10. RUNE algiz - Elch/Hirsch - Alkes/Dioskuren (kosmische Polarität)

 

„Balder“ von Ludwig Fahrenkrog 

 

ZEITRAUM DER RUNE

 

Zehn ist der Ganzheit guter Verband,
von rechter und von linker Hand.
Der umfassende Gott ist zu versteh‘n
als Zwei und Acht und auch als Zehn.
So muss er als Summe des Alls erscheinen,
wie die vier Elemente zur Zehn sich einen.
 
Der Herr gleicht dem ELCH, dem huldigen Elk,
zwei Hauptstützen tragen das Weltengebälk.
Zwei mächtige Schaufeln, - Freude und Klage,
Erwachen und Welken erhalten die Waage.
 
Der Herr trägt den himmlischen Mantel weit,
tagsüber so wie zur nächtigen Zeit.
Sein Gewand, über welches die Sonne geht,
des nachts voll glitzernder Sterne steht.
 
Er ist Aufstieg, Helligkeit und Beginnen,
er ist ebenso Untergang und Verrinnen.
Die Alten sagten: „Gott ist Frieden und Krieg,
er ist Tag und Nacht, Niederlage und Sieg !“
Er ist im Jahrgang das Auf und das Ab,
glückhafte Geburt und gramvolles Grab.
In solchem planvollen Pendelschlag
die Ewigkeit sich zu erhalten vermag.
 
Mit der Frühlingsgleiche, das Licht regiert,
der Himmelsgott Tyr eine Hand verliert;
die Finsternishand, die mag er nun missen,
der Fenriswolf hat sie an sich gerissen.
Hat der Wolf die Hand, oder hat sie ihn ?
Der regelnde Gottesgeist steuert darin !
 
Die zwei sich ergänzenden Gotteshände,
schildert indogermanische fromme Legende
als göttliche Zwillinge, als Brüderpaar,
das die graue Urzeit dem Vater gebar.
 
Zwei rasche Rosse, ein Schimmel, ein Rapp‘,
die ziehen die Dinge hinauf und hinab.
Abwechselnd im Rad des Geschehens kreist
der helle wider den dunklen Geist.
Sie hadern um Herrschaft, sie stehen im Streit,
bis zur Gottesstunde mit letztem Entscheid.
 
Von den göttlich-dioskurischen Teilgewalten,
den Hirsch-, den Hengst- oder Elch-Gestalten,
ist im ASHVIN-, ALCES-, ALGIZ-Symbol
vorrangig vertreten der lichte Pol.
Denn er ist des Vaters geliebtes Kind,
mit dem der Mai und der Sommer beginnt.
 
Apollo ist er, Bel, Belenus, BALDER;
er ist des Heiles heller Erhalter.
Nun sieht er hinab aus seligen Höhen
und lässt aus den Wiesen sein Bild erstehen.
Dort schlägt er unzählige Augen auf,
er schaut in den himmlischen Spiegel hinauf
und sucht seines Wesens Ebengebilde,
des minnigen Maien gar mächtige Milde,
im blauen Blinken der flimmernden Flut,
in des glastenden Glanzes Minnemut.
Da kommen durch weite, wonnige Wogen
die schimmernden Boten Baldurs gezogen.
Im weißen, schwingenden Schwanengefieder
erlebt sich die Gottheit am Himmel wieder.
All die Federn, die vielmals herniedersanken,
umhegen die Herzen als heile Gedanken.
jedes weise Wort, jeder rechte Rat,
jede helfende Hand, jede treue Tat
sind ein lieblicher Ton in Baldurs Lied,
das machtvoll-fröhlich den Frühling durchzieht.
Die Hirne, die Herzen in Blüte und Blast,
sie laden jubelnd den Retter zu Gast.
Die ganze Welt wiegt sich im Schwung,
jede Faser fühlt sich so jung, so jung !
 
Den Sinn vom großen Erwachen und Sprießen,
kein Zeichen könnte ihn besser erschließen;
das Sprossen, Strecken und Wecken zeigt sie,
die redende Rune der Epiphanie.
 
Und was sie erzählt, und was sie bezeugt,
dass unser Volk, bevor es gebeugt,
bevor es zu fremdem Gottdienst gezwungen,
sein eigenes Osterlied hat gesungen !
 
Bestimmt sind zum Baldur-Bilde geronnen
Blütenströme unzähliger Sonnen.
Alles Holde und Hehre, Frohe und Feine,
alles Glänzende, Gute, Rüstige, Reine
wird zum Einklang, Vollklang in seinem Sang,
das macht uns die Sinne so sehnsuchtsbang.
Jener fahrende Funken am Firmament,
den man Segensleib oder Sonne nennt,
der allein ist von Baldur nicht Körper noch Kleid,
denn Baldurs Bahn ist die Blütenzeit.
Jugendfrische Schönheit zeigt seine Gestalt,
doch makellose Reinheit wird niemals alt.
Wundenfreier Wohlfahrt winkt das Verderben,
so muss auch Baldur als Jüngling sterben.
Der blanke Baldur, der Weiße, der Wahre,
der Gottesgedanke, der Wunderbare,
aus blinkenden Blüten schaut er den an,
der baldurische Bilder begreifen kann.
                        Er lebt im kecken Keim, - im lichten Kind,                  
er kreist um die Knospen im Frühlingswind.
 
Adonis und Attis sind ähnliche Klänge,
gelten als Grundgeister gleicher Gesänge.
Ihr Verständniskern ist klar und klug,
nach kosmischen Regeln, nach Recht und Fug.
 
Sie verleiblichen lieblichen Lebenssinn,
im jugendwachen Wachstum ist er darin.
In der wölfisch-würgenden Winterfrist,
wenn am öden Orte - im Orkus - er ist,
da scheint es, als ob er gestorben schliefe,
doch dann dient er der Mutter der Tiefe.
 
Dort ist Baldur-Adonis zu wirken gewillt,
wo aus Wurzelquellen das Wachstum quillt.
Der Hel hilft er Lebenskeime zu hegen,
Proserpina den prächtigen Palas zu pflegen.
 
Und waltet der Winter auch wonneleer,
währendes Grün ist des Glückes Gewähr.
Attis-Balders Bürgschaft und Unterpfand,
dass er wiederkehrt aus der Toten Land,
dass er sichtbar im Leibe aufersteht
und fühlbar durch Felder und Fluren geht,
ist im grünen Gezweige zu gewahren,
das Hoffnung erhält trotz harscher Gefahren.
 
Wenn das Blattwerk welkt, der Winter währt,
bleibt die Farbe der Fichte unversehrt.
Ein Sinnbild der schlafenden Balder-Kraft,
aus der sich empor neues Leben rafft.
Lebensgeist ruht nur, er ist nicht gestorben,
nie ist er für immer und ewig verdorben.
 
Wenn im Wonnemond wieder die Welt erblüht,
im glücklichen Glanze der Jugend erglüht,
dann dürfen sich auf den Zacken und Zweigen
zahllose Zirbel und Zapfen erzeigen.
Sie recken sich purpurrot in‘s Licht,
gleich dem Liebeszagel der Leben verspricht,
auch sie, ein Gleichnis für Balders Geist,
das die Wiederkehr ewiger Jugend verheißt.
 
Gleich dem lohenden Grün wird Lohengrin,
der gute Geist, durch die Gärten zieh‘n.
Der unschuldigen Schönheit Wegebereiter,
Heliant - Helias, der „Heilige Streiter“;
blütenbekränzt, mit Schwert und mit Zither,
schirmender, schimmernder Schwanenritter.
 
Er erlöst das mütterlich-bräutliche Land,
aus der Erdfrau wuchs „Elsa von Brabant“.
Um das wertige, wonnige Weib zu erringen,
muss der Wachstumsgeist den Gegner bezwingen.
 
Im Zweikampf besiegt er die Wintergewalt,
die schreckliche, drohende Todesgestalt.
Dieser kosmische Kampf in Frühjahrsfrist
als Kern all der Kultspiele fassbar ist.
 
Wenn Ritter im festlichen Reigen rechten,
weiße und schwarze Feldzeichen fechten,
wenn blühende Jugend, so blumengeschmückt,
dem wintergrauen Greise entgegenrückt,
wenn laubumhüllt lichtvolles Leben lacht,
im grünen Gewande, - in Frühlings Tracht,
wenn Lattichkönig, Laubmännchen, Maiengraf
erwacht sind aus langem, leidigem Schlaf,
dann sprießet der seligste Segen auf,
der Lebenssieg nimmt den gelobten Lauf,
der Wasservogel hebt sein Schwanenhaupt,
dem Finsterniskauz ward die Kraft geraubt.
Erschlagen liegt unter der Lebenswelle
der „Strohbutz“, der bleiche Todesgeselle.
 
Auch der „Pelzkönig“ ist von selbiger Art,
der Blumengraf - Baldur - sein Widerpart.
Den Gegensatz-Pol im Jahr-Runenkreis
wohl der Weise zu Winters Anfang weiß.
 
Zwei Kräfte zwingen die Zeit zum Ring,
die eine weckt Blüte wie Schmetterling,
die and‘re will raten zu Ruhe und Rast,
so walten im Wechsel zwei Wesen zu Gast.
 
Zwei Kerle kämpfen mit Kraft und Kunst,
sie gieren nach Erdmutters Gut und Gunst.
Zwei Buhlen wollen das Weltweib umwerben,
im brünstigen Pendel einander beerben.
Doch die Mutter Materie leibt und lebt,
ihr Atem nur einwärts und auswärts strebt.
Doch beides, - Gewinnen wie auch Verlieren,
heißt Gottes Hauch im Lebendigen spüren.
Nie könnte uns Baldurs Segen beglücken,
würde der Herbst sein Heil nicht entrücken.
 
Baldur, Apollo, die lichtreichen Schönen,
sie wuchsen aus gleichem nordischen Sehnen.
Was aus ihrem Wesen so trefflich spricht,
ist das gute, das maßvolle, starke Licht,
ist Wille zur Wahrheit, zur Regel, zum Recht,
ist Kraft zum Kampf mit dem Chaos-Geschlecht.
 
Die ganze baldurische Hoffnungsgewalt
steht gebündelt, geballt im Begriffe bald.
Bald bedeutet: „kühn - rasch - sogleich“;
bald baut Balder sein besseres Reich !
 
Dies Bewusstsein birgt die Balder-Gestalt:
„Der Dunkel-Dämon liegt gebunden alsbald !“
Baldur heißt: „weiß - glänzend - blank - echt“,
wie bal, bel, belu, bert, baltus und brecht.
 
Helles Heil bringt Baldur, - der Heliand,
der fro-hen Sonne ist er so sinnverwandt.
Baldurs gute Botschaft woll‘n wir verstehen:
So wie er soll‘n die Toten auferstehen !
 
Gott Balder, Gott Fro - Gestalten der Güte,
ihre Antlitze spiegeln die Sonne, die Blüte.
Erblüht nicht die Sonne zum fröhlichen Rühme
auf himmlischen Auen als blinkende Blume ?!
 
Ist Lichtkraft nicht augenfälligst geronnen
auf blumigen Wiesen voll Blütensonnen ?!
Verbrüdert, wie Lichtglanz und Blust erscheinen,
Strahlkränze von Sonnen und Blumen sich einen,
so sind Gott Fro und Gott Balder verbunden,
sich gleichsam im Gipfel des Guten zu runden.
 
Im schimmernden Schönen sind sie zu sehen,
als Leiter des Lenzes leicht zu verstehen.
Doch was auch die beiden gemeinsam erschufen,
von Fro wird die Frische des Frühlings gerufen,
der Sonnenfürst fordert die Farben ans Licht,
sanft legt er des Lackes liebliche Schicht.
 
Aus dem Fro ist Baldur hervorgeflossen,
drum sind sie vereinigt als traute Genossen.
Es lautet des Baldurs Verständnisnorm:
Der Lichtgewalt Kraft und Erscheinungsform,
der Wille zum Wachstum ist seine Funktion,
sein Wesen ist Lichtsohnes Emanation.
 
Erz-alt ist das Gleichnis vom Erdensohn,
jener positiv prägenden Gottes-Person,
vom allweisen Vater hernieder gesandt,
dessen rechte, gerechte, regierende Hand,
ein Mittler zwischen den Menschen und Mächten,
verbindende Bande zu pflegen, zu flechten,
ein Segner, ein Soter, - gesalbt und gesendet,
in ihm zeigt sich göttliche Güte vollendet.
 
Worin wär‘ nur Wille zum Wohle zu wähnen,
welches Gesicht trocknet Kummer und Tränen ?
Des Lichtes Leuchten, - des Lenzens Lieder,
Gott spendet zum Troste sie wieder und wieder.
Beglückendste Gunst, die glüht im Gedeihen,
in massiger Mehrung, im faselnden Freien,
in erweckten Wachstumes schwellender Wucht,
ob in Pflanzen-, in Tier- oder Menschenfrucht;
gesegneter Schöpfungen Sprießen und Spreizen;
nie galt es Gott, mit dem Guten zu geizen !
 
Die irdisch erlebbare Wachstumsgewalt
durchwandelt so sichtbar die Wiesen, den Wald;
ihr fordernder Fuß fährt durch die Fluren;
der frisch-frommen Fährte fröhliche Spuren,
der Fruchtbarkeitsfeier Schwelgen und Prassen,
in Frühlingsgefilden zu fühlen, zu fassen.
 
Wo Erdensohns Fußspur die Erdschollen prägt,
wird jauchzendes Leben des Jahres erregt.
Wenn Heilbringers Zeichen den Boden ziert,
die Göttin des Lebens Geschöpfe gebiert.
 
Sein Phallos-Fuß will stampfen, - will stempeln,
so tanzt er in Erdmutters Tälern und Tempeln.
Der Phallos ist füglich des Frühlings Fuß,
seine Gnade, sie gilt als Vermehrungsgruß.
„Mehret Euch, mehret Euch“, mahnt seine Macht,
„so wird der Sinn Eures Strebens vollbracht !“
 
Die Wachstumskräfte zu fördern, zu stärken,
ist waltender Wille in weltlichen Werken.
Jeder Fürst und König führt seinen Kiel,
schwingt Zagel und Zepter für dieses Ziel.
 
Der Herrscherstab gleicht Heilbringers Glied;
ihr Zentrum zeigt aufwärts zum Lebenszenit.
Zepter, Zain und Zagel, die Lebenszweige,
sind die herrlichen, heiligen Fingerzeige.
 
Vertritt doch der König des Erdsohnes Huld,
Misswuchs, Machtschwund entsteh‘n seiner Schuld.
Ist sein Heil verwirkt, - sein Glück hinfort,
raten Fug und Recht selbst zum Königsmord.
Steht er doch jach und verjüngt wieder auf,
als Gottesgraf geht er des Heilbringers Lauf;
als Gottesgesandter vollbringt er sein Werk,
so trägt er des Mittler-Gott‘s Runengemerk.
 
Dies Symbol vom irdisch sichtbaren Segen,
Jahrtausende vermocht' es, die Seelen bewegen.
Als Dreispross, ein Denkmal undeutbarer Dauer,
in urferne Zeit ruft er Forscher - Beschauer.
 
Vom Sprießen - Sprossen allein will er sprechen,
wie Keime sich heben, wie Knospen aufbrechen,
wie Zacken, Zwecken, Zapfen sich ziehen,
bis sie zu starken Schossen gediehen.
 
Gleich wo auch die Triebe taugen und treiben,
aus welchen Lagern sie leben und leihen,
ob am Baumesgeäst, ob an Hirschgeweihen,
Der Dreispross meint nur das große Gedeihen !
 
Das stolzeste Tier mit strotzenden Stangen,
der Hirsch kommt wie Hardtes Herrscher gegangen.
Des Lenzos Licht verlockt und verlängert,
der prächtige Platzherr die Erd-Hinde schwängert.
 
Jenes Prangenden, Prunkenden pures Panier,
des trefflichsten Tieres Zeichen und Zier,
zuteil dem Herrscher und Hirsch zweifelsohne,
zeigt ja beider Kopfschmuck die Zackenkrone.
 
Das protzende Kennbild brozzender Ballung,
das Wahrbild der wackeren Wachstumswallung,
neuer Wiedererstehung erwachter Natur;
der Weiße Hirsch und der Weiße Baldur,
ein einziges Abbild aufstrebender Fülle,
unfassbarer Kräfte begreifbare Hülle.
 
So alt wie der Gott des Himmels und Wetters,
so alt ist der Kult des Sohnes und Retters.
Ersprießlicher Sprössling, - des Vaters Spross,
gesalbt und gesendet, - Christos, Dionysos,
Bakchus, Balder, Frodi, Liber, Adonis,
Telipinu, Dumuzi, Tammuz und Attis.
 
Die Zeiten verzerren, und Namen verstellen,
und doch ist der Urmythos aufzuhellen.
Die Gesänge und Sagen schwanken wohl wenig:
Doch ist der Soter Gott-Sohn und Gott-König,
die Erdenbahn wandelt er knappe Frist,
bis des Vaters Auftrag vollendet ist.
 
Er lebt als ein laut‘rer Lebendigmacher;
er wehrt dem verderblichen Widersacher;
seine Macht wird minder, - er sinkt und fällt,
er gibt sich, er opfert sich hin für die Welt.
Und der himmlische Rater, der raunet ihm zu:
„Bald weck‘ ich Dich auf, aus des Todes Ruh !“
 
Jeder Mensch, der des Meisters Plänen vertraut,
der die Auferstehung des Mittlers geschaut,
der da glaubt an die Niederlage des Bösen,
vermag sich von Angst und von Tod zu erlösen !
 
Der Fruchtbarkeitsbringer braust über Berge,
schüttelt die schlummernden Wachstumszwerge,
tanzt in die träumenden Täler hernieder,
putzt seine Pelze und glättet Gefieder,
trommelt die Pauken, bläst die Schalmeien;
er springt durch gähnende, blinzelnde Reihen.
Doch was er da anrührt, lässt sich erwecken,
was er nur ansieht, das will sich recken.
Weich wallende Winde bläh‘n seine Gewänder;
am Stößel-Stab fluttern die farbigen Bänder.
Es tropfen ihm Blüten aus wehenden Haaren;
schon summen die Immen, die Süße zu wahren.
Da winden sich Wesen aus finsteren Kammern,
sprengen die Lichtsucher fesselnde Klammern.
Sie tasten, sie taumeln, sie tappen hinauf,
und das Leben wagt seinen wirbelnden Lauf,
entfaltet die Segel, streckt seine Schwingen,
sich ein in den quirlenden Reigen zu ringen.
Des Werdens Walter weiß sämtliche Wege,
ob prächtige Bahnen, verschlungenste Stege,
 
Er findet die Faulen und fordert sie vor,
er sprengt jeden Riegel und pochet ans Tor.
Den Burschen straffen sich Sinne und Sehnen,
die Weibchen durchwabert ein wohliges Wähnen.
Tief drinnen spür‘n sie den minnigen Meister,
Erreger, Beweger holdseligster Geister.
Da ergreift sie ein schwindelndes Schwanken,
sie winken mit Blicken wie blühende Ranken.
Welch köstliche Künste sind zu verstehen;
mit zitternden Wimpern und wippenden Zehen;
ihre Augen malen gar zärtliche Zeichen,
störende Strenge soll wanken, soll weichen.
Nun fasst es die Maiden mit sanfter Macht,
Blumen müssen hinaus in die blühende Pracht.
Und über die Äcker, die Almen, die Auen
flattern die Tücher von fröhlichen Frauen.
Und hoch auf die Hügel verlockt es hinauf,
im Frühtau zu Berge, zum steilen Stauf.
Kommt Göttliches nicht von oben gegangen ?!
Gut lässt sich das Heil auf den Gipf ein empfangen.
 
Die Bergsteige münden in heimliche Wiesen,
Höhen-Tanzplätze, umraunt und gepriesen,
umhegt und verhehlt von Hurst und Heister,
Tummelstatt holder und hilfreicher Geister.
Die Berge sind ohne die Bürde des Bösen,
wo wär‘ es leichter, von Last sich zu lösen ?!
Auf die Zinnen hinauf zieh‘n keine Zagen,
auf die Türme mag sich kein Tiefel wagen.
Die Schrate hausen in Schlucht und Schlund,
auf den Gipfeln wird keiner weh und wund !
 
Hier wies uns die Mutter des Males Stelle,
wo das Gottesross erstampfte die Quelle.
Wo die Waldfee west, das Bornbräutlein braut,
die Ähni den Hupftanz der Huldren geschaut,
wo der Vater das Mütterchen einst überrascht,
wo die Hinde die Süße der Himbeeren nascht;
dort soll‘n, wie die Alten manchesmal sagen,
uns’re Hansen der Heiden in Hadertagen
zusammengetroffen, sich treu zu getrauen,
den Landfeind hinaus aus dem Lande zu hauen.
Hier riet man das Recht und hielt Gericht,
hier fasste die Ferne den Würger und Wicht.
 
Ist das nicht ein Ort, ein heiliger, freier,
und würdig der wähligen Fruchtbarkeitsfeier ?!
Hört ihr den Kuckuck, den Lebensverkünder?
Rasch wälzt Euch im Grase, - lebet gesünder.
Das guckzet der wohlgeile Gauch uns zu wahr,
er weist uns ein üppiges, wuchsfrohes Jahr.
 
Ein Bursch geht der blankesten Maid zur Seite,
an ihr hängt sein Hoffen auf flätiger Freite.
Sie reicht ihm den Krug zum köstlichen Trinken,
die Mondrauten nicken, die Farnwedel winken.
Er jagt sich zusammen, - jetzt oder nie,
zwei Farnfedern bricht er, - für sich und für sie.
Heut‘ freit die Walpurga, da darf er es wagen,
mit Walpurgiskraut ihr seine Sehnsucht zu sagen.

 

Die Fluten der lichten Fülle verrannen,
die Schatten traten aus Tälern und Tannen,
sie schleppen die Schleier der nahenden Nacht,
noch prangen die Kuppen in blutroter Pracht.
Die trauliche Tenne im heimischen Tann
zwingt zünftiges Jungvolk in Zauber-Bann.
Landsassen, Gesippen, - keiner war säumig,
umrainen die schummrige Rundung geräumig.
Letzte Strahlen umleuchten die Liebes-Lei,
die ein Urzeiten-Bett der Brunhildis sei.
Noch einmal streicht Tagvaters Abschiedsgruß
durch die Frigg‘dornhecke am Felsenfuß.
Dort lagern die Dirnlein beim großen Stein
und knüpfen, flechten und schnatzen sich fein.
Auf moosiger Matte die Mahlzeit versteckt,
den Disen ward sorglich der Tisch gedeckt,
den Holdinnen allen, die heilen und helfen,
den Asen und Alfen, den Alben und Elf en.
Wir geben den Guten gern unsere Gaben,
verlohnend ist es, die Linden zu laben.
 
Bald haben die Burschen den Brand erbracht,
den riesigen Feuerstoß jubelnd entfacht.
Schon klettert die Glut, verzehrend zu streben,
sind Flammen nicht Vorbild dem eigenen Leben ?!
So kraftvoll die heurige Zeit sich rundet,
ist auch der Machtmond zur Fülle gesundet.
Er greift in die Welt mit magischen Händen,
äugt die Wesen empor aus Ecken und Enden;
hinan auf die Höhen, dem Antlitz entgegen,
des Wanderers Willen ergeben ,- erlegen.
Die Bergwiese bringt sie nun alle beisammen,
die Menschenpaare im Tanz um die Flammen.
Der Junge scherzt mit dem holdesten Schatz;
die Flattermaus segelt nach Abend-Atz.
Die Feuer qualmen, die Funken quillen,
Brummeisen schallen und Zirpen schrillen.
Zupfgeigen und Trumbeln tönen darein;
Nachtfalter torkeln im zuckenden Schein.
Der Jüngling hat tief in zwei Augen geschaut,
es duftet so lockend die liebende Haut.
Das niedliche Nixlein lugt um die Bäume,
es weiß ja die seligsten Menschenträume.
 
Hinein in den Kringel, wer wollte noch kauern,
wer wollte nur labern, luren und lauern ?!
Da wird im Tanzen getollt und gesprungen,
keiner schont lämpig die Leisten, die Lungen.
Die Flechten fliegen so feuerdurchfahren,
kein junges Blut mag dumpf sich bewahren.
Zögern und Zaudern wird nimmer verziehen,
wir zirben verzückt, - die Sinne entfliehen.
Sie schwirren hinauf zu flimmernden Sternen,
aus zirbelnden Zeichen zu lesen, zu lernen.
Es hämmern die Herzen, Urgründe rauschen, -
verlangend die Lust, die Leiber zu tauschen.
Solch Drängen verhindert kein Damm und Deich,
die Liebenden schwingen im Minne-Leich.
Wir greifen einander nach Herzen und Händen,
im Tanzestaumel das Ich zu verschwenden.

 

Dies ist die Stunde, nun sind sie zu sehen,
man muss es nur recht und rätlich verstehen.
Es schwärmen die saugen Scharen der Stillen,
der waltenden Wuchskraft sind sie zu Willen.
Die nas‘weise Maid mit den brandroten Haaren,
die mag es nun heut‘ oder nimmer erfahren.
Sie begehrt zu begegnen den Segensbringern,
sie nestelt am Brustband mit bebenden Fingern.
Der lütz‘lige Lugstein mit Löchlein inmitten,
den gab ihr die Muhme nach Mühen und Bitten.
Wer jetzo hindurchschaut im festen Vertrauen,
erfährt die weißen, nachtfahrenden Frauen.
Und blinzelnd erblickt sie geblendet ein Bild,
unwirklicher Schönheit verklärendes Schild.
Beim brodelnden Dunst, um den wabernden Brand,
da kringeln verkettet so Hand an Hand
die Gnoten, Gespielen im klingenden Kreis,
dazwischen doch wallet es schimmernd weiß.
 
Da fleuchen, da fluten die Feen,
im Steigen und Sinken und Drehen.
Leichtfüß‘ger Leiber Gestalten,
gewappnet mit manchen Gewalten.
Die Truten, die Trauten, die Druden,
die lockend zur Labung wir luden,
die Hagsen, die Holden, die Hollen,
die dräuen bedrängenden Trollen.
Sie halten die Heimat in treuer Hut,
sie machen ermüdeten Müttern Mut,
sie leiten der Liebenden leichten Sinn,
grünende Gründe sind ihr Gewinn.
 
Traun und fürwahr, sie hat es erblickt, -
ein Mägdelein ward für ihr Leben erquickt.
Wie gesundend, gewaltig gereicht ein Gesicht,
das so tröstlich mit suchenden Seelen spricht.
Und wie sie so steht und träumend versinkt,
da hat ihr der lachende Liebste gewinkt.
Die wilden Weiblein aus Wald und Wuchs,
die feien die frohen Freienden flugs.
Und jach hinweg, um ein kleines Jahr
die Mutter ein knospendes Menschlein gebar.

 

Der Erwecker kommt über Gipfel gegangen,
auf allen Höhen wird er empfangen.
Fern, hinter Erdmutters „Sieben Bergen“,
erlösen die „Prinzen“ aus sämtlichen „Särgen“
die schlummernde Schönheit der Mutter Natur,
das ist des Heilbringers Straße und Spur !
Wenn er kommt, sinkt des Todes „Dornenhecke“,
er schlägt zurück die schneeige Decke,
er durchsprengt die Schildburg im kühnen Ritt,
er predigt Erwachen mit Schritt und Schnitt,
er zerschneidet die „Brünne“ mit seinem Schwert,
wie des Pfluges Eisen den Acker durchfährt.
Vor ihm liegt gebreitet die Erde, der Leib,
das ewige eine, viel-namige Weib.
Wären Twerge und Truden nur Traum und Trug,
so gibt es doch hilfreiche Geister genug,
die im fruchtbaren Erdreich wirken und wesen,
dass das Erdweib erwachen wird und genesen.
Es ist uns‘re Erce, Brunhilde, die Bechta,
Schneewittchen, Dornröschen oder Walpurga.
Auf dem „Hindarfjall“, demHirschkuhstein“,
da schläft die Erdfrau im Totenschrein.
Früh liegen die Kuppen in Schnee und Eis,
das Land ist noch braun, die Höhen schon weiß.
Dann sind die Berge „Walburgen der Wala“,
die Toten-Festen der schlafenden Frigga.
Zwar welkt niemals alles weibgöttliche Heil,
doch Wuchskraft ist Gott-Mutters Wesensteil.
 
Im Frühling kommt Fro-Baldur-Sigurd gegangen,
am Walpurgistag hat ihn die Wala empfangen;
Jungfrau und „Tote“ und „Noch-nicht-Frau“,
lang zeigt sich das Erdenweib unwirtlich rau.
 
Endlich ist sie bereit, sich ganz zu ergeben,
nun erst beginnt das natürliche Leben.
Jetzt ziehen jubelnd aus Bauten und Buden
die Hagsen, die Fruchtbarkeits-Disen und Truden.
 
„Das Lebendige steigt !“, so lautet ihr Gruß,
das Licht gibt den Höhen den ersten Kuss !
Die Täler trauern noch lange im Schatten,
der Herr will die Erde auf Bergen begatten.
 
So fuhren zum fünften, dem Vollmond der Fülle,
wie es der runische Kreis uns enthülle,
die Mächte der Mütter zu Mahlstatt und Mahl,
geziemend zu preisen der Mutter Gemahl.
 
Nicht wählige Weiblein nur waren willkommen,
das waren Feste der Frohen und Frommen.
Alte Weisen wispeln noch heut‘ von dem Werk
auf dem Brockisberg - auf dem Bechtelsberg.
 
In der minnemächtigsten Maiennacht
erwacht die Valborg zu prangender Pracht.
Wieder ist sie die Perchta, die Blütenbraut,
die der Baldur mit seiner Liebe betaut.
Gebrochen der Bann, - vorbei das Gebrest,
die Wuchskräfte feiern ihr Hochzeitsfest.
 
Die Zeitrunen zeigen den Standort der „Zehn“;
der Gottes-Elch will in den Sommer geh‘n.
Die Sonne durchhurrt schon den Himmelsstier,
dies gewaltige, st rotzende Gottestier.
Im ersten Vollmond der Sommerzeit
hat Freia-Walburgis - Fro-Balder gefreit.
Wo im Runenwendel Erweckung wohnt,
zum Wadel war Hochzeit im Wonnemond.
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