Ludwig Scharf schrieb das Büchlein „Tschandala-Lieder“, 1905
Die Titel-Zeichnung von Scharf fertigte G. Ischenhäuser an.
 
 DIE TSCHANDALA
 
Jedes Volk hat Haupt und Hintern,
so wie’s bei jedem Körper ist.
Und das Haupt erschafft Gedanken,
doch der Hintern macht den Mist.
 
Schier überall gibt's Oben - Unten,
das muss und kann nicht anders sein.
Wer meint, es ließe sich was ändern,
versteht rein nichts vom Welt-Latein.
 
Wer das betreibt, Gleichmacherei,
folgt nur einem Gedanken-Furz,
auf Dauer kann er nichts bewirken,
jeder Schwachsinn währt nur kurz.
 
Ohne der Stände Aufstiegs-Leiter,
ohne gestuften Klassen-Stand,
gäb’s keinen Anreiz, noch je Lohn,
kein Aufstiegsziel für den Verstand.
 
Nur das Streben schärft die Kräfte,
wären wir gleich, dann schliefen sie,
dann gäb‘ es keine Wettbewerbe,
der Mensch sänke zum Weide-Vieh.
 
„Die im Dunklen“ muss es geben,
denn ohne Hefe gärt kein Wein.
„Die im Dunkeln sieht man nicht“
und das muss auch gar nicht sein !
 
Lasst sie dort im Dunklen hausen,
zumeist scheut das Gesindel Licht.
Seht nur zu, dass die Tschandala
nie restlos ihre Ketten bricht.
 
Das wär‘ wie Welten-Untergang,
ein Ragnarök, mit Thurs‘ und Wolf.
Käme der Abschaum an die Macht,
dann wär‘ er gänzlich unbeholf‘.
 
Haltet den Fuß auf Pöbels Nacken,
regieren darf der „Hintern“ nie,
denn allzeit ist es gleich geblieben
so wie ein „Hintern“ roch und spieh.
 
„Die Tschandala“ gebrauche ich als Sammelbegriff für die Gesamtheit der Tschandalas, also des Pöbels, des Gesindels. Tschandala ist eine Schreibform des Sanskrit-Wortes „Chandala“, für niederrassig/niederklassig, welche von mehreren westlichen Autoren, wie beispielsweise Louis Jacolliot, Friedrich Nietzsche, August Strindberg, verwendet worden ist. Der Begriff „Chandal“ gilt in Indien bis heute als Schimpfwort. Im 10. Buch des arioindischen „Rigveda“, dem „Purushasukta“, wurde beschrieben, wie die verschiedenen menschlichen Kasten der Gesellschaft entstanden sind. Sie wurden während eines Opfers aus dem Urriesen „Purusha“, dem eddischen „Ymir“ geschaffen. Aus dem Kopf wurden dabei die „Brahmanen“, aus den Armen die „Kshatriya“, aus den Schenkeln wurden die „Vaishya“ und aus den Füßen die „Shudra“. Eine ähnlich lautende Entstehung der Stände bescheibt die nordgermanisch-isländische Edda in der „Rígsþula/Rígsmál“ (an. „Ballade“ oder „Lied von Rig“). Die Prosaeinleitung der „Rígsþula“ setzt „Ríg“ mit dem Gott „Heimdallr“ (Weltenlicht, also Tiu-Tyr) gleich. Die „Völuspá“-Fassung des „Codex regius“ erklärt, dass die Menschen, durch geschlechtliche Verbindungen mit unterschiedlich-wertigen Frauen der Gottheit Kinder wurden, wodurch höhere oder niedrigere Stände entstanden. Der geniale Germanist Friedrich Nietzsche verwendet den Begriff in seinen beiden Schriften „Götzen-Dämmerung“ und „Der Antichrist“. Darin stellt er das arioindische „Manavadharmashastra“ (Gesetzbuch des Manu), mit dessen Kastensystem, als Beispiel für eine intelligent geplante „Züchtung“ von Menschen dar, als den besseren Weg des Versuch des Christianismus, den Menschen zu „zähmen“. Die Entstehungszeit des „Manu-Gesetzbuches“ kennt man nicht, man nimmt sie zwischen 200 v./200 n.0 an. Also grob gesehen so, wie man auch die Runenentstehung datiert, mit ihrer „manu-“, der Menscheitsbezeichnung. Besondere Aufmerksamkeit widmet Nietzsche dabei dem/der „Tschandala“, den er bei Manu, korrekt nach den ariondischen Quellen, als ein Produkt der wahllosen Mischung aus Rassen und Klassen sieht, wie Nietzsche „Manu“ zitiert, als „die Frucht von Ehebruch, Incest und Verbrechen“. Nietzsche beschreibt zunächst Versuchsmethoden der christenkirchlichen Menschenverbesserung. Zentrale Metapher ist dabei das „dressierte Raubtier in der Menagerie“, das nur scheinbar verbessert wird, aber in Wirklichkeit geschwächt und seiner ursprünglichen wilden Lebendigkeit beraubt sei. Als Entsprechung sieht Nietzsche den „vom Christentum dressierten Germanen“. Das „Gesetzbuch des Manu“ sei dagegen auf Züchtung einer hohen Menschenrasse aus und müsse daher unnachgiebig gegen jede Rassenmischung sein. Nietzsche beschreibt diese Gesellschaftsorganisation als „furchtbar“ und „unserem Gefühl widersprechend“, aber als reinsten und ursprünglichen Ausdruck „arischer Humanität.“ Dass es dabei aber keineswegs um nur arisches Denken und Handeln geht, beweisen die jüdisch-biblischen Rassereinheitsgesetze des „Richter Esra“, aus ca. 5. Jh. v.0. Nietzsche legt die drakonischen  Vorschriften zum Umgang mit den Tschandala (den einzelnen Tschandala-Individuen), als Kampf der Höherwertigen gegen die Minderwertigen aus. Das sind bei Nietzsche theoretisierende Gedankenspiele. Beim Juden Esra war es mörderische Wirklichkeit. Nietzsche schreibt: „Aber auch diese [gesellschaftliche] Organisation hatte nöthig, furchtbar zu sein, - nicht dies Mal im Kampf mit der Bestie, sondern mit ihrem Gegensatz-Begriff, dem Nicht-Zucht-Menschen, dem Mischmasch-Menschen, dem Tschandala. Und wieder hatte sie [die Christenkirche] kein andres Mittel, ihn ungefährlich, ihn schwach zu machen, als ihn krank zu machen, - es war der Kampf mit der ‚grossen Zahl‘.“ Laut Nietzsche und tatsächlich ist der Christianismus (diesen Begriff nutzt er zwar nicht) aus dem Judentum entstanden, der „Religion des Tschandala“. Er deutet an, dass das Judentum tatsächlich von den „Tschandalas“ kommt: „Das Christenthum, aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung, der Rasse, des Privilegiums dar: - es ist die antiarische Religion par excellence: das Christenthum die Umwerthung aller arischen Werthe, der Sieg der Tschandala-Werthe, das Evangelium den Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammt-Aufstand alles Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen, Schlechtweggekommenen gegen die ‚Rasse‘, - die unsterbliche Tschandala-Rache als Religion der Liebe …“ Wie Nietzsche zu diesem Verständnis kam, indem er die strengen, rassistischen Ehegesetze gegen die Vermischung mit Nichtjuden, des biblischen „Buches Esra“ unberücksichtigt ließ, ist mir nicht nachvollziebar. In seiner Schrift „Der Antichrist“ lobt Nietzsche wiederum das „Gesetzbuch des Manu“. Zwar würde es, wie jede Moral, die „heilige Lüge“ als Mittel verwenden, aber sein geheiligter Zweck sei unendlich viel höher als der des Christianismus. Nietzsche stellt die Weltanschauung der „geistigsten“ und „stärksten“ Menschen, die alles, sogar die Existenz der Tschandalas, bejahen können, gegen den neidischen und rachsüchtigen Instinkt der Tschandalas selbst. Unser Begriff Tschandala wird von Nietzsche noch auf verschiedene Gegner gemünzt, etwa auch auf die „sozialistischen“ Strömungen seiner Zeit, die Wilhelm Buch, in seinem „Pater Filuzius“, 1872, als „Internazis“ beschreibt und verlacht. In einigen nachgelassenen Aufzeichnungen Nietzsches findet sich seine Beschäftigung mit dem „Gesetzbuch des Manu“, das er aber stellenweise kritisiert. In einem Brief an Heinrich Köselitz vom 31. Mai 1888 erklärte Nietzsche die Juden zur „Tschandala-Rasse“, die die „arische“ Ethik der Veden zu einer Priester-Ethik umfunktioniert und damit den ursprünglichen Sinn zerstört hätten.
 
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Gedicht aus Ludwig Scharfs „Tschandala-Lieder“, 1905, S. 11:
 
Tschandala Apostata
 
Ich glaub an Gott nicht mehr und so geschahs,
Daß er mich sitzen ließ auf dunkler Gassen,
Von allen guten Menschen rings verlassen,
Verdammt zu Elend, Hunger Pestgeschwüren
Und mit den Brand der Rebbelion zu schüren.
 
Ich glaub an Gott nicht mehr und so geschahs,
Daß tiefer ich von Tag zu Tag gesunken,
Aus einem Weib die Wollust hab getrunken,
Mit der nicht Kirche mich noch Staat verbunden,
Die nichts besaß, als ihrer Seele Wunden.
 
Ich glaub an Gott nicht mehr und so geschahs,
Daß er ein keimend Glück mir weggestohlen,
Hinauf zu seinen Engeln hat befohlen
Ein junges Leben, das dies Weib gebar,
Das schon im Mutterleib vergiftet war.
 
Ich glaub an Gott nicht mehr und so geschahs,
Daß ich mein Brod muß Tag für Tag verdienen,
Ein düstrer Sklav in unterirdschen Minen,
Mit Glockenschlag zum Futtertroge eilen,
Mit Glockenschlag auf meinem Posten weilen.
 
Ich glaub an Gott nicht mehr, - doch so geschähs:
Träf ich durch Zufall ‘mal in jene Zone,
Drin er noch herrscht auf dem Despotentrone,
Daß ich, was man von seinem Zorn auch sagte,
Ihm obstinat die Reverenz versagte.
 
Ich glaub an Gott nicht mehr und lüge nicht.
 
Aus diesen Reimen des antibürgerlich-sozialistischen Ludwig Scharf (1984-1939) geht exakt die Tschandalen-Gesinnung der Moderne hervor. Einmal im primitiven christlichen Gottesverständnis vom „guten treusorgenden himmlischen Vater“, der ganz natürlich enttäuschen muss, weil er die überzogenen Hoffnungen der Gläubigen auf privates Glück und Wohlstand nicht erfüllen will. Aus dem primitiven Gottesverständnis resultieren dann die primitiven sozialistisch-antigöttlichen Empörungen, hin zum Atheismus eines nur scheinbaren Freigeistlertums. Zum anderen ist der rebellische Neidimpuls gegen „Die-da-oben“, welche „Die-da-unten“ ins Sklavenjoch ihrer täglichen Arbeit gezwungen hätten, typisch, als wäre ein menschlicher Lebenskampf überhaupt ohne Arbeitslast denkbar und wünschenswert ! Als es noch keine hierarchischen Gesellschaftsordnungen gab, als der Freie Wilde noch ohne herrschaftliche Gängelungen existierte, war die Alltagsbewältigung - gerade im herben Hyperboreerland - nicht weniger gefahrvoll und kraftraubend als heute. Gerade das Beleidigtsein, der Glaube, ein ungerechtes Los empfangen zu haben, ist signifikant für jegliches Tschandalentum, denn es setzt die Trägheit der Inaktiven, oftmals der notorischen Faulenzer aus Überzeugung, voraus. Der mangelhafte Lebenserfolg wird, zur primitiven Selbstentschuldigung, den „Besserweggekommenen“ und als höchsten Vertreter von „Denen-da-oben“, dem kirchlich-göttlichen Despoten zugeschoben.
 
Bei Betrachtung der Person des Ludwig Scharf erklärt sich die sozialistische Erbitterung schon durch sein Schicksal. Er vorlor nach Krankheit zur Jugendzeit einen Fuß. Scharf war weit davon entfernt ein „Teufel“ zu sein, doch ein körperliches Gebrechen führt automatisch zum Hadern mit dem Schicksal und mithin zur Anfälligkeit für krudes Denken. Die Matapher vom „hinkenden Teufel“ ist nicht bedeutungslos. Der Satan beherrschte europäische Vorstellungen das gesamte, lange Mittelalter über, aber stammte nicht von hier, sondern aus der hebräischen Bibel. Scharf trug seine Verse vor und veröffentliche sie im tendenziell linken Randmilieu, beispielsweise in der links-liberalen Satirezeitschrift „Simplicissimus“, die von Albert Langen 1896 in München gegründet worden war. Über Scharf, schließlich eine Berühmtheit im Münchner Boheme-Milieu, schrieb der anarchistische, sozialistisch-kommunistische jüdische Schriftsteller Erich Mühsam in seinen Lebenserinnerungen, dass sich Scharf mit der Münchner Gastronomin Kathi Kobus, der Inhaberin der Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus“, verlobt hatte, sie jedoch nicht heiratete, sondern eine ungarische Gräfin, Malerin u. Autorin Ella Somsich. Sie führte das Pseudonym „Elohim Sorah“. In der Münchner Künstler-Szene kursierte die Sentenz: „Scharf dichtet mühsam und Mühsam dichtet scharf !“ Der sog. „Arbeiterschriftsteller“, SPD-Anhänger Ernst Franz Kreowski leitete zeitweise das Feuilleton der Chemnitzer SPD-Zeitung „Die Volksstimme“. Er lieferte Beiträge für das sozialdemokratische Satireblatt „Der Wahre Jacob“ („ein Kampfblatt für die Genossen“). Bezeichnend war sein mit Eduard Fuchs verfasstes Machwerk „Richard Wagner in der Karikatur“. Ab 1902 lieferte er Beiträge für den „Vorwärts“. Er verfasste für die Sozialdemokratische Wochenzeitschrift „Die Neue Zeit“ (1. Band, 1905, Heft 26, S. 857–861) über Ludwig Scharf den Aufsatz „Ein „Tschandala“-Poet“. Ein Hansjürgen Blinn, unter dem Pseudonym Reiner Marx, schreibt über ihn: „Manchmal gibt er sich anarchistisch, pflegt einen provozierenden Proletarierkult, der sich für die ausgebeutete Arbeiterklasse einsetzt, gleichzeitig kann sich das lyrische Ich aber auch als heroischer Außenseiter stilisieren, als individuelle Ausnahme-Erscheinung im Sinne von Nietzsches elitärem „Übermenschen“. Dafür benutzt Scharf gerne die Tschandala-Chiffre, gleichfalls in Anlehnung an Nietzsche, mit der er den unbürgerlichen Lyriker als verachteten, unreinen und ausgestoßenen Angehörigen der Paria-Kaste charakterisierte, dem nur der revolutionäre Tabu-Bruch bleibt. Atheistische, geschichtspessimistische und fortschrittsfeindliche Positionen lassen ihn zu einer hymnischen Feier des dionysischen Rausches, der Sinnlichkeit und der Leidenschaften gelangen…“
 
Genau aus diesem intellektualisierenden Caffeehaus-Literatenmilieu, linksliberaler bis extremer anarchistischer Geister, entwickelte sich der rebellische Kommunismus und Bolschewismus, der aus hybrider Selbstüberschätzung glaubte, die Gesellschaft, seinen geistigen Planspielen gemäß, radikal und brutal umformen zu müssen und ohne jegliche Rücksichtnahme dabei Verbannung und Tod von Millionen verständnisloser Bürger in Kauf zu nehmen. Dazu gehörten Hauptleute von der Art Lenins und Trotzkis, den Erfindern des mörderischen Sklaven-Gulags, für „volksschädliche Elemente“ und den Spintisierern von einer fantastischen „Proletarischen Weltrevolution“, mit einem „Letzten Gefecht“, zur angeblichen Befreiung der „unterdrückten Massen“, wobei diese Leute in keinem Augenblick willens waren, auch nur ein Mindestmaß bürgerlicher Freiheiten in den von ihnen eroberten Ländern zu gewähren. Im Zuge der Bolschewisierung Russlands haben wir die entfesselte Tschandala in Reinkultur vor unseren Blicken liegen. Die sowjetisch-bolschewistischen Schlagtot-Formationen des NKWD besaßen in ihren Reihen genügend Psychopathen, die angesichts unkontrollierter Machtfülle ihre sadistischen Neigungen bei unter Folter erzwungenen Geständnissen auslebten und ein Übermaß an Mord-Sollerfüllung vorlegten bzw. stolz auf ihre „Planübererfüllungen“ waren. Von einem Geheimdienstoffizier wird berichtet, er sei stets mit einer Fleischerschürze ins Verhör gegangen, damit seine Uniform keine Blutflecken bekamen. Der sowjetische Tschandala-Schrecken erlebte einen Höhepunkt während des „Großen Terrors“ und der „Deutschen Operation“ (NKWD-Befehl Nr. 00439 vom 25.06.1937) bei der alle in Russland lebenden Deutschen betroffen waren. „Danach waren nahezu alle deutschen Männer auf sowjetischen Boden tot oder deportiert, ein Großteil der Frauen deportiert. Und die, die übrig blieben, waren nur noch Wachs in Stalins Händen.“ Der russische Historiker Alexander Vatlin hat die Vernichtungsmaschinerie recherchiert und beschrieben: „Was für ein Teufelspack - Die deutsche Operation des NKWD“, 2013. Nach dem Präventivschlag der deutschen Wehrmacht (22.06.1941) gegen die 30.000 Panzer der Roten Angriffsarmee, setzte sich das Massenmorden fort und mündete in die tschandalistische Ausmordung Ostdeutschlands, mit der Verödung und Versteppung uralten deutsch-landwirtschaftlichen Kulturlandes - und schließlich, grausame Fahrt aufnehmend, mit der Auslöschung, nach dem Waffenstillstand (!) im Frühjahr 1945 - von um die sechs Millionen deutschen Menschen und anderen Nationalitäten im sowjetisch überrollten osteuropäischen Lebensraum.