Der „Schutzjude“ (mit Spitzhut) und König (deutet zur „Lilie“) im Rechtsbuch „Sachsenspiegel“, von 1220. Die Sonderstellung der fremdartigen, integratonsresistenten, sich exklusiv abschließenden Juden (z.B. rabbinisches Verbot des Gasteiens mit Nichtjuden) im deutschen Lebensraum war nötig, um sie vor Hänseleien und aggessiveren Übergriffen möglichst zu schützen. Ihre Schutzbedürftigkeit fand schon in einem Privileg Kaiser Friedrichs I. vom 6.04.1157 seinen Niederschlag. Friedrich II. bestätigte im Juli 1236 das Juden-Vorrecht. Sie wurden zu des „Kaisers Kammerknechten“ erklärt, wodurch sie die Gunst erhielten, dem allgemeinen Faustrecht entzogen zu sein und ihre Angreifer/Beschädiger der öffentlichen Verfolgung und juristischen Ahnung peisgegeben wurden. Wenn ein Normalbürger verletzt wurde, blieb ihm nur die Selbsthilfe des Faustrechtes, wer hingegen einen Juden verletzte, dem wurde der Prozess gemacht. Diese Bevorrechtigung, wie sie auch im Frankfurter Fettmilch-Aufstand“ im Jahre 1614 zutage trat, wo der Kaiser die vom Bürgertum verjagten Juden wieder in ihre Rechte einsetzte und die Rädelsführer mit dem Tod bestrafen ließ, führten zu den hämischen Juden-Schwänken, in denen die Erzähler die judenkritische Volksstimmung einfingen.   
 
Schwänke vom Überlisten der Überlistigen
 
TEUFELSSCHWÄNKE - Ein Schmied in Mitterbach versprach, sich dem Teufel zu ergeben, wenn er ihm drei Wünsche erfülle. (Der Teufel war nämlich auf den Schmied erbost, weil er den armen Leuten um ein „Vergelt’s Gott“ die Arbeit umsonst tat.) Die drei Wünsche waren: 1. Der Teufel dürfe den Schmied nur holen, wenn es dem Schmied recht sei; 2. der Teufel müsse dem Schmied einen Kirschbaum wachsen lassen, der Sommer und Winter Kirschen trage; 3. der Teufel müsse sich an einen Ort hinsetzen, wohin der Schmied es wolle. Der Schmied spielte nun Karten mit dem Teufel. Der Teufel mußte sich in den geöffneten Schraubstock setzen und der Schmied drehte den Schraubstock unbemerkt zusammen. - Daher noch heute das Sprichwort: „Der hat den Teufel prellt, wie der Schmied von Mitterbach.“
 
Ein Bauer versprach dem Teufel sein Weib, wenn ihm der Teufel den Hut mit lauter guten Talern (d. h. Kronen- und Frauenbildtalern) fülle. Der Teufel ging auf den Handel ein. Der Bauer setzte sich auf den Stadelfirst und machte in das Stadeldach ein Loch und setzte auf dieses Loch seinen Hut, der durchlöchert war. Der Teufel brachte einen Hut voll Taler um den andern und schüttete das Geld in den Hut des Bauern. Die Taler fielen durch in den Stadel und der Hut war stets leer. So viele gute Taler gab es aber gar nicht, daß der ganze leere Stadel hätte damit angefüllt werden können. Der Bauer behielt das Geld und der Teufel war geprellt.
 
 Schloss Dürnstein war von allen Bewohnern verlassen worden. Des Nachts aber, so erzählten die Leute, wurde es in Schloss Dürnstein lebendig. Gespensterhaftes Getöse war zu hören und einige behaupteten, dass der Teufel selbst herumgeistere. Eines Tages kam ein wandernder Sägefeiler nach Dürnstein und suchte ein Nachtlager. Schließlich landete er im Schloss Dürnstein. Am Weg dorthin traf er einen alten Mann, der ihm vom Teufel im Schloss erzählte. Das störte den Sägefeiler jedoch nicht und er legte sich in der Ruine schlafen. Um Mitternacht weckte ihn ein lautes Hundegebell. So gern er auch wollte, bei diesem Lärm konnte er nicht weiterschlafen. So fing er an, Nüsse aufzuknacken, die er in seiner Tasche hatte. Auf einmal stand der Teufel vor ihm und schrie: „Du Lump, was treibst du denn da?“ „Nüsse essen!“, antwortete der Sägefeiler. Der Teufel hielt die Hand auf und wollte auch ein paar. Der Sägefeiler griff in seine andere Tasche und gab dem Teufel ein paar Kieselsteine, die er auf dem Weg aufgegabelt hatte. Gierig griff der Teufel zu und steckte sie in den Mund. Als er zubiss krachten seine Zähne und Funken sprühten aus seinem Maul. Der Teufel ärgerte sich, weil er die Nuss nicht aufknacken konnte und fragte den Sägefeiler, wie er das denn zustandebrächte. Der Sägefeiler biss wieder mit Leichtigkeit eine Nuss auf und erklärte dem Teufel, dass er Zahnfeiler sei und seine eigenen Zähne so scharf gefeilt habe, dass er die Nuss leicht knacken kann. Er bot dem Teufel an, auch seine Zähne so scharf zu machen. Das wollte der Teufel. Der Sägefeiler spannte den Kopf des Teufels in den Schraubstock ein und drehte diesen ganz fest zu. Der Teufel schrie um Hilfe. Doch der Sägefeiler ließ ihn nicht eher los, bis der Teufel das Versprechen gab, niemals wieder in der Burg Dürnstein zu geistern. Unter Schmerzen versprach dies der Teufel. So wurde die Burg Dürnstein vom Teufel befreit, der Sägfeiler blieb für immer dort und heiratete ein junges Mädchen.
 
EIN JUDENSCHWANK von Johann Peter Hebel „Der falsche Edelstein“, aus dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“, 1803-1811: In einem schönen Garten vor Straßburg vor dem Metzgerthor, wo jedermann für sein Geld hinein gehen und lustig und honett seyn darf, da saß ein wohlgekleideter Mann, der auch sein Schöpplein trank, und hatte einen Ring am Finger mit einem kostbaren Edelstein, und spiegelte den Ring. So kommt ein Jude, und sagt: „Herr, ihr habt einen schönen Edelstein in eurem Fingerring, dem wär ich auch nicht feind. Glitzert er nicht wie das Urim und Thummim in dem Brustschildlein des Priesters Aron? Der wohlgekleidete Fremde sagte ganz kurz und trocken: „Der Stein ist falsch; wenn er gut wäre, steckte er wohl an einem andern Finger, als an dem meinigen.“ Der Jud bat den Fremden, ihm den Ring in die Hand zu geben. Er wendet ihn hin, er wendet ihn her, dreht den Kopf rechts, dreht den Kopf links. „Soll dieser Stein nicht echt seyn?“ dachte er, und bot dem Fremden für den Ring zwei neue Dublonen. Der Fremde sagte ganz unwillig: „Was soll ich euch betrügen? Ihr habt es schon gehört, der Stein ist falsch.“ Der Jude bittet um Erlaubniß, ihn einem Kenner zu zeigen, und einer der dabei saß, sagte: „ich stehe gut für den Israeliten, der Stein mag werth seyn, was er will.“ Der Fremde sagte: „Ich brauche keinen Bürgen, der Stein ist nicht ächt.“ In dem nemlichen Garten saß damals an einem andern Tisch auch der Hausfreund mit seinen Gevatterleuten, und waren auch lustig und honett für ihr Geld, und einer davon ist ein Goldschmidt, der’s versteht. Einem Soldaten, der in der Schlacht bei Austerlitz die Nase verloren hatte, hat er eine silberne angesetzt und mit Fleischfarbe angestrichen, und die Nase war gut. Nur einblasen einen lebendigen Odem in die Nase, das konnte er nicht. Zu dem Gevattermann kommt der Jude. „Herr, sagte er, soll dieses kein ächter Edelstein seyn? Kann der König Salomon einen schönern in der Krone getragen haben?“ Der Gevattermann, der auch ein halber Sternseher ist, sagte: „Er glänzt, wie am Himmel der Aldebaran. Ich verschaffe euch 90 Dublonen für den Ring. Was ihr ihn wohlfeiler bekommt, ist euer Schmuhs.“ Der Jud kehrt zu dem Fremden zurück. „Aecht oder unächt, ich gebe euch sechs Dublonen,“ und zählte sie auf den Tisch, funkel nagel neu. Der Fremde steckte den Ring wieder an den Finger, und sagte jetzt: „Er ist mir gar nicht feil. Ist der falsche Edelstein so gut nachgemacht, daß ihr ihn für einen rechten haltet, so ist er mir auch so gut,“ und steckte die Hand in die Tasche, daß der lüsterne Israelit den Stein gar nicht mehr sehen sollte. - „Acht Dublonen.“ Nein. - „Zehn Dublonen.“ Nein. - „Zwölf – vierzehn - fünfzehn Dublonen.“ „Nun denn, sagte endlich der Fremde, „wenn ihr mir keine Ruhe lassen, und mit Gewalt wollt betrogen seyn. Aber ich sage es euch vor allen diesen Herren da, der Stein ist falsch, und ich gebe euch kein gut Wort mehr dafür. Denn ich will keinen Verdruß haben. Der Ring ist euer.“ Jetzt brachte der Jud voll Freude dem Gevattermann den Ring. „Morgen komm ich zu euch und hole das Geld.“ Aber der Gevattermann, den noch niemand angeführt hat, machte ein paar große Augen. „Guter Freund, das ist nicht mehr der nemliche Ring, den ihr mir vor zwei Minuten gezeigt habt. Dieser Stein ist zwanzig Kreutzer werth zwischen Brüdern. So macht man sie bei Sanct Blasien in der Glashütte.“ Denn der Fremde hatte wirklich einen falschen Ring in der Tasche, der völlig wie der gute aussah, den er zuerst am Finger spiegelte, und während der Jude mit ihm handelte, und er die Hand in der Tasche hatte, streifte er mit dem Daumen den ächten Ring vom Finger ab, und steckte den Finger in den falschen, und den bekam der Jud. Da fuhr der Betrogene, als wenn er auf einer brennenden Rakette geritten wäre, zu dem Fremden zurück: „Au weih, au weih! ich bin ein betrogener Mann, ein unglücklicher Mann, der Stein ist falsch.“ Aber der Fremde sagte ganz kaltblütig und gelassen: „Ich hab ihn euch für falsch verkauft. Diese Herren hier sind Zeugen. Der Ring ist euer. Hab ich euch ihn angeschwätzt, oder habt ihr ihn mir abgeschwätzt?“ Alle Anwesenden mußten gestehen: „Ja er hat ihm den Stein für falsch verkauft, und gesagt: der Ring ist euer.“ Also mußte der Jud den Ring behalten, und die Sache wurde nachher unterdrückt.

DER JUDE IM DORN der Brüder Grimm - Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen Knecht, der diente ihm fleißig und redlich, war alle Morgen der erste aus dem Bett und abends der letzte hinein, und wenns eine saure Arbeit gab, wo keiner anpacken wollte, so stellte er sich immer zuerst daran. Dabei klagte er nicht, sondern war mit allem zufrieden und war immer lustig. Als sein Jahr herum war, gab ihm der Herr keinen Lohn und dachte 'das ist das Gescheitste, so spare ich etwas und er geht mir nicht weg, sondern bleibt hübsch im Dienst.' Der Knecht schwieg auch still, tat das zweite Jahr wie das erste seine Arbeit, und als er am Ende desselben abermals keinen Lohn bekam, ließ er sichs gefallen und blieb noch länger. Als auch das dritte Jahr herum war, bedachte sich der Herr, griff in die Tasche, holte aber nichts heraus. Da fing der Knecht endlich an und sprach 'Herr, ich habe Euch drei Jahre redlich gedient, seid so gut und gebt mir, was mir von Rechts wegen zukommt: ich wollte fort und mich gerne weiter in der Welt umsehen.' Da antwortete der Geizhals 'ja, mein lieber Knecht, du hast mir unverdrossen gedient, dafür sollst du mildiglich belohnet werden,' griff abermals in die Tasche und zählte dem Knecht drei Heller einzeln auf, 'da hast du für jedes Jahr einen Heller, das ist ein großer und reichlicher Lohn, wie du ihn bei wenigen Herren empfangen hättest.' Der gute Knecht, der vom Geld wenig verstand, strich sein Kapital ein und dachte 'nun hast du vollauf in der Tasche, was willst du sorgen und dich mit schwerer Arbeit länger plagen.'
 
Da zog er fort, bergauf, bergab, sang und sprang nach Herzenslust. Nun trug es sich zu, als er an ein Buschwerk vorüberkam, daß ein kleines Männchen hervortrat und ihn anrief 'wo hinaus, Bruder Lustig? ich sehe, du trägst nicht schwer an deinen Sorgen.' 'Was soll ich traurig sein,' antwortete der Knecht, 'ich habe vollauf, der Lohn von drei Jahren klingelt in meiner Tasche.' 'Wieviel ist denn deines Schatzes?' fragte ihn das Männchen. 'Wieviel? drei bare Heller, richtig gezählt.' 'Höre,' sagte der Zwerg, 'ich bin ein armer bedürftiger Mann, schenke mir deine drei Heller: ich kann nichts mehr arbeiten, du aber bist jung und kannst dir dein Brot leicht verdienen.' Und weil der Knecht ein gutes Herz hatte und Mitleid mit dem Männchen fühlte, so reichte er ihm seine drei Heller und sprach 'in Gottes Namen, es wird mir doch nicht fehlen.' Da sprach das Männchen 'weil ich dein gutes Herz sehe, so gewähre ich dir drei Wünsche, für jeden Heller einen, die sollen dir in Erfüllung gehen.' 'Aha,' sprach der Knecht, 'du bist einer, der blau pfeifen kann. Wohlan, wenns doch sein soll, so wünsche ich mir erstlich ein Vogelrohr, das alles trifft, wonach ich ziele; zweitens eine Fiedel, wenn ich darauf streiche, so muß alles tanzen, was den Klang hört; und drittens, wenn ich an jemand eine Bitte tue, so darf er sie nicht abschlagen.' 'Das sollst du alles haben,' sprach das Männchen, griff in den Busch, und, denk einer, da lag schon Fiedel und Vogelrohr in Bereitschaft, als wenn sie bestellt wären. Er gab sie dem Knecht und sprach 'was du dir immer erbitten wirst, kein Mensch auf der Welt soll dirs abschlagen.'
 
'Herz, was begehrst du nun?' sprach der Knecht zu sich selber und zog lustig weiter. Bald darauf begegnete er einem Juden mit einem langen Ziegenbart, der stand und horchte auf den Gesang eines Vogels, der hoch oben in der Spitze eines Baumes saß. 'Gottes Wunder!' rief er aus' 'so ein kleines Tier hat so eine grausam mächtige Stimme! wenns doch mein wäre! wer ihm doch Salz auf den Schwanz streuen könnte!' 'Wenns weiter nichts ist,' sprach der Knecht, 'der Vogel soll bald herunter sein,' legte an und traf aufs Haar, und der Vogel fiel herab in die Dornhecken. 'Geh, Spitzbub,' sagte er zum Juden, 'und hol dir den Vogel heraus.' 'Mein'' sprach der Jude, 'laß der Herr den Bub weg, so kommt ein Hund gelaufen; ich will mir den Vogel auflesen, weil Ihr ihn doch einmal getroffen habt,' legte sich auf die Erde und fing an, sich in den Busch hineinzuarbeiten. Wie er nun mitten in dem Dorn steckte, plagte der Mutwille den guten Knecht, daß er seine Fiedel abnahm und anfing zu geigen. Gleich fing auch der Jude an die Beine zu heben und in die Höhe zu springen: und je mehr der Knecht strich, desto besser ging der Tanz. Aber die Dörner zerrissen ihm den schäbigen Rock, kämmten ihm den Ziegenbart und stachen und zwickten ihn am ganzen Leib. 'Mein,' rief der Jude, 'was soll mir das Geigen! laß der Herr das Geigen, ich begehre nicht zu tanzen.' Aber der Knecht hörte nicht darauf und dachte 'du hast die Leute genug geschunden, nun soll dirs die Dornhecke nicht besser machen,' und fing von neuem an zu geigen, daß der Jude immer höher aufspringen mußte, und die Fetzen von seinem Rock an den Stacheln hängen blieben. 'Au weih geschrien!' rief der Jude, 'geb ich doch dem Herrn, was er verlangt, wenn er nur das Geigen läßt, einen ganzen Beutel mit Gold.' 'Wenn du so spendabel bist,' sprach der Knecht, 'so will ich wohl mit meiner Musik aufhören, aber das muß ich dir nachrühmen, du machst deinen Tanz noch mit, daß es ei ne Art hat;' nahm darauf den Beutel und ging seiner Wege.
 
 
Der Jude blieb stehen und sah ihm nach und war still, bis der Knecht weit weg und ihm ganz aus den Augen war, dann schrie er aus Leibeskräften 'du miserabler Musikant, du Bierfiedler: wart, wenn ich dich allein erwische! ich will dich jagen, daß du die Schuhsohlen verlieren sollst; du Lump, steck einen Groschen ins Maul, daß du sechs Heller wert bist,' und schimpfte weiter, was er nur losbringen konnte. Und als er sich damit etwas zugute getan und Luft gemacht hatte, lief er in die Stadt zum Richter. 'Herr Richter, au weih geschrien! seht, wie mich auf offener Landstraße ein gottloser Mensch beraubt und übel zugerichtet hat: ein Stein auf dem Erdboden möcht sich erbarmen: die Kleider zerfetzt! der Leib zerstochen und zerkratzt! mein bißchen Armut samt dem Beutel genommen! lauter Dukaten, ein Stück schöner als das andere: um Gotteswillen, laßt den Menschen ins Gefängnis werfen.' Sprach der Richter 'wars ein Soldat, der dich mit seinem Säbel so zugerichtet hat?' 'Gott bewahr!' sagte der Jude, 'einen nackten Degen hat er nicht gehabt, aber ein Rohr hat er gehabt auf dem Buckel hängen und eine Geige am Hals; der Bösewicht ist leicht zu erkennen.' Der Richter schickte seine Leute nach ihm aus, die fanden den guten Knecht, der ganz langsam weitergezogen war, und fanden auch den Beutel mit Gold bei ihm. Als er vor Gericht gestellt wurde, sagte er 'ich habe den Juden nicht angerührt und ihm das Geld nicht genommen, er hat mirs aus freien Stücken angeboten, damit ich nur aufhörte zu geigen, weil er meine Musik nicht vertragen konnte.' 'Gott bewahr!' schrie der Jude, 'der greift die Lügen wie Fliegen an der Wand.' Aber der Richter glaubte es auch nicht und sprach 'das ist eine schlechte Entschuldigung, das tut kein Jude,' und verurteilte den guten Knecht, weil er auf offener Straße einen Raub begangen hätte, zum Galgen. Als er aber abgeführt ward, schrie ihm noch der Jude zu 'du Bärenhäuter, du Hundemus ikant, jetzt kriegst du deinen wohlverdienten Lohn.' Der Knecht stieg ganz ruhig mit dem Henker die Leiter hinauf, auf der letzten Sprosse aber drehte er sich um und sprach zum Richter 'gewährt mir noch eine Bitte, eh ich sterbe.' 'Ja,' sprach der Richter, 'wenn du nicht um dein Leben bittest.' 'Nicht ums Leben,' antwortete der Knecht, 'ich bitte, laßt mich zu guter Letzt noch einmal auf meiner Geige spielen.' Der Jude erhob ein Zetergeschrei 'um Gotteswillen, erlaubts nicht, erlaubts nicht.' Allein der Richter sprach 'warum soll ich ihm die kurze Freude nicht gönnen: es ist ihm zugestanden, und dabei soll es sein Bewenden haben.' Auch konnte er es ihm nicht abschlagen wegen der Gabe, die dem Knecht verliehen war. Der Jude aber rief 'au weih! au weih! bindet mich an, bindet mich fest.' Da nahm der gute Knecht seine Geige vom Hals, legte sie zurecht, und wie er den ersten Strich tat, fing alles an zu wabern und zu wanken, der Richter, die Schreiber und die Gerichtsdiener: und der Strick fiel dem aus der Hand, der den Juden festbinden wollte: beim zweiten Strich hoben alle die Beine, und der Henker ließ den guten Knecht los und machte sich zum Tanze fertig: bei dem dritten Strich sprang alles in die Höhe und fing an zu tanzen, und der Richter und der Jude waren vorn und sprangen am besten. Bald tanzte alles mit, was auf den Markt aus Neugierde herbeigekommen war, alte und junge, dicke und magere Leute untereinander: sogar die Hunde, die mitgelaufen waren, setzten sich auf die Hinterfüße und hüpften mit. Und je länger er spielte, desto höher sprangen die Tänzer, daß sie sich einander an die Köpfe stießen und anfingen jämmerlich zu schreien. Endlich rief der Richter ganz außer Atem 'ich schenke dir dein Leben, höre nur auf zu geigen.' Der gute Knecht ließ sich bewegen, setzte die Geige ab, hing sie wieder um den Hals und stieg die Leiter herab. Da trat er zu dem Juden, der auf der Erde lag und nach Atem schnappte, und sa gte 'Spitzbube, jetzt gesteh, wo du das Geld her hast, oder ich nehme meine Geige vom Hals und fange wieder an zu spielen.' 'Ich habs gestohlen, ich habs gestohlen,' schrie er, 'du aber hasts redlich verdient.' Da ließ der Richter den Juden zum Galgen führen und als einen Dieb aufhängen. (Quelle: Kinder- und Hausmärchen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, 1812-15)
 
ALTE SCHWÄNKE
 
Schwänke vom Juden wie vom Teufel,
galten einst als höchst ergötzlich,
denn ihr schrulliger Schabernack
löste sich zum Ende plötzlich.
 
Immer geht’s ums Überlisten
dieser beiden „Überschlauen“,
die, so wie die Mythen meinen,
sich die Welt zu foppen trauen.
 
Natürlich woll‘n die Vorurteile
manche Mythen mitgestalten,
das ist bis heute so geblieben
und gilt nicht nur für die Alten.
 
Heute sind wir aufgeklärter,
denn die Medien informieren,
Teufel und Juden gab es nie;
wer sie glaubt will sich blamieren.
 
Zur Schwankliteratur der Frühen Neuzeit

Das klassische deutsche Schwankrepertoire geht im Wesentlichen auf das Zeit-
alter des Humanismus und der Reformation zurück, wo die Gattung nach Vorbild
der italienischen Fazetieeine erste Hochblüte erlebte. Spöttisch aufs Korn ge-
nommen wurden darin soziale Typen wie die in ihren Begierden äußerst weltli-
chen »Pfaffen« und Mönche, einfältige Bauern, ehebrecherische Weiber, betrü-
gerische Wirte, habgierige Kaufleute u. a.Die Liste an satirisch ausgeschlach-
teten Lastern ließe sich erweitern, soll hier aber in erster Linie einen Eindruck der
Derbheit vermitteln, die einem Genre eignet, wo Sexualität, Skatologisches und
Brachialgewalt offen zur Schau gestellt werden. Andererseits verweisen sie auf
die gesellschaftlichen Diskurse einer Zeit, die konfliktreich ausgetragen den
rechten Glauben, Frondienst, Bauernstand und Weiblichkeit zum Gegenstand
hatten (Reformation, Bauernkriege, Hexenverbrennungen). Juden treten in den
Schwänken zwar bedeutend seltener in Erscheinung als andere Figuren, sie ge-
hören aber dennoch zur fixen Besetzung und kommen, je nach Autor, einmal
mehr oder weniger zum Auftritt. Das darin vermittelte Bild des Juden gründet
auf popularisierten mittelalterlichen Lehren über ein beharrliches Festhalten an
einer längst obsoleten Lehre, die unterstellte Verhöhnung des christlichen Glau-
bens und der Gestalt des jüdischen Wucherers. In den Schwänken entzündet sich
der Konflikt mit Nichtjuden am Religiösen, wenn etwa Laiendisputationen insze-
niert, jüdische Konvertiten diffamiert oder Besonderheiten jüdischer Lebenspra-
xis verspottet werden, oder kristallisieren sich Charaktereigenschaften aus, die
expressis verbis als dem Volk eigen verstanden werden (»Iudaeus, cuius generis
mos est omnia tacite speculari et explorare [...]« / »Ein Jud, deren Eigenschaft ist,
alle Ding heimlich zu erforschen und zu ergründen [...]«). Geprellte und über-
vorteilte Juden bekommen den gerechten Lohn für ihre Habgier. Humanistische
Gesinnung und der Geist der Renaissance mindern die bestehenden Vorurteile
und Feindseligkeit gegen die Juden nicht, sie verleihen ihnen lediglich eine neue
literarische Form und geben sie der Lächerlichkeit preis.... (von Almut Laufer)