1./25. RUNE oðalan - Urgrund/Heimat (runologische Matrix)

ZEITRAUM DER RUNE
 
Nun, runenring-reisende Rater, habt acht,
da ihr weilt in des Jahres Mitternacht.
Nie gären die Geister erwachter und wilder,
die Argen so arg und die Ahnen nie milder.
Schwach strich die Sonne, - säumig, versehrt,
der zeit-meisternde Mond ist ausgezehrt.
Es stehen die Stunden, es rastet das Rad,
hier endet des erschöpften Jahres Pfad.
 
Der Mensch geht mit im großen Geschehen,
keine Winde wird zur Wende sich drehen,
keine Räder rollen während Ruh‘ und Rast,
die WINTERWENDE waltet als stiller Gast.
Wenn letzte, lärmende Laute verhallen,
dann werden die weihenden Flocken fallen,
der zarte, der schimmernde Zauberschutz,
den winter-wölfischen Mächten zum Trutz.
Fährt auch über Felder der eisige Fluch,
weit breitet die Mutter ihr Manteltuch;
die keimenden Kinder herbstlicher Saat
hüllt Frau Holde in hegende, weiße Wat.
Frische Fasern des Lebens regen sich sacht‘
in verschwiegener, schirmender MUTTERNACHT.
 
Ringsumher droht finsterster Schrecken,
da lässt sich das junge Licht erwecken.
Tief geborgen im wohligen Wurzelraum
wiegt sich das Leben im ersten Traum.
Zur Nacht aller Nächte, zur WEIHENACHT,
hat Mutter die neue Werdung vollbracht.
Des Runen-Jahrkreises Anfangs-Zeichen
muss fünfundzwanzigstem Stabe gleichen.
Die Fünfundzwanzig vertritt die Sieben,
so wird die Göttin als Zahl geschrieben.
Es gebiert die Große Mutter die Zeiten,
alle „Sieben-Sachen“ soll sie bereiten.
Sie ist ein Symbol für das dunkle Yin,
das allgebärende, unklare „Gottes-Ding“.
Menschenhirne können Gott nur verstehen,
wenn sie Gottes Werke menschlich ersehen:
Im Schöpfungsbeginn glich Gott dem Weib,
da ist er gebärender, allgebender Leib.
Lebt Gottes Geist in „Sieben-mal-Drei“,
dann ist er in „Sieben“ auch schon dabei.
Gott ist ja Mutter und Vater zusammen,
er ist nährendes Nass mit Feuerflammen.
Wodan, der Weltgeist, - umfassend reich,
er war „zur Urzeit dem Weibe gleich“.
Der allwissende Woden wirkt in der Wala,
wer kennt die Hüllen der heiligen Kala ?
Als Ur-Prophetin galt Gäa, die Erde,
sie weiß das Geheimnis vom Stirb-und-Werde.
Die Völva, sie weiß die Werdung der Welt,
sie selbst hat den Stoff um Ideen gestellt.
Die seid-selige Seherin ist sie, die Wurd,
als Schicksal begrüßt sie jede Geburt;
sie vereinigt Urda, Werdandi und Skuld
in ihrer mütterlich dreieinigen Huld.
Nennt man sie Moiren, Parzen und Nornen,
an Wiegen verteilen sie Rosen und Dornen.
 
Sie spinnen und knüpfen den Lebensfaden,
sie weben darein das Glück und den Schaden.
Die Schicksaismütter, die Töchter der Erda,
sind Erscheinungsformen der Gäa, der Gerda.
Aus dem drohenden Dunkel der Winterwende
entfacht sich die Licht- und die Lebensspende.
Der ehrwürdige Beda hat es uns überbracht:
Weihnachtsabend nannte man MUTTERNACHT.
So trefflich bezeichnet kein Name die Zeit,
zu der die Göttin das neue Leben befreit.
 
Aus Finsternis flattert ein Flügelschlag,
aus Ur-Mutters Nacht befreit sich der Tag.
Es ist Grundglaube sämtlicher Kosmogonien,
die Helle ist aus helendem Dunkel gediehen.
Aus orphischem Nyx, dem Ur-Anfangs-Prinzip,
erhob sich des Himmels uranischer Trieb.
Als die Tochter der Nott galt geradeso Jörd,
Erde und Nacht haben stets ja zusammengehört.
Sie erscheinen vereint zum unlösbaren Ring,
im Weiblichkeits-Sinnbild, dem dunklen Yin.
Dem Yin folgt Yang, denn Nacht gebiert Tag,
was auch nordischer Mythos bestätigen mag:
Zwar war auch schimmernder Delling im Spiel,
das ändert an Grundaussage nicht viel.
Dagr, der Tag, galt als Sohn der Nott,
nächtige Erzmutter gebar hellen Gott.
 
Sie ist die Urda, die platonische Ananke;
ihr eigener dreieiniger Schicksalsgedanke
verkörpert sich in den Nornen, den Moiren,
die der Mutter gewaltige Weltspindel führen;
sie sind ewiges mütterliches Werdegebot,
das unabänderliche Muss von Glück und Not.
Leben fällt ins Licht und es fällt zurück,
eines nennen wir Not, - ein anderes Glück.
Die Allmutter gibt, und die Allmutter nimmt,
so ward es zum Kreislauf des Alls bestimmt.
Nennt man es Schicksal, Fatum, Verhängnis
und Urda, Ananke, Heimarmene oder Themis,
die Naturnotwendigkeit ist sie in Person,
mit Zeus verzahnet zur höchsten Union.
 
Den arischen Indern galt als Göttin Aditi,
Mutter der Welt und der Ordnung ist sie.
Den Stoff erschafft sie für jedwede Kreatur,
sie galt als Urmaterie, Dasein und Natur.
Auch Prakriti heißt sie, die ohne Anfang war,
im Gewebe der Welt schien sie wahrnehmbar;
Maya heißt sie, die große Welt-Spinnerin,
alle Erscheinungen entstammen ihrem Beginn.
Selbst jede Gottheit hat Maya hervorgebracht,
sie wurde als Ausbreitung Brahmas gedacht;
als die weibliche Seite göttlicher Energie,
als gebärendes Es, als Maya-Shakti-Devi.
Die Göttin gleicht göttlichem Werdewillen,
dem der Kosmos und alle Götter entquillen.
 
Das Ewig-Weibliche ist Urgrund der Dinge,
die Weltweberin knüpfte die erste Schlinge.
Einst kreisten Ideen und Geister körperlos,
Schöpfung lag umschlossen vom Mutterschoß;
das Ginnungagap gähnte in grundloser Weite,
finst‘res Chaos klaffte als endlose Breite.
Da erhob sich über gestaltlosem Geschiebe
die göttliche Mutter, die Königin der Liebe.
Nacht und Nichts erfüllte sie mit Gewimmel,
aus ihrem Schoß schied sich Erde und Himmel.
Sie war das gebärende, das bildende Wagen,
wie ein Herd, aus dem erste Flammen schlagen.
Als Erdmutter führt sie ihr Schaffen fort,
sie wirft Wesen ins Licht an jeglichem Ort.
Aus tief verborgenen, erd-dunklen Gluten
schürt sie des Daseins lebendige Fluten.
So wurde sie als Hestia und Vesta verehrt,
als irdischer Weltmittelpunkt und Feuerherd.
Sie galt als jene, „die alles gebildet hat“,
als Große Mutter, als Urflut, als Tiamat.
 
Als Isis sprach sie die weisenden Worte,
sie standen zu Sais bei der Tempelpforte:
„Ich bin alles, was geworden ist und noch ist
und was sein wird in künftiger Frist !“
Man nannte sie „Kuh, die die Sonne gebar“,
und „Große Fülle“, die uranfänglich war.
Isis- und Hathorkuh, die „kuhäugige Hera“,
aus tauendem Urreif entstandene Audhumla,
waren Sinnbilder weiblicher Kosmoskraft,
wäss‘rigen Urstoffs, der selbst sich erschafft‘.
 
Schon das alte rigvedische Schöpfungslied
sagte, wie das Sein sich zu Anfang schied:
„In der Gottheit erstem Zeitalter-Gang
das Seiende dem Nicht-Seienden entsprang.
Der gebärenden Aditi ist Erde entflossen,
daraus sind die Räume der Welt entsprossen.“
Der weibliche Urgrund glich in Urzeit-Ruh‘
der Göttin Aditi, der „kauernden“ Kuh.
Die Urkuh-Gleichnisse sind sehr gleich,
von Alt-Island bis Indien im Mythenreich.
 
Mit lautlosem Mitternachts-Stundenschlag
entfaltet sich heimlich der neue Tag.
Aus der jahresmitternächtigen Mütternacht
wird der Funke des jungen Jahres entfacht.
Dass die Urmutter zur Urzeit die Welt gebar,
dem gedenken die Weihenächte Jahr für Jahr.
Das Licht der Welt und des Lebens entsprang
dem Schoß der Mutter zum Schöpfungsanfang.
So trägt jeder Mutternachts-Jahresbeginn
den Welt-Werdemoment als wahren Feiersinn.
 
Jede Weihnacht mag die Licht-Mutter ehren,
als Geburtsgöttin wird sie das Jahr gebären.
Die Weitmutter führte im kultischen Rahmen
zur römischen Zeit die zierenden Namen:
Sie war Aphrodite, Venus, Eileithyia, Diana,
war die älteste der Moiren und Juno-Lucina.
Zur feienden Juno-Lucina riefen die Frauen,
jede Entbindung konnte man ihr anvertrauen.
Sie ist Göttin der Jahresgeburt geblieben,
licht-bringende Fee, die die Kinder lieben;
sie blieb der holde, der bescherende Geist,
den der Beschenkte am Heiligen Abend preist.
In der Wendenacht, Mutternacht, „Modranicht“,
da gebiert sie und bringt sie das neue Licht.
Da erblüht der lieblichste Brauchtumsstrauß,
die Venus, Frau Holde, heiligt Haus für Haus,
Mutter Berchte, Perchte besucht die Stuben,
beschenkt Große und Kleine, Mädel und Buben;
die heilige Lucia, Luzia, Lutzen, Lussibrud
trägt die Lichterkrone, die zündende Glut,
sie geht von Hof zu Hof und spendet den Trank,
sie wallt im weißen Gewande so blendend blank.
Der „Luchiendach“ galt einst als Jahresende,
man feierte zur „Lussinacht“ die Winterwende.
Ob sie als Feen-Führerin alleine erscheint
oder zur Dreiheit der Parzen/Nornen vereint,
das ist von Kultraum zu Kultraum verschieden;
manch‘ biederer Brauch wurd‘ später gemieden;
viele sinnreiche Sitten versanken verformt
in ein künstliches Denk-Konzept eingenormt.
 
Im Mittelalter hat man die Menschen bedrängt,
über Brauchtum Beichten und Büßen verhängt.
Bis zur Neuzeit langte das lauernde Fragen
und der Umerzieher untröstliches Klagen:
Mit der Muttermilch schien es sich zu vererben,
Altglaube wollte und wollte nicht sterben.
Von der Mutter zur Tochter weiter erhalten
konnte Liebe zum Brauchtum nimmer erkalten.
 
Zur „Nacht der Mütter“ am Heiligen Abend
empfing die Hausfrau die Huldreichen labend,
den „Drei Schwestern“ wurde der Tisch gedeckt,
mit kündenden Kerzen festlich besteckt;
eine Weiheschale wahrte den Weißbrotzopf,
und der Weihnachtsbrei dampfte im Walletopf.
Drei Messerchen luden die Mütter zum Mahl,
drei Segenssteinchen verlangte das Ritual.
Glut scheint verborgen, in Steinen versunken,
denn aus kaltem Kiesel entfliegt der Funken.
Ist dies die Bedeutung zu gebärender Stunde ?
Den verkappten Sinn kündet keine Kunde !
 
Zum Geburtsfest der Sonne und ihres Segens
gehört die Göttin der Geburt und des Hegens.
Ihr dreifaches Selbst in sämtlichen Zeiten,
ihre Töchter, müssen die Mutter begleiten.
Im Einst, im Jetzt und im kommenden Morgen,
da gaben, da geben sie Segen und Sorgen.
Das war schon des arischen Urvolkes Glauben,
ihn konnte kein Bruch, kein Umsturz rauben.
Von Alt-Indien bis Irland das gleiche Maß:
In Indien die Mamas, die göttlichen Ambas;
in Germanien die Nornen, die heiligen Disen,
in Gallien wurden drei Matronen gepriesen;
die römischen Parzen, der Griechen Moiren,
waren nicht zu vergessen, nicht zu verlieren.
An den Feen hing das Volk mit vielen Lieben, 
bis heut‘ sind die Ewigen Mütter geblieben.     
           
Kein Sturm hat den Faden zerrissen, verweht,
in den Jungfrauen „Warbed – Einbed - Wilbed“,
in uns‘ren Heiligen Madeln, den „Drei Marien“,
ist heidnischer Volksglauben weiter gediehen.
 
Zur hochheiligen Frau gehör‘n ihre Frauen,-
wer der Mutter traut, muss den Müttern trauen.
Mit der germanischen Gottesmutter, der Frigga,
fahren die „Sinthgunt, Fulla und Sunna“;
drei göttliche Schwestern mit guten Gaben,
an denen sich gern ihre Schützlinge laben.
Immer wieder sind es drei weibliche Wesen,
die Fügung und Fatum den Menschen erlesen,
die der Göttin helfen in deren Geschäften
mit all ihren guten, den göttlichen Kräften.
Dass drei Schwestern mit ihrer Mutter walten,
das mochte sich bis in die Neuzeit erhalten.
 
Im Glauben der Nachbarn der Nordgermanen
bewahrt‘ sich auch Glauben der eigenen Ahnen:
Die Madder Akka, Stammutter, mütterliche Erde,
sie hütet die Flammen des Lebens am Herde,
den Totenseelen weist sie die rettende Furt,
die Körperkleider webt sie zur Wiedergeburt.
Die Amba, Ana-Anu-Anna, die Akka, gibt Leben,
ihr sind drei Töchter, die Akkas, beigegeben.
Die Anna-neptis sind die Schwestern im Anger;
Muttergrund liegt geburtenschwer schwanger.
Für die Angermutter wurde ein Opfer gegossen,
das hat sie, die Akka, zur Julzeit genossen.
Auch die Altrömer einst im Fest Angeronalia
priesen jene, die Sonne und Zeiten gebar.
Es wurde die „Diva Angerona“ gefeiert, verehrt,
wenn der Sonnenweg wieder nach Norden kehrt.
 
Bis heut‘ blieb ein Brauchtumsrest bestehen,
die Lichtmutter ließ sich zum Lichtkind drehen
das weiß als Licht-Fee, die Wunder zu mehren,
will Kindern die Weihnachtsgaben bescheren.
Durch den Winterwald wallet sie manche Meile,
besucht weiteste Weiler zur weihenden Weile.
Von Hof zu Hof zieht sie, von Hütte zu Haus,
zur kümmerlichsten Kate kommt sie hinaus.
Dann pocht an die Pforten die Segensgestalt,
und sie erscheint zum weihenden Aufenthalt.
Im feierlichsten Frauengewand tritt sie ein,
sie strahlt in die Stuben den seligsten Schein.
Ihr Gesicht ist vom weißen Schleier verklärt,
wenn in Heiliger Nacht sie zu Menschen fährt.
Die Lebensrute hält sie zum heilenden Hieb,
solcher Schlag ist den Alten und Jungen lieb.
Des geflochtenen Birkenzweigs zarter Streich
macht sie alle an Glück und Gedeihen so reich.
Wie man auch der Weihnacht Weibwesen nennt,
das das Volk als Licht-Fee und Christkind kennt,
als „Fru Gode, Fraache, Bechte, Hulle, Holte“,
sie spielt stets Frau Friggas göttliche Rolle.
 
Göttinnen sind Gleichnisse für das Gebären,
das mütterliche Mühen, das Neigen und Nähren.
Den magischsten Moment mütterlicher Macht
meint die Mitternacht jährlicher Mütternacht.
Da gebiert die Göttin den göttlichen Glanz,
sie knüpft wieder des ewigen Werdens Kranz.
Die Sonne gebiert sie, die Zeit, das Jahr,
in verschwiegener Nacht ganz unwahrnehmbar.
All die Kultspiele der Wintersonnwend-Sitten
stell‘n die Mütter der Welt in ehrende Mitten;
die große Mutter und ihre Töchter, die Mütter;
jede Menschenmutter ihr Span, ihr Splitter.
 
Die Allmutter hat in tiefster, in heiligster Nacht
den heilbringenden Heiland hervorgebracht.
Der Gottheit Geburtsgesang ist zu erfahren,
ein Weihnachtslied wusste die Edda zu wahren.
Der Helgi-Hymnus hütet jene würdigen Weisen,
die den Mächtigen mit seinen Müttern preisen:
Als zu Urzeiten Anfang die Welten begannen,
von den Himmelshöhen weihende Wasser rannen,
da gebar die Gottmutter den Hochgemuten,
da erglommen im Glanzhain beglückende Gluten.
Noch währte die Nacht, als die Nornen kamen,
dem Königskind kürten sie Krone und Namen;
sie schnürten schimmernde Schicksalsbande,
webten güld‘nes Gespinst über alle Lande.
In die Fäden der Fügung knüpften sie Knoten,
die den Zeiten der Zukunft Ziele geboten.
In‘s Werde-Gewebe woben sie Glückes-Zwänge,
mit der Höhe verhaftet durch starke Stränge.
Drei Seile des Segens vom Himmel gespannt,
haben Sonnenheil über den Erdkreis gebannt.
Nach Norden warf eine Schwester die Schnur,
die legte des Lichtweges leuchtende Spur;
sie bestimmte die Bahn zum Nordberg hinauf,
den Anstieg zum Lichtsieg, zum Sonnenstauf.
So rolle nun, Glanzleib, du herrliches Rad,
über Gärten und Geesten den Götterpfad.
All die Weltweiten zwischen Wellen und Wind,
die wiesen die Mütter dem mächtigen Kind,
dass der starke Spross des Himmels und der Erde
einst sein Erbgut auf ewig erlösen werde.
Ihm verhieß Gott-Vater sämtliche Gaue:
den Sonnenberg, die Hochflur, die Himmelsaue,
den Schneeberg, das Ringheim, das Siegefeld,
all die Zonen unter dem himmlischen Zelt.
Es reinige sein Weltreich der rettende Same,
Herr, Heiland und Helgi, so sei sein Name.
Er leite ins Licht sein Land und sein Lehen,
das spannen die Schwestern, fügten die Feen.
Der Sohn ist gesandt zu Nutzen und Frommen,
mit ihm ist das Jahr der Gottheit gekommen.
Lichtsieg und Heil hebt an diese Stunde,
das ist der Friedensnacht freudvolle Kunde !
 
Heißt das Glanzkind nun Helgi oder Heliand,
vom Himmelsvater ist es hernieder gesandt,
aus der Allmutter Erde ist es geboren,
zum Lichtbringer-Heiland ward es erkoren:
zum Heilbringer-Helden gleich Helios-Heros,
wie der Aion, wie Apollo, Zeus und Dionysos,
wie Mithras, Agni, wie Ingvi-Fro und Indra,
wie Horus-Osiris und Wischnu-Hari-Krischna.
 
Der Sonnenball, der sich den Bergen entringt,
der Feuerfunke, der aus dem Felsen springt,-
so entsteigt der Lichtsohn dem Muttergestein,
Naturbild und Mythos stimmen gut überein.
 
Die Botschaft der HEILIGEN NACHT ist klar,
sie ist wahrhaftig und uralt und wunderbar.
Was zur Mutternacht geschah, war niemals tabu:
„Die Kore hat geboren, das Licht nimmt zu !“
Aus der Jungfrau ist der Aion auferstanden,
jetzt bringt er sein Sonnenheil allen Landen.
Sein Kultbild trug goldene Kreuzeszeichen,
den Sonnensinn zierend zu unterstreichen.
Als Mutter Indras galt die Neujahrsnacht,
die Wendenacht hat auch den Mithras gebracht.
Aus gebärender Felsmasse rang er sich frei;
froh eilten vom Felde die Hirten herbei.
Schon hielt er die Fackel in starken Händen,
um die Finsternis dieser Zeiten zu wenden.
Das glänzende Kind mit den goldenen Haaren
wird das Urlicht des Guten-Hellen bewahren.
Die erdhafte Aditi erschuf sonnenhaften Agni,
die Wintererde Rinda den Bui-Ali-Vali, Ingvi.
Aus Gäa-Rea-Hera ging das Zeus-Kind hervor,
aus Nerthus-Gerda-Jörd der Taggott Tiu-Thor.
Aus Erdmutter Isis der Harpokrates entspross,
die Erdgöttin Semele empfing den Dionysos.
Das Knäblein in Korb, Kästchen und Krippe,
der Liknites in der Getreidewiege, -Wippe,
der gottgesandte Prinz in glänzender Pracht,
zwischen gelber Garben köstlicher Fracht,
so erschien auch Skeaf auf goldenen Schauben,
als königliches Kind im nordischen Glauben.
Sein Schiff oder Schild erreichte den Strand
durch des huldreichen Gottes steuernde Hand.
Dies Kornkind, der Glücks- und Segenssender,
ein rühmlicher, rätlicher Reichtumsspender,
entspricht dem heiligen Heilbringer-Helden,
von dem Mythen und Mären in Menge melden.
Einst erblühten die Lieder der Bhagavadgita,
sie singen vom seligen Erlöserkind Krischna.
Des Hohen, Erhabenen allerhehrster Gesang
von überragendem, niemals erreichtem Rang,
tief weisen Trachtens tröstlichste Triebe:
das Lied von Erlösung durch Gottesliebe.
Der göttliche Urgeist, er singt und spricht,
des Krischnas Lehre ist Leitstern zum Licht.
Sein Vater Vischnu-Vasudeva das All ersann,
Prajapati, der Schöpfer, der Weitzimmermann.
Gottvater - Gottsohn, sie sind eine Person,
Mutter Maya ist Teil dieser höchsten Union.
Drei geschiedene Kräfte, und doch eine Macht,
wie wäre Gott Krischna würdiger gedacht ?!
Aus Aditi-Devaki, der Maya, ist er gekommen;
er wird wiederkehren, so hoffen die Frommen.
 
Er wird der Bosheit Oberwindung und Bindung,
dies war auch Zarathustras frohe Verkündung:
Des Sonnengeistes Erdankunft möge geschehen,
das war des Altglaubens Hoffen und Flehen !
 
Das Kind ist geboren, erwacht ist das Licht,
der Dunkelheits-Dämon doch schlummert nicht.
Junges Leben liegt immer in vielen Gefahren,
ängstlich sind Frauen, die Frucht zu bewahren.
Wie mühen sich Mütter, ihr Kind zu beschützen,
die zarten Sprossen zu stärken, zu stützen.
All die göttlichen Kinder verfolgt ein Feind,
der als lebenzerstörendes Zentrum erscheint.
 
Auch das Krischna-Kind wurd‘ zu töten gesucht,
vor König Kamsa ist es auf glücklicher Flucht.
Der bangt um Herrschaft, um Macht und Thron,
deshalb giert er zu morden den Schwestersohn.
Und er hört seiner Räte gar schaurigen Rat,
er schickt seine Schächter zur Schreckenstat.
Schon hasten die Häscher von Haus zu Haus,
ihre Messer, sie mahlen im gräulichen Graus.
Um das eine, das göttliche Kind zu erreichen,
sollen Mägdlein und Knäblein alle erbleichen.
 
Wie Devaki so gramvoll den Krischna umbangte,
auch die Leto in Ängsten nach Delos gelangte;
vor dem Erd-Drachen Python und seinem Groll
verbarg sie die Kindlein, - den lichten Apoll.
So entfloh auch die Isis, dem Seth zu entgehen,
auf schützender Schilfinsel kam sie in Wehen.
In schwerster Stunde, - schmerzüberschauert,
lag sie vom schleichenden Schaitan umlauert.
Sie hielt vor dem würgenden Wurm sich in Hut,
so gebar sie den Horus, die Göttliche Glut.
Und Rhea, dem geifernden Gatten zum Spotte,
beschirmte den Zeus in der kretischen Grotte.
Sie bat die Kureten, zu klirren, zu schwärmen,
um das Greinen des Knäbleins zu überlärmen.
Obwohl sie den Sohn mit dem Stein vertauschte,
trotzdem lugte der listige Kronos und lauschte.
Seine Kinder wollte er sämtlich verschlingen,
keines sollte um Krone und Zepter ihn bringen.
 
Also all diesen göttlichen Kindern hienieden
sind Nöte, Gefährdung, Verfolgung beschieden.
Ist des Übels Urgrund auch ungleicher Art,
es schlägt nach den schuldlosen Kindlein zart.
Eine grimmige Bestie bringt eiskaltes Grauen,
das Böse greifet mit gierigen Klauen,
Geißel und Gift dem Gedeihen, ist sein Gebot,
es ist das Alte, Dunkle, der Teufel, der Tod.
Er heischt Hader und Hass jedem heilen Hoffen,
das tröstende Licht wird doch nimmer getroffen.
Das sprossende Leben ist nicht zu besiegen,
froh und frei werden bald seine Banner fliegen.
Als ein Zeichen für diese gefahrvollen Zeiten
wollt‘ der Kalender uns ein Gedenken bereiten.
Wenige Tage nach der Mutter- und Wendenacht
wird „Unschuld‘ger Kinder“ im Feste gedacht.
 
Die Mutter Erde ist Ahnfrau aller Wesen,
sie lässt sie vom Tode und Leben genesen.
In ihr geh‘n die Wesen ermattet zur Ruh‘,
sie deckt sie mit schützendem Mantel zu.
Aus ihr steigt das Leben wieder herauf
und beginnt aufs neue den irdischen Lauf.
Es schläft im Schoße des Ackers der Ahn,
erst im Enkel erwacht er zur jungen Bahn.
Der Erdenbauch gebiert die Gebilde nur,
der Erdstoff nährt jegliche Kreatur.
Die Erdfrau, die die Geschöpfe erschafft
aus schier unerschöpflicher Lebenskraft,
sie gibt Geschlechtern Blut und Gebein,
so schenkt sie den Sippen das ewige Sein.
 
Das allhegende, allnährende HEIMATLAND,
als die göttliche Mutter ward es erkannt.
Gleich der Amme, die ihre Kindlein wiegt,
so die Landesgöttin verleiblicht liegt,
in den Auen, den Almen, dem Ackergrund,
in Seen und Bergen gibt sie sich kund,
in Fluren und Flüssen, im Fruchtgefild‘
erschaute der Mensch seiner Mutter Bild.
 
In den Armen der Mutter ruhen die Manen,
die Toten, die seligen Seelen der Ahnen.
Da hausen sie unter Steinen und Soden,
in den Hügeln der Heimat, im Sippenboden.
Die Gräberstätte, der schlingende Schlund
und des Saatfeldes fruchtgebärender Mund,
des Schollenschoßes schwangeren Schründe
sind der einen Göttin Grüfte und Gründe.
Die hehre Herrin, sie hehlt und heut,
sie birgt und gebiert, vereint und teilt.
 
Ihr Name war Terra Mater, Tellus, Titäa
oder Demeter-Ceres, Nerthus, Gerda, Gäa.
Nur Wortklänge schwanken im Zeitenstrom,
doch ein Erdmutterfest im einstigen Rom
stand genauso im kosmischen Jahresende,
wie die „Nacht der Mutter“ zur Winterwende,
die die kerngermanischen Völker kannten,
unsere nahen nordischen Vorverwandten.
 
Das bunte, biedere Mütterchen Erde,
es meistert das Muss vom Stirb-und-Werde.
Es mag sich aus magischer Macht verjüngen
in endlosen, lebenserneuernden Sprüngen.
Es erglänzt im jugendfrischen Geschmeid‘,
nie dreht es sich lange im alten Kleid.
Wenn die Flut verebbt, ein Glanz ergraut,
so wechselt das Weltweib die welke Haut,
im rastlos sich selbst gebärenden Gange,
wie die weise, todüberwindende SCHLANGE,
die das Kräutlein ewigen Lebens kennt,
die es besitzt, dies geheimeste Element,
die jährlich der alten Haut entschlüpft,
die immer neue Knoten des Lebens knüpft,
die ihr Ende mit dem Anfang verbindet,
deren Kunst nie endende Kraft verkündet,
die sich renkt zum verheißenden Ringe,
sie bürgt für die Neugeburt irdischer Dinge.
 
Die Tiefen des Todes, - des Daseins Turm
verbindet der schwere, schlüpfrige Wurm;
leichtfüßig wie Wasser und erdenschwer,
ist er Symbol für die „Ewige Wiederkehr“,
für Ebbe und Flut, für Fallen und Steigen,
für den Rundweg im unentrinnbaren Reigen.
Die Schlange ist Sinnbild für den Kreis,
der hinauf und hinab sich zu schwingen weiß.
Sie galt als Metapher mütterlicher Macht,
die als Ur-Materie alles hervorgebracht.
 
Was farbig vielfältige Fülle verbirgt:
Aus Wasser und Erde sind Wesen gewirkt.
Wo beide in Menge vermischt sich finden,
wo Mutters Ur-Stoffe sich verbinden,
im feuchten Boden, im Moor und Morast,
dort meint‘ der Mythos Mutters Palast.
Da sucht das Gleichnis der Göttin Revier,
Frau Frea wohnt im Fennsaal, in „Fensalir“.
 
Das Tier aus Ur-Schlamm, Ur-Erde, Ur-Flut,
taugt trefflich als Erd-Mutters Attribut.
Ihr, die sich selbst als Schlange ringt,
die Leben schafft und Leben verschlingt,
sind die kriechenden Kinder beigegeben,
sie symbolisieren der Alimutter Streben.
Es kannten Europas Vorfahren, Vorväter,
in Knossos die große Göttin der Kreter.
In Händen hielt sie die beiden Schlangen,
daraus sind Leben und Tod zu empfangen.
Der Schlangenkopf überkrönte ihr Haupt,
im Schlangenbild wurde die Göttin geglaubt.
Diese Zeugnisse zeigen des Zeichens Ziel,
es bezeichnete auch die Göttin vom Nil.
Die ur-allgöttliche Isis ist allgewaltig;
des Uranfangs Mächte sind nattergestaltig.
So das Erdhafte, Feuchte, das dunkle Yin,
der weibliche Anteil im kosmischen Ring,
die Jungfrau, das Yin, das Ur-Mutterfeld,
als Ur-Schlange wurden sie dargestellt.
 
Als Urgrund des Alls galt der Ouroboros,
das mordende Maul,- der schenkende Schoß;
anfänglicher Orm Ophis und Ofnir ebenso.
Auch die Runen-Ordnung beginnt mit dem „O“.
Galt alter Odin-Ofnir dem Ophis gleich,
weib-männlichem Ur-Wurm, so wirkungsreich ?
Warum wählte der Runenvater die Form,
begann die Ordnung der Ode mit dem Orm,
mit der göttlichen Otter als gutem Omen,
dass sie atme in all seinen Runenatomen,
mit dem mächtigen „O“, dem großen O-Mega,
dass die „Eins“ schon im runischen Algebra,
als das erste, vollendet erfüllte Organ
sei ein zeugend-gebärender Ozean,
mit der „Silbe Om“, dem Symbol für das All,
dem Anfang und Ende bestimmenden Schall,
der da erschafft und wieder beschließt,
in dem göttliche Urkraft zusammenfließt ?
 
Er ist Gottes Beginn, - sein Weg und Ziel,
er schimmert im kosmischen Farbenspiel;
er gilt als der Frommen geheiligter Hort,
nun hört auch der Runen erhabenstes Wort.
Lang blieb des Unnennbaren Namen geheim,
auf des Höchsten Ring fehlt jeder Reim.
Was könnte dem Gipfel des Guten gleichen ?
Ein Wort nur wurde zum weihenden Zeichen:
 
„Ooooooooo - Deeeeeeee - Nnnnnnnng“
 
So sangen im Suchen der Gottheit Goden,
so klang der Kehrreim der heiligen Oden,
so erflammte im Finden forschender Sinn,
und so jubelte frommer Erkenntnisgewinn.
Des Runenschöpfers trefflichster Schliff,
uns‘ res runischen Altglaubens Inbegriff.
Die volle Lehre liegt hier beschlossen,
der Laut ist dem Lautersten entfiossen.
Drei Allkräfte sind da hineingeronnen:
Ur-Grund und Höhe und sämtliche Sonnen,-
Erd-Mutter mit himmlischem Vater so hehr
und Erlöser-Sohn jährlicher Wiederkehr.
Dieser einzigen Tonfolge Teile, es sind:
das Sie, das Er und das Göttliche Kind.
 
O-de-ng und O-m heißt das Kosmos-Orakel,
ein mächtiges, magisches Meister-Mirakel.
Was wollten die ersten drei Stäbe wahren,
das Runen-Haupt kann es uns offenbaren:
Dreifaltige Formel der Ur-Fähigkeiten;
aus ihr ist die Summe des Seins abzuleiten.
Die drei Potenzen, sie prägen die Dinge,
webten die Welten, Schlinge um Schlinge.
Sechs-endig erschien das Gewebe der Welt,
aus drei Runenmächten zusammengestellt.
„Sechs“ meint das All, gemacht aus Dreien,
dreieiniges Gute mag Allzweiheit weihen.
Darum erwählte der Runenvater die Form,
begann die Runenordnung mit heiliger Norm !
 
Welcher Laut wäre so wie das „O“ zu loben,
den Ort an der Spitze, das runische Oben ?!
Er öffnet den Eingang, er lädt zum Beginn,
durch ihn geht der Weg zum Wissensgewinn;
vom All-Anfang bis zum Schlangen-Schluss,
von der Stab-Reihe Stirn zum Futhark-Fuß.
Fließt das All aus dem „O“, dem Schlangenkopf,
zieht hervor aus dem Haupt der Runenzopf,
ist die Runenwelt aus dem „O“ entstanden,
dann war sie darin schon immer vorhanden !
So ist‘s in die Runen hineingeschrieben,
drum decket sich Sinn weibgeistiger „Sieben“
mit gültiger Deutung ur-gründiger „Eins“,
denn beide gebären die Dinge des Seins.
Wie „Sieben“ ist auch die „Fünf“ ein Symbol,
ein zählebig, zaub‘ risches Zahlen-Idol,
im Weiblichen wurzelt ja weltliches Weben,
aus beiden baut sich das irdische Leben.
So darf die frauliche „Fünf“ nicht fehlen,
die Herrin, die hohe „Eins“, muss sie hehlen.
Auf dem Fundament uranfänglicher Frist,
aus den fünf Elementen, fügt sich, was ist.
 
Dem Fünfstern der Dise, dem Drudenfuß,
ihm entquillt der runische Weisheitsfluss.
Wo hervorsprosst der ragende Runenstamm,
prangt das weihende, würdige Pentagramm.
Pythagoräern war es die Anfangs-Parabel.
Das „O“, der Omphalos, der runische Nabel,
will als Nummer Eins all dies benennen,-
wer könnte des Kernes Ganzheit erkennen ?!
 
Die Idee der Mutter steht in jedem Beginn,
Terra Mater ist schaffende Spinnerin.
Sie webt mit weißem und schwarzem Faden,
sie webt die Welt aus Glück und Schaden.
Sie heißt Nerthus, - nährendes Heimatland;
uns‘re Ahnen haben so ihre Erde genannt.
Sie kann in das Kleid der Urda schlüpfen,
als Norne das Schicksaisgewebe knüpfen;
so gehören Schlaufe und Schlinge zu ihr;
die schlingende Schlange, sie ist ihr Tier.
Zur Göttin gehört der geheiligte Knoten,
das haben schon urferne Zeiten geboten.
Die Thueris-Nut-Isis die Gottheit gebar,
es feit ihr Schlingensymbol vor Gefahr.
Die Ananke, die Notwendigkeit der Natur,
der unabweisbare, weise Schicksalsschwur,
eng ist sie mit Allgöttin Nut verwandt,
die trägt das geschlungene Gürtelband.
Die Lebensschleife „Ankh“ und „Isisblut“,
es sind Knoten, der Hochgöttin Attribut.
Auch germanischer Göttin war es gerecht,
den Knotenzopf trug sie als Haargeflecht.
Unendlich schlingt sich das „Ewige Leben“,
setzt Knoten an Knoten, darüber, daneben.
Welten erwirkte und wirkt Mutter Maya,
legt Schlinge an Schlinge wohl immerdar.
Es müht sich die Mutter, Masche um Masche,
die Lebensregentin, die rastlose, Rasche.
All die Töchter, sie üben die Fertigkeit,
jede Frau flicht mit am lebendigen Kleid.
 
In der gnädigen Göttin geweihte Binden
wollten die gläubigen Weiber sich winden.
Fühlte ihr Leib neues Leben sich regen,
so suchten im Tempel der Juno den Segen
die Frohen, die freudiger Hoffnung waren,
um die Gnaden der Göttin zu erfahren.
Und lagen sie endlich in lösenden Wehen,
heischten sie Hilfe der Herrin im Flehen,
dann banden sie auf, die Binden, den Gurt,
sie lösten die Knoten zur leichten Geburt.
Bei gänzlicher Öffnung muss es gelingen;
die Geburt ist das neue Knotenschlingen.
 
Die Geburt ist die Gabe der Mutternacht,
die Weihenächte haben das Licht gebracht.
So war die Schlinge der Julzeit Zeichen,
zum Begreifen des Grundes mag sie gereichen.
Verständnis zu bieten, ist sie entboten,
am Jahresbeginn steht der offene Knoten.
 
Den krümmte man wohl aus Tuch und Teig,
als figürlichen, festlichen Fingerzeig.
Hausmütter formten zum kultischen Zweck
die Rune des Aufgangs als Feiergebäck.
Und der Brauch blieb bis heute bestehen,
sein frommer Sinn freilich musste vergehen.
 
Welcher Runenbegriff, welches Runenwort
umhegt ihn umfassend, den heiligen Hort,
den schönsten Schatz der Tiefe und Fülle,
welcher Name wäre die würdigste Hülle ?!
Urgrund der Güter, Grund der Geschlechter,
des Runen-Geheimnisses Wahrer und Wächter,
die Mutter der Menge, der Weltenschoß,
das Tor zu den Zeiten, der Jahresspross,
das weihende Wort, das alles umschließt,
aus dem sich der seligste Segen ergießt,
erforschte der Runenerfinder und fand
den Wert in dem Wort für das HEIMATLAND.
 
Der Begriff für den Runenbuchstaben „O“
meint das Vaterland, Mutterland ebenso.
Des Anfanges Ausdruck, der sich empfahl,
jene Bezeichnung der ersten Runenzahl,
ist Othala, Odal, Ot, das „ererbte Gut“,
das Stammland, Erbland, die Lebensflut;
in die schon der Vorzeit Eltern sanken,
aus der die Geschlechter Leben tranken,
in die auch die Enkel hinsinken werden,
in die flutenden, ebbenden Sippenerden.
Odal ist der Besitz an Grund und Boden,
dazu zählen die Seelen unter den Soden.
Dazu gehören die Geister in den Grüften,
auch wenn die Leichten lärmen in Lüften,
in heimatlichen Hügeln sind sie zu Hause,
jeder Berg birgt eines Bruders Klause;
über den Wassern weben die Ahnenseelen,
im Fruchtfeld darf ihr Segen nie fehlen;
ein jeder ist mit der Scholle verwandt,
die Schicksalslose verleiht ihm sein Land.
Beisammengebunden sind Boden und Blut,
sie formen des Landes und Volkes Mut.
Die Geister gestalten der Heimat Gefilde,
die Heimat formt Geister nach ihrem Bilde.
 
Als Kern gibt die Runenerkenntnis kund,
Rune ODAL meint beides Sippe mit Grund.
Der Ablaut „-ot“ trägt die Bedeutung „Art“,
im Klein-od, der Kleinart, blieb er bewahrt;
Heim-ot, die Heimat, heißt „Art des Heimes“.
Doch ringt sich erst die Rune des Reimes
mit dem All-od, der Aussage: „All-Besitz“,
so wissen wir gewiss nun des Wortes Witz:
Od, Odal wurde als „Art-Besitz“ verstanden,
als ererbtes Gut, Erbgut in Sippenlanden.
 
Das Blut, es wuchs aus dem Boden heraus,
die Heimat allein ist das heiligste Haus,
in dem die Sippen erstehen und sterben,
aus ewigem Kreislauf die Kräfte erwerben,
aus dem Art-und-Besitz niemals verrinnt,
in dem Art-Besitz neues Leben gewinnt,
wo die Wiegen im waltenden Gotteswillen
immer neu mit artiger Frische sich füllen.
So ist ODAL dem Sinn nach das Sippengut,
das Erbe der Einheit aus Boden und Blut !
 
Die Odal-Rune reicht uns die Offenbarung,
im ersten Runenwort wohnet die Wahrung;
denn was die Parabel prägte und preist,
das ist die Ganzheit von Erde und Geist,
das ist Mutters Materie, ideenbeflügelt,
vom Zwang des ersten Zeichens besiegelt.
Lehrt das runische Lied uns die Religion,
dann taugte schon trefflich der erste Ton
zur altgläubigen Andacht im Gottesahnen,
zur Gotteserkenntnis auf artigen Bahnen.
Diese Rune, sie redet vom großen Ring,
vom geheimen, gedeihlichen Gottesding;
und vom sippenverbindenden Seelenband,
das hervor sich schlingt aus dem Sippenland.
 
Es beginnt seine Lehre, dies hohe Lied,
mit heiligen Glaubens erhabenem Glied,
mit Odal, der Heim-Art-, der Heimat-Rune,
der Mutter des Morgens, der Runen-Muhme.
So ist uns zu wähnen, zu wissen erlaubt:
Sie ist des Gotteserkenntnisses Haupt.
Aus ihr ist die Frömmigkeit zu erfahren,
des uralten Artglaubens Sinn und Gebaren.
Was Runen zur Rückverbindung uns raten,
alle treuen Töchter und Söhne vertraten.
Das war Gottesgewissheit um Erbe und Art,
mit Preisung der Ahnen war sie gepaart.
Durch Eltern wie Enkel rann Gottes Sein,
und keiner war elend und gottfern gemein,
als Gottesfünkchen durft‘ er sich fühlen,
als Welle auf göttlichen Ewigkeitsmühlen.
Wer ließe da Selbstvertrauen sich rauben,
im Runen-, im Odal-, im Heimat-Glauben !
 
Wer durchwandert Welten mit blindem Blick,
weiß keinen Weg mehr zum Zentrum zurück,
verlor sein Gewissen, verlor sein Gesicht,
versteht sein Selbst und sein Sollen nicht ?
Der erringe den Reichtum, in Runen verwahrt,
dann hält er Heimfahrt zur einstigen Art,
dann wird ihm Heimkunft ins eigene Wesen,
dann darf zum seligen Selbst er genesen !
 
Zur Sippe gehören die Lebenden und Toten,
aus beiden schlingt sich der Ewige Knoten.
Sie sterben hinab, und sie steigen hinauf,
sie wandeln den oberen wie unteren Lauf.
Den Sippenkreis trägt eine einzige Kraft,
der der Einzelne eigenen Anteil entrafft.
So ist jeder ein Stücklein der Seelenmacht,
die das Volk als Ganzheit hervorgebracht.
Dieses Denken entspricht allen Erbgesetzen,
man wollte göttliches Werk nicht verletzen.
Dass der Mensch ein vereinzeltes Wesen sei,
so als wären die Blätter des Baumes frei,
dieser Wahn ist heutiger Zeit vorbehalten,
in der die Kräfte des Abgrunds obwalten.
 
Boden und Blut sind der Mutter Bereitung,
Leben und Land unterliegt ihrer Leitung.
Materie ist Weltmutters Körper und Kind,
Dasein mit sichtbarem Stoff erst beginnt.
Aus Mutter Natur wächst die Vielfalt nur,
ihr Weltenschoß formt des Stoffes Struktur.
Ihre Werdekraft, der die Körper entstammen,
zwingt auch die Teile zur Ganzheit zusammen.
Vom Herz bis zur Haut der Geschöpfe kreist
die bestimmende Seele, der bildende Geist.
Die Prägekraft, die durch Gewebe pulsiert,
sich im Scheiden der Wesen wieder verliert,
sie leistet die Leiber, sie lenkt überall,
baut Knospen und Käfer, treibt den Kristall;
hebt Menschen mit dunkler und heller Haut,
von ungleichen Geistern bedingt und betraut,
von geschiedenem Gesetz getrieben, getragen,
auf ureigensten Wegen seit urfernen Tagen.
 
Die Mutter mag kein Vermischen, Vermählen,
kein Verknüpfen verschiedener Lebensseelen.
Und was zum Verderben sich trotzdem paart,
bald trennt sie es wieder zur ur-reinen Art.
Vermag sie das zwar nur mit Mangel zu zwingen,
nie wird die Vermischung der Wesen gelingen,
nie soll Einform und Graunorm die Erde erben,
denn Urgestalts-Seelen können nicht sterben.
Mischt sich Verwandtes, wird ihm Vermehrung,
vermenget sich Fremdes, waltet Zerstörung.
Dann harren zwei Seelen zwanghaft verbunden
bei Zwist und Zweifel und zehrenden Wunden,
bis der Tod den untauglichen Taumel zerstößt,
bis Frau Saelde die Seelen vom Leibe erlöst.
Und fliehen sie fort zu der Geister Gefild‘,
führ‘n sie mit sich ihres Urleibes Bild.
 
Als die Urbild-Ideen von sämtlichen Dingen,
als Gottesgedanken, die Werdung vollbringen,
steh‘n sie mit der Urmacht im engen Verbund,
sind weltlichen Daseins wahrhaftiger Grund.
Sie währen, sie walten und waren vorhanden,
bevor Erde, Luft, Feuer, Wasser entstanden.
 
Sie galten im Gleichnis als göttliche Boten;
sie verknüpfen und lösen die Lebensknoten.
Die einen, unholde Schwarzalben der Nacht,
ganz wie gräusliche Kobolde, Käuze gedacht,-
die Lichtalben aber, die Engil, die Reinen,
wie traumschön schimmernde Mai den erscheinen.
Man hieß sie Fylgjen, Folgerinnen, Heilküren,
die menschliche Leiber durch‘s Leben führen,
dienliche Disen mit schirmenden Schwingen,
um Walstatt-Helden nach Walhall zu bringen.
Heilküren - Walküren umsorgen die Seelen,
dass Unheil sie meiden und Heil sich erwählen.
Auch germanischer Völker aryanische Vettern
huldigten heilkürenden Ahnen und Rettern,
lichtglänzender Schöpfung lebendige Güter:
Erzgeister, Erbbilder, Erzeuger, Behüter.
 
Die Ahnenseelen sah man mit vielerlei Augen,
als tüchtige Geister, die vortrefflich taugen,
als der Guten wahres, frommes, höheres Ich,
alle Zeit überstehend, ewiglich, unsterblich.
Die zuerst vor den irdischen Anfängen waren,
wie iranischer Fravasi sternschöne Scharen,
die seit des Daseins Urdauer, die Daena,
gleich ario-indischen Erzvätern, den Pitana,
gleich italischen Genien, Laren und Manen,
so ging um die Ahnen ein ähnliches Ahnen,
verschwisterter Völker verwandtes Verstehen,
die seelischen Mächte vielschichtig zu sehen.
So weit auch die Welten, dies wurde gewusst:
Schutzgeist und Seele in menschlicher Brust,
ein Schemen, ein Schimmer, ein Atemhauch,
sind doch Teil dieser großen Weltseele auch !
Und stürzt unser Selbst in die nackte Not,
fühlt unser Sein sich betrübt und bedroht,
dann schreit uns‘re Seele nur diesen Laut,
der ist ihr als Kind von der Mutter vertraut;
sie ruft, dass die All-Seele Rettung ihr sende,
den Schmerz ihres Kindes erkenne und ende,
auch da sie entzückt ist, begeistert und froh,
dringt aus dem Urselbst der Seelenton „O“.
 
Das Fleisch ist ein Fluss aus firnen Fernen,
die Seele ein Strom von strahlenden Sternen.
Von den Vorfahren fließt es den Enkeln zu,
wie ein Rinnen und Reisen ohn‘ Rast und Ruh‘.
Zwar geh‘n selbst Helden zu „Hel und Hügel“,
den härtesten Händen entgleiten die Zügel,
auch flinkesten Fingern entfällt der Faden,-
es grüßet die Göttin in Glimpf und Gnaden;
sie greift ins Geweb‘ mit geheurer Gewalt,
sie verändert so kaum ihrer Knoten Gestalt.
Und ließe sie heut‘ ein paar Maschen fallen,
schon bald wird sie neue Schlingen schnallen.
Und schickt das Schicksal den baren Befehl,
dann sendet es Seelen den Hellweg zur Hel;
zur helenden Halle, zur Halja, zur Helle,
zum Quickborn der Mutter, der Lebensquelle.
Dann genesen die Geister in Gruft und Grab,
„zu den Wurzeln wandern die Väter hinab !“
 
Im Schoße der Erdmutter sitzen die Stillen
und wirken aus ihm für den Wachstumswillen.
Mit Quellen und Pflanzen sind sie verquickt,
zum Pflegen und Hegen und Heilen geschickt.
Bis ihnen das Werden weist wieder die Furt,
ihren Weg der Erweckung zur Wiedergeburt.
Galt doch als Göttin der Geister die Gaia,
die Nertha, die Gerda, das Mütterchen Maia.
Als Allmutter Hel hat sie Seelen zu helen,
sie selbst ist die Summe sämtlicher Seelen.
Sie ist die grenzenlos gültige Geistermacht,
mit dem Welt-Atem W-odan in Eines gedacht.
Wie Boden und Fleisch von ihr herstammen,
fließt ihr Blut, ihre Seele darein zusammen.
Das Gute, das God, gleicht Mutter und Vater,
so verstand es der Runen-Rauner und -Rater.
 
Der Runensinn ruht hinter Rinke und Riegel,
doch wir raten die Rätsel der „Sieben Siegel“.
Sieben Siegel der Runen im ersten Zeichen,
nun soll das Geheimnis des Weistums weichen.
Der Zahlengeist sei uns ein trauter Genoss‘,
sein Schlüssel erschließt dieses Runenschloss.
 
Die Rune EINS, die schon alles enthält,
als Runenmutter gebiert sie die Runenwelt,
versiegeltes Schloss und entriegelter Schoß
und Urgeist der Schöpfung, schier grenzenlos.
Die runische EINS umfasst Anfang wie Fülle,
ur-seelischen Kern und die Körperhülle,
erste Mutter-Materie und Wille zum Werden,
die O-Rune meint das Beginnen auf Erden.
Als der Sinn des Gebärens im Finstern flog,
mit den Scharen der seligsten Geister zog,
als sich die Leichten in Leiber lenkten,
die Leiblosen sich in den Stoff versenkten,
schon damals im wabernden Welten-Erwachen,
waren All-Mutters „sämtliche Siebensachen“.
So ist das Symbol der Ganzheit, die SIEBEN
in die Rune des Anfangs hineingeschrieben.
Aus erdhafter VIER und der geistigen DREI,
da gischtet und gärt Ginnungagaps Gedeih.
 
Doch im frühesten kosmischen Morgengrauen,
weltweit war nächtiges Nichts zu schauen,
da kreiste nur göttliches Selbstverstehen,
verschwiegenen Gedanken entstiegen Ideen,
der Gotteswind ging durch den Vorweitraum,
und er träumte vom Licht, von Zeit und Raum.
 
Alles war Atem erst, Geist, Seele und Sinn,
das „Etwas, was Leben gibt“, stand am Beginn.
Man hieß es einst Óðr, Qnd und Odem ebenso,
aus Rune EINS rinnt Odem, das raunende „O“.
Was die Ahnen unter „Ond-Odem-O“ verstanden,
ist in „Anfang - Ursprung - Vorne“ vorhanden,
und in „Atem-Leben-Lebensseele und -geist“,
in die Erz-Rune ist all dies hineingespeist.
 
Julzeit ist, das Jahr steht still,
weil der Weg sich wenden will.
Helles Heil wird neu geboren,
alter Kummer sei verloren.
Licht, nimm deinen Lauf,
Sonn‘, steig‘ hinauf.
Zeit, werde jung
in Läuterung,
frei von Zank.
Hab‘ Dank !
 
MUTTERNACHT - MITTERNACHT,
der Geister-, Gespenster-Umgang erwacht.
Julzeit ist Spukzeit,
weit dehnt sich die drohende Dunkelheit.
Jetzt tanzen die Trolle,
Schattenseelen entsteigen der Scholle.
Sie streben zu Sternen,
durch alle finsteren Nähen und Fernen.
Sie schweifen geschwind,
sie jagen mit Wodan, dem Jäger, im Wind.
Sein Ring und sein Speer,
die schimmern voran seinem Wütigen Heer.
In Rauhnacht und Regen,
da sendet er jungen Saaten den Segen.
Meidet Schande wie Schuld,
so gibt auch Frau Gode Hilfe und Huld.
Es ziehet ihr Zug,
wie Leuchtkäfer-Schwärmen und Im menflug;
mit Heimchen und Holden,
der fleißigen Frauen Werk zu vergolden.
Den Tross ihrer Toten,
den Göttin und Gott zur Fahrt aufgeboten,
den wollen wir ehren;
seine Rechte zu richten, nimmer verwehren.
Und die dumpfen Dämonen
soll‘n uns im saeligen Schutze verschonen.
Drum sei uns‘re Spende
für die Seelen der Ahnen zu Winters Wende.
Auf dem Seelen-Tisch
liegt der Brotzopf zur Zehrung so zauberisch.
Nehmt davon Besitz,
ein Zeichen der Minne nach Menschenwitz.
Gelöst ist der Bann,
die Schutzgeister - Schemen ziehen heran.
Asen, Alben und Alfen,
die uns im Unheil erhielten und halfen,
den Fylgjen und Disen
dürfen wir danken, - sie seien gepriesen.
All die guten Gewalten,
die sich aus Nächten der Weihe entfalten,
zu Nutz und zu Frommen,
sie tragen das Große, das glühende Kommen.
Das Licht ist geboren,
gewiss ist kein Leben für immer verloren.
Aus finsterster Frist
erfüllt sich, was heißeste Hoffnung uns ist.
Das sei Bürge und Bote,
der treueste Trost für Lebend‘ge und Tote:
Auch wir kehr‘n zurück !“
war einstmals der Julzeiten jubelndes Glück.
So raunt es im Ring,
davon reden die Ahnen im Ur-Runen-Thing.
Aus dem Jul-Runen-Heil
schlingen sich Schlange- und Seelen-Seil.
Und Urmutters Nacht,
des Schicksals Gewebe, sie webet es sacht,
und der Tag ist entfacht !
 
Drei Festnächte konnt‘ der Kalender wahren,
die das Mutter-Fest - Jul-Fest offenbaren.
Aus der Lussinatt, Modraneht, Perchtennaht
wächst des „Tag“- und Jahrganges junger Pfad.
In der winterlichen Weile weihender Nächte
walten lichtgebärend die Mutter-Mächte.
Festnachte zu Jahres-Ende, - Nachte der Wende,
waren Feste der Licht- und der Lebensspende.
 
„Ljoss“, das heißt leuchtend lichthell klar,
die Lussibrud stellt sich als Lichtbotin dar.
Und auch Perahta, die Glänzende, Gleißende,
ist die vom Wort her sich selbst beweisende.
Ob Bertha, Frau Hohe, es ist immer die Eine,
die himmlisches Licht rückbringende Reine.
Aus der Blindnacht, damit die Zeit wieder sehe,
aufsteigen die „Augen des Himmels“ zur Höhe;
es erwachen aus Mutters Schwarzmondnacht
die „rollenden Augen“ zur einstigen Pracht.
Die Mutternacht, welche die „Augen“ heilt,
die Lichtmutter, welche „Gesicht erteilt“,
in‘s Run‘kleid gewandet, in Runen gebannt,
„Mutter-ODAL“, - „ODIL-Mutter“ benannt.
Wo müsst‘ im Kalender „ODILIA“ stehen ?
Wo man einstmals die Winterwende gesehen !
Dort wartet die Runenmutter, - gesund,
mit Luzia harrt sie in trautem Bund,
dass einst einer kommt, ihre Fesseln zerstößt,
sie von auferlog‘nen Legenden erlöst.
Es ist die Mutternacht, die den Morgen gebar,
es ist die Mutter Nacht, auch das ist wahr,
es ist Luzia, Perchta, Bertha, Juno-Lucina,
„uns‘re liebe Fraue“, Fria, Frea und Frigga.
 
Der ODAL-/ODIL-Runensinn bestimmt sich so:
Urnacht-mütterlicher Ganzheit A und O,
uranfängliches Sein der seelischen Welt,
die schon sämtliche Werde-Ideen enthält;
auf klaffender, offener Urbeginns-Schlund,
der Erdkreis-Erweckung grauender Grund;
der Körper-Erschaffung erste Vollbringung,
des Lebensfadens früheste Schlingung.
 
Zwar wurde ein zweites Bildkürzel bekannt,
doch hat man es gerad‘so als Rune verwandt.
Lang schien es vergessen und verschwunden,
in Brauweiler-Annalen wurd‘ s wiedergefunden;
vom Kloster-Chronisten dort aufgeschrieben,
ist zeitüberdauernd dies' Zeichen geblieben.
Zwei Kreise, verbunden mit einem Steg,
in genannten Annalen liegt der Beleg.
Bis ins 10. Jahrhundert blieb viel erhalten,
vom Wissen und Weistum der würdigen Alten.
Vielleicht ist‘s fürwahr ein urfirnes Bild,
denn es findet sich schon im Felsen-Gefild‘
jener skandinavischen Bronzezeit -Gravuren
frühnordischer Fischer - und Bauernkulturen.
Diese ODIL-Rune, deren Form wir besitzen,
ist doch beschwerlich, auf Hölzer zu ritzen,
das musst‘ auch der Runenmeister empfinden
und neu ein „Symbol allen Anfangs“ begründen.
 
Als Bilder sind beide Figur‘n zu begreifen,
wir sollten keineswegs fernehin schweifen:
Die offene Schlinge, - der beginnende Knoten,
aus gleichem Verständnisgrund aufgeboten,
wie die senkrechte Linie mit den Kreisen,
welche sicher auf jene zwei Welten hinweisen,
die einander bedingen und die sich finden,
die sich zur Leben-Erschaffung verbinden.
Der Himmel muss Kräfte zur Erde hinsenden
und die Erde die Masse der Körper spenden,-
dann entsteht Dasein, wie wir das meinen,
nur wenn sich Geister mit Körpern vereinen,
wenn zwei Urfelder urbar zusammenstreben,
wächst aus der Urnacht das keimende Leben.
Ob sich die Seelen bekörpern, befleischen
oder sinnlose Körper Beseelung erheischen,
ganz gleich, welche Seelenkräfte sich regen,
sie müssen die Stoffwelt erreichen, bewegen.
 
Diese Rune entreifte vielrätigem Schauen,
sie redet vom frühesten Morgengrauen,
spricht von Erweckung durch Gottes Kraft,
der Verbindung von Ahnen- und Enkelschaft,
jenem Band zwischen Lebend‘gen und Toten,
der Zusammenknüpfung von zweierlei Knoten.
Das OD-IL-Geheimnis,- der runische Gedanken,
will sich um‘s Leben und Fortleben ranken.
 
Wo Wodan-Odhr-Odhin, die Od-Gottheit, loht,
besiegt neues Leben den lauernden Tod.
Wo der Adebar - Od-bero wohlbringend wohnt,
als Seelen-Segensbringer ansässig thront,
da lobet er Gastfreiheit, die ihm gebührt,
hat er Leben doch stets neu herangeführt.
Was der weiße Vogel in Wahrheit wohl weiß:
Er kennt jenen Heilsweg von Kreis zu Kreis,
von der Sippenerde, der Heimskringla-Welt
zum Himin-Riki-Rund, dem Himmelsreich-Zelt,
gleich den ziehenden Vögeln Ganter und Schwan,
den Trägern des Od von W-odan - G-odan.
Diese Rune am Jahresanfang, am Jahresende,
am Zeitort der Licht- und der Lebenswende,
verbildlicht die Wieder-Beseelung der Erde,
dass neu alle Wuchskraft des Jahres werde.
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