18. RUNE gebo - Gabe / Gegengabe - Erntedank

 
Kornmutter von Jinx Mim
 
ZEITRAUM DER RUNE 
 
 
Die Garben gefahren, - die Ernte gefasst,
nun wird gezecht, geschmaust, geprasst.
Herbei, ihr Burschen, von Äckern und Sennen,
auf nun zum tollen Tanz auf den Tennen.
 
An die Giebelstange die Bänderkrone,
dem Schweiß der Schnitter und Mäher zum Lohne,
dem Vater zur Ehre, dem Sohn und dem „Ahn“,
 wir feiern den frohen „Erntehahn“.
 
Der achtzehnte Saal steht im Sonnenlicht,
die runische Neun ist ein Sonnengesicht.
Das jünglingshafte, lichtgeistige Pferd,
dreimal gereift auf achtzehn vermehrt.
 
„Achtvoller“ Vater vor „Neu(n)ling“-Sohn,
so lehrte der Runenweise es schon.
Als sonniger Sohn galt Gott Ingo-Fro,
dies verrieten die Runen uns ebenso.
 
Die Vatergott-sohnliche Sonnenkraft,
die jährliche Mehrung der Ernte schafft.
Das Korn auf dem Acker, - das Lebensbrot,
es wächst auf Gottes Geheiß und Gebot.
 
Der goldenen Ähren heilige Zucht
sind Sonnengedankens Weihefrucht.
Die gelben Garben, die guten Gaben,
die wir mit der Ernte empfangen haben,
galten als köstlichstes Gottesgeschenk;
im gebackenen Brot, im gebrauten Getränk;
Sonnenkraft ist da hineingegeben,
des Sonnenlicht es unsterbliches Leben.
 
Drum denket, da ihr die Brote brecht,
drum wisset, wenn ihr vom Biere zecht,
es ward aus gottgeistiger Sonnenglut
im Brote der Leib, im Biere das Blut.
Woran sich der Mensch auch atze und labe,
es ist himmelsherrliche Sonnengabe.
 
Der Sohn ist vom Vater der Welt gesendet,
damit er sich ihr in Liebe verschwendet.
In seinem Jahrgang verschenkt er die Kraft,
ins Brot hinein, - in den Gerstensaft.
 
Im goldschimmernden Tropfen und Ährenlaib
spendet er selbst sich zum Segensverbleib.
Er hat sich gegeben ins Bier und ins Brot,
und somit erlöst er die irdische Not.
Der Vater schenkt uns sein höchstes Gut,
des heiligen Sohnes Leib und sein Blut.
 
Leben muss scheiden, wo Schatten liegt,
Leben sprießt dort wo die Sonne siegt !
Seit unzähligen Zeiten, für alle Verehrer
ist sie der sichtbarste Lebensvermehrer.
 
Das Malkreuz im Felsbild als ihr Symbol,
seit Jahrtausenden kennt es der Norden wohl.
Die Überlieferung war alt und sicher,
der Gedanke - ein rechenmeisterlicher,
als Adam Riese sich nicht irrte,
die Rechenkünste formulierte,
das Vervielfältigungszeichen seiner Wahl
war das Sonnenkreuz, das Vermehrungsmal.
 
Die Gaben-Rune am Kornernte-Ende,
meint Sonnenkreuz und gekreuzte Hände.
Denn jedes Nehmen erfordert ein Geben,
so lautet die Lehre im menschlichen Leben.
 
Die Hohen sollen uns nimmer schelten,
ihre GABEN muss man mit GABEN vergelten.
Den Gottesgnaden und -gaben dagegen
soll man die Ernte-Dankgabe legen.
 
Die Gabe, das Geben, „geba“ und „gefa“,
sie gelten wie Geld und Vergeltung beinah‘.
Gelten, „geltan“ heißt „Gegengeben“, -
eine Gabe der Gottheit entgegenheben.
 
Die „Gebe-Genossenschaft“, die „Gilde“,
hielt gemeinsamen Dank für Gottes Milde.
Die Weihegenossen traten zusammen
zum Kreis um die Dankes-Opferflammen.
 
Die „Gabe-Gelten-Rune“ sagt uns hier wahr,
jetzt brachte man Ernte-Dankopfer dar,
für die göttliche Ganzheit, doch aber zumeist
für den göttlichen Ingo, den Sonnengeist.
 
Im einstigen Sprachverständnis der Alten
war im Wort Gabe bewusst enthalten:
Geschenk, Weihung, Blout für die Hohen;
einst sah man die Dankopferfeuer lohen.
 
In des Runenzirkels Zahlenreigen
ziehen die Zeichen zum Fallen und Steigen.
Es erzeugt der Zirkel zu seiner Zier
der runischen Sonnen-Neuner zwier
 
Die erste Neun steht im neuen Mond,
so wird ihre kletternde Kraft betont.
Der Sonnengeist tanzt im Aufstiegsspiel
über steile Wege zum Gipfelziel.
 
Die zweite Neun, in des Mondes Massen,
 bedeutet Niedergang und Verlassen.
Das Sonnenrad rollt ins Jahrestal
hin zum mitternächtlichen Mutter-Mal.
Zweimal die Neun, und doch nicht gleich,
Drum Vorsicht im runischen Zahlenreich !
 
Wenn‘s Jahr zurückgeht, nach Sunnewenden,
muss die lichte Reinheit des Aufstiegs enden.
Dieses Prinzip ward als Baldur beschrieben,
die weiße Gestalt, die wir ehren und lieben.
 
Ein Erfüller, ein Ausfluss des Sonnen-Fro,
der viel zu früh mit dem Frühling floh.
Sie blieb wohl erhalten im Jahresrahmen,
doch schlecht getarnt unter neuem Namen.
 
Ihr alter Kern blieb traut und stumm,
des Johannes Rock warf man ihr um.
Dort, wo der Abstiegsbeginn sich dehnte,
dort, wo der Kalender die Wende wähnte,
wurde Balder-Johannes hineingeboten,
dass ihm fürderhin die Bal-Feuer lohten.
Es wuchs die kirchliche Kunstfigur,
den wahren Gott schnitt die Zensur.
Das Volk ertrug‘s und blieb sich treu,
sprach vom „Johannisblut“ ohn‘ Scheu.
Und doch hat Balders Heil-Ersatz
als frisch geborener Windelmatz
kein blutig‘ Tröpfchen je versprüht,
aus dem ein Heilkräutlein erblüht‘.
Die Menschen sahen also klar,
dass dies der falsche Johann war.
Der and‘re starb ja erst viel später;
zwar war auch er kein Missetäter.
Das Brauchtum aber blieb besteh‘n
und mochte nimmer untergeh‘n.
 
Auf Baldurs Leib zog Pfaffen-Schalk
Johannis rausgeputzten Balg.
Und um die Wahrheit zu verwickeln,
tat den man in zwei Teile stückeln.
Den einen setzt‘ man in die Wende,
den zweiten an das Sommerende.
Das taugte zwar zum Trügespiel,
zur argen Art, zum Aberziel,
allein -, es ist mitnichten wahr:
 
Der Lichte war schon lange da.
Der Herbst-Johannes steht genau;
baldurisch-frölich blickt er glau
vom rätlich-rechten Runen-Ort, -
er stand schon eh und immer dort.
Der Runenzirkel zeigt den Zwang
der Gottheit im Kalender-Gang.
Ein Denkgesetz rief sie zurück,
doch Glaube ist kein Rechenstück,
zumindest nicht in jedem Nu,
es kommt das Abschau‘n auch dazu.
So blieb es unabänderlich,
und auch die Pfaffen fügten sich.
 
Zweimal steht Balder-Fro im Kalender,
als sterbender Antrieb, - als Fülle-Vollender.
Der Eis-Runenpfeil erschuf ihm den Tod,
 zur Gaben-Rune erwacht er im Brot.
 
Das Herkommen kann dies wohl beweisen,
die Nachkommen Rjuriks wollen wir preisen.
Die „germanischen Russen“, die Völker der Russ,
erhielten trotz zirbelndem Zeitenfluss
die beiden Daten im Brauchtumskranz,
umstrahlt von altgläubig, urigen Glanz.
 
Den längenden Lenzo, den „Lebensfroh“,
die Ursach‘ des Wachsens, benennen sie so:
Jarilo von „jar“, - die Jugendkraft,
frühlingsf roh, fähig und fabelhaft.
 
Jarilo reitet auf weißem Ross,
blumenbeladen sind er und sein Tross.
Zwei Gruppen ringen, - dafür und dawider,
eine will schützen, doch stößt man ihn nieder.
 
Er wird begraben, er wird begreint,
es klagen die Freunde, erschüttert vereint:
„Er ist gestorben, er ist gestorben,
er steht nimmer auf, er ist verdorben;
weß‘ war er schuldig, er war so gut !“
betrauern die Frauen sein junges Blut.
 
Bei Jarilos herbstlichem Jahres-Empfang,
da segnet sein Fuß, es weihet sein Gang,
dass frisch eingesäte Acker gedeihen;
die ringen Mädchen in ringelnden Reihen;
den Ährenbüschel hält er in Händen,
Sprießkraft des Kornes soll er doch senden.
Lieder erklingen von seinen Taten,
die wahrhaft, wohlwillig sein Wesen verraten:
 
„Und wo er hintritt mit dem Fuß,
da wächst der Roggen dicht empor,
wohin sein Blick sich wenden muss,
reift überall die Ähr‘ empor.“
 
Wenn Runenwitz und Brauchtumskreis
es so wie der Kalender weiß,
dann dürfen wir wohl voll Vertrauen
der Ordnung in die Augen schauen.
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