 

Vielfältige Loszeichen, Orakelstäbe und Sinnmale benutzte man, aber einen Buchstabenverbund im Sinne eines weltanschau­lich-religiösen, durchmathematizierten Schriftsystems, das brachte nun erst der Runen-Wizzodari Erul bzw. seine erulischen Schüler und Gefolgsleute in der darauffolgenden Zeit nach Germanien. Die wahren Schüler des Glaubensreformators Erul empfanden sich - wie wir den Quellen unschwer entnehmen können - als gottgeisterfüllte, weltläufige Sucher, Denker, Wissensfanatiker und gleichzeitig, ihrem göttlichen Vorbild Wodan / Wodin / Odin folgend, als wehrwillige, berserkerhafte Krieger des Wutrausches. Dass der Kampf als ein kultisches Sichgottausliefern, als zutiefst religiöses Gottesgericht und -opfer verstanden wurde, erkennt man an den übereinstimmenden Berichten der Historiker Prokop und Paulus Diakonus, die Heruler des 5. und 6. Jhs. seien ohne Schutzwaffen, nur mit einem Lendenschurz bekleidet in die Schlacht zogen. Ein Ähnliches ist von einigen der schon früher beschriebenen keltischen Kriegerverbänden bezeugt, „die ihre Kleidung aus Eitelkeit und kühnem Mut wegwarfen und so unbekleidet, bloß mit den Waffen angetan, in der ersten Reihe standen.“ („Polybios“ II. 28) Für sie „besaß der Kampf in Verbindung mit ihrem Glauben an die Seelenwanderung offensichtlich eine rituelle Dimension; und so trug z.B. auch der rauh tönende Klang der Blasinstrumente dazu bei, dass sich die Krieger fast wie in einem Rausch mit Todesverachtung in den Kampf stürzten, der ihnen Gelegenheit bot, ehrenvoll ins Jenseits zu gelangen.“ (S. Sievers „Krieger der Latènezeit“, 1993, S. 57 in „Das kelt. Jahrt.“) Diese herulischen Jünglinge waren keine primitiven Raufbolde und Totschläger, sondern so ganz dem Ideal des edlen Helden mit Leier und Schwert verfallen, wie er sich - der Zeit anpassend - bis hin zu den hochmittelalterlichen Minne­sängern erhielt. Noch in den altnordischen Texten der Edda erfahren wir vom Kessel und dem Gebräu des Gottes Odin, dem „Odrörir“ (altnord. „Erreger der Seele”, „der zur Ekstase Anregende”), der in dieser spätheidnischen, christlich lektorierten Mythologie allein nur als Elixier der Dichtkunst bezeichnet wird. Ein schönes Beispiel dafür aus dem Fundmaterial ist der Reiterkrieger und Leierspieler des alamannischen Adelsgrabes von Tossigen. Der ca. 40-jährige, 1.80 m große Mann wurde im Spätsommer 580 mit Sattel, Reiterlanze, Feldflasche, Schwert und Leier, sowie weiteren Beigaben, im fein gedrechselten Rahmenbett, das durch einen Dachaufsatz mit bekrönender doppelköpfiger Schlange, zu einem geschlossenen Sarg gefügt worden war, beerdigt. (B. Theune-Großkopf, „Mit Leier und Schwert“, 2010)

 

Eruls Schüler - die Erilari

 

Der germ. Name eines „Irila“ (Erila) erscheint sogar im 2. Jh. n.0 unter den Inschriften der buddhistischen Krypta zu Junnar, Bezirk Pune, östlich Bombay. (RS S.143) Vielleicht brachte dieser Weltfahrer die auf Helgö im schwed. Mälarsee gefundene bronzene Buddha-Statuette des 5./6. Jhs. mit. Bei etlichen der bekannt gewordenen Runenritzungen gibt sich ein „Eril“ als Urheber zu erkennen. Der Be­griff „eri­lar“ galt als Standesbezeichnung der Runenmei­ster und hat vermutlich das Grund­wort für den altnord. Adelstitel „Jarl“, angels. „eorl“, engl. „earl“ geliefert. „Der erulische Anteil an Runenschrift und -inschriften ist jedenfalls älter als die Eril-Denkmale des 5./6. Jhs.“ (KRS S. 143)  Die mehrfachen Nachweise eines schreib-befähigten „Erilar“ in den Runenfunden ließ die Forschung schon sehr bald zu dem Schluss kommen, dass das Wort Eruler ursprünglich kein Stammesname gewesen sein konnte, sondern die Bezeichnung der Angehörigen eines vornehmen Standes. (WJK S. 43ff) „Die Sprache dieser Inschriften weist auf den eingeweihten Runenmeister und auf sein magisches oder kultisches Werk; der Eril weiht eine Waffe, malt ein listenreiches Runenwerk, macht einen Herdfeuerstein (Steinaltar ?) […] stellt sich mit ek ,ich’ nachdrücklich vor und nennt außer seinem Titel Eril - Standesbezeichnung, wie man glaubt - sprechende, z.T. dunkle Namen. Die Schrift dieser Denkmale versteht sich nicht als profane Mitteilungsschrift […]. Hier interessiert zunächst die wiederkehrende Selbstbezeich­nung erilar, irilar, die auf den Beruf des eingeweihten Runenmeisters und auf seine Teilhabe am Runenmysterium deutet. […] Der ,erulische’ Anteil an Runenschrift und -inschriften ist jedenfalls älter als die Eril-Denkmale des 5./6. Jhs. Um 200 n.Ch. beginnt die historische 24-Runen-Zeit und die ältesten Runenland­schaften decken auch die alten Verbreitungsgebiete und Einflussbereiche der ,Eruler’ …“, schreibt der kongeniale H. Klingenberg. (KRS § 48ff)

 

Der Gründer und Verkünder der Runenreligion muss sich ausreichend lange im Dunst­kreis gno­stisch-religiöser und philosophischer Schulen aufgehalten haben, um sie studie­ren und innerlich verwerten zu können. Es ist aber viel eher oder zusätzlich anzunehmen, dass der Runenerfinder einen weisen keltischen Informator fand, dem er kameradschaftlich verbunden war. Möglicherweise ein Verwandter der Bestla, wie es die Sagen andeuten, in denen dieser schriftkundige Weisheitslehrer „Mimir“ genannt wird. Ein Name der verwandt ist mit lat. memor und altengl. mimorian („erinnern, eingedenk“) bzw. angelsächs. māmrian („grübeln“) und norweg. meima („messen“), so dass Mimir als der wägende, sinnende Grübler zu deuten wäre, zu dem der Runenschöpfer engste Bindung unterhielt, um immer wenn ihm eine kniffelige Frage aufging, seines Mentors Rat zu erlangen. Es steht geschrieben, Mimir sagt „klug das erste Wort und nannte wahre Runen“ (Lieder-Edda, Sigrdrífumál 14). Die mythisch verklärte Erinnerung vermeldet, dass manche Wissenschaft aus dem „Weisheitsbrunnen Mimirs“ getrunken wurde. In einer der Auseinandersetzungen mit Anhängern herkömmlicher Kulte („Asen- und Wanenkrieg“), kam es zur tragischen Tötung und Köpfung des gelehrten Mimir, dessen Haupt durch Zauber und mittels Kräutern auf lange Zeit konserviert worden sein soll. („Ynglinga saga“ 4, 7)

 

Wohl als gereifter Mann war Erul mit seinen Meisterschülern und der sich hauptsächlich aus Kimbern rekrutierenden Anhängerschar in die jütländisch-dänische Heimat zurückgelangt, um eine wodini­sche Sammlungsstätte der Glaubensgemeinschaft zu errichten, als deren Einweihungs­kerbstock und Glaubenslehrbuch die ODING-FUÞARK-Runen dienten. Die Heimat jener sich formierenden, scheinbar unstet durch Europa schweifenden Männerbünde, lokalisierte die Forschung vor allem auf dem dänischen Seeland, Fünen und den angrenzenden Teilen von Schleswig -, des weiteren von Südnorwegen, über Schonen, bis zur Insel Gotland. Hätte dem Runen-Mysterium kein zündender, Begeisterung auslösender religiös-weltanschau­lich­er Impuls zugrunde gelegen -, lediglich die Information über ein neues Schrift­system, an welchen durchaus kein Mangel herrschte, könnte man die rasend schelle Verbreitung über die gesamte germanisch bestimmte Welt überhaupt nicht erklären. Aber die Rauschgott-Religion, einhergehend mit rituellen Ekstase-Feiern - wohl ähnlich den Dionysos-Kulten - vermochte wie ein Waldbrand um sich greifen. (Otto Höfler, „Kultische Geheimbünde der Germanen“) Von kultischen Trinkgelagen hören wir noch in der Lebensgeschichte des irischen Wandermönchs Kolumban. Der traf i.J. 611 alamannische Männer am Bodensee, bei Bregenz, die zu Ehren ihres Gottes „Vodano, quem Mercurium“ ein kultisches Trinkgelage hielten, wobei sie um ein großes Gefäß herumlagerten, das sie Kupa nannten und etliche Maß Bier enthielt. („Vitae Columbani“) Dazu merkt einer der sensibelsten Kenner der germ. Seele, Wilhelm Grönbech, an: „Die gesamten Erzeugnisse der lustigen Brüder und der gestrengen Heiligen beweisen uns nicht, dass das Trinkblot zu irgendeiner Zeit die einzige Form germanischer Götterverehrung war, sie deuten nur an, dass der Trank im ganzen germanischen Bereich bis zu den letzten Tagen des Heidentums den Mittelpunkt des alten Kultes bildete, und das tat er wahrscheinlich von der Zeit ab, wo Götter unsern Vorfahren das mächtige Geheimnis des Bieres offenbarten. Es erschien offenbar Tacitus’ germanischen Zeitgenossen ganz natürlich, sich im heiligen Hain zu einem Trinkgelage zu versammeln, und wir gehen kaum zu weit in unsern Schlüssen, wenn wir annehmen, dass die Germanen, als die gewaltigen Trinker, die sie waren, sich in dieser Kunst unter den Auspizien der Götter selbst geübt hatten.“ („Kultur und Religion der Germanen“, II., S. 150)

 

ODENWALD - WOTANSWALD

 

Schon Cäsar unternahm 55 und 53 v.0 Brückenschläge über den Rhein im Neuwieder Becken, betrat rechtsrheinischen Boden und zog mehrere Wochen verwüstend umher. Er wird jedoch währenddem derart schmerzhafte Schläge hat einstecken müssen, dass er es vorzog, schleunigst nach Gallien zurückzukehren und die große feste Brücke über den Rhein wieder zerstören zu lassen. Unter dem ersten röm. Kaiser, dem Augustus (63 v.0 - 14 n.0), welcher Cäsars Haupterbe wurde, griff Rom auch über die Alpen hinaus nach Norden. Sein Stiefsohn Drusus (38-09 v.0), in seinem Übermut, begann im Jahr 12 v. 0 erneut in Germanien zu operieren. Die sprichwörtliche germanische Uneinigkeit machte die barbarischen röm. Übergriffe erst möglich. Während dem Niederwerfungsunternehmen des Drusus, stellten sich die Sigambrer nicht dem Landesfeind entgegen, sondern zogen mit gesamter Heeresmacht gegen die Chatten zu Felde. Wie wir von Cassius Dio erfahren, verdankte es Drusus diesem Umstand, dass er unbehelligt durch deren Land ziehen konnte. Auf seinem nächstjährigen Zug durch Cheruskien bis an den Weserfluss soll ein Mirakel geschehen sein, von dem auch Cassius Dio Kunde gibt. Es stellte sich dem Eindringling ein Weib von übermenschlicher Körperhöhe in den Weg und sprach: „Wohin eilst du, unersättlicher Drusus ? Es ist dir von der Schicksalsmacht nicht bestimmt, deine Pläne zu vollenden und das erleben was du dir vorgenommen hast. Hebe dich fort von hier ! Dein Ende ist nahe herangekommen !“ Das Fatumswort fand Erfüllung, noch vor Erreichung des Rheines erkrankte er und starb eines endenden Todes. Der Unterwerfungsversuch Gesamtgermaniens erhielt durch die Niederlage des röm. Feldherrn Varus, der 9 n.0 die „Hermann-Schlacht“ verlor, lediglich einen weiteren Dämpfer. Über die Dauer etlicher Generationen terrorisierte Rom auch seine nördlichen Nacharn: 12 v.0 griff eine röm. Flotte die Friesen an, 5 n.0 gab es eine röm. Kriegsflottenlandung am linken Elbufer, 9 n.0 ging der röm. Militarismus unter Varus gegen Cheruskerstämme vor, 14 n.0 unternahm er unter Leitung des Germanicus groß angelegte Vernichtungszüge nach Innergermanien („Magna Germania“), 15 n.0 griff die röm. Kriegsflotte nach der Wesermündung, 16 n.0 landete sie an der Ems, 17 n.0 ging röm. Militär gegen Markomannen und Cherusker vor, 19 n.0 wurden die Friesen durch Drusus den Jüngeren zur Zinspflichtigkeit gezwungen, 27/28 n.0 gab es erneut röm. Gewalttätigkeiten gegen sie, ebenso 47 n.0. Das röm. Joch abzuschütteln versuchten dann die Bataver 69/70 n.0 -; sie riefen ein eigenständiges Imperium Germaniarum et Galliarum“ aus, doch der Aufstand wurde mit frischen Truppen aus Spanien erstickt. So konnte um 85 bis 90 n.0 die Provinz „Germania inferior“ (Niedergermanien) eingerichtet werden, zu der auch der Odenwald gehörte.

 

Der Name „Odenwald“ ist alt, 624 wird er erstmals urkundlich erwähnt und heißt Otenwald,  815 Odonwalt, 819 und 821 Odtonwald, was bedeutet, der Wald des Odo, des in christlicher Zeit verschwiegenen, verteufelten Wotan. Der Odenwald erstreckt sich - so könnte man sagen - zwischen Main und Neckar, zwischen Miltenberg und Heidelberg. Sein Name hat ein altes, richtiges Erinnern bewahrt. An vielen landschaftlich reizvollen wie geheimnisumwitterten Orten des Odenwaldes blitzt noch heute das altheidnische Erbe unter dem christlichen Überwurf hervor. Das Kloster Lorsch wird über einem der sogenannten „Rosengärten“, der mit Hagrosen umfriedeten Weiheplätzen, errichtet worden sein. Denn der ursprüngliche Name der Stätte war Laurinsham, nach dem „Zwergenkönig“ Laurin. Im östlich gelegenen Michlinstat / Michelstadt - einem ehemaligen Kultort des Wodan - wurde der „Erzengel Michael“ doch seine kirchenchristliche Ersatzfigur - erblickte einer der glühendsten Heiden der Neuzeit das Licht der Welt, nämlich Otto Wilhelm Rahn (1904-1939). Wie er schrieb, verschlang er als Junge die Geschichten vom letzten Odinpriester im Odenwald, welcher beim Hainhaus seinen Dienst tat, wo heute noch steinerne Thingsessel zu sehen sind. („Luzifers Hofgesind, eine Reise zu den guten Geistern Europas“, 2004, S. 164 ff) Bei Amorbach liegt die Burg Wildenberg, die „Gralsburg des Odenwaldes“, wo Wolfram von Eschenbach (um 1160/80- nach 1220) Teile seines „Parsifal“ niederschrieb. Die Mär vom Gral entnahm der Dichter einer Pyrenäenlegende aus dem Land der ketzerischen Katharer und Albigenser, von welchen zur Zeit Wolframs „unzählige verbrannt wurden, zur ungeheuren Freude“ der päpstlich Rechtgläubigen, wie der schaudererregende Mönch Vaux-Cerney in seiner „Albigensergeschichte“ der Nachwelt mitteilte. Die bezeugten „nationalen Schriften und Lieder“ dieser südfranzösischen Bevölkerung, vornehmlich Nachfahren der arianischen Westgoten, wurden ausnahmslos mitsamt der Gläubigen von den „frommen“ Papstanhängern eingeäschert. Ohne Wolfram von Eschenbach hätte die Parsifal-Sage nicht überlebt. In diesem schützenden Urwaldraum zwischen Miltenberg und Heidelberg, so darf man die Funde deuten, entstand eine wichtige Kristallisationszelle der Wodan-Religion. In die Nordheimat zurückgeflutete Kimbern und Teutonen werden hier einige Gemeinwesen gegründet haben. Ihr wichtigster Gott war Wodan / Odan / Godan. Auf den Römer Cornelius Tacitus (ca. 58-120 n.0), der Germanien bereiste, geht der Begriff der Interpretatio Romana“ zurück, die die röm. Übersetzung fremdvölkischer Gottheiten ausdrückt. („Germania“, Kap. II.) Dass der röm. Gott Merkur dem germ. Wodan entspricht, gilt durch eine Vielzahl von Nachweisen als unstrittig, nicht allein wegen des Vergleichs röm. und germ. Wochentagsnamen. Die Anbetung Wotans im Odenwälder Bezirk, durch Germanen die sich Kimbern nannten, bezeugen röm. Grenzposten des 2. bis 3. Jhs., welche sich jeweils versuchten, mit den regionalen Gottheiten ihrer Standorte gut zu stellen, indem sie ihnen Weihesteine widmeten. Vier derartige steinerne Ehrungen des „Kimbern-Gottes“ Wodan-Merkur wurden gefunden. Ihren eigenen Gott Merkur schätzten die Römer sehr wohl, aber die Weihesteinstifter wandten sich speziell an den Merkur der am Standort sesshaften Kimbern, denn der musste als Kraftmacht und Herr der Region über den stärksten Einfluss verfügen -, und das war eben Wodan. In Miltenberg am Main lag ein Kohorten-Kastell zur Sicherung des Limes, der röm. Grenzbefestigung -; es spricht von der Anwesenheit  der Besatzungssoldaten von etwa Mitte des 2. bis Mitte des 3. Jhs. Auf dem Gipfel des nahen Greinberges errichteten sie ein Merkur-Heiligtum, zu dem die beiden Weihesteine zu Ehren des „Mercurius Cimbrianus“ gehörten. Beide sind etwa zeitgleich, einer davon wurde 191 n.0 durch einen in römischem Dienst stehenden Reiterhauptmann gestiftet. Um 450 m vom Berggipfel fand man einen primitiv gehauenen, um 5 m langen, nadelförmigen Sandstein mit der ungeschickt geschlagenen Inschrift: „INTER TOUTONOS C A H I“. Unklar ist die Funktion des Steines, der keine Parallelen hat. Der Schriftzug scheint den germ. Stammesnamen der Teutonen zu meinen, das Wort „INTER“ deutet am ehestens auf eine Funktion als Grenzstein hin. Weitere vorhandene Buchstaben erklären sich als angefangene, unvollendete Worte. Der Stein wurde am Fundort gebrochen, bearbeitet, aufgestellt und beschriftet. Doch viel eher ist der Touto-tatis „Vater des Stammes / Volkes“, als väterlicher Führer in Krieg und Frieden, (westindogerm. toutā = Volk) gemeint, wie bei der Inschrift von Bingen: „Mercurius Toutenus“ -; so dass es immer schwieriger wird, den kelt. Teutates vom germ. Wodan zu unterscheiden. Die Bearbeitung des Greinberger Steines entspricht nicht dem Formgefühl und der Tradition eines röm. Handwerkers. Es könnte ein unbeholfener Versuch gewesen sein, einen toutonisch-wodanischen Herrschaftsanspruch über das südliche Maingebiet kundzutun, was eine entsprechende Kultgruppe voraussetzt. Die weiteren Inschriftsteine fand man gegenüber von Heidelberg am Neckar auf dem Heiligenberg, dessen vorderer Gipfel Michaelsberg genannt wird. Auf ihm war ein genordetes Mercurius-Heiligtum errichtet das in christl. Zeit von einer Michaelsbasilika überbaut worden ist. Zu den dortigen archäologischen Funden gehören die Weihesteine für den „Mercurius Cimbrianus“ und „Mercurius Cimbrius“.

 

Scheint es also gesichert, Römer seien bei ihrem Vordringen bis zum Main-Limes im Odenwald auf Ansiedlungen von wodan-gläubigen nordgermanischen Kimbern gestoßen, die entweder auf ihrem Südmarsch ab 120 v.0 dort hängenblieben, oder den Vernichtungsschlachten der Jahre 102 und 101 v.0 zu entkommen vermochten ? Die zweite Ungewissheit: Ist aufgrund der nachweislichen Wodan-Verehrung, darauf zu schließen, dass es sich um Rückwanderer aus Italien gehandelt hat ? Denn der Wodan-Kult erklärt sich als Glaubensreformation, veranlasst durch eine ungeheure seelische Erschütterung, aus der die religiöse Neuorientierung erst erwuchs. Antwort gibt die Betrachtung der historischen Abläufe. Erul, in Begleitung seiner kimbrisch-teutonischen Mannschaft, müsste vor der Periode der ariovistschen und cäsarischen  Kriege Germanien auf seinem Weg nach Skandinavien durchzogen haben. Er wird als charismatischer Glaubensverkünder - unterstützt von seiner Jüngerschar - im kaum besiedelten Odenwald, zunächst einmal eine sichere Bleibe gefunden haben, aber auch auf besonders offenen Ohren und Herzen gestoßen sein. Der Eindruck den die weitgereisten, welterfahrenen Italienfahrer hinterließen, in den dortigen Weilern unerfahrener Landsassen, muss bei den begeisterungsfähigen Jünglingen ein starker und dauerhafter gewesen sein. Die Botschaft vom Asen-Gott, der mehr vermöge als der alte Himmels-Gott, der seinen vertrauensvollen, tapferen Kindern den Sieg über Rom nicht gönnte, begann seine Kreise zu ziehen. Eine geringfügige Gruppe von Teutonen könnte hier zurückgeblieben sein, so dass einer ihrer Nachfahren die Veranlassung verspürte, sich an dem verunglückten „Teutonen-Menhir“ zu versuchen. Naheliegend wäre es aber anzunehmen, dass hier in diesen verschwiegen Waldgebieten die Truppe der Rückwanderer durch hinzukommende Versprengte angewachsen ist, sich formierte, um dann weiterzuwandern durch die Gaue der Chatten, Hermunduren, Cherusker, Winiler, Chauken, Altsachsen und Angeln, den Küsten der germanischen Meere zu. Ungefährlich erscheinenden Gästen, die etwas von der Weltweite zu sagen wussten, bot man in Germanien zu allen Zeiten nur allzu gern Schlafplätze und Wegzehrung, hungerte man doch nach Neuigkeiten, die im grauen Alltagsleben für Abwechslung sorgten. So werden Einzelne und einzelne Sippen auch die erulische Wodan-Predigt vernommen, aufgenommen und sie weitergereicht haben, doch nie erfasste der Wodan-Kult ein Volksganzes -, noch viel weniger die Runenschrift, welche Erul zu dieser Zeit wohl schon im Kopfe, doch sicherlich noch nicht voll ausgereift, im Gepäck hatte.

 

Auch die sich aufdrängende Frage, wie es zu erklären sei, dass die Botschaften des Erul, oder allgemeiner gefasst, die Botschaften der aus Italien heimkehrenden Kimbern und Teutonen eine so rasche Ausbreitung des Wodan-Kultes verursacht haben können, löst sich bei Betrachtung der Chronologie. Es lag gewissermaßen in der Luft, dass die althergebrachten Glaubensformen abgewirtschaftet hatten, und zwar wegen der zweiten, der nachfolgenden Katastrophe -, aus germanischer Sicht. Das Scheitern des ariovist’schen Hoffnungstraumes auf den Gewinn von Gallien. Nach dem Scheitern des Ariovist gegen Cäsar in der Schlacht von Mühlhausen 58 v.0 entwichen seine Sweben über den Rhein in Richtung des schützenden Schwarzwaldes und im Weiteren nach Nordost in den Odenwald hinein. Für diese Feststellung bedarf es keiner Nachrichten, das ergibt sich zwangsläufig aus geographischen und historischen Gegebenheiten, die vorausgegangen, archäologisch erkennbaren Wanderbewegungen, sind genau umgekehrt verlaufen, von Nord und Nordost nach Südwest. Denn die ursprüngliche Verbreitung der Sueben dehnte sich über die norddeutsche Tiefebene, hauptsächlich an den Küsten der Ostsee entlang, die für Tacitus „Suebisches Meer“ hieß. Ihre Stadt „Schwiebus“ in der östlichen Mark-Brandenburg, damals „Swebissen“ (68 km östl. Frankfurt/Oder), war ihr Hauptsitz. Den Odenwald als eine sehr frühe Brutstätte der wodanischen Alternative zu vermuten, bietet sich an. Durch römischen Kontakt sind germ. Menschen mehrere neue Glaubensformen bekannt geworden, doch der aus eigenen mythischen Traditionen herrührende Wôðanaz-Wodankult setzte sich am nachhaltigsten durch. Die „Germania“ des Tacitus ist 98 n.0 verfasst worden, also 156 Jahre nach dem Mühlhausen-Desaster des Ariovist (und 171 Jahre nach dem Mutina-Sieg des Spartakus). In ihr lesen wir in Kap. 9: „Von den Göttern verehren sie am meisten den Merkur [Wodan], dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darzubringen für Recht halten. Herkules [Donar-Thor] und Mars [Teiwaz-Ziu-Tiu-Tyr] versöhnen sie durch zulässige Tieropfer. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis“ -, huldigten also einem Mutterkult. Bestätigend zu dieser Aussage fand sich ein völkerwanderungszeitlicher Isis-Brakteat, genannt „Skåne 7“ (Nat.-Mus. Kopenhagen Inv.-Nr. C1048). Er stammt aus einem Grabfund im schwedischen Schonen und zeigt die Darstellung einer weiblichen Büste mit zur Anbetung erhobenen Armen -, in seiner Randzone, rechts und links von der Öse, die Inschrift: „ISI“- Öse-„SISISI.SSISI“; u.a. unter dem re. Arm der Gestalt ein Hakenkreuzchen. Die sprachlich-kulturellen Beziehungen zwischen Nordgermanen und Alemannen sind belegt. („Alemannien und der Norden: internationales Symposium vom 18.-20. Oktober 2001 in Zürich“, Hans-Peter Naumann, Franziska Lanter, Oliver Szokody) Was Tacitus hinsichtlich der beiden Götter mitteilt, könnte bedeuten, im Verlauf von fünf Generationen hätte der Wodan-Kult in manchen Regionen Germaniens bereits die Vormachtstellung des alten Himmelsgottes abgelöst. Doch in den „Annalen“ berichtet gleicher Autor (Kap. 13, 57) über den Krieg der Hermunduren gegen die Chatten 58 n.0: „Der Kampf wurde für die Chatten vernichtend weil beide Teile für den Fall des Sieges das feindliche Heer dem Mars [Teiwaz] und Merkur [Wodanaz] geweiht hatten….“ Teiwaz-Tiu wird hier an erster Stelle genannt, vielerorts scheint die Stellung des Himmelsgottes also noch nicht angekränkelt. Dieses Bild wird die kultischen Urverhältnisse widerspiegeln. Die Bekriegung der Chatten durch Kaisers Domitian (51-96), i.J. 83 n.0, der ihr Siedlungungsgebiet ruinierte und zerschnitt, verhinderte ihre eigengesetzliche Entwicklung. Die deutliche Wodan-Dominanz in Germanien kommt in einem sehr viel späteren Zeitraum zur Geltung, in Form einer klar erkennbaren Missionsbewegung. Zunächst wetteiferten im römischen Macht- und Einflussbereich eine Vielzahl internationaler Kulte um die Gunst der Gläubigen. So hatte der alamannische Gaukönig Mederich seinen Sohn Agenarich („Schwertherrscher“) durch Benamung „Serapio“ unter den Schutz des altägyptischen Gottes Serapis stellen wollen, doch dieser verlor - zusammen mit seinem Verwandten Chnodomar - 357 n.0 die blutige Schlacht bei Straßburg, gegen Kaiser Julian, dem Neffen Kaiser „Konstantins des Großen“. Der röm. Historiker Ammianus Marcellinus erklärt: „Seinen Namen hatte er daher, dass sein Vater Mederich lange als Geisel in Gallien festgehalten, dort in griechische Geheimlehren eingeführt worden war und seinen Sohn, der eigentlich Agenarich hieß, nach dem Gott Serapis in Serapio umbenannt hatte.“ (Ammianus 16,12) Auch der Mithraskult galt in röm. Kaiserzeit als exklusiv und attraktiv für Militärangehörige und überhaupt Staatsdiener von denen nicht wenige germanischer Abstammung waren. Sein gnostischer Symbolismus und kämpferischer Lichtethos ließen ihn sicherlich für viele hochgesinnte Männer anziehend erscheinen. Bestimmt waren manche seiner Äußerungsformen germanischen Esoterikern vertraut, wie beispielsweise sein zentraler Stieropferritus. Die frühesten uns bekannt gewordenen Zeugnisse stammen von ca. 100 n.0., treten danach aber verstärkt in den folgenden beiden Jahrhunderten auf. In den Alpen und Vogesen erhielt er sich bis ins 5. Jh. Zeugnisse von Mithraeen fand man am Verlauf des Rheins und entlang des Limes, auch in England. In Rom war die Zentralverwaltung der Mithras-Kirche. In den Mithras-Altarbildern steht der hellhaarige Mithras über dem gefangenen weißen Stier; er greift ihm in die Nüstern, um ihm den tödlichen Opferstoß zu versetzen. Nicht nur die Mithras-Theosophie besagte, aus dem edlen (Tier-)Opfer entsteht alles Leben. Die Mithrasgemeinde war eine Opferkult-Gemeinschaft. Aus dem Jäger Mithras hatte sich der Bundesstifter entwickelt, er war demnach der bundesgöttliche Mittler zwischen den Menschen und dem Sonnengott. Es gab in den Gemeinden heilige Mahlzeiten mit Brot und Wein. Von der Christenkirche wegen seiner vielen Gleichklänge barbarisch gehasst, hat ihr Klerus seine Anhänger erbarmungslos aufgestachelt, die Mithraskirche zu vernichten. Christen haben seine Anhänger überall verfolgt, die Mithräen geplündert, deren Priester getötet und in den runierten Tempeln oftmals begraben. Über seinen Kultstätten wurden Christenkirchen erbaut. Auch in den Ruinen des Saalburg- Mithräums im Taunus fand man das gefesselte Skelett des Mithraspriesters. Man hatte den Leichnam im Heiligtum verscharrt, um dieses dauerhaft zu entweihen. Nordwestlich der heutigen Stadt Frankfurt-Main, in Gemarkung von Heddernheim, lag in der Zeit des Römerreiches Nida, Hauptort der „Civitas Taunensium“, wo das Mithräum (Mus. Frankfurt / Main) mit dem blonden Mithras und dem blonden Paar des Cautes-Cautopates (das den Weltdualismus symbolsiert), auf dem „Heidenfeld“ gefunden wurde.

Pin It