3./27. RUNE ingwaz - Ingo/Lichtkind (Mythos vom heiligen Erlöser-Kind)

 

 
ZEITRAUM DER RUNE
 
 
Siebenundzwanzigste Rune im Jahreskreis,
eine kleine Raute - ein Viereck - ein Kreis,
das Signum der jungen Sonne ganz sicher;
der Ratschluss, - ein runen-meisterlicher.
Siebenundzwanzig heißt neun, die neue Sonne,
des währenden Jahres Wunder und Wonne.
Lang ist der Tag vor der Sonne erwacht,
aus ihm erst hat das Gestirn sich entfacht.
Aus zweileibigem Vater, - beidpoliger Zwei
entspringt der Sohn, die vollkommene Drei.
Er, der Edling, Sprössling, der Abkömmling,
ist der Ingunar, Yngvi, der Ingo, der ING.
 
Ihn feierte man vormals, so war es Sitte,
nach heut‘ger Großhorn/Januar-Monatsmitte,
zum Höhepunkt und Ende der Jul-Festzeit,
in des Winters Mitte und Unwirtlichkeit.
Aus des Neumondes Schatten und Schummer,
da erwacht der Schein aus dem Schlummer;
das Jahreslicht hebt sich vom Lager auf,
zum Jahrgipfel läuft es den sieghaften Lauf.
Der Erlöser von Winters Macht und Grauen,
zum Ende der Jul-Zeit lässt er sich schauen.
Endlich ringt sich die Sonne aus Rast und Ruh‘:
„Helligkeit nimmt um ein Hirschsprünglein zu“.
Zwar ward sie geboren zur Winterwende,
so berichtet die Märe und fromme Legende,
doch ob wirklich und wahr sie erstanden ist,
das zeigt sich nun erst, nach Julzeit-Frist.
 
ING ist Symbol für das schwellende Streben,
wachsendes, rundendes, sich füllendes Leben.
So ist das Kennwort im keltischen Ogom
ein Begriff aus verständlichem Bilderstrom.
Der Ng-Buchstabe heißt dort Ngedal = Ried,
mythologisch weist er ins gleiche Gebiet,
zum Schilf, worin Isis den Horus gebar;
aus dem Lotos steigt Licht so lieblich-klar.
Der Papyros war Sinnbild frischer Säfte,
er preiset die jungen, knospenden Kräfte.
Was hier allein störend sichtbar blieb,
ist ein anderes Welt -Entstehungsprinzip.
Wie der Runenstifter die Stäbe stellte,
sein kosmogonisches Schauen erhellte,
steht die Sonnenerweckung vor dem Wasser;
so wollt‘ es in Wahrheit der Runen-Verfasser.
Sie steht vor Ägir/Wassermanns Wasser-Region,
vor der nährenden Nässe erwachte der Sohn.
 
Der Licht-Fant trägt Vaters Heil in die Welt,
der wunderbare Knabe, das Kind, das gefällt,
freier Falke, der hoch in den Himmel fliegt;
nur die Sonne erscheint und sieht und siegt;
als göttlicher Hirsch, als goldener Eber,
als Kerl, als Karl, als Reichtumsgeber,
Wohlstandsvermehrer und Fruchtbarkeitsbringer,
als stärke-schwangerer Stößel-Schwinger.
Schon die Felsbilder feiern die Lichtgewalt
in Form einer strotzenden Männergestalt,
in Form eines Kreises sowie eines Rades
oder der Fußspur des Heilbringer-Pfades.
 
Die Sonne ist Urbild des freudigen Läufers,
des tanzenden, heldischen Lichtsegen-Täufers.
Er ist Gottes Sohn, der sieghafte Spross,
der gesegnete Christos - Dionysos,
der Helgi, der Heiland, der Heliant,
Mittler zwischen Himmel- und Menschenland;
er ist Krischna - Horus- und Mithras-Kind,
vom Vater gesendet so saelig gesinnt;
der Aion, Helios-Apollo und Agni zuwahr,
jene Flamme, welche die Jungfrau gebar.
 
Das Feinste dem Volke der Menschen ist Feuer,
und die Sonne zu sehen, beseligend teuer.
So sagt uns die Edda, und der Veda ergänzt:
„Gottgeborene Leuchte, die weithin glänzt,
dem Sohne des Himmels, ihm singet ein Lied“,
der da herrliche Wege hoch droben zieht.
 
Er zieht sie in gleißenden Bahnen,
in Gestalt seiner Sonnen-Spiralen.
So ward die Spirale zum Sonnen-Symbol,
über tausende Jahre, ein Licht-Idol.
Der göttliche Heilsweg will kreisen,
so dass Kreise die Heilande preisen.
Die Feiernden tanzten im Wendelgang,
der „Trojaburgen“ Spiralen entlang.
Sie fühlten sich gleich dem gold’nen Rad,
wie’s droben rollt seinen Himmels-Pfad.
Als Rad scheint die Sonne, ohne Klamauk,
so ist ihr Bild für’s menschliche Aug’.
 
 
 
Bronzezeit-Gewandspange von Västergötland
mit Sonne und Sonnen-Spiralgang
 
Den Nordleuten half gegen Neige und Not
der Veralden-olmai, der Veraldengod.
Vor nicht langer Zeit noch ward er verehrt,
der den Lappenvölkern das Leben beschert‘.
Die Lebensrute hielt er in Händen hinan,
sie nannten ihn Weltgott und Weltenmann.
Ein Zaubertrommelschmuck der Nordschamanen
war die Sonnen-Rune der Ahnen, Germanen.
Es malte dies Machtmal mit eigener Hand
Kaiser Karl, der Lange, der Große genannt.
Die Sonnenraute, die Rune des Rechtes,
Gemerk des göttlichen Heiland-Geschlechtes.
Dem Sonnenring gleicht jede Strahlenkrone,
des Gottessohnes Symbol zweifelsohne.
Ihm wollten Kaiser und Könige gleichen,
in nordischen wie in südlichen Reichen.
Kaiser Konstantin, der „Besieger der Heiden“,
mochte es nach seinem Siege noch leiden,
in der Hauptstadt sein Bildnis aufzustellen,
geschaffen nach Sol-Invictus-Modellen
Als sieghafter Sonnengott war er zu sehen,
so konnten die Menschen den Kaiser verstehen.
Gute Herrscher walten der Welt zum Wohl,
wie der lichte Herr Ingvi - Apollo - Sol.
All‘ die skandinavischen Königs-Clane
betrachteten Ingvi als ur-ersten Ahne.
Helgi Hundingstöter, der Schurkenvernichter,
der heilige König, ein lauterer, lichter,
gerad‘ so wie Sigurd, der Fafnir-Töter,
der Wunder vollbringende Waffenröter,
sie sind der herrlichen Sonne Genoss
und Nachkommen Ingvis, - des Ingvis Spross.
Das Reine und Rüstige eint sich zum Ringe:
Heilige Herrscher sind sämtlich INGLINGE.
 
Der -ING, der -LING, der Abkömmling,
noch ist er der Jüngling, zart und gering,
doch rasch entfaltet sich seine Kraft,
die das Jahr und des Jahres Segen schafft.
Er ist nicht allein ein Kämpfer, Erwehrer,
er ist auch der Fruchtbarkeitsbringer, Ernährer.
 
Als Töter des Beli, des brüllenden Riesen,
als Überwinder des Bösen gepriesen,
galt er auch als Geber von Gut und Gedeihen;
üppige Erträge, - er mocht‘ sie verleihen.
Der Sonnengeist galt als Wohlstandes Spender,
als der große, kraftvolle Unheil-Wender.
Er fördert die Schandtat, den Trug, zutag‘,
so ist er Beschützer von Recht und Vertrag.
Die Vorfahren nannten ihn einfach nur Fro;
das heißt Herr oder Fürst hier geradeso.
Freyr, Frauja, Froio, Frö, das gleiche Wort,
nur zu anderer Zeit, - an anderem Ort.
Er hieß Fjölnir, der Fülle gebe, gebiete,
war als Vorsitzender der Forasizzo, Forsite.
Der Frikko den Frieden, die Freude bestellt‘,
reich macht‘ er die Ernte auf Flur und Feld.
Sein Helfer Skirnir, der Strahlenschnelle,
ein rascher Erwecker, der Glänzende, Helle.
Er ist der Skeaf, der die Korngarben bringt,
und jener Skjöld, der den Glanzschild schwingt.
 
Manche nannten ihn Phol, Bealdor, Baldur;
viele Nennungen, doch nur eine einzige Spur.
Der Baldag, Balder, - ohne Wortegezerr,
heißt etwa soviel wie: „Strahlender Herr“.
 
Will die Sonne schwinden, - will sie erwachen,
so steuert der Lichtgeist den Sonnen-Nachen.
Freyr - Baldr - Skjöld besitzen ein Schiff,
Ringstab - Ringsteven ist sein Begriff;
Hringhorni, Hringstefna verweisen auf ING,
auf des Sonnengeistes runischen Ring.
Das altschwedische Reichskleinod war gewiss
der Eber-Ring des Ingvi, der Sviagriss.
 
 

Bronzezeitliches Sonnenrad-Armband von Åsle

 
Der Dichter Hallfred, vor tausend Jahren,
treu liebt‘ er, der Väter Erbe zu wahren.
In Wehmut musst‘ er erkennend erleben
eines f revelnden Geistes Vernichtungsstreben
Schmach erschien ihm, die Götter zu schmähen,
er vermochte das Altüberbrachte verstehen;
er reimte die Strophen, die uns berühren,
die hinein in den Umbruch Alt-Islands führen:
 
„Nun ist das Glück der Männer dahin,
der Hass gegen Odin bringt keinen Gewinn,
der war uns herrlich hilfreich erschienen,
jetzt müssen wir dem Christus dienen.
Den werd‘ ich genötigt, nun anzubeten,
er soll den schimmernden FREJ vertreten.“
 
Was der Skalde so klar und deutlich gesagt,
ein Jahrtausend hat diese Wahrheit vertagt.
Die wurde im Taumel der Zeiten noch trüber;
seit zweitausend Jahren, - oder darüber
liegt die reine Lehre in Runen gebannt,
ein schlafendes Kind unter schützender Hand,
ein Dornröschen unter dem Dornenhag;
die Wahrheit wartet auf ihren Tag!
Vermögen nur Dichter Verdichtung durchdenken,
ein Dichter nur dichteste Wahrheit schenken ?
 
Das Sonnengeheimnis hieß Yngvi-, Ingo-Fro,
oder Yngunar-Freyr hieß es geradeso.
So wie Sonnenmächte den Wohlstand schmieden,
herrschte einstens ein goldener Frodi-Frieden.
Frotho, Frej, Frö - nur sprachliche Hüllen,
der Lichtgeist mocht‘ sie mit Leben füllen.
 
Der Herrgott Herr-ING, der Gott der Welt,
als Sonnenzeichen ist er in Runen gestellt.
In alten Berichten wird er beschrieben
als Gott, den Menschen verehren und lieben;
als einer, der schimmernd und leuchtend ist;
aus dem Weißen-Fro ward der Weiße-Krist.
Aus dem Weißen-Baldur und Priester-Komplott
erwuchs der heutige Heiland und Gott.
Doch welche Gebilde den Gott auch beerben,
Gott Fro kann nimmer und niemals sterben,
solange das Volk seiner Sprache lebt,
er menschliches Sinnen und Fühlen durchbebt.
Und rührt er nur leicht unser Herz einmal so,
dann werden wir fröhlich, friedsam und froh.
 
Fro galt als sonnenkraftspendender Geber,
als golden-glühender, glauäugiger EBER.
Gullinborsti nennt eddische Schilderung
jenes Gleichnis der Sonnen-Verkörperung.
Weltweit als Sonnen- und Wuchskraft-Symbol
tat der Eber den gläubigen Menschen wohl.
Visnu und Indra, selbst Siegfried, dem Held‘,
hat der Mythos das Eberbild zugesellt.
Der einstige Fro war solch‘ machtvoller Streber,
drum galt auch der neue Heiland als Eber.
Scheint die Erde in finsterster Kälte verloren,
dann wird ein feuriger Frischling geboren,
aus der Mutter Fro-Baldurs, der „Muttersau“,
der allnährenden Frigga, der Ewigen Frau.
Das goldige Schweinchen bereitet die Gaben,
an denen sich nicht nur die Kinder laben.
Auch heut‘ noch ist das Symbol nicht tot,
hilft doch das Glücksschwein aus mancher Not.
Auch Dich hat des Heilbringers Glück begabt,
auch Du hast im Leben schon „Schwein gehabt“.
 
Frühen Felsritzungen wäre wohl zu entraten,
dass den Sonnengeist mehrere Tiere vertraten.
Auf das Lichtkreis-Zentrum zielt‘ der Stich,
der dem Angriff gegen den Licht-Eber glich.
Denn zur Sonnenwend‘ oder dem Winter zu
bringt der Dorn des Dämons die Todesruh‘,
funkelt das Schwert der timberen Trolle,
dass die Sonne hinab in den Stillstand rolle.
 
Gott-Vater, die Himmels- und Wettergewalt,
als STIER geschaut, ist er steinzeitalt.
Und die weibliche „Ur-Sach“, Isis-Audhumla,
ist die Mutter-Kuh, welche die Sonne gebar.
So gleicht das Glanzkind, die Himmelszier,
auch dem gold‘nen, gleißenden, starken Stier.
In Ägypten mocht‘ man zur Sonne flehen
mit Worten, die wir hier bestens verstehen.
 
 

Stierköpfchen aus Grab von Childerich I.

 
Man rief dem Gestirn die Bezeichnung zu:
„O Stier, du Stiersohn aus göttlicher Kuh !“
Was sich in Childerichs Grabschatz fand,
jenem König aus salischem Frankenland:
ein goldenes Stierhaupt mit Sonnenwirbel;
neun Strahlen zeichnen den sinnigen Zirbel.
Am meisten ward Indra als Bulle gepriesen.
Auch Dionysos hat sich als Stier erwiesen.
Die Bindung des Tieres an Freyr ist bekannt;
warum wär‘ der Stier sonst nach ihm benannt ?!
Die Landsassen sprachen noch jüngst in Sachsen
vom sengenden, brennenden „Sonnen-Ochsen“.
 
Der Sonnen-Bulle galt schon zur Bronzezeit
als des mächtigen Brandes symbolisches Kleid.
Man ritzte sein Bild in die Felsenplatte,
damit kein Vergessen es je überschatte.
Sein Gehörn berührt sich zum Sonnenreifen,
als Sonnen-Boot ist sein Gefährt zu begreifen.
Könnte Kunde vom Sonnen-Kahn sicherer sein ?!
Diese Nachricht ist klar wie der Sonnenschein !
 
Im Sonnenabstieg muss der Sonnenstier sterben,
doch die ganze Welt soll das Opfer beerben.
Sein Aufstieg, sein Abstieg, sein Opfergang
erwächst seinem welterhaltenden Drang.
Er befruchtet, lasst reifen und muss versinken,
wenn nächtige Schatten des Winters winken.
Allein aus der Ruhe kann Neues sich heben,
aus Tod und Erwachen ringt sich das Leben.
Der Mithras, der Mittler, die Sonnenmacht
hat als Stier sein eigenes Opfer vollbracht
So wollt‘ man des neuen Heilands Erbleichen
halt auch mit des Stieres Opfer vergleichen
Doch davon raunten zuvor schon die Runen
und in heiliger Urzeit die Heunen; die Hunen:
Wir finden im Felsbild des Stieres Tod,
vor der Sonnen-Säule „kam Gott in Not“.
Des Lichtsohnes Opfer, jährlich zu schauen,
im Norden erfahrbar im freislichen Grauen,
während wölfisch-würgender Winterfrist,
wenn das Heil des Himmels erstorben ist.
Dann sitzen die Sippen und sinnen und fragen,
die Menschen in toddunklen Timel-Tagen
versuchten, des Heilbringers Gang zu verstehen,
„doch er kehret zurück, ihr werdet es sehen.“
 
Das glücklichste Gleichnis für Sonnenglut
scheint das Tier mit „strahlendem“ Attribut.
HIRSCH, ELCH und REN sind Sonnensymbole,
sie tragen um‘s Haupt die Glanz-Gloriole.
Jenes wahrhaft den Auf wuchs weihende „Wild“,
im allbesten Sinne ein Beispiel und Abbild,
Sinnbild- der jährlich sich neuernden Kraft,
die verfallen lässt und Frisches erschafft;
die nach jedem Versinken voller ersprießt,
die da unauslöschbar ins Leben fließt.
Lichtkraft und Wuchskraft wirken zusammen;
dem göttlichen Zentrum muss es entstammen.
Der Hirsch ist des Guten greifbares Bild,
ihn tragen die Besten auf blinkendem Schild.
 
Als Sonnenhirsch mit dem gold‘nen Geweih
sah die Frühzeit gewiss den sonnigen Frej.
Das lehren die Texte der eddischen Lieder:
Mit dem Hirschhorn hieb er den Unhold nieder.
Der Lichtheld, der keinem Gegner gewichen,
mit dem hohen Edelhirsch ward er verglichen.
Ob Helgi und Siegfried, bis Sigurd-Hirsch,
ihre‘ Gegner sind wahnvoll, wirr und wirsch,
sie selbst aber leuchten wie lautere Lohen,
die fürtrefflich Flätigen, Flanken und Frohen.
Es träumte die Gudrun vom künft‘gen Gemahl,
sie sah ihren Sigurd in Sterbensqual.
Sie fand ihren „Goldhirsch“ schier fehlerlos,
er ward ihr erschossen vor ihrem Schoß.
Wie der Hirsch ragte Helgi über die Scharen;
vom Hirsch hatte Sigurd das hehre Gebaren.
Sie galten als wohlkühne Kämpfer und Krieger,
als Unhold-, Schlangen- und Drachenbesieger.
So auch der Hirsch, der die Natter verschlingt,
der die finsteren Mächte der Erde bezwingt.
Der Hirsch war dem hellen Apollon geweiht
und dessen himmlisch-erhabener Heiterkeit.
 
Die Hethiter und Skythen in ihren Zeiten,
die Völker der nordisch-eurasischen Weiten,
mochten Hirsch und Elch als Lichttiere seh‘n,
und die Lappen verehrten ihr Sonnen-Ren.
In die Sonnen-Raute ward es hineingestellt
und schimmert‘ von dort auf die Lappen-Welt.
Die ist viergeteilt, wie sämtliche Welten,
in denen die mythischen Maßstäbe gelten.
Was die Sonnen-Rauten an Segen versandten:
Vier Strahlen für alle vier Welt-Quadranten.
 
Durch Jahrtausende prägte der Hirsch die Spur,
die wir finden im Bild und in Literatur.
Der Hirsch, der vom Süden nach Norden trollt,
wie die Sonne zum Gipfel der Götter rollt,
das ist Fro-Balder, der schimmernd-schöne,
oder einer seiner besungenen Söhne.
Der funkelnde Hirsch reicht zum Firmament,
um sein glänzend‘ Gehörn das Hohenlicht brennt
Zwischen seinem Geweih rollt das Sonnen-Rund;
das Licht-Kreuz strahlt uns die Seelen gesund.
So musst‘ gleich dem echten erlösenden Schein
auch der künstliche Heiland ein Hirschlein sein.
 
Zwei Wölfe verfolgen den Weißen Hirsch,
das Böse ist wieder auf schauriger Pirsch.
Es lauert, die tückischste Stelle zu finden,
im Kampf ist der Held nicht niederzuwinden;
der stillt seinen Brand am kühlen Bronnen,
da ist ihm das Licht und das Leben verronnen.
Ihn erschlägt der Schächer an diesem Ort,
ihn fällten nur Meineid und Meuchelmord.
Mal hat ihn der Mörder im Schlafe erhascht,
mal beim Beten im Heiligen Hain überrascht.
Das Motiv der Hirschjagd ist weit verbreitet,
die freisliches Leide dem Frohen bereitet.
Als Symbol eines Frevels ward sie verstanden,
als des Lichtherren Tod in mythischen Landen.
 
Der Sonnen-WIDDER, ein starker Beschäler,
rollt über die Meere, die Berge und Täler.
Er befruchtet das Erdweib und ihre Wesen,
unter seinem Licht muß das Leben genesen.
Man nannte ihn HEIMDALL, den Weltenglanz,
dieser Gottesname erklärt ihn schon ganz.
Gab es doch je, wie es allen deuchte,
nur eine einzige wirkliche Welten-Leuchte.
 
Die Sonnenverbindung des Widders ist alt,
schon der indische Indra nahm Widdergestalt.
Amon-Re in Ägypten war sonnengewaltig
und sein mythischer Körper widdergestaltig.
Dem Sol-Apollo aus lichtgöttlichem Stamm
bracht‘ man als Opfer ein weißes Lamm.
Dem Widder-Lamm gleichet des Vaters Sohn,
so lautet‘ die alte Legenden-Version.
Das Schaf war auch Opfertier der Germanen,
das mag man wegen der Wortgleichheit ahnen.
Die Argonauten erspürten das Goldene Vlies,
das der Oheim des Jason sie suchen hieß.
Jenes goldene Widder-Fell, - drachenbewacht,
ward als ein Sinnbild der Sonne gedacht.
 
Der Heimdall, den die Schriften erwähnen,
ein weißer Widder mit goldenen Zähnen;
neun Schwestern sind seine Mütter geworden,
dies wussten die alten Weisen im Norden.
Neun Wogen-Maiden von Ägir und Ran,
sie wispeln von jenem Weitwerdeplan,
nach dem Urflut-Wellen das Licht gewoben,
erst die Wasser den Glutball hervorgehoben.
Himinbjorg - Himmelsburg ist Heimdalls Haus,
hier wahrschaut der Wächter des Himmels aus.
Nahe bei Bifröst bunt schillernder Brücke,
da trutzt der Treue des Tief eis Tücke.
Der Regenbogen ist Heimdalls Symbol,
bei sonnigem Regen fühlt Wachstum sich wohl.
 
Er ist Todfeind des Loge, des Lügengesellen,-
nur Licht kann der Lüge den Lauf verstellen.
Keine arge List ist so feste gesponnen,
einmal muss sie hervor ans Licht der Sonnen.
Der Lichtstrahl tötet mit glühendem Stiefel
die Gnome der Erde, die Trolle und Tiefel.
Der Ober-Arge, der Schlimmste der Schlimmen,
der darf nur im Sonnenbrande verglimmen.
Dem Feind der Gesetze, dem Ordnungsvernichter,
der Himmelsfürst sei ihm der tödliche Richter.
Troll-Häuptlings Hauptfeind ist die Sonne,
der Lichtgeist Heimdall, die Weltenwonne.
 
Man hieß ihn König, den allwissenden Künder,
die Menschen nannte man Heimdalls-Kinder.
Er, der Rig, hat sein Weltreich errichtet,
die Stände erzeugt, belehrt und geschichtet.
Weisung und Rat ging von seinen Lippen,
er schuf die Gesetze zwischen den Sippen.
Als Fruchtbarkeitsgeist ist er allen gleich,
er streicht durch Kammern von Arm und Reich.
 
Er schuf Mägde und Knechte mit wirren Haaren,
von schmutzdunkler Haut und dumpfem Gebaren.
Er schuf die Frohen, die flätigen Frauen,
die wackeren Männer, die wirken und bauen.
Und er schuf die Hohen in Körper und Sinn,
den Adel - den König - die Königin.
Der Wachstumswille, der wuchernd erblüht,
den segnet Fro-Heimdalls gigantisches Glied.
Dieser Sinnbild-Stößel will Anstoß geben,
in sämtlichen Müttern rührt er das Leben;
er schwängert die Erdfrau in allen Zellen,
er lässt die Weiber erwachen und schwellen.
Drum heißt er Phol und Vol, Fjölnir und Fro,
Frikko, Baldur, Rig-Heimdall geradeso.
 
Jener „Weißeste Gott“ ist Herr und Meister,
der Ljosalfar, der Lichtalben-Geister.
Das sind Sonnenstäubchen, sind Sonnenfunken,
in Albenheim wohnen sie wonnetrunken.
Der Weraldengod sendet sie irdische Wege,
dass um sie eine Mutter die Hande lege.
Er schickt sie, der guten Schopfungen Same,
dass die Werdung des Guten nimmer erlahme,
auf die Erde hinab und zu einem Weib,
das legt um den Lichtkeim den irdischen Leib.
 
Der Sonnengeist ist der Vermittler, Verbinder,
die Menschen alle, sie sind seine Kinder.
Aus dem ewigen Sturm, aus Geistvaters Strom,
ein sichtbar gewordenes Sonnen-Atom,
der Heimdall hegt es und hält es in Hut
und führt es hinein in die Werde-Flut.
Sein Weihe-Völsi dringt tief in die Welt;
und wem dieses klare Sinnbild missfällt,
dem kam das natürliche Denken abhanden,
der hat das Stößel-Symbol nicht verstanden.
 
Das pfeilschnell jagende, prächtige PFERD,
als urfirnes Lichttier ward es verehrt.
Es zieht die Sonne, - den Sonnenwagen,
so lauten die indogermanischen Sagen.
Das Pferd, - der Lichtvölker Siegegarant,
es schien mit den lichten Göttern verwandt.
So war auch im höchsten sichtbaren Guten
ein Ross, das Sonnenross, zu vermuten.
Als Zugtier hat sich das Pferd bewährt.
Zwei Pferde führen das Sonnengefährt.
Arvak und Alsvid, Frühwach und Ganzschnell,
lichtstrahlige Hengste, so hurtig und hell.
 
Sah man den Sonnengeist selbst als Gestalt,
so ritt er das Ross mit der Sonnengewalt.
Gulltopp heißt dann der goldene Gaul,
die Flammen fliegen aus Nüstern und Maul;
Goldmähne, Goldzopf heißt er im Glück,
doch sinkt nach der Wende die Zeit zurück,
tönt dann des Totenhorns herbstlicher Ruf,
heißt er Blodhughofi, der Blutige Huf.
Das Pferd mit dem kranken Huf reitet Fro;
Baldurs Fohlen verrenkte ihn ebenso.
 
Wir sehen das Sinnbild der sinkenden Sonne;
zum Winter schwinden Lichtwucht und Wonne.
Und im Untergang färbt sich der Himmel rot,
da blutet das Pferd, - ist die Sonne in Not.
Doch das Goldene Rössel wird Wotan heilen,
nicht lang‘ wird es wund und wankend weilen.
Der Geistgott - Totengott weiß es zu machen,
das Feuer zu löschen und neu zu entfachen.
 
Ein weiterer guter Gleichnis-Gedanke
fasst den Geist der Sonne als Sonnen-FALKE.
Da die Glut so jäh in den Himmel schießt
und von dort herab ihren Segen ergießt,
sind tragende Mächte, welche sie treiben,
als Falke und Habicht gut zu beschreiben.
Der lichte Apollo, der Python-Verderber,
verwandelte sich in den Sonnen-Sperber.
Und der Sonnengott Re, den Ägypter geglaubt,
trug des Himmelskraft -Vogels Falkenhaupt.
Ja, die junge Sonne, die am Morgen strebt,
die zum Jahresbeginn als Kind sich erhebt,
ist als froher, befreiter Falke zu sehen,
so wollten es nicht nur Ägypter verstehen.
Der heldische Horus, der Typhon-Besieger,
als Falke der herrliche, himmlische Flieger,
ist Gottes Sohn, - ist Lichtvaters Kind,-
nun steigt er empor, - so falken-geschwind.
 
Des Sonnenherrn Baldur einziger Sohn,
sein verjüngtes Selbst auf dem Sonnenthron,
ist Forseti, Vorsitzender, Erster, der Fürst,
der in Glitnir wohnt, dem glänzenden First.
Der Vorderste, Wichtigste ward er genannt;
er war friesischer Gott auf „Fositesland“;
dem heiligen Holm, dem geweihten Werder,
auch hierhin gelangten die Volksseelen-Mörder.
Sie griffen zum Geld im gesegneten Becher,-
das tödliche Los war des Lichtgottes Rächer.
Grünes Land, weißer Sand und die rote Kant’
preisen ewig den Rechtsgott von Helgoland.
 
Forseti, - nur ein Name wie andere auch,
doch hilft uns begreifen der Skalden-Brauch,
den Falk in der Dichtung Forseti zu nennen,
Lichtfant und Falk sind nimmer zu trennen.
Er war Symbol der steigenden Sonnenstärke,
er übte das Recht und Gerechtigkeitswerke.
Scharfäugig durchschaut‘ er den Trug wie Glas,
er ist Richter und regelt nach Sonnen-Maß.
So wie er steigt, muß Gerechtigkeit Siegen,
im dauernden Ringen, - schwankenden Kriegen.
Licht-Wahrheit kämpft gegen Finsternis-Trug,
doch Wahrheit soll siegen wie Falken-Flug.
Klarheit und Recht bringt der Sonnenschein,
jeder Richter soll ein Forseti sein !
 
Im Weltbaum-Symbol, dem Yggdrasil,
da hausen der waltenden Wesen so viel.
Hoch oben hockt dort im heiligsten Wipfel
der himmlische Adler im göttlichen Gipfel.
 
Er breitet die Schwingen zum schützenden Dach
über menschlicher Welt, dem Erden-Gemach.
Seine lichtvollen Augen sind Sonne und Mond,
dazwischen aber der Habicht thront.
Zwischen den Augen wohnt Lichtvaters Wille,
die große, glänzende, göttliche Stille.
 
Dorthin zu gelangen, war Wunsch aller Wahren,
das Jenseits zu finden trotz vieler Gefahren,
war größte Sorge der Guten und Frommen:
 
„Wie werden wir sicher zur Seligkeit kommen,
durch grabdunkle Gründe, weglose Weiten,
wer soll uns durch Erde und Himmel geleiten ?
Drei Wesen wissen den Pfad zu erspüren,
die mögen uns helfen, die sollen uns führen:
Das Ross, der Hund und der Sonnen-Falk‘,
die bringen zu Allvaters Freudenbank.
Und trägt man uns von der Walstatt des Lebens,
kein Hieb, keine Narbe waren vergebens,-
Siegvater sah unser tapferes Streiten,
so wird er es lohnen zu seinen Zeiten.
Schichtet den Holzstoß, gebt uns dem Feuer,
das sei uns‘ren Seelen so saelig geheuer,
denn das Beste, was in und was mit uns ward,
das ist doch von Feuer- und Flammen-Art,
dass wir vorwärts zum großen Feuer finden,
dass wir heimwärts ins Ewige Licht uns binden.
Legt uns das Schwert in die rechte Hand,
denn die Waffe allein schafft das Heimatland.
Gott mag keine Feigen, er liebt das Fechten,
ringen die Guten nicht, siegen die Schlechten
Und legt auf den Brand, auf den Toten-Altar
unser Ross, den Hund und ein Falkenpaar.
Die leiten uns leicht hinauf in das Licht,-
so fahr‘n wir vor Allvaters Angesicht !“
 
Zur Winterwende, in der Heiligen Nacht,
da ist aus der Mutter das Lichtkind erwacht
Doch wann beginnt die Sonne zu siegen,
wann wird der göttliche - Falke fliegen ?
Eine Mondspanne später hat er die Kraft,
er reißt sich hervor aus kindhafter Haft.
Nun ist Lichtverlängerung klar zu erleben,
es zeigt sich des Lichtes Aufwärtsstreben.
Der Falke entfliegt in der FALKEN-NACHT,
er schwingt sich hinauf aus finsterem Schacht.
Aus heilig-verhehltem, verhängtem Geschick
sehnt sich der Sperber zur Höhe zurück.
Aus deckendem Gewand, der düsteren Zeit,
wächst Wille zum Himmel und macht ihn weit.
Da bedarf es der Bräuche mit weisem Bedacht
in geheimnisumwitterter GODEN-NACHT.
Jetzt wagt sich die Sonne auf ihren Weg,
der Tag ist gewachsen, das ist der Beleg.
Jetzt rollt das Jahr seinen guten Lauf,
und kein Fimbulwinter hält es mehr auf.
Die sehrenden Sorgen, sie gehen zu Ende,
das ist die wahre, die wirkliche Wende.
Es krümmt sich die Zeit so merklich sacht
in holdseliger Biegung, zur HAKEN-NACHT.
 
HÖKUNOTT ward diese Festnacht geheißen,
der Habicht, der haukr, begann nun zu kreisen.
Oder leitet sich‘s ab von högg, dem Hieb,
dass die Nacht der Schlachtung erinnerlich blieb,
die „Hau-Nacht“, in welcher der Jul-Eber fiel,
in der man gerichtet „Freys Opferspiel“.
Vielleicht ist das Kultfest aber benannt
nach hökull, dem fußlangen Goden-Gewand.
Gemeinsam lüpfen Begriffe den Schleier,
als högrnott galt sicher die „Hochjulfeier“,
die „angenehm-günstige, rechte, die hohe“,
das Hauptfest des Fro, das fromme und frohe.
Zum Verständnisziel wollen voran wir staken
vermittels hökja, der Krümmung, dem Haken.
So war es auch bieder die „Nacht der Biegung“,
fünf Wörter stehen uns zur Verfügung
und passen prächtig, das Fest zu erklären;
Wahrheit ruht meistens in mehreren Sphären.
 
Von der Mittwinter - Julopfer - Tradition
berichtet‘ uns einst Snorre Sturlasson:
„at midjum vetri“, die „Mittwinter-Nacht“,
um Januars Mitte so ward sie gedacht.
Diese Festzeit bezieht sich auf‘s Sonnenjahr,
der Runenkreis legt aber Mondstände dar.
Im Mond-Sonnenjahr lag Hoch-Jul später;
ihre Mond-Feste hielten Urmütter und -väter.
 
Ein Schwarzmond-Fest um die Januar-Mitte,
einen Mond nach der Wende, so war es Sitte.
Wollten Mondstände ihren Platz nicht halten,
musst‘ man den dreizehnten Monat schalten.
Einen Monat vor und den nach der Wende,
so lang‘ wahrt‘ die völlige Julzeit-Spende.
Von des Stieres Tod bis zur Wiedererweckung,
so lag die Dauer der Julzeit-Streckung.
Sie umfasste gesamten Stillstand der Sonne,
vom Verscheiden bis zur Auferstehungswonne.
Im „Julmond Eins“, den das Solstiz beschloss,
war bedenkliche Stille der Zeitengenoss.
Im „Julmond Zwei“, der mit der Wende begann,
der Mensch sich auf‘s freudige Hoffen besann.
 
Die Zeit von der Wende zu Januars Mitte,
Dauer der drängendsten Licht-Rückkehrbitte,
den markierten Kalenderstäbe ganz allgemein:
Zwei Trinkhörner grenzten den Zeitraum ein.
Denn es war der Monat der Trink-Gelage;
bis hin zum Neujahrs-Trunk unserer Tage
nur ein kleiner Schritt, - der Durst blieb groß,
des Januars Name scheint fehlerlos.
In ihm währt das große „Julhörner-Beißen“,
so musst‘ dieser Monat auch „Großhorn“ heißen.
 
Der Jul-Spanne Krönung und deren Beschluss
waren drei Tage Hoch-Jul im frommen Genuss;
drei Nächte im schummrigen Neumond-Dunkel,
bei heiligen Feuern und Sternengefunkel.
Des Januars Schwarzmond heißt „Jolemaane“,
er galt als des Sonnenjahr‘s Ursprung und Ahne.
Diese Regel, schon arischen Indern bekannt,
bestimmt vom gemeinsamen Ur-Heimatland:
„Der Lichtgeist geht von des Januars Mitte
sechs Monde der aufwärtsgehenden Schritte.“
 
Dieses Fest war eine Begrüßungsfeier,
denn er zieht herauf, der Segensverleiher.
Ein „Fagnadaröl", ein „Willkommens-Gelage“,
war die Hoch-Jul-Feier ganz außer Frage.
Von germanischen Völkern aus hohem Norden
ist dem Prokop einstens berichtet worden:
 
„Sie feiern ein Fest der Rückkehr der Sonne,
dies ist diesem Volk die freudigste Wonne.
Wenn sie das hören, das Licht will kommen,
wenn sie die FROHE BOTSCHAFT vernommen,
dann feiern in Finsternis noch und Gebrest
die Thule-Bewohner ihr größtes Fest !“
 
Wie dem Lichtgeist man ein Willkommen sprach,
so lud man die Freunde der Sippe hernach,
heran auf den Julschmaus - auf‘s Julgelage,
zu schlemmen, zu zechen drei Nachte und Tage,
mit der Hokunott beginnend und Weihebrauch,
in heiligster Stimmung verklärendem Hauch
Nun, da der Stillstand der Sonne beendet,
ward ein Opfer dem heilenden Lichte gespendet.
 
Das Jolablot - Fröblot, es galt dem Leben,
den strotzenden Eber, den hat man gegeben,
„til grodar“, damit es voll grüne hienieden,
„til ars ok tal fradar“, für Jahr und für Frieden
Wer zum Jolablot seinen Zuchteber zollte,
ein stolzes Sonargölt-, Sonar-Blot wollte
Wer kein Opfertier zu erbringen vermocht‘,
auch der hat gebacken, gesotten, gekocht,
der gab halt ersatzweis‘ ein Angebot,
das Julgalt-Opfer aus Teig, aus Brot
 
Man leistete Gelübde, - zum Opfer gewendet,
zu erfüll‘n, bis der „Lauf des Ebers“ beendet,
zu erfüll‘n bis zur nächsten Julzeit zu,
bis das Licht wieder rastet in Winters Ruh‘.
Man trat an den Eber und fasste sein Fell,
vom Hausherren bis zum letzten Gesell‘,
und sprach sein Versprechen im heiligen Eid,
es einzulösen zur Sonn‘lauf-Zeit.
Der Hausvater gab sein Gelöbnis preis,
allzeit gütig zu sein dem Familienkreis
Alle Schuhe stellte man dicht an dicht,
zusammenzusteh‘n war die heiligste Pflicht !
 
Das Eber-Mahl galt als geweihtes Speisen,
damit war nicht nur die Gottheit zu preisen.
In des EbersFleisch“, in des Ebers „Brot“,
so sagt‘ das Gesetz und der Goden Gebot,
schlummert heilige Lichtkraft in jeder Zelle,
und wer es aufnimmt, wird inwendig helle;
damit dringt das Licht in den Menschen ein,-
er wird Gottes Besitz und zum Gottes-Sein.
 
„Julfrieden“ herrschte, der „Jolafred“ stand,
ein beglückendes Wort über feierndem Land.
Hohn, Hader, Holmgang, sie sollten schweigen;
die Jungfrauen tanzten den Schwanen-Reigen.
 
Julfeuer brannten beim Julhörnerblasen,
zu Besuch kamen Eidam, Vettern und Basen.
Den Freunden wollte man Julgaben bringen,
zum Jolafton hielt man das Julabend-Singen.
Froh-machen-wollen entspricht dem Gott Fro,
mit den Kindern der Erde hält er es so.
Die Menschen, die er erzeugte und liebt,
denen er seine Gaben des Lichtes gibt,
sollten seiner und seiner Gnaden gedenken
und zum Jul die Freunde und Kinder beschenken.
 
Auf den Essen der Julbrände eifrige Feuer,
die Julklotz-Asche schien nützelich teuer.
Julbäumchen schmückten die festlichen Hallen,
dem Jolner, dem Weihnachtsgott zu Gefallen;
die Tannenstämmchen, Ebereschen und Eiben
umschwärmte das bunteste Julabend-Treiben.
 
Gemeinsames Schmausen, prächtig und labend,
heut‘ noch gefällt uns der „Vollbuuksabend“.
Beim Bierbottich saßen die durstigen Zecher
und tanken der Gottheit den Weihebecher.
Des kreisenden Trunkes befriedende Kraft
den versöhnlichen Geist unter Brüdern schafft.
Das Gedächtnistrinken so Horn um Horn
war Burschen und Mannen ein Freudenborn.
Das weihende Jolbier, es rann in Strömen,
so konnte man sich und die Gottheit verwöhnen.
Gewiss, man liebte die irdischen Güter,
es gab fromme Naturen und schlichte Gemüter.
Der Mensch ist sich herzlich treu geblieben;
man hat ihm ein neu‘ Gebetbuch geschrieben;
das konnte ihn nicht verbessernd verändern,
dies „neue Heil“ kam aus fremden Ländern,
das hat nur den Eigenglauben verbogen,
gegen eigene Kräfte die Seelen erzogen.
 
Das alte JUL war ein üppiges Fest,
von Julgrütze blieb stets reichlicher Rest.
Kein Gast durft‘ am Tellerboden kratzen,
auch die Seelen der Ahnen sollten sich atzen,
auch für sie stand der nährende Napf bereit,
auch für sie war Hoch-Jul, die Freudenzeit.
Wie dem Jul-Neumond Lichtkräfte entsteigen,
wie Mond und wie Sonne sich neu beleiben,
so durfte man wähnen, durfte man hoffen,
steht dereinst der Weg zur Neugeburt offen.
Dies war die FROHE BOTSCHAFT des Frö:
„Leben und Licht steigen wieder zur Höh‘ !“
 
Sind doch die Lichtalben seine Trabanten,
wer dünkte bei denen nicht eig‘ne Verwandten ?!
Man wusst‘ sich mit Ahnen und Enkeln verbunden,
der Kreis der Sippe würde sich runden !
Wenn das Wunder der Lichterweckung geschah,
dann waren die Toten den Lebenden nah.
Sie zeigten dies an mit mancherlei Zeichen;
jetzt wollte man ihnen die Hände reichen.
Den Julhahn, künstlich glich er dem echten,
den mochten aus Julstroh die Mägde flechten.
Und Julbock, -hirsch, -widder, laut oder leise,
durchzogen die Julnacht auf eigene Weise.
 
Alle Julgeister lockte der Jul-Feuerschein.
Das Jul-Völkchen gab sich ein Stelldichein.
Jul-Tomten tummelten sich im Haus
und naschten die Neige der Näpfe aus.
 
Das JULFEST der Sippen, der Hausgenossen,
zur großen Staatsfeier war es gesprossen;
jedes neunte ein Jul-Jahr und Jubeljahr,
ein Haupt-Jol zu Leire und Uppsala.
Jene Heiligen Höfe, sie wurden bekannt,-
es gab nicht nur die im germanischen Land.
Von weit zogen Gaugenossen und Gilden,
eine mächtige Feiergemeinschaft zu bilden.
Das „Mittwinter-Opfer“, das „Midvetursblot“
tat nicht nur dem Volke von Seeland not.
Keine treue Quelle vermocht‘ zu berichten,-
von falscher Seite nur scheele Geschichten;
es galt ja als Zweck jener “Gotteskrieger“,
es lag ja im Sinne der Seelenverbieger,
die alten Sitten recht schlecht zu machen,
gepaart mit verständnislosestem Lachen.
 
Neunundneunzig geopferte menschliche Leben
habe dort man in Leire einst hingegeben.
Doch wer jammerte je um erschlagene Heiden,
wer sprach von deren Verfolgung und Leiden ?!
Das Mittwinter-Bluot galt dem Baldur-Fro,
von grassem Ritus hör‘n wir sonst nirgendwo.
Sein Kult war bestimmt vom mildesten Mut,
seine Feiern bedurften kein Menschenblut !
Von ihm ist gesagt: „Er ist der Erste,
er ist unter sämtlichen Hohen der Hehrste,
er kränkt keine Maid und kein Eheweib,
er befreit der Gefangenen gefesselten Leib !“
Wenn zu seinem Fest wirklich Menschen starben,
dann waren es wahrhaft die Ärgsten der Argen,
Notzüchter, neidige Schurken und Schächer,
dann galt der Gott als des Rechtes Rächer.
Was weiter, glaubhaft nach diesem Bericht,
an öffentlichen Opfern noch aufgetischt,
wie sie dort westen in „Weltbaumes Balken“,
das waren Rosse und Hunde und „Falken“,
von jeder Art neunundneunzig an Zahl;
wir begrüßen die Neun, unser Sonnen-Mal.
 
Des fruchtbaren Lichtherrn Eber-Symbol,
der Ritus, der Kult um den Eber gleichwohl,
seine uralten Brauchtümer, welche bestanden
in allen germanischen, keltischen Landen,
in wertigster Würde vermochten sie werben,
sie konnten, wollten und sollten nicht sterben.
Der Stellvertreter für Wachstum und Licht,
der „Goldene Eber“, behielt sein Gewicht.
Er blieb mit den Weihenächten verflochten,
die nimmer sein Heiltum entbehren mochten.
Vom Goldenen Schweinchen geht noch das Sagen
der Mütter und Muhmen in Weihnachtstagen;
da lauern und lugen die gläubigen Kleinen,
in heiliger Julnacht will es erscheinen;
nur den artigen Kindern mag es sich zeigen,
nur jenen, die lauschen, lernen und schweigen.
Und ruft die Mutter zum Weihnachtsschmaus,-
ein würziger Braten durchduftet das Haus.
Der Schweinerücken, die Keulen, der Kopf
gehören zum zünftigen Weihnachts-Topf.
Gleich dem „Eber der ewigen Wiederkehr“
sei der Teller des Jahres niemals leer.
 
So wie Gott Fro sich erhebt und verschwendet,
wie er uns alle ernährt - und verendet,
wie er wiedererwacht im endlosen Kreise,
so bleibt er uns „unerschöpfliche Speise“,
so gleicht er dem „Eber Sährimnir“;
Licht ist die Speise im Jenseits und hier.
Licht lockt das Gute hervor zum Gedeihen,
Licht formt die Zellen zu Kugeln und Reihen,
wir essen und trinken letztlich nur Licht;
wenn das Körpergewebe der Maya zerbricht,
wenn wir körperbefreit die Walhalla schauen,
wenn wir der Speise des „Lichtebers“ trauen,
dann ist die Weihnachtshoffnung erfüllt,
die der Weihebraten so köstlich verhüllt.
 
Der tieffromme Sinn der einstigen Alten
in be-/verkehrten Zeiten musst‘ er erkalten.
Doch mancher Julbrauch hat sich bewahrt
und blieb von der echten alten Art.
Ein „Lauterbacher Weistum“ gibt uns zu wissen,
das heilige Mahl wollte keiner vermissen.
„Dreikönig“ war ein „Goldferch“ zu schlachten,
dabei war auf folgende Regel zu achten:
Des Goldferkels Viertel gehörte „dem Herrn“,
dagegen durfte kein Gast sich versperr‘n.
Und drei Viertel wurden festlich verteilt,
die hat das Geschick aller Braten ereilt.
Zu Oxford hielt man ein Jul-Festgericht,
ein Eber im Laubschmuck ward aufgetischt.
Sah man den schmucken Festbraten prangen,
so jubelten sämtliche Gäste und sangen:
„Den Eberkopf, nun bringet ihn,
bedeckt mit Laub und Rosmarin.“
 
An des Opfer-Ebers Haupt, so ist zu erkunden,
war besonderes Heil der Gottheit gebunden.
Auf Insel Ösel backt man gar lange Kuchen,
zur Julzeit darf man die nicht versuchen.
Als Weihegebäck wird es zur Schau gestellt
und genutzt, weil es heilende Kraft enthält.
„Jul-Eber“ heißt es von alters her.
Auch bei uns gehört ja zum Weihnachtsverzehr
ein Kuchen der Form vom Schweinerücken,
der Weihnachts-Stollen mag uns entzücken.
Wer den einzelnen Mosaikstein beschaut
und das große Bild nicht zusammenbaut,
wird des Steines Bedeutung nimmer erfassen,
dem sei das „Stollen-Verständnis“ erlassen.
In Östergötland übte man noch den Brauch,
über ihm liegt der altertümlichste Hauch,
am „Julbucken“-Block, schweinshautverkleidet,
haben Hauseltern ihre Treue beeidet.
 
All diese Sitten bezeugen ganz klar:
JUL galt als Beginn für das Sonnenjahr !
 
Lang blieben die Leute im eig‘nen Geleise,
sie übten ihr Brauchtum nach ältester Weise.
Darum mochten geistige Machthaber lenken
und Ersatzfiguren für Fro sich erdenken.
Für dessen Funktionen zur Jul-Festzeit
stellten sie den Ersatzmann Anton bereit.
„Aus dem Fro-Forasizzo“, so riet ihr Beschluss,
„zimmern wir ‘nen Heil‘gen Antonius“.
Die Traditionen wurden ja kaum verletzt,
denn Forseti/Fosite wurde „nur“ übersetzt.
„Anton“ heißt „der Erste“, genau wie der,
auch sein Dämonenkampf ist passende Mär;
der Rest ist wohl frei zusammengeflunkert,
man hat halt erfund‘ne Heilige gebunkert.
Dieser scheinheil‘ge Herr musst‘ sich bequemen,
die Aufgaben Fro/Freys nun zu übernehmen.
Ihm sollt‘ es verordnetermaßen gelingen,
zu helfen bei Wachstums- und Liebesdingen.
Dann stellte man ihm noch ein Schwein dazu,
das „unbelehrbare“ Volk gab endlich Ruh‘.
Und weil ihm kein anderer Ausweg blieb,
gewann es den „Swiene-Tüns“ richtig lieb.
Und legte nach jahrhundertelanger Dressur
alten Brauch auf die neue Kunstfigur.
Am „Toni-Tag“ trug man zur Kirche den Braten,
man sollte des altheil‘gen Opfers entraten,
aus dem Verzicht ein besseres Heil gewinnen.
Erst wir können hier ein Verstehen ersinnen.
Gestalt und Brauch um den Anton wird klar,
wir durchschauen nun wer sein Vorbild war !
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