KARL LAGERFELDs „FAUST“

 

 
MODERNER „FAUST“ ?
 
Der große Könner vieler Künste,
der Fotograph Karl Lagerfeld,
erschuf das Foto-Werk vom „Faust“,
das wohl gefällt, weil es erhellt.
 
Das Stück von Doktor Faustus mag
ein Welterkennungs-Spiegel sein,
dem das Genie Wolfgang von Goethe
bescherte seinen Glorienschein.
 
Faustische deutsche Köpfe waren
jener Geheimrat, wie der Modezar,
mit ihrem Wissen, ihrem Können
machten sie ein Stück Welt gewahr.
 
Treffsicher ergriff Karl, der Typologe,
die passenden Typen für sein Stück:
Faust - Gretchen - Mephistopheles,
verknüpft im tragischen Geschick.
 
Als naiv-deutsches, blondes Gretchen
die Claudia Schiffer er erwählt‘ -,
David Copperfield, der Illusionist,
als Magier und Mephisto zählt.
 
Gleich Archetypen zweier Rassen,
erscheint dies‘ ungleich schöne Paar,
ein Urbild himmelsferner Seelen,
die sich der Kosmos einst gebar.
 
Das Blondchen und der dunkle Geist,
sie wirren durch das Weltgescheh‘n,
nicht immer sind sie Weib und Mann,
wenn sie sich irdisch wiederseh‘n.
 
Ein Leidensdualismus lenkt die Welt,
hinauf, hinab, ins Nächtige und Helle,
der Gegensatz ist Kosmos-Harmonie,
Höhe und Tiefe weiß auch jede Welle.
 
Der geistvolle Modezar Karl Otto Lagerfeld (1933-2019) hatte ein unbestechliches Auge für niveauvolle künstlerische Gestaltung und Typologie. So ist es kein Wunder, dass er auch ein hervorragender Fotograf wurde, der vorzügliche Gestaltungen ins Bild setzte. Lagerfeld: „Ich habe das Glück, im Leben das machen zu können, was mich am meisten interessiert: Fotografie, Bücher und Mode“. Sein Fotoroman „Faust“ reproduzierte 1995 das deutsche literarische Nationalheiligtum, die Tragödie „Faust“ von Wolfgang v. Goethe, in die Formen neuzeitlicher schwarzweißer Bildsprache. Hauptsächlich sehen wir darin das deutsche Topmodel Claudia Schiffer als blondschönes Gretchen durch Monte Carlo spazieren und mit dem mephistophelisch lächelnden jüdischen Bühnenzauberer David Copperfield flirten. Die Szenerie erinnert an des Filmregisseurs F.W. Murnau Gruselfilme aus der Stummfilmzeit, wie z.B. „Faust - eine deutsche Volkssage“ von 1926. Bei Lagerfeld wurde Faust zur Nebenfigur, von einem namenlosen Model gespielt. Ein Kommentator schreibt: „Und alle fühlen sich wohl in der Obhut des Geistes, der stets verneint. - Auch eine Art, sich Goethe zu nähern, ohne auf Knien zu rutschen.“ Man lässt Mephisto gelten, wie es schon Goethe tat, wenn er Gott, „Den Herrn“, zum Teufel reden lässt: „Du darfst auch da nur frei erscheinen; / Ich habe deinesgleichen nie gehasst. / Von allen Geistern, die verneinen, / ist mir der Schalk am wenigsten zur Last. / Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, / er liebt sich bald die unbedingte Ruh; / Drum geb ich gern ihm den Gefallen zu, / Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“ (Faust, Kap. 3) Ersichtlich ist, dass sich Lagerfeld des Themas bediente, um möglicherweise einen anderen Schwerpunkt zu setzen, nämlich den zweier sehr unterschiedlicher bis gegensätzlicher Menschentypen, die er durch die helle Frau C. Schiffer und den dunklen Mann D. Copperfield verkörpert sah. Man kennt die biographischen Hintergründe der beiden Personen: die naiv wirkende Schöne und der Illusionen hervorrufende Täuscher. Das für den deutschen Betrachter diabolisch Erscheinende in der als „typisch jüdisch“ erachteten Rasse-Physiognomie, war Lagerfeld so klar wie jedem anderen Menschenartenkenner. Wie weit der gemeinte Symbolismus des Schöpfers reicht, wissen wir nicht, doch dass die Personenwahl durch Laune eines Zufalls hervorgerufen sein könnte, ist bei der Tiefe des konsequenten Lagerfeld‘schen Geistes, keinen Augenblick glaubhaft. Die Geschichte von Dr. Faust, der einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, hat viele Künstler durch Interpretationen inspiriert. Lagerfelds Kunstwerk liegt eine neuzeitliche Agenda zugrunde: Die Margarete/Grete im Gewande der Claudia Schiffer ist nicht mehr das altdeutsche, reine 14-jähige vom „Teufel“ verführte Mädchen, sondern eine demonstrativ moderne Frau einer morbiden Gesellschaft, die den Luxus liebt und frei bekennt: „Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles.“ Im „Faust“ Goethes sagt aber Margarete etwas sehr viel anderes, nämlich bedauernd: „Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen !“ (Faust I, Kap. 11) Lagerfelds Werk scheint also ein Bekenntnis zur Bedenkenlosigkeit gegenüber den Mächten des Mammons. Die einstigen Berührungsängste der idealgesinnten und kirchenstrengen deutschen Gretchen-Seele, wie sie durch die Scheu vor dem me­phis­to­phe­lischen Schmuckkästchen - das der Verführungsaktion dienen sollte - hervorgerufen wurde, sind nicht mehr. Nichts scheint heute teuer genug, ohne Gewissensbisse wird das materiell Teure genossen und auch verschwendet. Das neue Gretchen des Magiers Lagerfeld benutzt die Kleinodien wie „Insignien des Luxus auf seinem Körper“, sie „geben ihm Macht über das Leben in einer männerdominierten Welt“, wie es ein Kolumnist etwa ausdrückte. Aus Gretchen ist eine Kurtisane geworden; wollte Lagerfeld diese Sicht vermitteln ? Oder wurde Gretchen zur dominanten Ikone, deren Blick in den Spiegel verrät, dass „sie längst den Pakt mit dem Zampano geschlossen hat und eine Liaison mit einem leibhaftigen Magier eingegangen ist“ ? Der Teufel wird dabei nur mehr als bewunderter Magier aufgefasst. Es ist „nicht mehr nötig, einen männlichen Mephisto das schwach machende Schmuckkästlein ins Mädchenzimmer schmuggeln zu lassen“, konstatiert der Kolumnist. Die männlichen Bedürfnisse an Frauen sind scheinbar auch zu weiblichen geworden; das Weib wollte man wohlfeil in der „neuen, bunten Welt“ und viele ließen sich dazu manipulieren, Frauen wie Männer. Der Sexismus triumphiert, das deutsche Gretchen - einstmals treu, blond, bescheiden - ist überwunden -; was ein Lagerfeld'scher Mephisto alles vermag ! Geht es um die Zerstörung des deutschen Frauenideals ? Um die Zerstörung Gretchens, im Sinne von: „Sie, ihren Frieden musst' ich untergraben ! / Du, Hölle, musstest dieses Opfer haben ! (Faust I, Kap. 17).
 
Das blonde deutsche Gretchen als Futter für die „Sex-Dämonen“ aus aller Welt, wie es die von „linken“ Mächten bestimmte Merkel’sche Multikult- bzw. Verrassungspolitik impliziert und der US-Politwissenschaftler Yascha Mounk als „multiethnisches Experiment“ anpreist ? Wohl eher nicht. Claudia Schiffer sagte nach Lagerfelds Tod: „Karl war mein Feenstaub, er verwandelte mich von einer schüchternen Deutschen in ein Supermodel. Er brachte mir viel über Mode, Stil und das Überleben in der Modebranche bei. … Er ist unersetzlich. Er ist die einzige Person, die Schwarz und Weiß bunt machen kann. Ich werden ihm auf ewig dankbar sein.“ Der kluge, wahrhaft große Karl Lagerfeld hat die Schönheit geliebt und darum auch die Frauen, die er zum Kultobjekt hochstilisierte, seine Modeschauen waren Heilige Messen des internationalen, kulturübergreifenden Schönheitskultes. Darin hatte Lagerfeld, als echt deutscher Edelgeist, seinen Goethe und Goethes „Faust-Tragödie“ gut verstanden, zu dessen Abschluss der faustische „Doctor marianus“ sagt: „Blicket auf zum Retterblick, / Alle reuig Zarten, / Euch zu seligem Geschick / Dankend umzuarten. / Werde jeder bessre Sinn / Dir zum Dienst erbötig; / Jungfrau, Mutter, Königin, / Göttin, bleibe gnädig !“ Und der „Chorus mysticus“ singt: „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird's Ereignis; / Das Unbeschreibliche, / Hier ist's getan; / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.“
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