19. RUNE kenaz/kano/kaunan - Kienspan/Kahn/Karbunkel (Herbst-Gleiche)

 
Spinnstubenarbeit bei Kienspanlicht
 
ZEITRAUM DER RUNE
 
Der neunzehnte Stab bringt die Finsternis,
und doch ist uns sein Begreifen gewiss.
Ein Kien, die älteste Helligkeitsquelle,
hält uns das Haus in genügender Helle.
 
Der geschlissene Span, eine Elle lang,
das beste Symbol für den Lichtniedergang
und für den Beginn der Lichtarbeitszeit,
stand als Bildvorlage der Rune bereit.
 
Die Spinnstuben rufen zur rührigen Runde
Mütter und Maiden in schumm‘rige Stunde.
Da schnurren wieder die rastlosen Rädchen,
durch fleißige Finger fliegen die Fädchen.
Die Muhme raunt Mären nach alter Sitte,
die Kienleuchte flammt in der Kammermitte.
 
KIEN-KAUN-KORN-KAHN sind knapp und klar,
als Begriffe der Runenzeit wahrnehmbar.
Mit Kaun und Kien kommt Unglück gegangen,
der Weg auf den Winter hat angefangen.
 
Der Scheiding ist in das Jahr gekommen,
hat die licht-langen Tage hinweggenommen.
Die Herbstgleiche macht die Abende lang,
hier beginnt der schleichende Untergang.
 
Am Körper des Jahres wächst ein Geschwür,
aus der Gleiche wuchert die Nacht herfür.
Ein Abschiednehmen liegt über der Zeit,
schon fühlt sich der Totenferge bereit;
 
Nagelfari verspürt nun Neigung zur Nott,
er macht Nagelfar, sein Totenfloß, flott.
Vom Jenseits-Ufer stößt ab der Kahn,
bald landet er bei den Lebendigen an.
 
Das Manen-Schiff ist es, die Geister-Fähre,
der Seelen-Nachen, die Schwarze Galeere.
Ins Krumen-Grab sinkt nun das Korn,
dumpf tönt von fernher das Totenhorn.
Im Wolfsrachen scheint der Mond versunken,
oder ist er von  Schwarzalben leergetrunken ?
 
Meist waren Schwarzmonde mutterheilig,
die Vollmonde aber doch gegenteilig
als heilige Zeiten des Vaters galten,
so will es der Runenkalender erhalten.
 
Sämtliche großen Mutter-Festnächte
erringen in Neumonden redliche Rechte.
Dem war jene Ritus-Regel verpflichtet,
so sind auch des Meisters Runen gerichtet.
 
Geziemender Sinn liegt dem zu Grunde,
der Mutter gehört jede erste Stunde.
Hoch galten der Juno ihre Kalenden;
das Wachsende muss halt die Mutter spenden.
 
Der K-Stab steht für „kvenn“ und „kvan“,
der karigen Zeit ist er zugetan.
Das Weib gleicht einer „Grabesgruft“,
der sprießenden Spalte, der keimenden Kluft.
 
Doch Mutters Kienspäne blinken und blaken,
ihre kürzeste Kennung: ein einfacher Haken.
Die krumme Linie, des Lichtes Krümmung,
diente als Lichtniederganges Bestimmung.
 
Da der Unhold die Haken-Kralle erhebt,
die Klaue des Todes nach Leben strebt.
Doch wächst ja neu aus der Weltenmuhme
aus Erdmutters Kessel, aus krummer Krume,
das Glanzheil zur Gänze wieder herauf,
so zwingt die Herrin den Zeitenlauf.
 
Der Göttin Haus birgt den neunzehnten Saal,
denn neunzehn ist Eins, die Mutter-Zahl,
neunzehn Nornen-Nonnen, hehr und geheuer,
hüteten Licht-Herrins Heiliges Feuer.
 
Der keltischen Brigits keusche Jungfrauen,
in neunzehnter Rune sind sie zu schauen.
Der Kalender hat sich der Treue geschämt,
die Göttin zur menschlichen Lucina verbrämt.
 
Doch nur Erblindete kann er noch täuschen,
die Sehenden sollen die Schatten verscheuchen:
Die „Juno-Lucina“, die Göttin ist,
der Kalender tarnt es durch lürzende List.
 
Diesen Makel bereinigt der Runen-Ring,
er lädt die Lüge ins richtende Thing.
Der Göttin Lucina altheiliges Zeichen
in Himmels-, in Erd- und Tiefen-Reichen,
war Brandspan, FACKEL und Kerzenlicht,
weil das Leben aus ihr zum Lichte bricht.
Aus nächtiger Höhle, aus dunklem Schoß
entlässt unsre Mutter den Lebensspross.
Bei jedem geglückten Geburts-Verlauf
steckt die Mutter ein neues Lichtlein auf.
 
Sie sitzt am Schicksalsstuhl und webt,
die Göttin gebiert, die Göttin begräbt.
Sie knotet Schlingen, dass Knospen entstehen,
sie löst die Bänder im Blätter-Verwehen.
 
Und was auch die Mutter hervorgebracht,
nun sinkt es zurück in die Mutternacht.
Kerne und Körner aus Hülsen und Schoten,
gewachsener Wille der Lebensboten,
sie sinken, sie säen zum Grunde nieder.
Nun hat die mummende Mutter sie wieder.
Sie fächert die schützenden Falten weit
und hüllt ihre Kinder ins Mantelkleid.
So wird sie zur bergenden, hegenden Hel;
ihr liebender Wink wird zum Todesbefehl.
Die einen erlöst sie zur rettenden Ruh‘,
andern löscht sie die lachenden Augen zu.
Den Hel-Weg weist sie den wachen Wesen,
damit sie in Armen der Mutter genesen.
Sie stillt das Blut in stürmischen Adern,
vom herrschenden Hetzen, Hoffen, Hadern.
Hinter Helgrind, dem helenden Totenzaun,
hinter Nagrind nur ist der Ruhe zu trau‘n.
Aus der Halle Hels, aus hüllender Haft,
aus der Ruhe hebt sich verjüngte Kraft.
Und die Mutter lässt wieder so im Geheimen
die Seelen der Wesen erneut erkeimen.
 
Wie könnte der Mensch die Gottheit erkennen,
wie sollte Unnennbares er benennen ?
Völker und Zeiten aus vielerlei Samen
erdachten der Hohen die heiligen Namen:
Gäa, Demeter, Ceres, Zisa, Juno-Lucina,
Hera, Hekate, Hei, Artemis, Diana,
Istar, Isis, Kybele, Frigga, Tanfana.
 
Die Namen der Göttinnen, die wir da reihten,
könnten leichthin zum Fehlschluss verleiten.
Auch die Alten kannten den Grundgehalt,
es sind nur die Kleider um eine Gestalt:
 
Weitweib - Mondfrau - „Unsterbliches-Muss“;
Erdmutter - „nährt us“, die ewige Nerthus.
Tacitus berichtet‘, der redliche Berater,
von der Mutter „Nerd“, der Terra-Mater.
 
Um den Weiden die frühe Weihe zu spenden,
Ackerschollen Säfte und Segen zu senden,
wallte auf kunstreich gewerketem Wagen
ihr verdecktes Gleichnis, umhergetragen
von Dorf zu Dorf, über Anger und Acker,
erweckend, bewegend, wählig und wacker.
Welchen Weg auch die Wanderfahrt nahm,
in den Gauen vergingen Grimm und Gram;
wohin nur die Kühe das Kultbild zogen,
dort wurde die Freude zum Frieden bewogen.
Zwei Feierkreise lassen sich fassen,
die in das runische Jahresrund passen.
Zur Frühlingsgleiche, dem Frühlingsfest,
wenn die Göttin frisch ihren Garten verlässt,
zu vermelden, dass nun ihre milde Macht
den Menschen in Mitgard zurückgebracht,
dann steigen die Säfte in Baum und Strauch,
ihre Umfahrt ist ein Begrüßungsbrauch.
 
Doch Herbstgleiche heißt Abschiednehmen.
Es schwären die scheelen Schatten und Schemen.
Das Abschiedsfest von altgläubiger Art
war die heilige Hel- oder Himmelfahrt.
 
Die Mutter, die Muhme, ist müde und matt,
sie ist ihrer irdischen Arbeiten satt.
Die Göttin fährt von der Erde so fern,
strebt hin zu ihrem seligen Seelenstern;
sie steigt in den Hades, die Hölle, hinab
und sucht den geliebten Lenz im Grab.
 
Der Göttin herbstliche Abschiedsfahrt,
der Kalender hat sie verkappt bewahrt.
Sie, die Kornmutter, die Roggenmuhme,
die Herrin der Ernte, der Ackerkrume,
sie ist die schiere „Schützerin bei Not“,
sie schenkt aus der Schürze die Schnitte Brot.
Als Notburga ist sie den Schnittern gut,
die Sichel, - ihr sinnreiches Attribut.
In der Herbstesgleiche wird ihrer gedacht;
sie selbst war des Wagens „geweihte Fracht“.
Mutterkultische Rinder gehörten dazu,
die führten den Karren zur herbstlichen Ruh‘.
Ihr Gespann fand zum „Heiligen Hofe“ heim,
so lautet‘ der laut‘ren Legende Keim.
 
Im Scheiding scheidet der Sonnenschein,
leis‘ öffnet sich lüeme ein Totenschrein.
Mannigfalt malten die Menschen wohl Mären,
um Mangel und Missgunst recht zu erklären.
 
Es war der Griechen Gleichnis oder Glaube,
dass jetzo Herr Pluto die Kore raube.
Das Kind der Demeter, der Erden-Matrone,
ist die junge Erde selbst zweifelsohne.
 
Das junge Selbst jener Mutter des Lebens,
in Haft gehalten hofft es vergebens;
die Weltmutter hat ihre Jugend verloren;
im Frühling erst wird sie zurückgeboren.
 
Ein steinaltes Sinnbild, sumerisch schon,
da sucht die Mutter den toten Sohn:
Dumuzi - Baldur - die aufblühende Zeit,
den Frühlingssegen steigender Seligkeit.
 
Der Sohn-Geliebte weilet im Grabe verwahrt,
da entscheidet sich Ischtar zur „Höllenfahrt“
Sie steigt hinab die steilen Stege,
sie wandert die weiten, freudlosen Wege.
Die FACKEL der Suchenden in der Nacht
hat leicht die Legende dazugedacht.
 
Will sie den Geliebten im Geiste finden,
muss „Mutter Materie“ sich selbst überwinden.
Wenn die Göttin ins Geistige übergeht,
sie im Ziel ihrer Fahrt ohne Hüllen steht.
 
Ihres geistigen Kernes Gewand und Geschmeid‘,
ihres weiblichen Wesens Krone und Kleid,
sie werden genommen von ihrem Herzen,
das sind der Mutter „Sieben Schmerzen“.
 
Ihr sichtbares Sein zeigt sich als Sieben,
„Sieben-Sachen“ sind ihr zurückgeblieben.
Die Mutter ist rein mathematisch „keins“,
als Seelensymbol ward sie wieder die „Eins“.
 
Der Notburga Notgang im Märchenmotiv,
Frau Friggas Trauer im herbstlichen Tief
wurden weitergetragen, erzählt und gepflegt;
sie haben den Dichtern die Träume bewegt.
 
Das Mutterherz ist um Baldur so bang‘,
die „Höllenfahrt - Helfahrt“ ist Friggas Gang.
Aus eig‘ner Gesetze taubem Verneinen
erwächst der verwaisten Wittib das Weinen:
 
Frau Frigga fährt über Loh‘ und Laub,
über Hardt und Heide, Stein und Staub.
Doch wie sie durch Dorn und Distel drängt,
ihr schimmerndes Schleiertuch sich verfängt.
Da zauselt an Zweigen ein Zirbelwind,
er fingert mit flirrenden Flügeln geschwind.
Er streut in die Weite den silbernen Lein,
die Fluren mit flätigen Fäden zu weih‘n.
Nun gleiten der Gottmutter Garne umher,
die taunasse Seide, - so tränenschwer.
Zur Erde führt sie die Wanderfahrt,
dort bringen sie Segen der saligsten Art.
Im Garten weihen sie Baum und Strauch,
die Pflume erhält ihren preislichen Hauch,
die Birne ihr Gelb, der Apfel sein Rot,
sie lünden das Laub, bis flammend es loht.
Sie erwirken Gewebe von Hulde und Hut,
sie machen den mühenden Müttern Mut.
Sie treiben über trautinnige Hände,
sie heizen der Herzen minnige Brände.
Sie winden ins wehende Haar sich ein,
den rosigen Kindern beim Ringelreih‘n.
Und gehen die mit der Sonne zur Ruh‘,
fliegt ihnen ein Träumlein der Frigga zu.
 
Wenn die feinen „Friggefäden“ umstreichen, -
des Sommers untrügliches Todeszeichen,
dann wechelt und wispert es wahrnehmbar:
Allerwiwer- und Metjensommer ist da !“
 
Alle Weiblein des Wuchses, aus Wäldern und Wiesen
die Metten, Mädchen, die dagenden Disen,
sie spinnen die Fäden, - wie neigige Nornen
an rasenden Spinnrädern drehen und spornen.
 
Der Kalender hat es verhehlt überbracht,
zur Runenzeit hat man der Nornen gedacht.
Wer hätt‘ die „Drei Jungfrauen“ nicht gekannt,
die Einbet, die Warbet, die Wilbet genannt.
 
Wenn die Sonne durch die „Virgo“ reist,
das Sinnen um die „Jungfrau“ kreist.
Die Sterne, in denen die Sonne erwacht,
als Gleichnis der Göttin sind sie gedacht,
 
als Sinnbild, Abbild, als Spiegelbild,
dem in dieser Zeit die Verehrung gilt.
Eine sinnige Sage gibt baren Bescheid,
die Dike, - der Geist der Gerechtigkeit,
 
verließ das, irdische Tal der Beschwerde,
jene schuldbeladene, alternde Erde;
zum geläuterten Gipfel führt sie der Lauf,
in die himmlische Jungfrau stieg sie hinauf.
Drum dauern die heiligen „Frauentage“
bis hin zum Sternbild der Himmelswaage.
 
Jedes Volk singt sein eigenes Mutterlied,
das aus heißen Herzen zum Himmel zieht.
Wenn bittende Augen zur Höhe hinfleh‘n,
möchten ‘sie dort ihre Mutter erseh‘n.
 
Und die Jungfrau droben am Himmelszelt
formt‘ sich zur Mutter der Völkerwelt:
zur Isis, Demeter, Ananke, Dike und Tyche, -
wer wähnte da wirbige Widersprüche ?
 
Den Ahnen erschien auf der Sternenwiese
ein Abglanz der großen dienlichen Dise.
Der Frea, der holden, lieblichen Blume,
der mächtigen Drude, Frigga, der Muhme.
 
In ewig zurück sich schlingender Schleife
eint sich in ihr die‘ Reinheit mit Reife.
Sie steht am sich drehenden Zeitenrade,
die große Göttin gleicht einer Triade.
 
Sie ist die „Eins“, die Urda der Quelle,
sie ist die „Sieben“, das Zeitengefälle;
sie selbst ist immer zur rechten Stunde
Urd, Skuld und Werdandi, in einiger Runde.
 
Um das Ende dieser geweihten Frist,
die erfüllt vom Segen der Ernte ist,
beginnt der Göttin Gefahr und Gebrest,
dann feiert „die Jungfrau“ ihr Abschiedsfest.
„Auf den Winter zu“ geht die Göttin in Not,
dann hielten die Ahnen das „DISENBLUOT“.
 
Der „disirsalr“ dehnt sich, der Disensaal,
zwischen Jungfrau und Waage im Sternental.
Was trägt denn die Dise in ihrer Hand ?
Ist Spica ein flackernder Fackelbrand,
oder wiegt die Mutter ihr Korn-Kind sacht,
oder hält sie die Waage mit Bedacht ?
 
Die Mutter macht alles, sie tut es zugleich,
die Kienflamme führt sie ins Schattenreich.
Dort in den Bruthege- und Lebensheimen
wahrt sie und wärmt sie das junge Erkeimen.
 
Und den Seelenwesen, so sagt eine Sage,
hält sie am Ende die Wahrheitswaage.
Als Ur-Dise, Urda, erteilt sie das Urteil
zu des Schuftes Schaden und des Hohen Heil.
 
Die Ahnen wähnten das Wonnereich so,
als Wiese der Disen, als „Idisiaviso“ !
die galt als der seligen Geister Gefilde,
im schützenden Mantel, bei Mutters Milde.
 
All die Wesen, die der Dise dienen,
der Königin fähige, fleißige Bienen,
sie hegen und pflegen, helfen und heilen,
sie wollen die Weihung der Göttin verteilen.
 
Ihre guten Geister, sie seien gepriesen,
der Göttin Gedanken, - das sind die Disen.
Der Dise, den Disen ein Bluot zu senden,
zu bluoten, zu opfern mit reinen Händen,
war zum Frauenfeste fromm-froher Brauch,
man spendete Kornfrucht und „Lein und Lauch“.
 
Die Fruchtbarkeitsgeister, die Wachstumswesen,
sie sollen vom Wachen und Wirken genesen.
Für den Ernteertrag wollten sie werken,
nun mag dies Opfer die Gottheiten stärken.
 
Wir wissen im wesentlichen den Sinn
jener Frauenfeier vor Winterbeginn.
Und was der einzelnen Brauchtümer waren,
so können wir heute noch viel erfahren.
 
Zum Abscheiden der geliebten Gestalt,
da erbat man sich ihre Weihe-Gewalt.
Und geht mit der Göttin Glimpf und Glück,
ihren heilenden Segen lässt sie zurück !
 
Ihr Erdenschoß hatte hervorgebracht
die große heilkräftige Kräuterfracht,
der Urmutter urchiges Unterpfand,
das Genesung gibt und Gebrechen bannt.
 
Man rupfte die Rispen nach rechter Sitt‘
am Sonnenmorgen ohn‘ Messerschnitt.
Das getrocknete Gut benannte man so:
„Muttergottesbündel“ und „Friggestroh“.
 
Die wollte die Mutter zur Weile weihen,
den langen Abschiedssegen verleihen.
Zur „Würzweih“ am „Büschelfrauentag“
stand in Körben, in Kiepen der Kräuterertrag.
 
Die greise Godin ging durch die Reihen,
mit Wedel und Wasser die Wurzeln zu feihen.
Wertige Würzwische wollte man wahren,
sie halfen zu heilen bei vielen Gefahren.
 
Ein Stengel davon auf dem Feuerherd
hatte schon grausen Gewittern gewehrt.
Strich durch die Stuben ihr rettender Rauch,
zermürbt‘ er die Mare und Motten auch.
 
Kein Zeichen bezeichnet die Zeit so gut,
wie des Kienspanes flackernde Flammenglut.
Die „Fackelzüge“ im Schwarzmond-Dunkel
unter selig segnendem Sternengefunkel,
zur Gleiche im Herbst- und Heiligmond,
war man als Gang für die Gottheit gewohnt.
 
Als Gottesdienst galt das „Lichtertragen“,
lohender Lichttürme räucherndes Ragen.
Kerzenstrahl, Fackeln und Lampenschein
fassten den Grundzug des Festes ein.
 
Das Brauchtum barg dies Ur-Gebaren,
zweitausend Winter wollten es wahren.
Es wurde verdammt, verfolgt, entehrt,
als „Gotteslästerung“ sogar erklärt;
aber unverwandt wird es weiterbetrieben,
das „Laternenlaufen“ ist doch geblieben.
Noch heut‘ prangt prasselnde Lichter-Pracht
in lichttragender Göttin Lichter-Nacht.
 
Der runische KIENBRAND ist entfacht,
die Fackel gilt als Fanal der Nacht.
Zur Herbstgleiche endet der Jahres-Tag,
weil Finsternis nun triumphieren mag.
 
Hier erstirbt nach äußerem Augenmerk
das lichte, göttliche Schöpfungswerk.
Nach der Lehre der ewigen Wiederkehr
verwirkt sich die Welt im Flammenmeer,
versinkt sie im mordenden Winterwürgen,
wofür sich die Chaosmächte verbürgen.
 
Herbstgleiche ist Gleichnis für‘s End-Vergehen,
Frühlingsgleiche aber für‘s Wiedererstehen.
Wenn weltliches Licht und Leben erlischt,
hält die Gottheit ihr großes Letztes Gericht.
 
Nach vieltausendjähriger Sternensage
erwacht dann die Sonne in der „Waage“;
dem Symbol für das gerechte Sichten,
dem Ergründen, dem Wägen und Richten.
 
Mit der Waage beginnt das Ende der Zeit,
der Weltenwinter, die Dunkelheit.
So hat auch der Runen-Denker gedacht,
er setzte die Fackel ans Tor zur Nacht.
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