SIEGFRIED - ARMIN

Abb. 1 - „Die Hermannsschlacht“
Gemälde von Friedrich Gunkel (1862–1864) - Es wurde zerstört im Weltkrieg II.

 

SIEGFRIED - ARMIN

 

Man  bezeichnet das „Nibelungenlied“ zurecht als das deutsche Nationalepos. Wer sich in seine verschiedenen Quellentexte einliest und sich damit ernsthaft auseinandersetzt, begreift sehr bald warum das so ist. Die Vorarbeit hat bei Sichtung der „Nibelungen“-Fassungen zu beginnen, dann mit Lesung des deutschen Volksbuches vom „Hürnen Seyfrit“ weiterzuschreiten, schließlich die Schriften der skandinavischen „Thidreksaga“, „Reginslied“, „Atliliedes“, „Völsunga saga“ und den „Helgiliedern“ zu studieren, um dann die Grundlage der Sagenkomplexe zu verstehen, durch Betrachtung völkerwanderungszeitlicher Geschehnisse und endlich der Erscheinung des jungen Cherusker-Fürsten Hermann bzw. Armin, dem Befreier Germaniens

 

Abb. 2 - Bronzezeitlicher Fund von Fårdal in Nordjylland - Steckfiguren für ein Kultschiffchen: Schlange und kniende Göttin, die - nach Öffnung in ihrer erhobenen rechten Hand zu schließen - einen Speer gehalten hat.

 

Nach dieser Vorarbeit wird es dem Studierenden klar, dass sich zum Nibelungenlied im Wesentlichen zwei Sagenkreise zusammengeschoben haben: 1. der uralte indogermanische, mindestens schon bronzezeitliche Mythos vom Lichthelden der den Winter- und Finsternisdrachen bekämpft und 2. die reale Historie vom Cheruskerprinzen Armin, dem Sieger über den römischen Drachenwurm, einer in den europäischen Norden hineinkriechenden erbarmungslosen und grauenerregenden Militärmaschinerie. Das militärische Ungeheuer Rom, von einer bis dato unbekannten mörderischen Perfektion und Konsequenz, herauszufordern und einen Sieg davonzutragen, war so gewaltig, so neu und so beglückend für die römisch versklavten Völker, dass es für diese nie mehr aus dem Gedächtnis verschwinden konnte. So besteht der strahlende Held Siegfried einmal aus dem altnordisch-vorgeschichtlichen Heilbringer, dem eddischen Helgi sowie dem Armin aus der cherusker-fürstlichen Sig-Sippe. Sämtliche sagenhaft verklärte Einzelzüge des Nibelungenliedes und des Siegfried-Mythos sind in den Völkerwanderungsturbulenzen und im Leben des Cheruskerfürsten wiederzufinden. Der deutsche hochverdiente Germanist Otto Höfler (1901-1987) erkannte bereits die Identität des realen mit dem Sagenhelden: „Siegfried, Arminius und der Nibelungenhort“, 1978.

 

Abb. 3 - Der mythische Tazelwurm im bronzezeitlichen Felsritzbild
von Järrestad / Skane / Schweden - ca. 1.500/1.000 v.0

 

1. - Siegfrieds Name: Die Römer nannten den strahlenden germanischen Freiheitshelden „Armin(ius)“, was auf eine von ihnen vernommene germanische Lautung zurückgeführt werden muss. Es wird wohl der „Ehrenwerte“ bedeuten, aus „ar-man / ar-min“. Der Anlaut „ar“ meint „Ehre, Würde, Ruhm, Achtung, Verehrung, Gnade, Glück, Wohltat, Hilfe, Erbarmen“. Es könnte etymologisch mit lat. „ara“ = „Opferaltar, Erhöhung“ verwandt sein. Noch im Altenglischen ist der „Ar“, der „Bote, Herold, Apostel, Engel“. Die elbgermanischen Langobarden dürften eine dem Cheruskerischen eng verwandte Sprache gesprochen haben. Ihre ehrenwerten Freien nannten sich „Arimanen“. „Armin“ war demnach sein  Ehrennamen, während der Begriff des „Siegfried“ in seinem Sippen-Namen begründet liegt. Von acht Mitgliedern der cheruskischen Königssippe tragen fünf die Vorsilbe „Segi“, also „Sieg“ im Namen. Der Vater nannte sich Segimer, der Schwager Segimund. Armins echter Rufname wird einer Lautung wie „Sisifrid“ entsprochen haben. Die Umdeutung „Armin“ in „Hermann“ erfolgte im Umfeld Martin Luthers, der als Romfeind seine Zuneigung deutlich machte: „Wenn ich ein poet wer, so wolt ich den celebriren. Ich hab in von hertzen lib.“ - In den nordischen Liedern haftet Sigurd die Tiersymbolik des solaren Hirsches an. Der Hirsch, wie aus den Bronzezeit-Felsbildern hervorgeht, hat eine auffällige Beziehung zur Sonne. Sigurds Mythenverwandtschaft mit dem Sonnenhelden Helgi und dem Sonnengott altdt. Fro, altnord. Freyr ist unverkennbar. Siegfried-Sigurd wird von einer Hindin bzw. Hirschkuh gesäugt und erscheint in einem Traum als goldener Hirsch. „Herrlicher Hirsch heiße ich“, sagt er. Sigurd befreit er Brünhild vom „hindarfjall“, dem Hirschkuhfelsen. Der Umstand, dass der Hirsch offenbar das Totemtier der Cherusker war, denn nach dem germanischen Begriff „herut“ (Hirsch) ist ihr Stammesnamen gebildet, erweist ihre religiöse Beziehung zum altnordischen Sonnenkultus.

 

Abb. 4 - Urgott Atum bekämpft die dem Sonnengott feindliche Schlange Apophis,  
die als Verkörperung von Auflösung, Finsternis, Chaos galt.
Grab von Ramses I. (gest. 1290), KV 16

 

2. - Seine Person: Fraglos muss ein Kämpfer von der Art des Armin (17 v. - 21 n.0) über hervorragende geistige und körperliche Merkmale verfügen, um Männer befeuern und zum Freiheitskampf mitreißen zu können. Die Erinnerungssagen im gesamten germanischen Einflussgebiet, von den Färöer-Inseln bis nach Spanien hinein, berichten von ihm unter dem Siegfried-Sigurd-Namen als einem Ausnahmemann. An der nordspanischen Kirche von Sangüesa ist der Held ebenso ins Portal geschnitzt wie bei den norwegischen Stabkirchen. Es gibt Bildsteine von ihm auf Gotland, Norwegen und auf der Isle of Man. Am eindrucksvollsten ist die mittelalterliche Felsgravur von Ramsundberg in Schweden. Sie zeigt auf einer Breite von 4,7 m wie Sigurd ein schlangenartiges Untier ersticht. In den alten Siegfried-Texten schlägt er mit Titanenkräften beim Schwertschmieden den Amboss entzwei. Er hatte Schultern „so breit wie zwei Männer" und eine hürnerene Haut in die keine Waffe biss. „An Tüchtigkeit und Tapferkeit“ habe der Held „mehr besessen als alle andern in der Nordhälfte der Welt“, lobt ihn die mittelalterliche „Völsunga saga“. Tacitus schreibt in „Annalen“ 55, von des „Arminius gewaltigen Arm“ und (Annalen 59) von „heftigem Gemüt“, also von sanguinischem Temperament. Segestes, der verräterische Vater des Armins Frau wird von Tacitus als von „mächtiger Gestalt“ beschrieben (Annalen 57), so wird seine Tochter auch nicht eben klein ausgefallen sein und der von ihr geliebte Mann sie zweifellos überragt haben. Tacitus schreibt (Annalen II,88,2): „Im übrigen hatte Arminius, der nach dem Abzug der Römer und der Vertreibung Marbods nach der Königsherrschaft trachtete, den Freiheitssinn der Volksgenossen gegen sich, und als man mit Waffengewalt vorging, kämpfte er mit wechselndem Glück und fiel durch die Hinterlist seiner Verwandten. Er war ohne Zweifel der Befreier Germaniens, der nicht wie andere Könige und Heerführer das römische Volk in seinen Anfängen, sondern ein Reich in seiner ganzen Blüte herausgefordert und in den Schlachten mit wechselndem Erfolg (gekämpft hatte), im Krieg aber unbesiegt (geblieben war)“. „37 Jahre währte das Leben des Arminius, 12 seine Macht, und noch heute besingt man ihn bei den Barbarenvölkern“, schließt Tacitus seinen diesbezüglichen Bericht. Wie Siegfried von den eigenen Verwandten gemeuchelt wurde, so ist auch Armin im Jahr 22 n.0 aus der eigenen Sippe heraus ermordet worden. Trotz seiner Körperkraft, der Tarnkappe und seiner Hornhaut fällt Siegfried einer Intrige am Hof des Burgunderkönigs Gunther zum Opfer. Bei der Ermordung Armins hatte mit Sicherheit Rom seine intriganten Finger im bösen Spiel, zumindest wusste der Attentäter, dass er in Rom immer Dank und Schutz zu erwarten hätte. Der Cherusker hat seine vom Landfeind gefangen weggeführte schwangere Frau Thusnelda, auch sein in der Fremde geborenen Sohn Thumel(icus), nie wiedergesehen.

 

Abb. 5 - Der hethitische Wettergott Tarhunna / Teschup tötet den Drachen Illuyanka -  
spätluwisches Kalkstein-Relief aus Melid, 1050-850 v.0

 

3. Der Drachen: Die mythischen Vorstellungen von einem schlangenartigen Ungeheuer muss sehr alt sein, schon die bronzezeitlichen Felsbilder Skandinaviens zeigen derartige Wesen (Abb. 3) und die altägyptischen und hethitschen Mythen sagen ein Gleiches aus (Abb. 5). Unter dem Lindwurm oder Drachen ist seit alters die antigöttliche Macht zu verstehen, die den Sonnenheros bedrängt, um schließlich von ihm besiegt zu werden, damit die gute Zeit des Frühlings und des Sommers ihren Anfang nehmen kann. Wie in den uralten Sagas, die bei den Völkern umgingen, so schlug der Siegfried-Armin einen ganz realen Drachen, welcher in Gestalt eines langen Eisenwurmes in das germanische Heimatland eindrang, um es zu verwüsten, die Menschen abzuschlachten und seine Schätze zu rauben. Dieser Lindwurm bestand aus dem Vorwärtstappen von über 36.000 genagelten Legionärs-Stiefel und -Sandalen. Die Kettenhemden, Eisenhelme und das Schanzzeug der drei Legionen starken römischen Invasionsarmee rasselte wie man sich einen Schuppenwurm vorstellen darf. Der lange Schuppenwurm, in den Siegfried-Texten auch „funkelnde Schlange“ geheißen, glich also dem von Metall blitzenden Heerzug des Varus auffällig, er war etwa sechs Kilometer lang. Und dass er aus seinem Rachen Feuerlohen spie, trifft ebenso völlig korrekt auf die römische Kriegstechnik zu, die mit Brandschleudergeschossen friedliche Dörfer ebenso einäscherte wie angreifende Fronten und ganze Waldstücke. Der römische Drachen wurde im Norden zum mythischen „Fafnir“, was Umschlinger, Umklammerer bedeutet. Eine Kennzeichnung welche sehr genau zur römischen Militär- und Besatzungsstrategie passt, denn sowohl von der Donau nach Norden, wie von westlichen Stützpunkten und über Flottenlager in Friesland und an der Weser war die Umzingelung und Versklavung der Germanenvölker geplant. - Der von religiös-mythischen Vorbildern unabhängige Gedankengang, den militärischen Gegner als Drachenuntier zu bezeichnen - wie es in der Armin-Siegfried-Historie geschah – ist nicht eben originell. Das Bild des Reiters, der ein gefährliches Untier, ein Drachenmonster, im hier zu nennenden konkreten Fall einen langen Wurm tötet, indem er ihn hoch zu Ross überreitet, findet sich beispielsweise auf dem Goldmedaillon Kaiser Konstantin II., das nach dem Sieg über den Usurpator Magnentius im Jahre 353. „Im Rahmen der traditionellen kaiserlichen Münzpropaganda der konstantinischen Dynastie tauchen schon in der ersten Hälfte  des 4. Jh. Bilder auf, die den Kaiser zu Pferde zeigen, wie er einen besiegten, in Drachengestalt wiedergegebenen gegnerischen ,Tyrannen’ niederreitet.“ („Sanct Georg – Der Ritter mit dem Drachen“, 2001, Katalog zur Ausstellung der des Diözesanmuseums Freising, S. 50.)

 

Abb. 6 - Wettergott Baal besiegt die Chaos-Schlange Tunnanu
neuassyrisches Rollsiegel, 900-700 v.0

 

4. Der Kampf: Der römische Historiker Cornelius Tacitus berichtete wie im Jahre 9 nach Null der germanische Freiheitswille das römische Versklavungsheer - bestehend aus der 17., 18. und 19. Legion, drei Reiter- und sechs Infanterie-Einheiten - auf dem Marsch bei typisch deutschem Schmuddelwetter überfiel und fast restlos niedermachte. Der eigentliche Beginn zur konkreten Unterwerfung Germaniens hatte im Jahre 16 v.0 begonnen. Acht römische Legionen marschierten über die Alpen bis zur Donau. In 40 neu erbaute Kastelle am Rhein rückten die Truppen ein. Hauptstützpunkte waren Mogontiacum (Mainz), Vetera (Xanten) und Noviomagus (Nimwegen). 7 n.0 übernahm Varus die Rheinarmee und terrorisierte Niedersachsen und Westfalen. Er war im Herbst 9 n.0 mit dem Heer schon wieder auf dem Heimweg hinter die Rheinlinie, da schlugen die Aufständischen los. Dem cheruskischen Armin schlossen sich Teile der Brukterer, Chatten und Marser an. Über volle drei Tage zogen sich die Kämpfe hin, während sich die Römerarmee wie ein Lindwurm über Wald- und  Sandwege zog und verzweifelt die Marschordnung aufrecht zu halten versuchte, brachen die Aufständischen seitlich aus den Dickichten hervor, so dass immer größere Lücken entstanden. Die Legionen hatte keine Gelegenheit ihre Kampfkraft frontal zu entfalten. Wie es in den Siegfried-Sagen dichterisch beschrieben ist, stieß der Germane im Vorübergleiten der römischen Heeresschlange das Schwert in die weiche Seite und griff das Untier nicht von vorne an seinem Kopfe an. Für einen offenen Kampf, in Gestalt eines Gottesgerichtes wie in Germanien unter ehrenhaften Gegnern üblich, war der Feind nicht geeignet. Wie unsittlich, wie niederträchtig, verlogen und skrupellos die römische Kriegsführung auch schon lange vor Cäsar war, ist dem Geschichtskenner wohl vertraut. Es gab im römischen Denken nur die Maxime des Erfolges, wie er errungen war, galt als absolut unwichtig, obschon die chauvinistischen Historiker gern auch Aspekte der römischen Ehre schönfärberisch anklingen ließen. Mit diesem Rom einen offenen Entscheidungswaffengang anzutreten, wäre einem Selbstmord gleichgekommen. Weder was die Perfidie anbelangt, noch waffentechnisch wäre ein germanisches Bauern-Heer den geübten hochmodern gerüsteten römischen Berufssoldaten gewachsen gewesen. Es kamen allein der Überraschungsmoment und die Form einer Kriegslist in Frage. In einer Grube versteckt, lauerte Sigurd, wie er im Altnordischen heißt, dem Untier auf. Als es über ihn hinweggleitet, stößt er dem Wurm nach oben zielend sein Schwert ins Herz. Der „gleißende Wurm schüttelte sich und schlug mit Kopf und Schwanz um sich“, berichtet die von deutschen Erzählern nach um Skandinavien gelangte und um 1250 verfasste Liedersammlung jener uns heute vorliegenden Form der „Edda“. Deshalb galt im Norden Sigurd als „Held aus dem Süden“. Dass es bedeutend ältere Texte gegeben haben muss, ist sicher. Auch im „Beowulf“, dem Ur-Epos der aus Norddeutschland stammenden Angelsachsen, wird  von Siegmund berichtet, der den Drachen, den „Hüter des Horts“, erschlägt und sich so „großen Tatenruhm“ erwarb. In der „Völsunga saga“ heißt es: „Keiner war bisher so kühn, dass er auf dem Weg des Drachen zu sitzen wagte, und diese Heldentat wird im Gedächtnis fortleben, solange die Welt steht“. Die Römer verloren über 20.000 Soldaten. In verklärter Form berichten die Siegfried-Sagen das Kampfgeschehen der Armin-Schlacht. Der Sieger schneidet dem Drachen das Herz heraus und brät es. Unter dem „Herz“ des römischen Drachens sind seine Führungselite, die Offiziere, zu verstehen. Sie werden förmlich in der Schlacht gebraten, sie sind verzweifelt, erdolchen sich angesichts der Niederlage selbst oder werden von den Siegern „gebraten“. Die anmaßenden, arroganten römischen Offiziere bluteten unter den Opfermessern germanischer Priester. Vielleicht wurde ihnen wirklich das Herz aus der Brust geschnitten, um daraus den weiteren Verlauf des Krieges zu weissagen ? „In den benachbarten Hainen standen die Altäre der Barbaren, an denen sie die Tribunen und Zenturionen ersten Ranges geschlachtet hatten“, schreibt Tacitus. Roms erklärte Absicht, die Vorverlegung seiner Grenze bis zur Elbe, scheiterte. Trotz weiterer mörderischer Ausrottungsangriffe gegen germanische Völkerschaften konnten Augustus (Kaiser bis 14 n.0) und Tiberius (bis 37 n.0) ihr Ziel nicht erreichen.

 

Abb. 7 - Herakles kämpft gegen das Meeresungeheuer Ketos bei Troja
Kretische Vase, 5. Jh. v.0

 

5. Der Schatz: Der römische Feldherr Varus war ein Prasser, sicher kein Verächter von Orgien, er hatte vorher das lukrative Pöstchen des Statthalters in Syrien inne und hatte dort große Reichtümer aus dem Land gepresst. In seinem geliebten Luxus reiste er auch durch das schon besiegt geglaubte Germanien. Wahrhaft ein gleisnerischer Drachenkopf. Siegfried betritt schließlich die Höhle des Wurmes, die durch Eisentüren geschützt war, so wie Armin das eisenbewehrte Römerlager mit allen seinen Schätzen betritt und den „fluchbeladenen Hort der Nibelungen“ an sich bringen kann. Dem Varus haben seine Schätze kein Glück gebracht. Der legendäre Drache trug einen „Schreckenshelm“ auf dem Kopf und bei seinem Hort lagen Schwerter und Brustpanzer. Solche Waffen und römische Schreckenshelme erbeuteten die Germanen tatsächlich. In Prunk und Protz, in silberblinkenden Rüstungen reisten Oberbefehlshaber wie Germanicus und Tiberius als Mitglieder der kaiserlichen Familie nach Germanien. Auch eine Methode der geistigen Überrumpelung, was kann man schon gegen ein Reich bewirken, das solchen Aufwand betreiben kann, wird sich mancher kleinmütige Germane gesagt haben. Fraglos wurden durch die vereinigten Germanenscharen, an deren bescheidenen Verhältnissen gemessen, unglaublich reiche Schätze erbeutet, um die die einzelnen Truppenführer ihre Streitigkeiten bei Verteilung der Beute erlebt haben müssen. In sofern ist jeder Schatz „fluchbeladen“ denn er erzeugt immer Neid und Missgunst bei denen die glauben, zu kurz gekommen zu sein. In der Armin-Schlacht müssen den Siegern auch objektiv enorme Schätze in die Hände gefallen sein. Denn die römischen Offiziere liebten den Luxus. Silbergeschirr, Silberbestecke, feine Tuche, wertvolles Mobiliar, aufwendiger persönlicher Schmuck der eitlen Herren und jede Menge des begehrten, ausgezeichneten norisch-keltischen Eisens. Am Ende versenkt Siegfrieds Mörder Hagen von Tronje den Hort im Rheinstrom, es sollen 144 Wagenladungen voll Kostbarkeiten gewesen sein. Das berühmte mythische „Rheingold“ des Nibelungenliedes bestand in der nüchternen Wirklichkeit wohl aus diesem Beutegut der Sieger, welches vorher das Raubgut römischer Beutemacher war. Ein Teil der Beute wird im sogenannten „Silberschatz von Hildesheim“ zu erblicken sein. Es handelt sich dabei um den größten antiken Edelmetallfund in Deutschland. Beim Galgenberg von Hildesheim wurde er entdeckt. Sein Gewicht liegt bei 54 kg. Verzierte Prunkbecher von erlesener Schönheit, Tafelgeschirr, vergoldete Karaffen, Kasserollen, Theatermasken, ein Weinmischkrater wiegt knapp zehn kg. Modernste Analysen bestätigen es, die Sachen gehören exakt der Zeit der Armin-Schlacht an, sie werden als Dankopfer für die huldreichen Kriegsgötter in einem Sumpf bei Hildesheim in den Boden gelangt sein.

 

Abb. 8 - Der Drachentöter wurde verkirchenchristlicht als „Hl. Georg“ - Bild in Kirche von Limpach, Gemeinde Deggenhausertal / Bodensee

 

6. Der Kampfplatz: In der „Edda“ wird mehrfach der Ort genannt, an dem Sigurd den gleißenden Wurm erschlug, es soll auf der „Gnitaheide“ geschehen sein. Die um das Jahr 1150 verfasste Reisebeschreibung des isländischen Rompilgers, des Benediktinermönchs und späteren Abtes Nikulás, handelt davon. Nach seiner Überfahrt nach Jütland wanderte er über Schleswig und Itzehoe durchs deutsche Staufferreich nach Paderborn, wo er gehört haben muss, dass in dieser Gegend die „Gnitaheide“ läge, wo „Sigurd den Fafner angriff“. Es kann sich nur um die „Knetterheide“ bei Schötmar handeln, die am Nordrand des Teutoburger Waldes liegt, um 70 km vom Schlachtfeld bei Kalkriese entfernt, aber nahe 18 km vom heutigen sog. „Hermannsdenkmal“. Nach tagelangen zermürbenden Überfällen, auf den sich im durchnässten Waldgebiet und Morast dahinwindenden römischen Heereszug, hatten die Freiheitskämpfer bei Kalkriese zum endgültigen Vernichtungsschlag ausgeholt. Kein Geringerer als der bedeutende Historiker Theodor Mommsen hatte schon 1885 den Raum bei Kalkriese als Schlachtplatz vermutet, und zwar aufgrund der vielen Münzen, die hier gefunden wurden und in eine Sammlung der Grafen Bar von Barenaue eingegangen waren. Die Sammlung wurde leider 1945 von den Weltkriegssiegern gestohlen. - Seit Herbst 1989 wird bei Kalkriese, zwischen dem Nordabhang des Wiehengebirges und dem Großen Moor, nach Beweisen für die vermutlich hier stattgefundene Armin-Schlacht gegraben. Die gefundenen Reste militärischen Geräts und über 300 römische Münzen, davon keine über das Jahr 9 n.0 hinaus, veranlassten den Grabungsleiter Dr. Wolfgang Schlüter vom Kulturhistorischen Museum Osnabrück, zur Aussage, dass diese Funde alle „in engem Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 9 n. Chr.” stünden. Bewiesen wurde von den Archäologen bereits mit Sicherheit, dass zwischen dem Kalkrieser Berg und dem Großen Moor der uralte Weg durch vorgeschobene Wälle in einen Engpass umgestaltet worden sind. Das war Armins Falle. Inzwischen steht auch fest, dass hier ein ganzes System von Sperrwällen angelegt worden war. Die Luftbildprospektion und eine Schnittgrabung ergab ein 8 km östlich des Engpasses auf einem Sandrücken den typisch römischen Lagerwall. Die Funde an Militaria und Münzen kamen genau vor dem ausgegrabenen germanischen Wall gehäuft vor, unter dem Wall gab es keine und hinter dem Wall sehr wenig. Dieser Befund weist auf die schweren Kämpfe vor dem Wall hin. Dort fand sich auch die versilberte Ziermaske eines römischen Offiziers, die jetzt im Kulturhistorischen Museum in Osnabrück zu betrachten ist.

 

Abb. 9 - Römischer Heerwurm vor Alexandria, 30 v.0

 

7. Die Ermordung: Im Nibelungenlied wird die Freveltat der Siegfried-Ermordung während einer Jagd im Odenwald geschildert. Während der Unbesiegbare an einer Quelle trinkt, wirft ihm der finstere Hagen den tödlichen Speer in den Rücken. Die skandinavische Überlieferung weiß eine noch ärgere Untat, die Ermordung Sigurds im Bett. Das Motiv für die Ermordung Siegfrieds im Nibelungenlied war, er sei zu mächtig geworden, durch seine überlegene Kraft, sein einnehmendes Wesen und durch die Gewalt seines Schatzes. Die Herschersippe am Burgunderhof meinte, nun da er tot ist, gibt es „nur noch wenige, die wider uns anzutreten wagen“. Auch Armin war seinen Verwandten zu mächtig, aber auch zu gefährlich geworden, im Hinblick auf die nicht nachlassenden römischen Rache- und Terrorangriffe. Trotzdem blieb Armin unbeugsam. Man hatte ihm 15 n.0 die Gattin und seinen ungeborenen Knaben nach Rom entführt. Er kämpfte weiter. Kaiser Augustus holte unverdrossen, ohne zu zögern, zum erneuten Militärschlag aus. Die Rheinarmee wurde aufgestockt, frische Soldaten herangeführt. In den sieben Folgejahren wüteten die römischen Legionen schlimmer denn je in den niedersächsischen Aufstandsgebieten. Es waren buchstäbliche Ausmordungskriege. Der römische Feldherr Claudius Germanicus (15 v.0 - 19 n.0) feuerte seine Soldaten an, keine Gefangenen zu machen, der Krieg könne nur gewonnen werden durch Auslöschung des Volkes. Wie Tacitus mitteilt, habe Armin nach Verschleppung seiner Frau, fast wahnsinnig vor Schmerzen, noch leidenschaftlicher zum Kampf gegen die römischen „Zwingherrn“ - den Kaiser Augustus und seinen Nachfolger Tiberius - aufgerufen. Wie gut und nüchtern er diese verkommene, machtbesessene römische Oberschicht einzuschätzen wusste, geht aus seinen Worten hervor, die Tacitus festhielt: Roms Kaiser ließen sich von Priestern umräuchern und feiern wie himmlische Wesen, dabei seien diese Leute doch auch nur Menschen und zwar ziemlich schlechte. Auch das Sagenmotiv der Tarnkappe Siegfrieds könnte seine Erklärung finden in der gewissermaßen unsichtbaren Kriegsführung des Cheruskers, der eine Art Guerilla-Krieg gegen die Römerlegionen führte. Im Jahre 17 n.0 griff er mit seinen Getreuen erfolgreich den mächtigen König Marbod in Böhmen an, der über mehrere elbgermanische Stämme der Langobarden, Semnonen und Goten herrschte. Dem klugen Armin schwebte sicherlich ein geeintes Germanien vor, möglicherweise sein Königtum darüber. Das konnte einigen Gau- und Stammesführern nicht recht behagen, hätten sie doch bei dieser Entwicklung ihre Macht verloren. Eifersucht in seiner eigenen Familie scheint eine wesentliche Rolle gespielt zu haben. Schließlich erlag auch der Cheruskerfürst im Jahre 21 n.0 - nicht anders wie der sagenhafte Siegfried - der Tücke seiner Anverwandten.

 

8. Die „Armin-Säule“: Das Arminsdenkmal oder Hermannsdenkmal genannt, befindet sich bei Detmold und ist durch den ehrenwerten Ernst v. Bandel als absolut sinnvollstes Nationaldenkmal der Deutschen, erbaut worden, um an die Armin-Schlacht vom Jahre 9 n.0 zu erinnern. Über Detmold ragt oberhalb der Stadt die Stätte der altsächsischen Volksburg auf, der späteren Grotenburg. Mit etwa 450 m Höhe ist dieser, zum größten Teil bewaldete Berg, die höchste Erhebung des Teutoburger Waldes. An diesem Gipfel hat der bayerische Bildhauer Ernst von Bandel (17.05.1800 in Ansbach - 25.09.1876) auf der freien Höhe im Jahre 1876 nach jahrzehntelanger mühseliger Arbeit, mit einer Reihe von Mithelfern, die Arminsäule zu Ehren des Befreiers Germaniens von der Römerherrschaft vollendet. Schon in den 1820er Jahren, also zu Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit überhaupt, hat sich dieser unbeirrbare Künstler-Held mit der Idee eines Hermannsdenkmals beschäftigt. Es wurde 1838 begonnen, sein Bau stockte zwischen den Jahren 1846 und 1862, erst am 16. August 1875 wurde es im Beisein des Kaisers feierlich eingeweiht. Das bronzene überlebensgroße Standbild Armin-Hermanns erhebt sich auf einem. In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 geriet das Hermannsdenkmal in die Schusslinie der vorrückenden US-Banausen, die die Figur zunächst als Zielscheibe und dann zwei Jahre lang als Funkstation nutzten und ihre Besteigung untersagten. Durch das mutige Eintreten eines Wächters wurde die Sprengung des Denkmals durch die Besatzer im Jahre 1945 verhindert. Zur 75-Jahrfeier 1950 stand das Denkmal dem Publikumsverkehr wieder offen. Bandel war 1862 auf die Grotenburg zurückgekehrt und schuf Zug um Zug die technischen Voraussetzungen für die Montage auf dem steinernen Sockel-Rundbau. Zeitraubende Verhandlungen mit verschiedenen Stahlfirmen über die Konstruktion des Eisengerüstes verzögerten die Arbeiten in den 1870ern. Zügiger ging der Bau des Denkmals erst seit 1870 voran. Der mittlerweile 73-jährige Künstler war am Ziel seiner Wünsche. Die Fertigstellung des Denkmals bis zum Sommer 1875 kostete ihn jedoch seine letzten Kräfte. Er wohnte in den letzten Jahren der Bauarbeiten ständig auf „seinem Berge“, in einem einfachen Blockhaus, der heute noch zu sehenden „Bandelhütte“. Halb erblindet und von rheumatischen Beschwerden gezeichnet, erlebte er am 16. August die Einweihung. Die Ordensverleihung durch Wilhelm I. war eine späte Würdigung seiner Verdienste. Der wunderbare Patriot starb ein Jahr nach der Denkmalenthüllung am 25.09.1876.

 

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