14. RUNE isaz - Eis/Kaltmachen/Tod - Lichtabstiegsbeginn

Siegfried, eine Emanation des Sonnengottes Fro-Baldur,
wird um die Sommersonnenwende im Odenwald hinterrücks gemeuchelt.

 

ZEITRAUM DER RUNE 

Der Gottheit Wesen ist ausgewogen,
im Gleichnis trägt sie die Lyra, den Bogen.
Zwei Kräfte, die „gegeneinanderstreben“,
sind Vater und Mutter von allem Leben.
 
Wenn an Bogen und Lyra des Meisters Hand
die Sehne, die Saite, vom Körper spannt,
und lässt sie jach zueinander schwingen,
da muss aus beiden ein neues entspringen.
 
Es klingt hervor aus zweien das Dritte,
der tanzende Ton, das Kind ihrer Mitte.
Beugt brav sich des Kampfbogens Biegekraft,
bevor sie zurückschlägt und wieder erschlafft,
springt aus zusammenschnellender Qual,
von gepeinigter Sehne der tötende Strahl.
 
So erfüllt sich das andere Lebensgebot
vom weltverjüngend waltenden Tod.
Nur der Gegensatz gebiert die Dinge,
der Streit ist Erhalter lebendiger Ringe.
 
Die Welteibe Yggdrasils, - ein Schreckensbaum,
verbindet wohl Erdreich mit Himmelsraum;
Stoff vermählt sie mit Feuergeist,
damit nicht der Ring des Lebendigen reißt.
 
Sie selbst ist die Leben-leistende Leier,
lebendiger Seins Klänge klarer Befreier.
Sie ist auch der mächtige Eibenbogen,
dessen Sehne vom Hohen zum Tiefen gezogen.
 
Zwischen Leben und Tod ist sie eingespannt,
darein ist das ewige Werden gebannt.
Solange die Spannung der Pole hält,
bewahrt sich der Wohlklang unserer Welt.
 
Der Gipfel des Jahres ist übergangen,
noch sind wir vom hohen Leuchten umfangen;
noch fliegen die frohen Gedanken zurück,
an Blüten des Frühlings haftet der Blick.
 
Es guchzte der Gauch, die Nachtigall schlug,
es klangen der Liebe Lieder genug.
Des Frühjahres jubelnde Tänze und Träume,
beglückenden Gottes blümende Schäume,
sie sind verklungen, verblasst, verblichen,
wie rasch ist holdselige Jugend gewichen.
Die reine, die milde, belebende Kraft,
sie scheint verwundet, - so rätselhaft.
 
Der Kalender hat es gut erkannt:
Der „Böse Krebs“ geht durch das Land.
Der Kanker will das Jahr „bekehren“,
mit krummen Krampen, scharfen Scheren.
Gilt doch noch heute wie immer schon
der hakige Krebs als Krankheitsdämon.
 
Zwei Brüder drehen das Jahresrad,
Frühling und Reife sind zweierlei Tat.
Die umworbene Schwester zwischen den beiden
muss sich im Wechsel für einen entscheiden.
 
Sie ist Frigga, Nanna, Isis die Erde,
sie ist die urewige Mutter am Herde.
Wer immer am Herde will rühren, will raten,
ohne die Mutter wird gar nichts geraten.
Die Brüder handeln um Herdes Besitz
mit wagender Wucht und wirsigem Witz.
 
Keinem gelingt der sieghafte Streich,
sie sind an Kräften einander zu gleich.
Höder, das Abstiegsprinzip der Natur,
walkt gegen den wanisch-hellen Baldur;
Balder, der lichten Götter Genoss,
der hadernde Hödur ein Albenspross. 
 
Gar viele Legenden belegen das Leid,
das erwuchs aus „feindlicher Brüder“ Streit.
In den deutschen Nibelungen-Sagen
wetteifert mit Siegfried der düstere Hagen.
Die Ägypter schauten zwei Gegner-Giganten
in Horus und Seth mit ihren Trabanten.
 
Es rinnt die Zeit, das Jahr rollt hinab,
das Aufstiegsprinzip gibt die Herrschaft ab.
Der weiße, geliebte Gott ist gegangen,
der Andere darf „seine“ Göttin umfangen.
 
Vieler Völker fragende Phantasien
erschufen die Bilder der Allegorien
vom Wechsel der Zeit und dem Opfertod,
eines Gottes niederneigender Not.
 
So wie es stets war, so ist es geblieben,
die Sterbetage nur stehen verschieden:
Telipinu, Dumuzi, Tammuz, Baldur, Christos,
Adonis, Attis, Osiris, Orpheus, Dionysos.
 
Ist der lichte, lautere Held zu entrechten
im gottgesegneten ehrlichen Fechten ?
Wie konnte der Dunkle den Hellen bezwingen ?
Das wollte mit Lüge und List nur gelingen.
 
Unüberwindlich sind sonnige Recken,
ist die schutzlose Stelle nicht zu entdecken.
Am Fuße allein war Achill zu verwunden,
der tödliche Pfeil hat die Stelle gefunden.
 
Ein Tamariskenzweig traf den Isfendiar,
dessen heldischer Leib unverwundbar war;
der teuflischen Treiber derkender Teil,
ins Auge schoss ihm der Schreckenspfeil.
 
Des strahlenden Siegfrieds Herrlichkeit
erschien gegen jegliche Waffe gefeit;
allein des Finsternis-Trolles Trug
lenkte den tödlichen Lanzenflug.
 
Dem Adon riss die Lende ein Eberzahn,
der wurde sein tilgender Todesspan.
Auch für Baldurs Leib, für Baldurs Leben
schien es Gefahren nimmer zu geben.
Doch die magische Macht mischte sich ein,
das dunkle Prinzip musste Sieger sein.
 
Doch das freisliche Finstere hilft zu entscheiden;
das Laster, die Lüge mag Lichtvolles meiden.
Das verhüllende Dunkel, der deckenden Nacht,
die hat sich der Dämon nicht ausgedacht.
 
Doch weil er selbst in der Finsternis fußt,
hat er die Nächte zu nutzen gewusst.
In jedem Streit steht das Licht gegen zwei,
gegen den Gegner bei dabei;
und jener wird nicht ruhen zu hoffen,
einst werde das Helle endgültig getroffen.
 
Der dunkle Bruder will nur zur Macht,
doch Loke hat Baldur den Tod zugedacht.
Der Loke, die Lüge, die Unheil sät,
er ist es, der Hödur zur Tücke rät.
 
Den Mistelzweig reicht er, den mickrigen Spross,
der gerät zum grässlichen Galder-Geschoss.
Warum soll die Mistel zum Tode taugen ?
Wohl‘ weil sie schmarotzend die Kraft mag saugen.
Aus der Ader der Eiche saugt sie das Blut;
drum sei auf der Hut vor der „Mistelbrut“.
 
Ist der Mythos der Mistel mehrdeutig zu denken,
mögen Quellen Vermehrung der Klärung schenken ?
Der Mistelzweig schien schlank, glänzend und glatt
wie ein Schwert, das schimmernde Schneiden hat.
 
War der „Mistilteinn“ ein Zauberschwert,
das die Helfer der Hölle dem Hother beschert ?
War der „Wundenzweig“ aus dem „kalten Wald“,
aus der Eisregion, von Kristall-Gestalt ?
 
Aus den tiefen Tälern der Trolle und Joten,
wo Schrate, Schrättel und Schelme drohten,
schrecklichen, schattigen, sehrenden Schluchten,
bresthaften, garstigen Barren und Buchten,
vom nördlichsten Norden, aus Nebelheim,
holte sich Hother den karigen Keim.
 
Eine Waffe, aus solchen Wurzeln geworden,
wusste das lachende Leben zu morden.
All die breiten Berichte, die wir befragen,
verstehen sehr sicher, nur eines zu sagen:
Von dem traurigen Drama um Baldurs Ende
erzählte man mehr als nur eine Legende.
 
Das Zeichen EIS für des Gottes Leid,
schrieb der Runenschöpfer in diese Zeit.
Drei Bedeutungen von selbigem Sinn
liegen in der „Rune des Todes“ drin.
 
Eis als der Urfeind von Wäme und Leben,
muss das sicherste Todessymbol ergeben.
Auch von EISEN, dem Stoff der mordenden Waffen,
ist dieser „Stab des Sterbens“ beschaffen.
 
Typhon-Seth, der Satan, hat Knochen von Eisen,
so sagten die alten, tiefsinnigen Weisen.
Doch indogermanischer Grundsprache Teil
kennt auch ISUS - ISHU - ISU, den Pfeil.
Der Pfeil, den der Runenkalender hier nennt,
er funkelt noch heut‘ durch das Firmament.
 
Des Sirius sengend-sehrenden Blitze
sind des „Pfeilgestirnes“ schreckende Spitze.
Die Göttin Satis als dessen Verkörperung
trägt Bogen und Pfeile der Schädigung.
 
Göttin Skadi, das germanische Gegenstück,
sucht in Jagd und Winter ihr eigenes Glück.
Die Winternächte beherrscht sie auch ganz
mit ihrem das Südbild bestimmenden Glanz.
 
Steht die Sonne am tiefsten zur Winterwende,
triumphierten am steilsten des Sirius Brände.
Im Stern mit der bösen, roten Korona
sah man auch Loge und Seth in persona.
 
Den „Mann mit der Lanze“ und „Bogenstern“
benannten die Alten das Sternbild gern.
Das Symboltier des Seth, ein Hund oder Greif,
dies Zeichen zeigt einen Pfeil als Schweif.
Ein nordischer Name blieb uns bekannt,
„Lokabrenna“, das ist Lokes Brand.
 
Der Lichtjahrgang hat sich herumgedreht,
wenn des Sirius Einfluss am Himmel steht.
Zwar ist er im Frühlicht noch nicht zu schauen,
doch schon klagt die Welt unter Wolfes Klauen.
 
Des „Großen Hundes“, des Wolfes Augenstrahl,
der Sirius, sendet sein Unheil zu Tal.
Von ihm schien die Eisrunenzeit geprägt,
sie ward mit dem Namen des Hundes belegt.
 
Als „Hundsman“ galt schon der Monat der Wende,
und der höllischen Hundstage Sternenspende
erwartete man Anfang Heuernte-Mond,
wenn zwar Sothis noch nicht im Frühlicht thront.
Dies schienen dem Meister der Gründe genug,
dass den Eis-Stab er in die Runen trug.
 
Es waltet der wölfische Stern so schlimm
als Harmpfeil, als EIS-Schwert, als ISEgrim.
Des gemordeten Gottes Weiheblut
rinnt über das Land als heilende Flut.
 
Es fällt als Tau in der Todesnacht,
das hat schon viel Sieche gesund gemacht.
Es will auf Kron- und Kelchblätter sprühen,
um im Kräutersud für die Kranken zu glühen.
 
So sind mit der heilsamen Last betaut
die gelben Blüten vom Sonnwendkraut.
Nun füllen sich rot die „Balderbeeren“;
das Blut will den Segen der Erde vermehren.
Und ein Rest davon färbt das Korn noch rot,
und ein Teil davon ist im täglichen Brot.
 
Die Gottheit des Lichtes ist wie ein Schwan,
der da schwimmt im himmlischen Ozean.
Die Gottheit des Lichtes, - dem Adler gleich,
sie gleitet über ihr randloses Reich.
Die Gottheit des Lichtes, - ein goldener Hirsch,
den hetzt der Dunkle auf jährlicher Pirsch.
Die Gottheit des Lichtes, - ein reines Ross;
dem sticht der Unhold den schlimmen Stoß.
Die Gottheit des Lichtes, - ein strahlender Held,
den der Böse mit Tücke zu Tode fällt.
 
Nach der Sommerwende spielt dies Geschehen,
wenn das Jahr beginnt, sich zurückzudrehen.
Ist der Sirius-Pfeil, - Lokis scharfer Brand,
um Schaden zu tun, von der Sehne gesandt,
dann wurde das kosmische Drama erwogen
und im frommen Kultspiel noch einmal vollzogen.
 
So ist‘s üblich in sämtlichen Religionen,
in allen Zeiten, in allen Zonen.
Bis auf den heutigen Tag ist‘s geblieben,
in‘s Brauchtum hat sich‘s hineingeschrieben.
Oft kennt man kaum noch den Ursprung der Sitte,
die treulich gepflegt wird in Volkes Mitte.
 
Aus würdigem Kultspiel erwuchs die Feier,
doch war bei den Alten die Würde auch freier.
Und auch das ernsteste Kultgeschehen
durfte natürliche Freude durchwehen.
 
Um den Jahresgipfel, doch wohl etwas danach,
da das dunkle Prinzip das Helle erstach,
wird mit der Armbrust, der Büchse, dem Bogen
zum freudigen VOGELSCHIESSEN gezogen.
 
Die ehrenwerte, erfahrene Gilde,
das kultgenossenschaftliche Gebilde,
aus germanischen Volkes eigenem Grund,
aus urfernen Zeiten, - noch immer gesund,
sie hat sich ein Stück alter Freiheit bewahrt
und bildet das Fest in beständiger Art.
 
Um den Sonnenadler auf hoher Stange
ist das alte Kultspiel im Jungen Gange.
Hoch aufgehängt sind auch Sonnenreifen,
nach denen die Reiter mit Speeren greifen.
 
 
Schuss auf den Vogel und Stoß nach dem Ring
ist das urfirne Brauchtum zum Mittsommerthing.
Das hat sich der Mensch nicht ausgedacht,
der Himmel hat es ihm vorgemacht !
 
Das Pfeilschießen in der Sonnwendzeit,
als Jahrtausende alte Gepflogenheit,
hat sicher schon arisches Urvolk gekannt
in seinem gemeinsamen Heimatland.
 
Zum altiranischen Fest der Wende
strömten die Menschen ins freie Gelände,
entfachten die Feuer bei frischen Quellen
und schmausten und tauchten hinein in die Wellen.
 
Dann schossen sie Pfeile zum Himmel hinauf,
so geschah der fröhliche Festverlauf.
Und die Inder beschossen ein weißes Fell,
gleich der Sonne war es so rund, so hell.
 
Die würdigen Veden berichten davon:
dass Dyauspita, - versternt im Orion,
der Urvater, der lichte Schöpfungsherr,
getötet wurde durch Rudras Speer.
 
In Antilopengestalt lief der göttliche Spross,
da traf ihn tödlich des „Bösen“ Geschoss.
Jener Harmpfeil, mit dem diese Tat geschah,
war der dreispitzig scharfe ISU-Trikanda“.
 
Auch Dyauspitas Tod liegt ein Plan zugrunde,
von diesem Heilsplan erhielten wir Kunde.
Das Opfer vollzog sich zur Sonnenwende;
das arische Urbild von Baldurs Ende.
 
Der Mittsommervollmond läuft über das Land,
da hat man den Leib des Erlösers verbrannt.
Die Menschen wollten nicht abseits steh‘n
und mischten sich ein in das große Gescheh‘n.
 
Ihre Brandstöße bleckten und blinkten hinauf
und heischten um Huld im Jahresverlauf.
Man sah ja der glänzenden Gottheit Gesicht
als eines überirdischen Rosses Licht.
Der Helligkeits-Hengst ist arg verletzt,
ihm wurde der freisliche Hieb versetzt.
 
Und soll nun das ragende Reine scheiden,
da sollen auch Trübnis und Trauer beeiden,
all die sich als Söhne der Sonne sehen,
die sich als Kinder der Klarheit verstehen.
 
So legt mit dem Gottesgedenken zusammen
den Ross-Schädel ‘rein in die Opferflammen.
Die Feuer des Baldur, - „Balders - balar“,
wie sie brannten, brennen sie immerdar.
 
Die Zeit wird erfüllt vom heißen Hauch,
Fäulnis und Fieber mehren sich auch.
Die „hunteligen“ Tage zieh‘n hurtig herauf,
da türmt sich die nagende Not zuhauf.
 
Drum grabt nach dem Isen-, dem Eisenkraut,
weder Sonne noch Mond haben zugeschaut.
Nur dann ist es neigig in vielen Nöten,
denn Böses ist nütze, das Böse zu töten.
 
In heißem Harm, unter karigen Klagen
wurde der „Frühling“ zu Grabe getragen.
Heißt er nun Kostromas, Jarilo, Balder, -
er war der glücklichsten Gnade Gestalter.
 
Der Heuert hebt an, Mähder rüsten zur Tat,
bald liegen die leeren Scheuern voll Mahd.
Eure ersten Büschel werft in den Wind,
in dem die Ahnengeister, die guten, sind.
Lasst die letzten Bündel im Felde steh‘n,
denn der Wachstumsgeist darf nicht vergeh’n !
 
Achtundzwanzig Nächte lebte der Mond,
so waren die Alten zu rechnen gewohnt.
Nach vierzehn Nächten beginnt er zu schwinden,
so steht die Vierzehn für sein Erblinden.
 
In dieser Zahl hat Osiris gelitten,
in so viele Teile hatt‘ Seth ihn zerschnitten.
So sind auch vierzehn „Nothelfer“ nötig,
gegen alle Gefahren zu helfen erbötig.
 
Vierzehn Nornen beschirmen vor Neid, vor Nit,
dass dem Ninnen-Kind nimmer Schaden geschieht.
Ist die Vierzehn zwar eine Zahl, die bedroht,
ist sie doch auch „Fünf“ und heißt „Opfertod“.
Aus dem Gottesopfer fließt nun der Segen,
das Ernteteil wird er gewaltig erregen.
 
Wie der Mond sich verliert und wiederfindet,
wie er vergeht und neu sich begründet,
wie er es vermag, nach jedem Sterben
die Lebenskraft wieder zurückzuerwerben,
so ist er ein Gleichnis für alles Vergehen
und das unaufhaltsame Auferstehen.
 
So sinkt auch das Korn in den Boden hinab,
als Feldfrucht sprießt es hervor aus dem „Grab“.
Dies Wort hauchte 0din dem Toten ins Ohr:
„Balder, mein Sohn, du wächst wieder empor !“

 

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