XVII. - DIE SILBE OD - OD-INGE

 

 

Copyright © Gerhard Hess - Februar 2012

Abb. 1 -Holzschnitt „Ottarshögen“ in Vendel/Uppland von Peringskiöld, 1725

Abb. 1a - Grabhügel des Schweden-Königs Othere/Ottar, 6. Jh.

 

OD-INGE

 

In der germanischen Gesellschaft wurden die Bezeichnungen der Sippen / Geschlechter / Clans / Dynastien so gebildet, dass dem Namen des Vorfahren der Zusatz von einem abschließenden -ung oder -ing zugesetzt wurde. Beispiele dafür: Aus dem germ. Rufnamen Gollo oder aus Rufnamen mit dem Namensbestandteil „gold“, entstand der Name Golling, dem Nachkommen des Gollo, wie er sich im Namen des Alexander Golling (Intendant des bayrischen Schauspielhauses von 1938-1945) erhalten konnte. Die Hessi sind ein germ. Volksstammes zwischen Fulda, Lahn und Main, von denen das heutige Land seinen Namen ableitet. Den Namen Hessi trug auch ein sächsischer bzw. ostfälischer Anführer gegen die fränkische Invasion unter König Karl. Er unterwarf sich 775 und erhielt 782 das Grafenamt. Das Land Hessen, erstmalig in einer Schenkung Otto I. im Jahre 966 erwähnt, erhielt seine Bezeichnung als „Heim der Hessi“. Der Nachkomme eines Hessi wurden zum Hessing, wie z.B. Friedrich Hessing, einem Pionier auf dem Gebiet der Orthopädietechnik. Die Immedinger waren ein sächsisches Adelsgeschlecht zur Zeit der Liudolfinger, zu deren Vorfahren auch der Sachsenherzog und Freiheitskämpfer Widukind gehörte. Der angelsächsische Drachenbesieger Beowulf stammte aus dem Geschlecht der Wægmunding. Die mythische Sippe der Wölsungen (altnord. Volsungr) entstammte dem Gott Odin, aus dem Sigi, Wölsung, der Drachentöter Siegmund (Beowulf-Sage), Helgi und Sigrurd/Siegfried, die Drachentöter, hervorgegangen sind. Die „Skjöldunga saga“ berichtet von der nordischen Königsfamilie der Skjöldung (angels. Scylding, plural Scyldingas), also von den Nachkommen des Skjöld/Scyld. Im 2. Buch von Saxo Grammaticus wurde „Helgi Hundingbana“ (Geweihter Hunding-Töter) mit dem älteren Skjöldung Helgo, dem Vater von „Hrólfr Kraki“, gleichgesetzt. Skjöld ist in der nordischen Sage ein Sohn Odins, der als Kind mit einem Schiff nach Dänemark gekommen sei, er gilt als Stammvater der Skjöldunge (Schild-Männer) bzw. der dänischen Skioldinger-Könige. Die Ynglings / Ynglinger / Inglinger waren das älteste bekannte skandinavische bzw. schwedische Königsgeschlecht, es regierte in Sigtuna, der ältesten Schwedenstadt. In Snorri Sturlusons „Heimskringla“ (Weltkreis), über die Geschichte der norwegischen Könige (um 1230 verfasst) und der angelsächsischen Beowulf-Sage, werden die Inglinge als Scylfings (altnord. Skilfingar) bezeichnet. Als ein Scylfing wurde auch im Beowulf-Epos König Wiglaf (gest. 839) bezeichnet, der ein Vetter von Beowulf gewesen sei und das angelsächsische Reich Mercia regierte. Er war Sohn des Weohstan („Weihe-Stein“) und letzter aus dem Geschlecht der Wægmundings. In altenglischen Abstammungstabellen, deren früheste aus dem 8. Jh. herührt, tritt die altangelsächsische Namesgebung zu Tage, die dem Sohn zum eigenen Rufnamen der Vatersnamen mit Anhängung eines -ing  zugab, um ihn damit als Abkömmling seines Vaters kenntlich zu machen. Im 9. Jh. entstand die „Historia Brittonum“, die dem Autor Nennius zugeschrieben wird. Darin wird „King Arthur“ als „dux bellorum“ (Feldherr) der Briten erwähnt, der die Sachsen in 12 Schlachten geschlagen habe. Ich führe im Folgenden nur wirkliche, in den Listen erscheinende Namen auf: Hieß der Vater Godwulf und sein Sohn Finn, dann war dessen voller Name „Finn Godwulfing“, hieß der Vater Winta, nannte sich der Sohn Winding, Beda = Beding Eni = Ening, Woden = Woding oder Wodning oder Wodening, Osmod = Osmoding, Siggeot = Siggetoting, Uoden = Uodning Uuoden = Uuodening, Angelgeot = Angelgeoting, Oesa = Oesing, Oda = Iding. („Six Old English Chronicles”, ed. J. A. Giles, London, Henry G. Bohn, 1848) In der Manuskriptversionen „Tiberius B v“ der königlichen Genealogien bzw. Stammbäume von Northumbrian folgen in den Herrscherlisten einem Bældæg ein Wodning, einem Eomer ein Angelgeoting, einem Winta ein Wodning, einem Godulf ein Geoting, einem Weoðogeot ein Woding. Eine Voranstellung der „ing“-Endung fand sich auch: Seit mehr als 1000 Jahren, über 35 Generationen hinweg, hinterließ die Patrizierfamilie „Inghiramis“ in der toskanischen Stadt Volterra - südöstlich von Pisa - ihre Spuren. Ihre Mitglieder machten Karrieren in Kirche, Militär oder Wissenschaft. Ihre namentlichen Wurzeln liegen in Sachsen. Ein Jacopo Inghirami (1565-1624) war ein Admiral der toskanischen Flotte. Nach dem Astronom Giovanni Inghirami, der im 19. Jh. lebte, ist ein Mondkrater benannt. Sippengründer war der sächsische Graf „Herman Dux Saxonis“, er kam im Jahre 967 als Gefolgsmann des deutschen Kaisers „Ottos des Großen“ hierher und blieb wohl bei einer hübschen Toskanerin hängen.
 
ODING
 
Der Begriff „Oding / Od-Ing“ bedeutet demzufolge „Od-Nachkömmling, Od-Kind. Im übertragenen Sinne des altheidnischen Verstandnisses wäre der Oding dann als Od-Gläubiger zu verstehen. Ahd. „heroti“ meint die Obrigkeit, genau übersetzt: das Herrengesetz. Er war mir zunächst völlig unbekannt als ich ihn als Kopf der rechts-beginnenden Ur-Runenreihen-Lesung erkannte, indem ich die ersten drei Runen zu einem Wort zusammenzog. Ich fragte mich, wenn das ein Begriff ist, was könnte seine Bedeutung sein ? Ich erforschte sie, wie ich es im vorangegangenen Text dargelegt habe. Sofort begann ich nach diesem Wort zu fahnden. Wenn es ein echter, und kein von mir konstruierter Begriff sein sollte, musste er im Sprachgut auch aufspürbar sein. Ebenso wie die 24-er Ur-Runenreihe „endet“ rechtsseitig die schönste uns bekannte runische Langzeile um den Rand des südjütländischen Goldenen Gallehus-Hornes („ek hlewagastiR holtijaR horna tawido“) mit der Buchstabenfolge „DO“. Rechtsbeginnend wäre das letzte Wort als „Odiwat“ zu lesen, mit der germ. Bedeutung „Odi-Wasser / -Trunk“. Das würde in Anbetracht der runenmeisterlichen Tendenz zur Mehrdeutigkeit ihrer kryptischen Aussagen, sowie zum Objekt des sakralen Trinkgefäßes recht gut passen. Aus dem Horn bzw. den beiden Goldhörnern sollte der „Óðrœrir“, der Geist Odins, der geistanregende Dichter-Met getrunken werden. Ich fand den Od-Begriff in mehreren Verwendungsformen, zuerst einmal als Familiennamen. Es wäre denkbar, dass die Sippen dieses Namens aus altheiligen Priestergeschlechtern hervorgegangen sind, also aus Ehwarten (Gesetzes-Wächtern), deren Namen auch bis auf unsere Tage im Familinennamensfundus erhalten blieben. In den Niederlanden verschwanden die meisten Megalithen, sie wurden für Bauarbeiten, Deichverstärkung und Pflasterstraßen verwendet. Doch die bäuerliche niederländische Gemeinde Borger-Odoorn, in der Provinz Drenthe, liegt in einem Gebiet mit einer Vielzahl von Großsteingräbern. Die größte Megalith-Anlage befindet sich in Borger; direkt daneben wurde ein „Hunebedcentrum“ (Hünengrabzentrum) errichtet. In einem Schreiben des Klosters „Ten Nije Licht“ aus dem Jahr 1327 wird der Ort Oderen genannt, in einem Manuskript von 1393 oods, in einem von 1545 Oideren und 1548 heißt es „die pastoer von Oderen". Auch der Chor der Kirche von Odoorn besteht aus einem Granitfelsen der aus einem Dolmen genommen wurde. Diese Gegebenheiten genügen, um bei der Stätte Oderen einen altgläubigen-altgermanischen Kultplatz der „Oding-Religion“ zu vermuten. In niederländisch Friesland (Goutum, Weidum, Jelsum) ist der Familienname Oding, Odink, Odinga nachweisbar, aber in Holland sind allgemein Namen wie Oedding, Ottink, Odingk, Otman zu finden. Odenhausen war der niederländische Familienname der Mutter von Joseph Goebbels (1897-1945), dem nationalen Sozialisten, engsten Vertrauen Adolf Hitlers, Gauleiter von Großberlin und „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“. Der Landwirtschaftsbetrieb des Bauern Gerhard Odinga liegt bei Wybelsum in der ostfriesischen Küstenmarsch bei Emden (2014). Walter Odington war ein im 14. Jh. lebender englischer Mathematiker und Musiktheoretiker. Er lebte als Benediktinermönch in Evesham und Oxford. Er schrieb neben zwei astronomischen Abhandlungen die Schrift „De speculatione musices“. - In Geschlechterlisten finden sich folgende Nachweise des Namens: M. Katharine Oding - geb. ca. 1464 - M. Katharine Oding - geb. 1464 Münster Stadt, Westfalen - Berndt Oding - heiratete 23. Jan. 1674 Altenberge, Westfalen - M. Katharine Oding -: heiratete1485 Münster Stadt, Westfalen - Magnus Oding - geb. 1524 Celle, Hannover - Jan Voigts Oding - geb. - 1625 Borken, Westfalen - Jan Voigts Oding - geb. 1631 Borken, Westfalen - Magnus Oding - heiratete 1551 Braunschweig, gebürtig Hannover -  Jan Voigts Oding - heiratete1650 Borken, Iserlohn, Westfalen - Anna Oding - geb. ca. 1702 Münster Stadt, Westfalen - Anna Oding - geb. 1704 Münster, Westfalen - Bernardus Oding - geb. 05. Jan. 1706 Alverskirchen, Westfalen- Anna Oding - heiratete 1723 Münster Stadt, Westfalen - Anna Maria Oding - 16. Aug. 1763 Borghorst, Westfalen - Theod. Henricus Oding - geb. 15. Nov. 1765 Borghorst, Westfalen - Conradus Oding - geb. 22. Sept. 1734 Heidelberg, Baden - Anna Oding - verst. 1769 - Johann Heinrich Anton Bernard Oding - geb. 21 Okt. 1830 Münster Stadt, Westfalen - Francisca Wilhemina Oding - heiratete 27. Sept. 1831 Beckum, Westfalen - Fred Oding - geb. 1833 Mecklenburg - Mary Oding - geb. 1834 Mecklenburg - Johann Theodor Melchior Oding - geb. 30 März 1838 Münster Stadt, Westfalen - Maria Louise Oding - geb. 17. Okt. 1856 - Maria Louise Oding - 02. Nov. 1856 Danzig Stadt, Westpreußen - Johann Henrich Oding - heiratete 09. Juni 1859 Roxel, Westfalen -- Oettingen ist ebenso der Name eines ursprünglich westfälischen Geschlechtes aus Ahaus im westlichen Münsterland, das sich im deutsch-baltischen Raum niederließ. Dirick Ottynck erscheint Ende 15. Jh. im Zehntregister des Klosters Überwasser, der Lambert Ottingh wurde am 17.11.1480 Bürger von Reval, der Kaufmann Ewert Otting ist 1548 Ältermann der Großen Gilde, wird Ratsherr und später Bürgermeister und Gerichtsvogt in Riga und Johann Oettingen wird am 27.06.1687 durch Schwedenkönig Karl XI. in den Adelsstand der Livländischen Ritterschaft erhoben. Iwan Awgustowitsch Oding(1896-1964), Sohn eines lettischen Schlossers, war ein in Russland wirkender Materialwissenschaftler und Hochschullehrer.
 
Oettingen in Bayern (Lkr. Donau-Ries) an der Wörnitz war Sitz des Geschlechtes der Oettingen, die sich ableiten von den Staufer-Vorfahren, den 987/1007 urkundlich erwähnten Schwäbischen Pfalzgrafen Friedrich und dessen Vater Sieghard V. aus dem Geschlecht der Sieghardinger. Der Stammbaum der Grafen von Oettingen fußt, urkundlich belegbar, auf „Ludovicus comes de Otingen“, der im Jahr 1147 die alte staufische Gaugrafschaft im Ries als Lehen übertragen bekam und seinem Bruder „Chuno comes de Othingen“, urkundlich fassbar i.J. 1250. Das Geschlecht war auch im Teutschorden aufgeschworen. Zu beachten ist, dass die Sieghardinger, in Folge ihrer gewonnenen Lehnsherrenschaft, sich nach dem an sie gelangten Besitz zu „Othingen“ benannten und nicht umgekehrt. Das weit entfernte Benediktiner-Reichskloster zu Fulda hatte hier Besitzrechte, welche schon um 750 im Güterverzeichnisse des 744 gegründeten Klosters als Besitzung in „otingen“ aufgeführtwerden. Altheilige Stätten, also wichtige heidnische Hochburgen wurden von den weltlichen Herrschern zur Umgestaltung und Umerziehung in die Obhut der Missionsklöster verschenkt. Erst die erwerbstüchtigen Staufer haben dem Kloster seine dortigen Besitzrechte allmählich abgerungen. Der Umstand des frühen Fuldaer Klosterbesitzes darf als zusätzlicher Deutungsbeweis für die angedachte Stätte des altheiligen od-gottlichen Kultortes gelten. Der ursprünglich deutsch-lothringische Ort Ottingin an der Luxemburgischen Grenze, 1051 erstmals erwähnt, fiel am 23.02.1766 an Frankreich und heißt heute Ottange. - Durch mundartliche und wortverändernde Umlautungen wurde aus dem „Oto / Odo / Oðo“ ein Otto mit doppeltem „t“, so dass eine Menge derartiger Ortsnamen nicht auf den Wassermarder Otter zurückzuführen sind, vielmehr auf einen Dorfgründer namens Odo. Eddigehausen, ein Flecken in Südniedersachsen, liegt in der Mulde zwischen dem Südwestausläufer des Wittenbergs mit der Burg Plesse, dem Ibenberg und dem Hainberg, im Nordwesten des Göttinger Waldes, nördlich der Stadt Göttingen. Im Jahre 1192 war der Name des Vorgängerortes Oddingehusen. Natürlich wird der Begriff heute als „bei den Häusern von Ottos Leuten“ gedeutet. Die hier entspringende Quelle heißt „Mariaspring“, folglich war sie in eigenbestimmter Germanenzeit einer Nymphe oder weiblichen Gottheit, möglicherweise der Gottesmutter Frija, geweiht. Bestätigt wird diese Vermutung durch die Weihung der ehemaligen Eddigehusener Pfarrkirche auf das „Unbefleckte Herz der Jungfrau Maria“ (und dem Patronat der „Apostel Simon und Judas Thadäus“). Um das Jahr 900 herum war diese Kirche die einzige zwischen Paderborn und Marsberg, die als Ableger des Benediktiner-Klosters Corvey die Missionierung der altgläubigen Sachsen voranzutreiben hatte. Kloster Corvey unterhielt hier einen Adelshof, was ebenfalls auf die vorchristliche Bedeutung der Stätte Hinweis gibt. Eine solche Bedeutung muss Eddigehusen in alter Zeit besessen haben, dass bis vor wenigen Jahren jedes Jahr die erste Bittprozession, der drei Bitttage, zum Kreuz auf den Berg mit der versunkenen Kirche von Eddinghausen führte, wo um gedeihliches Wetter gebetet wurde. Oddingehusen wird ebenso als Oding-Kultort zu deuten sein wie die ca. 40 km Luftlinie nördl. von Altötting liegende Gemeinde Ottering (Moosthenning), die möglicherweise auf einen Otheri zurückgehen soll, aber ebenso gut eine Andachtsstätte des Gottes Wodan-Odan gewesen sein kann. Ich glaube nicht an die vielen profanen Odo-Gründerväter, ich vertrete die Kultplatz-These. Edigheim wurde im „Lorscher Kodex“ im Jahr 772 zum erstmalig urkundlich erwähnt, entstand wahrscheinlich aber bereits im 6. Jahrhundert, ist somit eine sehr frühe Gründung. Historisch relevant ist der althochdeutsche Name „Otincheim“, der einen erstaunlichen Bezug zum gleichnamigen Brunnen aus der Handschrift des Nibelungenlieds aufweist, an dem Siegfried von Hagen ermordet wurde. Das „g“ in Edigheim ist lautvariabel mit dem „k“, welches im 5./7. Jh. im Laufe der hochdeutschen Lautverschiebung nach Vokalen zu „ch“ umgelautet wurde. Da aus dem späteren „ch“ kein „g /k“ werden konnte, vielmehr aus dem „g/k“ das „ch“, und die „o“-Anlaute den „e-„Anlauten vorausgingen und die verkürzte Endsilbe „ig“ vor „heim“ als das besprochene Suffix „ing“ zu deuten ist, muss die älteste Form des Ortsnamens „Ot(d)ingheim“ gewesen sein. Naheliegend denkbar wäre es, dass das uralte Sonnen-Jahresdrama des sommersonnwendlichen Siegfried-Todes als altreligiöses Kultspiel am heiligen Od-Ort jährlich aufgeführt worden ist -, eben auch im Odenwald zu Oding-Heim bzw. Edigheim. Beispielhaft für meine Kultplatztheorie dürfte auch Altötting sein. Die dortige Kirche, um das Jahr 700 erbaut, ist wohl der älteste bestehende Kirchenbau im rechtsrheinischen Deutschland. Die Legende sagt, hier habe der fränkische Christenagent, Bischof Rupert, den ersten christlichen Bayernherzog namens Theodo (Regierungszeit 696-718) getauft, woraus ablesbar ist, dass schon der altgläubige Kult jener Stätte eine hohe Bedeutung zumaß. Ein kirchenpolitisch so wichtiger Akt wie eine Herrscher-Taufe wurde ja nicht an ixbeliebigen Orten vorgenommen, sondern an traditionellen Kultplätzen, um diese im gleichen Zuge zu „entdämonisieren“ und kirchenrechtlich zu vereinnahmen. Urkundlich tritt Altötting 748 ins Licht der Geschichte, unter dem Namen Autingas, der latinisierten Form von Ötting bzw. Oetingen, einer Pfalz der agilolfingischen Bayern-Herzöge. Johann Georg Turmair, genannt Aventinus (1477-1534), ein deutscher Historiker und Hofhistoriograph, schuf die Altöttinger Chronik, die „Historia Otingae, Munich, 1528“. Er schrieb in der deutschen Version 1519 von dem „hochwirdigen und weit berumten Stifft Alten Oting …“. Ihre größte Zeit erlebte die Karolingerpfalz, als König Karlmann, der Urenkel „Karls des Großen“, 865 seinen kompletten Regierungssitz von Regensburg nach Oting verlegte und von hier aus bis zu seinem Tode 880 als König über Bayern und Italien herrschte. Der politische Glanz von Alt-Oting bzw. Altötting währte nicht lange, beim Ungarnsturm 907 wurde der gesamte Ort mit Pfalz, Stift und Basilika verwüstet. - Hinter dem bayerischen Altötting wird Deutschlands zweit­größte chris­tenkirchlich organisierte „Fuß­wallfahrt“ durchgeführt, von der altgläubigen Asenhochburg Osna­brück ausgehend, über Oesede (einem alten Klost­er­standort) und dem Rit­tergut Oeding­ber­ge, zur Wallfahrts­ka­pelle der „Schmerzhaften Mutter“ in Telgte, das eine deutsche Meile vor Mün­ster in West­falen liegt. An der Klause Oeding­ber­ge wird die erste Rast mit „Wort­got­tes­dienst und Predigt“ ein­ge­legt. Nur allzu naheliegend wäre die Vermutung, dass diese „Burg des Od­ing“ einstmals ein alt­heiliger Sitz eines priesterlichen Vorstandes und Lehrkörpers gewesen ist. Im Kirchspiel Südlohn liegt die kleine westfälische Burgsiedlung Oeding. Ausge­rechnet ein „Heiliger“ Otger (ahd. „Besitzer des Spe­eres“) soll hier der älteste christl. Glaubensbote im 6./7. Jh. am Niederrhein gewesen sein und ist auch Patron der Oedinger „Mutterpfarre“, der „Urpfarre Lon“ bzw. Nord­lohn/Stadtlohn. Wer denkt da nicht sofort an den seinen Speer Gungnir tragenden Asen-Gott Odin ?! Man muss schon des Öfteren schmunzeln über die durchschaubare Dreistigkeit christ­licher Schönfärbereien, Umdeutungen und Legendenverdrehungen. Wenig nördl. davon liegt Ottenstein. Des weiteren findet sich ein Oedingen/Odingen (bei Eslohe) im oberen Sauerland, das noch zur sächsischen Heerschaft Engern gehörte. Vom Oedinger Berg, mit seiner alten Wall- und Fliehburg, die im Jahre 1000 als Grundlage für die Errichtung eines Nonnenklosters diente, spricht eine Urkunde von 1533: „tho Odingen uff deine Berge...“. Lautverschiebungen von „o“ zu „e“ sind ebenso festzustellen. Dass der Anlaut zwischen Od-, Ott-, Ed- schwanken kann, ist nachgewiesen. Mundartlich sagen die Bayern „Eding“, wenn sie von (Alt-)Ötting reden. Un­weit von Trier sind zwei eng beieinan­der liegende Ort­schaf­ten aus frühester Besiede­lungs­­phase Edingen und Godendorf. Auch Belgien be­sitzt ein Edingen (franz. Eng­hien) und die flämische Ge­meinde Oet­ingen. Ein wei­teres Edingen wurde am Un­ter­lauf des Neckars ge­gründet. Auch gab es ein Edin­­gen/Neu­stadt in Westpreußen. Im Lahn-Dill-Kreis liegt der höchst­gele­ge­ne Ort unter den Nachbar­ge­mein­­den Oders­berg, in dessen Nähe der Ort Edingen an der Dill, doch die früheste Erwäh­nung nennt ihn im Jahre 1341 Ödingen. Gudensberg am Fuße des Odenbergs, mit der Obernburg, liegt südlich von Kassel. Um den Odenberg ranken sich zahlreiche Sagen des Wodin-Odin, er soll im Berg mit seinem Wilden Heer wohnen. Der Ortsname Gudenbergs wird in einer Urkunde von 1121 erwähnt, auf welcher der nordhessische Gaugraf Giso IV. als Graf von Udenesberc unterzeichnet. Der Name leitet sich von Odinsberg ab, ein ortsnamenstheoretischer Beleg, dass in altdeutscher Zeit dort Odin von den Chatten verehrt wurde. Es finden sich die Ortsbezeichnungen Wothenesberc (1123), Wuodesnberg (1131) und Wotensberg (1209) in Urkunden des 12. und frühen 13. Jahrhunderts, und noch 1672 wurde der Ort in einer Urkunde als Wutansberg bezeichnet. Im Norden vom Massivs des Kleinen- und des Großen Gudenbergs bei der Gemeinde Zierenberg, nordwestlich von Kassel, liegt eine Wüstung namens Eddinchusen 1261 / Odinghusen 1423 / Ödinghausen, Oedinghausen 15. Jh.. Ein weiteres Ödinghausen ist Ortsteil der Gemeinde Nümbrecht (Oberbergischer Kreis); um 1326/1335 genannt als  Oudehrußen, 1447 Odenkusen, 1579 Oedenkausen, 1603 Öekusen, Flurkarte von 1831 Oedinghausen, Oetinghausen ist Ortsteil der Gemeinde Hiddenhausen bei Herford und setzt sich aus den Ortschaften Oetinghausen, Oetinghauser-Heide und Arode zusammen. - Schließlich nannte man „Oding“ auch ein Steuergesetz und eine Naturalienabgabe, die die leibeigenen Bauern ihren Niedersächsischen Klosterherren zu entrichten hatten. Es könnte ein stehengebliebener Begriff aus Heidenzeiten für einen Opfertribut an die Od-Gottheit sein.
 
Bekanntlich waren die Alamannen / Alemannen eine frühmittelalterliche Bevölkerung des westgermanischen Kreises die aus dem deutschen Norden kommend ab dem 3. Jh. in den deutschen Südwesten einwanderten und dort Siedlungskerne errichteten, also in Baden-Württemberg, dem Elsass, Bayerisch-Schwaben, der Deutsch-Schweiz, Lichtenstein und Vorarlberg. Dort müsste der gemeingermanische Od-Begriff bis heute nachweisbar sein; er ist es: Otelfingen (schweizerdeutsch: Otelfingä) ist eine Gemeinde im Bezirk Dielsdorf / Kanton Zürich / Schweiz. Der Wildeber bzw. Keiler war das Wappentier des Herrengeschlecht der Otelfinger. Otelfingen wird erstmals im 11. Jh. im Zusammenhang mit dem Kloster Wettingen erwähnt. Die Gemeinde liegt im Furttal am Fuß der Berges, nahe der Stadt Zürich und an der Grenze zum Kanton Aargau. In der deutschsprachigen Schweiz blühten die Geschlechter namens Ott, Otten, Otter, Ottendorf, Ottenhausen (führten ein Rebhuhn im Wappen). Die Ott und Otto waren ein überaus zahlreiches Geschlecht an verschiedenen Orten der Eidgenossenschaft. Ein Dorf Ottikon bei Kemptthal (572 m ü. M.) liegt in der Grafschaft Kyburg im Kanton Zürich. Einer der prominentesten Besucher auf der Kyburg war der tüchtige erste deutsche König aus dem Habsburger-Geschlecht, Rudolf I. Er hielt sich samt Gefolge während 14 Tagen bei seinem Verwandten in der Kyburg auf. Ein Weiler Ottikon gehört zur Gemeinde Gossau in Kanton Zürich. Ein Mann namens Ottlin tat sich in der Schlacht am Gubel hervor, in Mühlhausen gab es einen Zunftmeister Ottlin oder Oettlin. Zu Baden wurde 1593 ein Benedictus Oderlin von großer Klugheit geboren, ein Nicolaus Oddi 1717 erblickte zu Perugia das Licht der Welt; er wurde Nuntius in der Eidgenossenschaft. Ein 1652 geborener Melchior Odermatt war Landamman. 1706 wurde ein Joseph Ode geboren. Es gab in der Schweiz die Familiennamen Odet und Odi. Ein Geschlecht in Walis waren die Odi, dazu ein Ritter des St-Ludwigs-Ordens trug den Namen. Ein Geschlecht der Stadt Genf waren im 18. Jh. die Odier. (Hans Jacob Leu, Hans Jacob Holzhalb, „Allgemeines Helvetisches, Eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon“, Bd. 24, 1789)
 
„Theoderich der Große“ Ostgotenkönig hatte um 520 den röm. Senator Cassiodor beauftragt, eine Niederschrift der Gotengeschichte anzupacken. Das Werk im Umfang von 12 Bänden wurde erst nach dem Tod Theoderichs (526) veröffentlicht, ging in den Wirren der Zeit verloren. Doch der Gote Jordanis, der nur über drei Tage Gelegenheit bekam, dieses Werk zu studieren, schrieb seine Geschichte der Goten „De origine actibusque Getarum“ , kurz „Getica“. Sie ist in lateinischer Sprache verfasst, abgeschlossen wohl bis zum 31. März 551 und veröffentlicht. In Kap. III beschreibt er die verschie­denen Volksgruppierungen der „Insel Skandza“, Skandinavien, darunter eine Gruppe des Namens „Otingis“, die nach dargelegten Sprachgesetzen also als Nachkommen oder Anhänger eines „Ot“ zu verstehen sind. Könnte es sich dabei um das Volk des Schwedenkönigs Othere handeln, der im Folgenden noch besprochen werden wird. Sprachlich wäre diese Erklärung denkbar. Es könnte sich bei den „Otingi“, deren Ruf zu Jordanis in den Süden gedrungen war, ebenso gut um eine Kultgruppe gehandelt haben, welche als Anhänger des nordischen Gottes „Odr / Od“ in Erscheinung traten. Dieser muss als eine bedeutende Gottesvorstellung geglaubt worden sein, galt er doch als Gemahl der gemeingermanischen Gottesmutter Freya (Gylfaginning, Kap. 23). Und das gemeingermanische runische Sinnzeichen-System „O.d.ing-F.u.ð.a.r.k“ wäre dann naheliegend als die Heilige Schrift der „Odingi“, also der Od-Gott-Kinder, zu begreifen.
 
Aus dem nordischen Hause der Inglings-Scylfings stammt Ohthere / Ohtere/ Ohthere / altnord. Óttarr (möglicherweise aus der Urform Ohta-harjaz = Ot-Krieger / -Armee), ein Schwedenkönig der im 6. Jh. gelebt habe soll. Er greift die Geats (Gauts / Goten) an und später auch die Dänen, wobei er seinen Tod fand und zurück nach Schweden gebracht wurde, wo er im „Ottarshogen“ (Ohthere Hügel) der Vendel-Gemeinde im schwedischen Uppland ruht. Der Grabhügel ist 5 Meter hoch und 40 Meter breit (Abb. 1 + 1a). Die Form „oht“ wurde versuchsweise als ein Begriff für „furchterregend, fürchtet“ interpretiert. Er könnte in Zusammenhang stehen mit dem Wort für „Otter“, der deutschen Bezeichnung der Vipern (Kreuzotter) und Wassermarder „Otter“ (Fischotter ). Der Otter („Otur / Otr“) ist in der germ. Mythologie der Sohn des habgierigen Zauberers Hreidmar. Otr wird von Loki getötet, weshalb die Götter für den Totschlag an Hreidmar ein Wehrgeld (Wiedergutmachung) zu bezahlen genötigt werden. Den dafür notwendigen Schatz erpresst Loki vom in zeitweilige in Hechts-Gestalt im Wasserfall, oder nach anderer Form in „Schwarzalbenheim“ hausenden Zwerg Andwari-Alberich, mitsamt dem verfluchten Ring „Andvarinaut“ (Andvaris Gabe), der die Fähigkeit der Goldvermehrung innehat, auf dem aber ein Fluch liegt, jedem den Tod zu bringen, der ihn erwirbt („Reginsmál“, „Skáldskarparmáls“). Die Namensform des im 6. Jh. lebenden Schwedenkönigs Ohðere-Ohtere-Óttarr, den die Dänen schmähend „Vendelkråka“ (Vendel-Krähe) nannten, könnte also von „oht“ für „furchterregend“ gedeutet werden, doch eine naheliegende Alternative bietet sich an, nämlich die Erklärung aus gleichen Formen zu deuten aus denen der deutsche Vornamen Odo / Odho / Otto hervorgegangen ist, wie ihn beispielweise der Herzog der Bajuwaren Odilo / Oatilo, Uatilo (vor 700-748) trug, aus der Sippe der Agilofinger -, denn die Lautung „auð / oð / ot / od /“ für „Gut, Reichtum“ war im gesamten germanischen Sprachraum in diesem Sinne verständlich und nicht auf Süd- oder Nordgermanien beschränkt. W. Hauer führte aus: Sowohl „ôdal“, wie auch die anderen germ. Entsprechungen mit „auðna“ (Schicksal, Glück) und „auðr“ (Reichtum) gehen auf die indogerm. Wurzel „audh“ zurück. (J. Wilhelm Hauer, Schrift der Götter, 2006, S.126f, 199)
 
Ein weiterer noröner Namensträger dieser Art ist bekannt. Ohthere of Hålogaland (norweg. „Ottar fra Hålogaland“) war ein wohlhabender, mächtiger Kleinkönig aus Hålogalqand (Nordnorwegen), der im Jahre 890 auf einer seiner Reisen in England König „Alfred den Großen“ von Wessex traf. In seiner Beschreibung der nordischen Länder finden sich erstmalig die Begriffe Norwegen (Norðweg) und Dänemark (Denamearc), als nördlichsten Handelsplatz und Großgehöft nennt er „Skiringssalr“. In der norwegischen Tradition heißt es: „Ottar Vendilkråke“ war ein König aus „Ynglingeætta“, Sohn des Egill, aber die angelsächsische Tradition der Beowulf-Sage nennt den Vater des Ohthere („Faeder Ohtheres“) Ongenðeowund sein Sohn Aðísl / Aðils / athils / Adils, Adhel (angelsächs. Eadgils). Die korrekte angelsächsische Form wäre Ædgils. Der Name Adils war selten in Skandinavien, so dass er bei fast 6.000 skandinavischen Runeninschriften nur auf dreien anzutreffen ist. Diese nordische Namensform ist vom Urnordischen abzuleiten, aus Aðagīslaz (Athaist Abkürzung für Athala = „edel, vor allem“ (deutsch „adel“) und gīslaz = „Spross, Zweig“). Die gemeingermanische Form „Auda-gīslaz,  auða- bedeutet „Reichtums-Spross“. Das dt. Adjektiv „edel“, im Ablaut zu „Adel“ (ahd. adal, angels. aedel, aisl. adal), von dem das Adjektiv „edel“ mit Primärumlaut gebildet ist, kommt von germ. oðela („Odal, Sippen-Grund, Sippen-Eigentum an Grund und Boden, väterliches Erbgut“, das auch seelisch-wesenhafte Vorstellungen mit einschloss (ahd. uodal, asächs. othil, aengl. odel, aisl. odal). Aus dem ahd. „ot“ für „Besitz, Erbe“ ist der Vor- und Familienname entstanden. Varianten davon sind: Udo, Odo, Odilo, Othello, Otfrid, Otfried, Othmar, Ottokar, Otloh, Ottmar, Ottheinrich, Ottomar, Othon und weibliche Formen wie Otburga, Ottburga, Otberga, Ottberga, Odilberta, Odilgard, Ottilie, Odelint, Ute. Das deutsche Herrschergeschlecht der Ottonen leitet sich von „Otto I. der Große“ (912-973) ab, aus der Sippe der Odonen. Es bietet sich der Schluss an, dass die Begriffe „Odal“-Besitzer, „Adels“-Geschlecht, „edel“-mütig, Klein-„Od“, „Odo-Otto“ sämtlich aus dem Urbegriff „Auda“ für Reichtum (materiell wie seelisch-geistig) wortgeschichtlich erwachsen sind.
 
Ebenso wäre möglich, dass der Name des Schwedenkönigs abgeleitet war von einem altnord. Wort für Poesie und Gesang: „odhr / óðr“. Einer der Belege für den Götternamen urgerm. „Wōdanaz“, altdeutsch „Wouton“, langobard. „Godan“, altsächs. „Uuoden“, altnord. Óðinn, fand sich aus 725 n.0 in der Form „uðin“ auf einem mit Runen beschrifteten Schädelfragment (Anders Hultgård, „Wotan-Odin“, in „Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“, Bd. 35., 2007, S. 759 f). In den nordgermanischen Sprachen fiel das anlautende w- / g- vor dunklen Vokalen aus, so dass Formen wie Odin entstanden. Der Begriff ist gebildet aus gemeingerm. „wōda“, altnord. „ódr“, was mit dem neuhochdt. Wort „Wut“ nicht zutreffend übersetzt werden kann, vielmehr mit „Begeisterung, Seelenwallung, geistige Erregung“. Deshalb vermag sich der Begriff auf die poetische Dichtung ebenso beziehen wie auf den religiös-ekstatischen Rausch und die wilde Begeisterung im Kampfgetümmel. Heute bedeutet zwar „óður“ im Isländischen „wütend, verrückt“, aber der „oðals-bóndi“ gilt noch als „Erb-Bauer“. Altnord. „óðr“ meint das Seelen­leben und den Intellekt. Im Text der eddischen „Weissagung der Seherin“, der „Vǫluspá“ (18,4), werden dem ersten Menschenpaar die Göttesgaben zuteil: „önd gaf Oðinn, óð gaf Hœnir, lá gaf Lóðurr oc lito góða“, „Atem gab Odin, Seele gab Hönir, Lodur die Wärme und gute Farbe“. Odin, der selbst Seele-Geist ist, schenkt den Lebens-Odem. In seinem Atem-Geschenk gibt er sein Selbst - eben die Seelen-Geistkraft - folgerichtig mit hinein, so spendet er gleichzeitig Atem, Leben, Seele. Seine beiden anderen göttlichen Erscheinungs­formen, „Hönir“ (der Schwanen­gleiche) und „Lodur“ (der Fruchtbringende; germ. „lôdiz“, altnord. „lôð“ „Frucht, Ertrag“) zusätzlich Geist-Seele sowie Wärme und Farbe geben. Wie wären Sinn und Seele genau zu scheiden ? Dazu schreibt der Isländer Sigurdur Nordal: „önd, óðr: Hier wird eine Unterschei­dung gemacht zwischen dem Lebens­odem und der Seele. önd bestimmt die Lebens­funktionen, ist Teil des Lebens und ist Mensch wie Tier gemeinsam. óðr ist der ,göttliche Funke‘ im Men­schen, der aufhöhere Mächte zurückgeht.“ (Sigurdur Nordal, „Völuspa“, 1980, S. 48) Der nordisch-mythische Begeisterungstrank, aus dem Speichel aller Götter heißt „Óðrörir“ (Seelenerreger), er schenkt höchste Gelehrsamkeit, Weisheit und Dichtkunst. Von diesem vortreff­lichen Met lässt die Götterlegende den Odin noch einmal zusätzlich trinken, da begann sein Geist zu wachsen, er fühlte sich wohl, ein Gedanken führte ihn zum nächsten und er kettete Werk an Werk („Hávamál“, 140-141). Der altnord. Begriff „oddur“ (Spitze / Speer), käme als Erklärungsvariante für den Schweden-König „Odhere-Ottar“ auch in Betracht, er wurde ebenso gebraucht für die Speerspitze wie für eine Landzunge. Vornamen wie Odger, Oddgeir waren im Norden üblich. Ein „Oddar“ soll im 10. Jh. als Glaubensbote in Holsteinischen Oldenburg tätig gewesen sein, ein „Otger“ im 6./7. Jh. den Niederrhein missioniert und später ein Kloster am elsässischen „Odilienberg“ gegründet haben und ein „Odino“ soll im 12 Jh. als Abt in Rot bei Memmingen in Glaubensdingen beschäftigt gewesen sein. „Oddny“ ist die neue Spitze, der altnord. „Odd-“ ist der an der Spitze stehende Anführer, „Odda-maðr“ ist einer dessen Stimme den Ausschlag gibt, der „Oddviti“ ist der Häuptling, die „Oddnaug“ ist die Spitzen-Frau und „Oddleif“ der Spitzen-Vorfahr. Es gibt bekanntlich im Süden Islands, im Bezirk Rangárvellir, der heutigen Gemeinde Rangárðing ytra, den Ort „Oddi“. Die Stätte liegt auf einer Landzunge zwischen den Flüssen Ytri- und Eystri-Rangá, so dass die Entstehung der Ortsbezeichnung sicher erscheint, wenn auch eine spätere christenkirchliche Legende ihre eigene „fromme“ Ausdeutung beibrachte. Es hätten Christenleute Speere vom Himmel herabfahren sehen, die ihnen bedeutet hätten, dort eine Kirche zu errichten, wo die himmlischen Speerspitzen niedergehen würden. Der Ort war der Hauptsitz eines der mächtigsten Adelsgeschlechter Islands im Hochmittelalter (13./14. Jh.), der „Oddaverjar“. So wie es uns erscheinen muss, wären der altnord. Frauennamen „Oddny“ (Werde-Spitze) und „Oddrún“ als Spitzen-Rune zu verstehen, obgleich bei Personennamensbildungen, durch unzählige Nachweise ersichtlich, allgemein die größte Gestaltungsfreiheit herrschte. Ich erkläre „Oddny“ als Werde-Spitze weil altnord. „ný“ die Phase des sich erneuernden, zunehmenden Mondes bis zum Vollmond bezeichnet. Der isländische „Hof Oddi“ wurde nach der Verchristlichung ein Zentrum der lateinischen Gelehrsamkeit und Bildung. Zur dortigen Oddaverjar-Sippe gehörte auch der Kirchenmann Sæmundur Sigfússon (1056-1133), der die Schriften der „Älteren Edda“ sammelte und dessen gelehrter Enkel, der Gode Jón Loftsson, in „Oddi“ den Skalden, Historiker und Edda-Autor Snorri Sturluson (1179-1241) ausbildete. Welche Vorstellung wir uns von der damaligen dortigen Christenart machen müssen und uns nicht zu wundern brauchen, dass Sigfússon die altheidnischen Texte sammelte, geht daraus hervor, dass sein Bruder Rúnólfr (Runen-Wolf) ein Gegner des Christentums war und er bei seinem außerehelichen Sohn den heidnischen Vornamen Åsmund akzeptierte. Er wurde „Sæmundur fróði“ (Sæmundur, der Gelehrte) genannt. „Fróði“ (Gelehrter) trug die Bedeutung von „weise, erfahren, klug“ und wird in Heidenzeiten ein Kult- oder Beiname des Gottes Freyr gewesen sein, wobei sich die Bezeichnungskombination aus „Fr-“ für Freyr und „-óði“ für klug zusammensetzte.

 

Die heilige Stätte der Königshügel Alt-Uppsalas

 

„Gamla Uppsala“ (Alt-Uppsala) ist die Siedlung des zentralen Machtzentrums Alt-Schwedens, der Hauptstadt des Reiches der Svear, mit den drei bedeutenden Hügelgräbern der Ynglinge-Könige. Manche Sagen ordnen die Gräber den drei nordischen Göttern Thor, Oden und Frey zu. Die alten Quellen geben an, dass hier der Opferplatz mit dem heiligen Brunnen war. Man hat Teile eines Prozessionsweges gefunden, der zu den Königsgräbern geführt haben wird. Das nahe Gräberfeld beherbergt um 3.000 Grabstätten. Der Missionar Adam von Bremen berichtete von religiösen Feiern mit einer Unzahl von geopferten Menschen, Pferden und Hunden, die ringsum in den heiligen Bäumen gehangen hätten. Diese Schilderung, die er vom dänischen König Sven Estridson gehört haben will, wird heute stark bezweifelt, weil sie wahrscheinlich mehr dem Ziel diente, die christliche Mission im altgläubigen Norden anzukurbeln. Snorris „Heimskringla“ gibt an, dass im 5./6. Jahrhundert die Könige Aun, Adhel/Adils/Eadgils-Ottarsson und Egil in Alt-Uppsala begraben wurden. Der Westhügel oder Thors-Hügel wird auch „Adils 'Mound“ genannt. Eine Ausgrabung in diesem Hügel erwies, dass hier ein mächtiger Mann im Jahre 575 begraben wurde, auf einem Bärenfell mit zwei Hunden und reichen Grabbeigaben. „Uppsala öd”, altnord. „Uppsala auðr” oder „Uppsala øðr” (Fülle- / Reichtum- Uppsalas) war der Name einer Sammlung von Ländereien die als Kronbesitz der heidnischen „Könige von Uppsala“ galten und auch im Mittelalter zum Besitz der schwedischen Krone gehörten. „Uppsala öd“, dessen voller Umfang unbekannt ist, war eine erste Gründung schwedischen Staatseigentums, die, wie Snorri Sturluson erklärte, durch den Fruchtbarkeitsgott Freyr begründet worden sei.

 

Zusammenfassung des Wesentlichen

 

Altnord. „Óðal / Óðaljörð“ bezeichnet den Teil des Grundbesitzes (Stammgut, Erbgut, Erbbesitz, Heimat, Vaterland) der sich über lange Zeit bzw. über Generationen im Besitz einer Familie befand und damit dem „Óðalsréttur“ (Odalsrecht) unterlag. In den Wiener Handschriften des „Hrabanus Maurus“ wird die o-Rune  mit „othil - patria“ gekennzeichnet, im „St. Galler Codes“ = „ôðil - patria“, in der angelsächsische Runenreihe = „öðel - patria“, in der Runenliste „Hickes thes. III. tab. VI.“ = „eðel“, in „Hickes gr. anglosax. p. 135“ = „eðel“, in „Codex sangallens .270. p. 5.2.“ = „odil“, in „Codex Isidori Parisiens. p. 4.“ = „oðil“. Die Odal-Odil-Rune symbolisiert also das Stammgut, das Vaterland, und gleichzeitig das seelische Erbe bzw. die Sippenseele, die nach altnordischer Vorstellung mit dem irdischen Stammgut untrennbar verbunden ist. Mein Studium der Runendenkmäler, hinsichtlich des Gebrauches der oðal-oðil-Rune, erbrachte die Erkenntnis, dass sie in der heidnisch-mittelalterlichen Brakteaten-Ikonographie den „fylgjur“ (Seelentiere, übernatürliche Begleitgeister, Schutzgeister) angehängt wurde. „Fylgjur“ wurden in der Regel in Form eines Tieres geglaubt, häufig erscheinen sie den Gläubigen im Schlaf, sieht man sie im Wachzustand, gilt das als ein Omen des unmittelbar bevorstehenden Todes. Es handelt sich um eine Art Totem-Wesen, denen eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zwischen dem Individuum bzw. seiner Sippe und einer bestimmten geheiligten Tiergattung zugetraut wurde, deren Fähigkeiten und Verhaltensweisen dann als „Vorbilder“ galten und auch als glückbringende „Hamingja“ (Schutzgeist, Glückskraft, Geschick) in Erscheinung treten konnten.
 
Das runische Sinnzeichen (o) vereinigte in sich offenbar die Vorstellung einer irdisch-seelischen Einheit des Menschen, als Teilheit einer Familien-Gesamtheit, die durch einen Urstammboden-Besitz und eine Urstamm-Eigenartigkeit für die übrigen Menschen in Erscheinung tritt. Dieses Clan-Bewusstsein bekundete man in der nordischen Gesellschaft durch Namens-Anhängungen von ung-/ing-Endungen, so wie es noch in dt. Worten wie „Frühling“, dem Kind der Frühjahrszeit, und „Engerling“ (Boden-Kind), der Larve des Maikäfers, zum Ausdruck kommt (Anger, ahd. „angar“, mhd. „enger“ bezeichnet ein grasiges Landstück, Weideland). Die rechts-beginnende Runen-Sinnzeichen-Lesung findet die Runenfolge  (od) am Kopf der Ordnung, ihr folgt das Zeichen für „ing“, so dass sich die Lesung    (o.d.ing) ergibt, die im dargelegten Sinne, als ursprüngliche runenschöpferische Metapher für das konzeptionelle Evangelium einer glückbringenden heimatlich-seelischen Glaubensgewissheit aufzufassen ist -, als die in Runen geronnene geistig-religiöse Emanation des Geist-Seelen-Gottes „Od-(W)Odin“. Die Ing-Rune - separat gedeutet - steht ebenso für die solare germ. Gottheit Ingwaz, so dass gelesen werden könnte: „OD-Ingwaz“ = Geist-Sonnenkraft. Letztlich aber erhebt sich die Frage, wie diese Folge der drei ersten runischen Lautzeichen der rechts-beginnenden Lesung korrekt zu prononcieren sind ? Dürfen sie problemlos als „Oding“ gelesen werden, wurden sie in aktiver Runenzeit so gelesen ? Bei den ersten beiden Zeichen für „o“ und „d“ gibt es sprachlich keine erwähnenswerten Schwierigkeiten, bei Lautung des dritten aber sehr wohl. Dazu schreibt Gerhard Alexander in „Die Herkunft der Ing-Rune“ („Zeitschrift  f. dt. Altert. u. dt. Literatur“, Herausgeb. Kurt Ruh, Bd. 104, 1975, S. 1f): „Der Lautwert der Rune war, jedenfalls ursprünglich, nicht einfacher velarer Nasal, sondern ,ng’ bzw. ,ing’. Da die Runenritzer der ,ng'-Rune keineswegs grundsätzlich dort ein ,i’ voranstellten wo es lautlich wohl nötig gewesen wäre, dürfen für die –Rune Lautwerte ,ing’ sowohl wie ,ng’ angenommen werden.“ Es darf also der Begriff „Oding“ ohne Einschränkung so gelesen werden wie wir es auch noch im heutigen Leseverständnis gewohnt sind.
 
 
 
Markomannische Odal-Haarschlingen am Kessel von Muschow
 
 
Das Markomannisches „Königsgrab von Muschow“
 
Unmittelbar südlich der vertriebenen südmährisch-deutschen Gemeinde Muschau (jetzt überflutete tschechische Wüstung Mušov) liegt grenznah das niederösterreichische Dorf Ottenthal (Bezirk Mistelbach), nur ca. 9 km entfernt. Während der tschechischen Hussiten-Überfälle (1419-1436) bot der sog. „Taborgraben“ dem Ort Muschau Schutz. Hierbei handelte es sich um einen 250 m langen Ringwall, dessen Ursprung schon in frühester Zeit lag. In der Endphase von Weltkrieg II. kam es auch im deutsch-niederösterreichischen Kernland, in Muschau und im Bezirk Mistelbach, in Ottenthal, zu grauenerregenden Gewalttaten der „Roten Armee“, sowie räuberischer Tschechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Deutsche unterlagen der Vertreibung bzw. der sog. Zwangsumsiedlung. Schließlich wurde das Gebiet mittels eines Stausees überflutet, so dass heute lediglich einige Inselchen an die einstige markomannische und deutsche Gemeinde erinnern.

Die Gemeinde Ottenthal liegt nur wenige Kilometer südwestlich der Fundstelle Muschau, die wiederum um zwölf Kilometer nördlich von Nikolsburg (tschech. Mikulov) gelegen ist; die Region gehört zur Gemeinde Weißstätten. Siedlungsfunde gibt es dort bereits aus der Steinzeit, um 4.000 v.0. Die Besiedelung setzte sich fort in der Bronzezeit, sowie der keltischen Hallstatt und La-Téne-Zeit. Das markomannische „Königsgrab von Muschau“ stammt aus der Phase in der der militärische Druck des imperialen Rom so zwingend war, dass die germanisch-suebischen Markomannen in Böhmen und Mähren glaubten, sich arrangieren zu müssen, wie man es aus der Geschichte ihres Führers Marbod weiß, der im Jahre 37 n.0 in Ravenna starb. Hätte er die verblendete Friedenspolitik gegenüber Rom nicht getrieben, vielmehr, zusammen mit dem Befreier Germaniens Armin, Rom bedingungslos bekämpft, wäre das ehrenvoller und historisch sinnvoller gewesen. Doch er ließ sich auf die römische Intrigenpolitik ein, wurde ausgespielt, sein Land vereinnahmt und schließlich musste er als quasi Gefangener seinen ehrlosen Lebensabend als von Rom berenteter Asylant in Ravenna verbringen. Das „Königsgrab“ eines Edlen aus Muschau rührt aus jener Zeit in der friedenswillige Sueben unter römischer Oberhoheit - nahe einer römischen Garnison - ihr gewiss auskömmliches Leben hatten. Die Grabausstattung zeugt von einem gewissen Wohlstand des Gaufürsten.    
 
Römerzeitliche Befestigungsanlagen in Muschau aus der Zeit der Markomannen-Kriege (166-180 n.0) des Kaisers Marc Aurel wurden festgestellt. 1988 hat man das kaiserzeitliche Kammergrab eines germanischen Würdenträgers entdeckt, das aufgrund seiner fürstlichen Beigaben als „Königsgrab“ bezeichnet wird. Es muss sich um einen markomannischen Gauherren gehandelt haben, der sich mit der röm. Besatzungsmacht arrangierte, um zu überleben. Seine letzte Ruhestätte enthielt prunkvolle antike, provinzialrömische und typisch germanische Gegenständen aus dem 2. und teilweise auch dem 1. Jh. Dazu gehören silberne und vergoldete Gürtelbeschläge, Keramiken, Waffen, verschiedene Kessel, Eimer. Einzigartig ist der Bronzekessel mit Ringgriffen mit vier Germanenbüsten von Männern die typische Frisuren tragen, die seitlich am Kopf gebundenen sog. „Suebenknoten“.
 
Knotenzauber - Neselknüpfen
 
 
Diese Knoten-Haartracht scheint sich in der weiten Germania allgemeiner Beliebtheit erfreut zu haben. Auch die germ. Frauen trugen - wie Amulette, Kleinskulpturen usw. nachweisen - einen Knoten im langen Haupthaar, ähnlich der modernen Pferdeschwanzfrisur. Der Suebenknoten ist besonders gut erhalten am vollen Schopf des „Mannes von Dätgen“ und des „Mannes von Osterby“ (Krs. Rendburg-Eckernpförde), Moorleichen aus dem 2./4. Jh.. Bekannt ist die schöne Bronzefigur eines kniend betenden Germanen mit Suebenknoten („Bibliothèque nationale de France“, Paris). Ebenso zeigt das röm. Siegesdenkmal von Adamklissi (Tropaeum Traiani - Rumänien) von 108/109 n.0,  die Abbildung eines germanischen Dakers mit Haarknoten. Auch die Bronzefigur des muskulösen, gefesselten Germanen in der röm. Abteilung der „Museen der Stadt Wien“ trägt ihn, ebenso der Marmorkopf aus dem wallonischen Somzée (Königl. Mus. d. Schön. Künste“, Brüssel), um nur einige derartiger Funde zu nennen. In einer wissenschaftlichen Arbeit über Germanen heißt es: „Haar und Bart galten bei den Germanen als Symbol der Kraft und Ehre des Mannes. Das Abschneiden aller Haare wurde als Zeichen der Buße für eine ehrlose Tat betrachtet und gleichzeitig stellte es ein Opfer an die Gottheit, die durch die Tat beleidigt wurde, dar. Frauen wurden gleichermaßen bestraft. Diese Opfer an die Gottheit hat auch das Christentum übernommen, wo ordinierte Mönche und Nonnen ihre Haare opfern müssen. Deswegen stellte man sich die Götter mit dem reichen gekrausten Haar und mächtigem Bart vor.“ Dass man sich die Götter mit „gekraustem Haar“ vorgestellt habe, ist eine unsinnige Zutat des Autors, natürlich nicht krauslig aber füllig war stets das Haar-Ideal.
 
Die germanische Knotenmagie findet sie in verschiedenen Formen, sie sind Teil eines tiefgründigen Verständnisses und Zaubereisystems. Die Knoten wurden zumeist in Verbindung mit einem Zauberspruch gemacht, der dann als festgemacht und ausgesendet galt. Man nannte das „Nestelknüpfen“ oder „Bindezauber“. Wie im gesamten Zauberwesen wurde zwischen weißem und schwarzem Galster (Zauber) unterschieden. Man versuchte Positives wie Negatives durch Knotenzauber fest zu machen, also in die Realität zu bringen. Beim Knotenzauber sprach der Knotende Segnungen oder Flüche, Verwünschungen, also Bindungszauber-Befehle. Frauen versuchten möglicherweise einen Mann impotent zu machen der eine Nebenbuhlerin geheiratet hatte. Im Augenblick des Trauaktes sollte ein Knoten geknüpft, ein Schloss geschlossen werden. Ein Lösen des Zaubers war durch das Lösen des Knotens (Erlösung) möglich. Schutz vor dem feindlichem Bindezauber erhoffte man sich durch bestimmte Amulette. Dieser Zauberbrauch, der 400 n.0 genannt wurde, soll noch nach 1900 bekannt bzw. gebräuchlich gewesen sein, wie man liest.
 
Zum Haar-Seelenkult
 
Dem germanischen Haar-Seelenkult lagen zweifellos sehr reale Beobachtungen zugrunde. Die Haare, als die feinsten Ausstülpungen des körperlichen Menschen in die ihn umgebende Atmosphäre hinein, gleichen gewissermaßen Antennen. Wie sich Haare bei elektrischen Einwirkungen aufstellen können, wie sie dem angeriebenen Bernstein nachfolgen, wie sie ergrauen können im Schockerlebnis großer seelischer Erschütterungen, wie sie ausgehen können während Entbehrungen sowie Alterungsprozessen, also dem seelische Leid und dem Vergehen von Seelenkräften, das alles kann den Beobachter bewegen, den Haaren eine feinere Seelenverbindung zuzutrauen als es dem verstandesgespeisten Bewusstsein des Menschen möglich scheint. Dazu kommt, dass Haare tatsächlich bei sensitiven Naturmenschen sich als feine Sinnesorgane erweisen, so dass man von einem physiologisch bisher unerklärbaren Erkenntnismechanismus sprechen könnte. Indianische Fährtenleser bzw. Scouts die bei der US-Armee im Vietnamkrieg eingesetzt wurden, verloren ihre zuvor bewiesenen überdurchschnittlichen Fähigkeiten, nachdem ihnen der übliche militärische Kurzhaarschnitt beigebracht worden ist. Ihr Fähigkeitsverlust kam zurück, nachdem das Haar wieder in voller Länge nachgewachsen war, was in der biblischen Legende  von „Samson und Delila“ ebenso anklingt, nämlich die Abhängigkeit der menschlichen Kraft und Sinnenstärke vom vollen Haupthaar. Dergestalte Erkenntnisse und ihre Folgerungen veranlassten den weit verbreiteten Brauch, Sklaven zu scheren, wohl sie machtlos zu machen, wie auch ihre sichtbare Machtlosigkeit als besiegte Kriegsgefangenen dem Publikum zu präsentieren. 
 
Ein weiterer Verständnisansatz zur Haarschlaufenfrage ergibt sich, wenn wir in Rechnung setzen, dass die Körperseite den Menschen in der Antike von immenser Bedeutung erschien. Die rechte Seite galt als „männliche“ und die linke Seite als „weibliche“. Indem der germanische Mann den Schopf seiner rechten Kopfseite zu einem Strang zusammenfasste und den linken Schopf unter den rechten hinüberzog, um dort den Flechtzopf und dann ebenso dort die Seelenschlaufe zu binden, stellte er alle seine seelisch-weiblichen Anteile - wie Wankelmut, Furcht und Weichherzigkeit - unter die strenge männlich-willentliche Vormundschaft und wurde mithin ganz „Mann“, was in den Jahrhunderten des harten Lebenskampfes und der permanenten kriegerischen Bedrohung durch das römische Terrorimperium eine der Vorbedingungen zum Überleben wurde. 
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