6./30. RUNE ehwaz/ehu - Ross - (solares Kosmos-Synonym)

 
Stele von Alskog Tjangvide zeigt Odin auf Sleipnir, Gotland/Schweden, 9. Jh.
 
In dreißigster Rune erscheint das Ross,
das Tier ist der heilige Gottes-Genoss.
Sleipner heißt er, Schleifner, der Gleiter,
Gott Wodin-Odin galt als sein Reiter.
Auf acht Beinen gleitet dies‘ Pferd dahin,
so wie der Wind und der göttliche Sinn.
Die Alten glaubten, acht Winde weh’n.
Der Turm der Winde im antiken Athen
zeigt acht Windgötter, wie sie erdacht,
aus attischem Marmor sind sie gemacht.
Drum hat acht Seiten der Griechen-Turm,
mild säuselt Zephyr, es brüllt der Sturm,
der als Boreas vom Norden her braust,
dass es die Kinder des Südens graust.
So kam es aus Logik von nah und fern,
zu der Windrose achtstrahligem Stern.
Schon der Eratosthenes legte sich fest,
auch Aulus Gellius erschien es am best‘
das symmetrische Acht-Wind-System,
es macht die Kompassrose lesebequem.
Und Islands Wegweiser, der Vegvísir,
zeigt acht Speichen in Runen-Manier.
 
Das Gottesross Sleipner ist das All,
schneller ist‘s als des Sturmes Schall,
auf ihm reitet Odin rasch wie das Licht,
zur Hochzeit sowie zum Göttergericht.
Im Ross ist jegliche Weltsicht dabei,
alle Runen addiert, macht 300, gleich 3.
Der 6. und 30. Runen-Stab ist
fast sowas wie ein heidnischer Christ,
der Heilige Hengst aus Nordlands Stamm,
kein Agnus Dei, kein göttliches Lamm;
Die Schafe und Esel belassen wir gern
dem judäo-christlichen Gleichnis-Kern.
Das Pferd war der Arier geheiligtes Tier,
es trug sie upa meru, zum hohen Pamir
und hinab zum Panjab, nach Indien fort,
kommend vom Meru, dem Berg im Nord.
 
Das Pferd macht stolz, es gibt die Macht,
der Kosmos wurd‘ als ein Ross gedacht.
Oder auch als riesische Zwittergestalt,
die Ymir, Yama, Yima sind urverwandt.
Ob Germanen, Altinder, Altperser, sie
pflegten gleiche altarische Mythologie.
Der Veda, das Wissen, erzählt vom Ross,
als in der Urzeit der Kosmos entspross:
Der Himmel ist von der stolzen Art,
aus Ur-Rosses Rücken die Höhe ward,
zur Erde wurde sein Leib, sein Bauch
und aus seinen Nüstern, der Feuerhauch,
ist Agni, der uns so hilfreich brennt,
so lang' er Vernunft als Herrn erkennt,
jedoch als Feuersbrunst wüten mag,
als Surtur am letzten weltlichen Tag.
Ein höllisches, schwarzes Feuer ist Surt,
doch hindert es nimmer die Neugeburt.
Nach jedem Tod kommt ein Aufersteh’n,
wenn die Weltenräder sich wieder dreh‘n.
Dafür bürgte den Alten der Opfer-Akt,
im Grunde gilt jegliches Opfer als Pakt.
Das im Ashva-Medha geopferte Pferd
ist so wie All-Raum und All-Zeit wert.
So hat man im arischen Sinnen geglaubt,
das Morgenrot ist des Rosses Haupt,
sein Auge die Sonne, Odem sein Wind,
Vayu-Prana und Odin das Gleiche sind.
Der Weltenbeginn ist sein Vorderteil,
sein Pferdeschwanz das End‘ vom Heil.
Seine Wiege, die Wellen im Ozean,
seine Ganzheit ist aller Gezeiten Plan.
 
Das Ross, ein Gleichnis von Zeit und Raum,
allein für den Veda, sicher wohl kaum.
Der Sonnenwagen von Trundholm bringt
wie sich Zahlensprache zum Jahre ringt,
wie ein luni-solarer Kalendergang
vor dreieinhalbtausend Jahren gelang.
Dieses germanische Fundstück beweist,
dass der Odem der mit dem ODING reist,
die Runen zu treuesten Zeugen erhebt,
dass in ihnen das Ahnenerbe noch lebt.
Damit schließe ich mein Jahres-Gedicht,
ich verstand es als beschworene Pflicht,
hab‘s meinen Freundgott Wodin geweiht,
der mag mich rufen zur rechten Zeit.
 
Friedrich Hottenroth, um 1875, germanisches Pferdeopfer,
aus Wilhelm Zimmermann: Illustrierte Geschichte des deutschen Volkes