VERABSCHIEDUNG VON ISLAND

Unser Bus an der Bucht von Keflavik

 

Isländisches Abschiedsgedicht
  für die isländische Reiseleiterin Jenny (1993):


Als Gottvater Wodan die Welt erschuf,
erklang aus dem Nordmeer ein Möwenruf.
Der Sprecher der Vögel schimpfte gar laut:

„All deine Erdteile hast du erbaut
die Südlande, sonnenverwöhnt und heiß,
die Regionen im Norden mit ewigem Eis,
im Osten die Tundren, Steppen und Wüsten,
im Westen, Savannen und fischreiche Küsten,
allein uns im Nordmeer blieb nichts als Wasser,
und auch das Wetter wird immer krasser,
wir brauchen zum Ausruh’n ein bisschen Sand,
schenk uns doch ein kleines Stückchen Land.
Hast du nicht vom großen Schöpfungswerke -
was sichtlich erweist deiner Allmacht Stärke -
noch übrig paar kleine Posten von Resten,
wir verlangen ja wirklich nichts vom Besten,
und mischtest du alles auch querfeldein,
wir würden auf ewig dir dankbar sein !"


Und Wodan erhörte der Möwen Bitte,
er erbaute im Nordmeeres öder Mitte,
eine Insel aus Resten der Genesis,
ein Land aus Lichtflut und Finsternis,
aus Fels und Firn, aus Salzen und Sand,
aus kalbenden Gletschern und Lavabrand.

Und weil es Weltwerdungs Nesthäkchen war,
das jüngste aus seiner Kinderschar,
so liebte Wodan das kleinste Kind,
dies Restland zwischen Wogen und Wind.
Er gab ihm ein starkes, freies Geschlecht,
auf dem Thingvellir sprach es sein Herrenrecht.

Nicht König, nicht Papst war es untertan,
es verlachte Kaiser und Vatikan,
es hat der weiten germanischen Welt
ihre eigenen Mythen erdichtend erhellt.
Wie geistesarm schiene Germaniens Sinn,
wär’ die Edda nicht, der Urschriften Königin !
Als Europa im christlichen Wahn versank,
mit nicht endendem Kuttenträger-Gezank‘,
blinde Seelen ins fremde Golgata trieben,
wurd‘ in Island die Völuspa aufgeschrieben.

Nun überspring‘ ich ein paar hundert Jahre -
es waren ja nicht so wunderbare -
die Welt wurd‘ bekanntlich immer schlechter,
wohl bog sich Wodan im Gottesgelächter -
auch Island verriet die Urreligion
und glaubte Jesu-Christ sei Jehovas Sohn.

Genug, davon will ich ja nicht berichten,
ich wollt‘ ja vom Schönen und Guten dichten.
Das Beste was wir alle hier erfuhren,
auf unsrer Fahrt durch Islands Fluren,
das war zuerst, liebreizend schön, die Jenny,
und kostete die Reise auch manchen Penni,
sie hat sich wirklich voll gelohnt,
was Jenny bot war wahrhaft ungewohnt !
Großartig wie sie uns Sagas nahe brachte,
von Elfen, Trollen, Räubern die Phantasie entfachte.

Sie führte uns durchs Land wie eine Mutter,
gab all' unsren Frageschnäbeln Futter.
Sie drückte jeden an ihr Mutterherz,
drum ist groß und echt unser Abschiedsschmerz.
Wir loben sie, ihr Deutsch und ihre Gaben,
wir loben alles was wir hier gesehen haben.
Wir loben alle Geister, Elfen, Zwerge,
wir loben demütig die Trolle auch der Berge.
Wir loben Islands Speisen hart und weich,
nur eins hab‘ ich vermisst, das Pferdefleisch.

Islandias Küche sei gepriesen,
und als Geheimtip sei darauf gewiesen.
Wir kennen fast die halbe Erde,
doch solch ein Essen, und die liebe Pferde,
die haben wir sonst nicht gefunden,
in Island tat uns Leib und Seel‘ gesunden.
Und machten Islands Straßen wenig Mut,
die Bussfahrkünstler machtens wieder gut !

So scheiden wir von dannen, hoch zufrieden,
und schwören, auf dem Globus ist hienieden
kein bessres Plätzchen für Touristen,
wo soviel seltne Vögel flattern, kreisen, nisten.
Das ist kein Ziel allein für Möwen und für Wale,
auch andre Reisegäste allemale,
die fühlen sich hier pudelwohl,
auf ihrer Wanderfahrt von Pol zu Pol.

Und stehn wir eines Tages als Senioren
vor Walhalls Himmelsflügeltoren,
dann sagt uns Wodan ganz gewiss:

„Ihr seid mir dann kein Ärgernis,
wenn ihr mein liebstes Kind geehrt,
mein Island, klein und sehenswert.
Wer nicht im Land der letzten treuen Heiden ist gewesen,
der darf bei mir in Gimle nicht genesen.
Bei mir gilt keine Bibel, kein Latein,
wer nicht auf Island war, der kommt mir nicht herein !“


Nun schmerzt vom langen Stehen mir die Lende,
fürs Dichten gibts auch keine Dividende,
ich bin am Schluss von der Legende -

ENDE !
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