18.09.2022
 
Judensau_neu.JPG
 Die sogenannte „Judensau“-Abbildung an der Stadtkirche von Wittenberg. Die „Judensau“-Plastik an der Stadtkirche von Wittenberg demonstriert den Luther‘schen Vorwurf der übersteigerten Geilheit, indem eine männliche Person, mit erigierten Penis, der Sau in die Kloake schaut. In der verkorksten Lehre der katholischen Kirche galt Wollust (lateinisch luxuria) als eine der sieben Todsünden, aus der andere Sünden entstehen. Weitere Personen säugen die „säuische Milch“.
 
EMPÖREND: „JUDENSAU“

Sehr Bedauerlich ist zu erfahren,
wie unbeliebt die Juden waren.
Man traute ihnen jede Schandtat zu,
vom Kindermord bis Gauner-Clou.

Auf einer langen Vorwurfs-Meile
standen viel-hundert Vorurteile.
Wohl weil des Judenvolkes Samen
aus dem fernen Orient kamen.

Der Luther schrieb von ihren Lügen,
den Reformator muss man rügen.
Wie konnte er sich so vergreifen,
auf sture Ablehnung versteifen ?

Und der antike Plutarch schon,
verglich Jehova mit Seth-Typhon,
welcher damals als der Satan galt,
den man Vater des Judaios schalt.

Seine Mutter sei eine Esel-Stute,
also aus zweifelhaftem Blute.
Empörend scheinen solche Sagen,
undiskutabel ohne Fragen.

Die Juden-Sekte früher Christen
bewegte sich auf gleichen Pisten,
so wie es klar vom 4. Evangelist,
in „Johannes 8:4“ bekundet ist.

Als Christusmörder hat verschrien
die Christenkirche und bespien
das Volk der Juden, bis auf heut‘,
was keinen Christen wahrhaft reut.

Der deutschen Heiden frohe Litanei
ist von derlei Vorwürfen ganz frei.
Antijüdische Vorurteile unbekannt,
Juden und Bibel nicht interessant.

 

Deutsch-germanische Heiden/Häretiker und Juden wurden von der Christenkirche fast gleichermaßen geschmäht, verfolgt und vertilgt, wobei die Juden, als „Volk der Schrift“ und „Gottesvolk“ - von zeitlich begrenzten lokalen Exzessen abgesehen - bedeutend sanfter und von den Obrigkeiten wohlwollender behandelt wurden als die nordischen Heiden, denen das Lebensrecht pauschal abgesprochen worden ist. Die deutschen Heiden, als Verketzerte, Verfolgte und Vertilgte, litten über viele schwarze Jahrhunderte hinweg nicht gelinder unter dem Christenkirchenterror als die jüdischen Gäste im mittelalterlichen Reich der Deutschen bzw. dem „Heiligen römischen Reich deutscher Nation“. An den kirchlichen Hauptvorwürfen gegenüber den Juden, wie „Gottesmörder“ und „Fälscher der Heilsbotschaft“, beteiligte sich kein deutscher Heide. Derart motivierter Antisemitismus ist dem Heidentum fremd.   

Publius Cornelius Tacitus (ca. 56-117 n.0) verfasste neben der „Germania“ z.B. auch die „Historien“, in denen er die Herkunftsgeschichten der Juden behandelt. In Kap. 2,2 heißt es: „Wie berichtet wird, sollen die Juden … das Küstengebiet Libyens besiedelt haben, angeblich in der Zeit, da der von Jupiter vertriebene Saturn sein Regiment aufgab. In der zweiten Herkunftsgeschichte gibt Tacitus eine jüdische Urgeschichte, wie sie auch Plutarch in „De Iside et Osiride“, 30f bringt: Der teuflische Unhold Typhon-Seth wurde von Horus, dem Isissohn, besiegt. Daraufhin floh Typhon sieben Tage auf einem Esel. Der Flüchtling zeugte während der Flucht mit einer Eselin zwei Söhne, den Hierosolymos und den Judaios. „Einige berichten, während der Herrschaft der Isis habe sich die in Ägypten im Überschuss vorhandene Bevölkerung unter Führung eines Hierosolymus und Juda in die Nachbarländer entleert“. Weshalb beziehen antike Autoren diesen Mythos auf die Urgeschichte der Juden ? Saturn galt im Verständnis der Menschen des Altertums jedoch auch als der angebliche Herr des Sabbats, d. h. jenes siebten Wochentages, den die Juden heiligen. Was weist außer den Namen der während der Flucht gezeugten Söhne auf eine dergestalt fingierte jüdische Urgeschichte hin ? In einer Seminararbeit wird folgendermaßen kommentiert: „Die Parallelisierung der Typhon-Seth-Flucht mit dem Auszug des israelischen Volkes aus Ägypten, unter anderem durch den eselgestaltigen Seth mit dem Judenanführer Moses, der angeblich auf einem Esel ritt. Weiterhin könnte die siebentägige Dauer der Flucht als Hinweis auf die Bedeutung der Siebentagewoche und die angebliche Schlüsselrolle der Siebenzahl bzw. des Siebengottes im jüdischen Kultus gelten. Der Esel galt als Leit- und Helfertier in den Wanderungs- und Siedlungssagen der israelitischen Stämme und als versteckter Hinweis auf die angebliche Onolatrie [griech. Eselsdienst] der Juden. Ebenso gilt die Gestalt des Typhon-Seth selbst in der Rolle des Stammvaters der Juden als Indiz für das periodische Einwirken von lokalen kanaanäischen Baal-Kulten auf die israelitische Religion…“

Das 4. und jüngste judäo-christliche Evangelium, das Johannesevangelium, ist überdeutlich antijüdisch. Sein signifikantestes Signal ist die distanzierende Redeweise des Jehoshua-Jesus von „den Juden“, als ob er selbst nicht dazugehörte, und „ihrem Gesetz“, von dem er sich nach eigenem Bekunden nie wirklich verabschiedet hatte, denn er wollte nie „die Propheten aufheben“. Die fatalste Wirkungsgeschichte hatte sein Satz, gerichtet an seine jüdischen Gesprächspartner: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge !“ (Joh. 8,44).

Schon einige hochgelobte „Kirchenväter“ beschimpften Juden und Ketzer als „Schweine“. Der orientalische Kirchenprediger Johannes Chrysostomos (449-407) übertrug diese Herabsetzung im Jahr 388 in acht Hetzpredigten auf den jüdischen Gottesdienst in der Synagoge. Er verglich Juden wegen ihrer angeblichen schamlosen Bräuche mit Schweinen, Ziegen, lüsternen Zuchthengsten, Hunden, Hyänen und allgemein mit wilden Raubtieren, die nur töten könnten und die als sanfte Schafe kontrastierten Christen bedrohten. Dabei hielt er fest, dass Juden ihrem Wesen nach Menschen geblieben seien, wenn auch der übelsten Art. Andere verglichen Juden mit Katzen, Eulen und Skorpionen. Dabei ordneten sie den Christen die nach biblischer Kategorie „reinen“, den Juden die „unreinen“ Tierarten zu. Sie verbanden Unreinheit mit moralischer und spiritueller Gefahr, die vom Judentum ausgehen würde. Tiervergleiche machten diese Gefahr und die angeblichen moralischen wie intellektuellen Minderwertigkeiten der Juden anschaulich und luden Kirchenkünstler ein, sie in der bildenden Kunst dazustellen. Die Tiermetapher „Esel“ galt in der Antike als abwertendes Sinnbild für Juden, während die „Judensau“ im Hochmittelalter ein Bildmotiv der antijudaistischen Kunst wurde. Es sollten damit Juden und deutsche Heiden verhöhnt und ausgrenzt werden. Möglicherweise weil das Schwein im Judentum als unrein gilt und einem religiösen Nahrungstabu unterliegt. Aber natürlich in erster Linie weil sich das Tier in Schlamm und Schmutz suhlt. Reliefs, Skulpturen und Schnitzbilder mit dem „Judensau“-Motiv sind seit 1230 belegt und an oder in rund 40 kirchlichen und anderen Gebäuden, vor allem im mitteleuropäisch-deutschsprachigen Großraum, bis heute vorhanden. Die Taufsteine und Tympani des 12. Jhs. zeigen mehrere Male den von solchen Tieren flankierten Lebensbaum oder die Weltensäule, was sich ausschließlich auf deutsch-germanische Heiden bezieht, nicht aber auf Juden. 

Nachdem, wie Martin Luther meinte, die zur Besinnung eingeladenen Juden verstockt blieben und sich nicht zum Kirchenchristianismus protestantischer Art bekehrten, begegnete er ihnen mit zunehmender Feindschaft. Sein geradezu euphorischer Optimismus aus den erfolgreichen 1520er Jahren war in eine Ernüchterung und sogar in eine tiefsitzende Frustration umgeschlagen. Zunehmend erwies es sich als schwierig, seine Kirchen-Reformation weiter voran zu bringen. Neben dem intriganten Papst, den mörderischen Türken und radikalen reformatorischen Strömungen, machte Luther auch die predigtresistenten Juden dafür verantwortlich. Am massivsten kommt dies in der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ zum Ausdruck, die Luther 1543 publizierte. Luther äußert sich darin in einem recht aggressiven Tonfall. Die einst von ihm geäußerte Hoffnung auf eine Bekehrung der Juden zum Christentum war an der Realität gescheitert. Seiner Ansicht nach legten Juden die Bibel absichtlich falsch aus, um Christen in die Irre zu führen. Zudem stünden sie im Bund mit dem Teufel, weshalb man sie unerbittlich bekämpfen müsse. Handel und Geldverleih seien ihnen zu untersagen, ihre Häuser und Synagogen niederzubrennen. Da sie eine Gefahr für das Gemeinwesen darstellten, sollten sie letztlich des Landes verwiesen werden.