Der fundierte schweizer Runologe Martin Hannes Graf (z.B. „Schrifttheoretische Überlegungen zu nicht-lexikalischen Inschriften aus dem südgermanischen Runenkorpus”, 2012) bringt eine wissenschaftliche Besprechung des Buches von Reinhard Bleck, „Angelsächsische oder friesische Runen auf Goldstücken des 6. und 7. Jahrhunderts“. Göppinger Arbeiten zur Germanistik, 784. Göppingen: Kümmerle, 2016. 597 pp., numerous plates. ISBN 978-3-86758-039-7. Futhark: International Journal of Runic Studies 8 (2017, publ. 2019): 167-71. DOI: 10.33063/diva-384663

Der Autor, der bereits eine ganze Reihe von Monographien zu Themen der mittelhochdeutschen Literatur und ihrer Überlieferung in derselben Reihe vorgelegt hat, tritt nun auch mit einem außerordentlich umfangreichen Werk über runenbeschriftete Goldstücke in Erscheinung. Das seltsamerweise bereits vergriffene Buch ist Blecks „erstem Lehrer“ (S. 4), dem Mittelalter-Historiker Johannes Fried, gewidmet. Wie aus dem „Dank“ (S. 4 f.) hervorgeht, ist Bleck aber nicht in erster Linie Historiker, sondern wohl eher Literaturwissenschaftler bzw. ein Forscher, der aus verschiedenen Disziplinen über mehr oder weniger vertiefte Sachkenntnisse verfügt. Den Impuls für die Arbeit gab ihm jedenfalls offenkundig ein literatur- bzw. stoffgeschichtliches Problem, nämlich die Nennung des Wieland-Namens auf dem Goldstück von Schweindorf (S. 15), die Bleck allerdings mit etwas fadenscheinigen Argumenten verwirft (S. 409 f.; s. u.). Über das Wieland-Problem hinaus stellte sich für den Autor in der Folge dann aber vor allem die Frage, welche Goldstücke, die mit dem Solidus von Schweindorf in einem Zusammenhang gesehen werden müssen, in England, und welche im Land der Friesen entstanden sein können. Die Literatur zu diesem Problemkreis (und darüber hinaus zu vielen Problemen der Brakteatenforschung und der germanischen Altertumskunde) ist zweifellos stellenweise ideologisch belastet, und diese Belastung ist es denn auch, die Bleck zum Anlass nimmt, sein eigentliches Thema mit dem der ideologiekritischen Aufarbeitung der Thematik zu verknüpfen. Ja, nicht nur zu verknüpfen, sondern sogar zum (scheinbaren) Hauptgegenstand zu machen, denn bereits der erste Satz der englischen „Conclusion“ macht deutlich, dass es dem Autor darum ging, eine „analysis of Hitlerist ideology in German bracteate research and runology“ durchzuführen. Dies ist ein schwieriges und wollte man wirklich seriöse Wissenschaftsgeschichte schreiben gewiss ein ehrenvolles Unterfangen. Es ist Bleck jedoch ganz und gar nicht gelungen. So ist die Arbeit im wesentlichen ein Buch geworden, das sich in grenzenlosem Hass gegen Karl Hauck (1916-2007) und seine wissenschaftlichen Nachfolger und Schüler ergießt. Der Autor vergreift sich dabei immer wieder massiv im Ton und bedient sich unbelegter, pauschaler Urteile statt einer sachlichen Auseinandersetzung. Die Studie enthält im Hinblick auf die Runen-Thematik zweifellos einige interessante Analysen, intelligente Schlussfolgerungen und bedenkenswerte Resultate, sie stehen jedoch in einem seltsamen Kontrast zu den ideologie-kritischen Passagen, so dass am Ende der Lektüre ein sehr ungutes Gefühl bleibt. Dem einleitenden „Dank“, der sich in erster Linie an englische, niederländische und belgische Museen, Sammlungen und Forscher richtet, schliesst sich ein längerer „Kein Dank“ (S. 6-10) an, der offenlegt, mit welchen Problemen Bleck im Zusammenhang mit dem Zugang zu seinen Quellen in Leeuwarden, Freiburg und Bremerhaven zu kämpfen hatte. Insbesondere ein ausführlich zitierter E-Mail-Verkehr mit der Leitung des Archäologischen Museums im Colombischlössle Freiburg im Breisgau soll aufzeigen, wie einem Forscher in Deutschland heute der Zugang zu archäologischen Fundstücken verwehrt werde im Gegensatz etwa zu Bibliotheken, die dem Forscher für frühere Arbeiten stets großzügigen Zugang zu allen gewünschten mittelalterlichen Handschriften gewährt hatten. Nun kann der Rezensent allerdings aus eigener Erfahrung berichten, dass man ihm im Rahmen eines Forschungsprojekts durchaus überall in Deutschland und gerade auch im Freiburger Colombischlössle jeweils unkompliziert und mit großem Entgegenkommen Zugang zu mit Runen beschrifteten Objekten gewährte. Hatte Bleck also einfach Pech? Oder sind die Sammlungen im Zusammenhang mit Goldstücken restriktiver im Hinblick auf die Zugänglichkeit? Man weiß es nicht, und es ist auch unerheblich in Bezug auf den Inhalt des anzuzeigenden Buchs. Klar ist aber: Bleck ist ein streitbarer Geist, der nicht mit Kritik spart, der oft kühn und kämpferisch argumentiert, meist aber ziemlich erbittert zur Sache geht. Dem laut Buchtitel eigentlichen Forschungsgegenstand des Buches (den Goldbrakteaten, Solidi und Tremisses) geht ein rund 180 Seiten starkes Kapitel mit dem Titel „Voraussetzungen“ voraus, das sich den einschlägig diskutierten und umstrittenen Forschungsfragen zu den Fundumständen, zur Herkunft, zur Datierung, Herstellung und Funktion der Münzen widmet. Eingewoben sind hierin fünf teils längere Exkurse, die die Hauptprobleme nur am Rande betreffen. Einer befasst sich mit dem „Klima an der ‚Reichsuniversität‘ Straßburg 1941-44“ (S. 137-160). Dieser Exkurs macht zusammen mit ungezählten weiteren Stellen sehr deutlich, worum es Bleck ganz zentral geht: der Entkoppelung der Brakteatenforschung vom Namen Karl Hauck und einer daraus folgenden neuen Beurteilung der Brakteaten und der anderen die germanische Altertumswissenschaft interessierenden Goldstücke. Schon in einer weiteren präambelhaften Vorbemerkung schlägt Bleck (S. 18) einen diesbezüglich radikalen Ton an: Die Brakteaten zitiere ich nicht nach den Nummern des sogenannten Ikonographischen Kataloges der Hauckianer (innen), um mich davon zu distanzieren, weil ich die Grundlage und Zielsetzung des Unternehmens, die „germanische“ Religion aus den Brakteaten zu rekonstruieren, nicht nur für verfehlt, sondern für gefährlich halte. Was der „Germanen“-Wahn der Menschheit angetan hat, kann bis zum Ende der Welt nicht mehr wiedergutgemacht werden. Mal ganz davon abgesehen, dass die Brakteaten das, was diese Forscher(innen) suchen, gar nicht enthalten. Im Zusammenhang mit der Ausbildung und Tätigkeit an der Universität Straßburg, wo Hauck eng mit sicherlich streitbaren Forscherfiguren wie Siegfried Angelsächsische oder friesische Runen • 169 Futhark 8 (2017) Gutenbrunner, Joachim Werner oder Hermann Heimpel zusammenarbeitete, schreibt Bleck (S. 159) über Hauck: Seine „Ikonologie“ ist die Kunst, aus einem X ein U zu machen. Die Herkunft ist für die Ablehnung von Haucks Lebenswerk nicht entscheidend, sondern das Weitermachen. Hauck hätte an sich arbeiten können, um sich die hitleristische Ideologie aus dem Kopf zu schlagen. Dazu hatte er aber keine Veranlassung, weil seine Umgebung sich ja nicht verändert hatte. Der „Führer“ war weg, seine Gefolgsleute waren noch da. Und sie mussten nicht einsehen, dass sie irgende etwas falsch gemacht hatten. Hauck hat sein Leben lang den Auftrag, den er an der „Reichsuniversität“ Straßburg erhalten hat, erfüllt. Aus der braunen Suppe wuchs ein graubrauner giftiger Schimmel heraus, Karl Haucks Brakteaten-„Forschung“, die weiter den „Germanen“-Wahn in den Mittelpunkt stellte. Diese komplette Ablehnung von Hauck hat zur Folge, dass Bleck nicht nur den Ikonographischen Katalog weitestgehend ausblendet, sondern dass er natürlich Haucks Publikationen zu großen Teilen ignoriert. Und nicht nur das. Wer sich in seiner Forschung nicht kritisch genug mit Hauck auseinandersetzt(e), bekommt Blecks massive Kritik zu lesen, so etwa der bedeutende deutsche Runenforscher Klaus Düwel: „Ich hatte früher eine hohe Meinung von Klaus Düwel, die mir durch das Studium der neueren deutschen Brakteatenforschung vergangen ist. Wer den zum Hitleristen ausgebildeten Karl Hauck, der seine Richtung beibehalten hat, rechtfertigt, rechtfertigt Adolf Hitler, Krieg, KZ und millionenfachen Massenmord“ (S. 130). [der millionenfache Massenmord an Deutschen, vor und nach Hitler, ist für Bleck unerheblich.] Solche Stellen lassen den Leser leer schlucken, sind derartige Anwürfe in wissenschaftlichen Publikationen ja nicht unbedingt alltäglich, ja weniger noch: sie sind schlechterdings untragbar, denn sie greifen eine Person nicht im wissenschaftlichen Diskurs an (wo natürlich auch bisweilen mit harten Bandagen gefochten werden darf), sondern auf einer persönlichen und zuweilen nach gerade ehr verletzenden Ebene. Aber auch mit anderen Forschern, insbesondere mit anderen Forschungsmeinungen, geht Bleck nicht zimperlich um, teils vielleicht berechtigt, teils aber mit Worten, die jede Differenziertheit vermissen lassen. Auch im Sachlichen kennt Bleck kein Pardon: So kann man etwa die semantische Analyse von medu ‚Met’ auf dem Bakteaten von Undley sicherlich in Frage stellen; Blecks (S. 224) Argumentationsverfahren ist in ihrer Radikalität jedoch einzig artig: Eine Inschrift auf einem Goldstück, die die Bezeichnung für ein alkoholisches Getränk enthält, wäre vorstellbar, wenn der Goldschmied extremer Alkoholiker gewesen oder wenn der Brakteat zum Beschaffen von Met verwendet worden wäre. Bei der ersten Möglichkeit wäre der Brakteat nicht zustande gekommen, bei der zweiten hätte man den Met gleich hektoliterweise abnehmen müssen. Eine Inschrift, die „Met“ enthält, wäre auch vorstellbar auf einem Trinkgefäß, einem Gerät zum Umrühren des Getränks, zum Beispiel einem Löffel, oder an der Tür einer Trinkstube, aber kaum auf einem Goldstück. Man kann dies scharfsinnig, humorvoll oder auch unangebracht finden solche Passagen wirken in jedem Fall nicht recht wissenschaftlich. Es ist tatsächlich bisweilen unterhaltsam, Blecks Argumentationen zu folgen, die sich auch dadurch auszeichnen, dass sie aus der Ich-Perspektive geschrieben sind. Bei näherem Hinsehen erweisen sie sich aber meist doch nur als nicht weiter überprüfbare Behauptungen. Dies und gewisse methodische, darstellerische bzw. formale Eigenheiten des Bandes machen die Lektüre also nicht gerade einfach. Es wäre keine Kunst, hier weitere Müsterchen penibel und spitzfindig aufzulisten. Auch über die linguistische Expertise Blecks könnte man einiges sagen (sie erschöpft sich im wesentlichen darin, in Wörterbüchern nach lautlich oder graphisch passenden Wörtern nachzuschlagen), aber man wird dem Buch nicht gerecht, wenn man nicht erwähnte, dass insbesondere in der zweiten Hälfte des Bandes die gegenstandsbezogene Sachlichkeit überwiegt und die ideologiekritischen Passagen etwas zurücktreten. Dazu kommt, dass der Autor seinen Forschungsgegenstand insgesamt gut kennt, ja dass er nicht nur eine verblüffende Detailkenntnis an den Tag legt, sondern auch stets das große Ganze in seiner erheblichen Komplexität über blickt. Ebenso kennt Bleck die umfangreiche Forschungsliteratur zu allen Aspekten des Themas und referiert sie lückenlos. Auch an eigentlichen Resultaten (oder vielleicht müsste man eher sagen: an argumentativ breit ausgewalzten Hypothesen) ist das Buch nicht arm, und die zukünftige Brakteatenforschung wird wohl nicht darum herumkommen, sie wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Davon seien einige aufgezählt: Goldbrakteaten, imitierte Goldsolidi usw. seien keine Einzelanfertigungen zu kultischem Gebrauch und mit Amulettcharakter, sondern wohl in mehreren hundert Exemplaren angefertigte Schmuckstücke für Frauen, die diese vornehmlich als Wertanlage besessen und getragen haben sollen (S. 132-136). Dass es sich dabei um verschleiertes Raubgold handelte (S. 132), ist denkbar, aber kaum beweisbar. Vorbilder seien römische Stücke, Medaillons und häufig Bronzemünzen gewesen (passim, vgl. etwa S. 208-210). Die bei den Einzelstücken differierende Ornamentik der Brakteaten dürfte individuell, jedoch von ein und derselben Werkstätte angefertigt worden sein (S. 116). Die heutigen Fundorte würden nicht auf ehemalige Zentralplätze, Fürstensitze, Machtzentren oder Kultstätten (jedenfalls im Hinblick auf Sievern, S. 42-54) verweisen, und ebenso wenig sollen die Fundumstände auf eine rituelle Opferung oder dergleichen schließen lassen. Beschriftet wurden nach Bleck die Münzen nicht mit Wortschatz, der auf die germanische Götterwelt referiert, sondern der gewissermaßen selbstreferentiell auf die Münze selbst, auf Münzstätten, den Geldwert, die Trägerin und ähnliches verweist (vgl. zum Brakteaten von Undley etwa S. 234-239). So ist es wohl tatsächlich nicht ganz unwahrscheinlich, dass die bentin(o)-Tremisses auf den (Münz-)Ort Benenden in Kent verweisen (S. 447), die deraịona-Tre misses (so von Bleck gelesen) vielleicht auf Darenth, ebenfalls in Kent, oder Darmsden, Suffolk (S. 480-485). Blecks diesbezügliche Deutungsvorschläge werden mit aller Vor- und Umsicht vorgetragen und erheben auch nicht den Anspruch auf letztgültige Wahrheit. Desweiteren seien auf den Goldstücken nicht germanische Götterfürsten (jedenfalls auf den untersuchten Stücken) dargestellt, sondern die römischen Kaiser der Vorbilder in freier Umgestaltung. Angelsächsische oder friesische Runen • 171 Futhark 8 (2017) Interessant jedoch alles andere als überzeugend ist ferner Blecks Stellungnahme zum oft diskutierten Problem der friesischen runischen -u (S. 75-81 sowie passim): Diese sollen keine Reflexe von urgermanisch *-az darstellen (und damit eine Art Alleinstellungsmerkmal des Voraltfriesischen), sondern Nominative der femininen o-Deklination, so bei ka〈m〉bu, ko〈m〉bu (Oostum resp. Toornwerd), habuku (Oostum [nach Bleck zum Frauennamen mod. Hauke]) sowie scanœ mœdu (Blecks Lesung, London). Bei æniwulufu (Folkestone) setzt Bleck ausgefallenes -s einer lateinischen Endung -us voraus, was damit begründet wird, dass kein Friese, sondern ein Angelsachse im mutmaßlichen Anthroponym genannt sei (wofür es im Angelsächsischen allerdings tatsächlich Beispiele gibt). Und auf adujislu (Westeremden, Blecks Lesung) allein sei, wenn nicht doch ein Frauenname Gisela vorliege, nichts aufzubauen. Schließlich liest Bleck die Inschrift auf dem Solidus von Schweindorf þelad oder welad, also ohne das in der Regel als Runenzeichen u aufgefasste Zeichen am Ende der Inschrift (S. 406), mit dem so simplen wie unbegründeten Argument: „Das vermeintliche u gehört nicht zur runischen Inschrift“. Es kann hier dazu nicht detailliert Stellung bezogen werden, aber der Gestus Blecks scheint hier doch recht klar in die Richtung zu gehen, dass einfach generell der -u-Diskussion ein Ende gesetzt werden sollte nach dem Muster „Was nicht sein kann, darf nicht sein“. Philologische Differenziertheit sähe jedenfalls anders aus. Auf die zwar zitierten Beiträge zu diesem Thema von Robert Nedoma und Roland Schuhmann geht Bleck nur polemisch dahingehend ein, dass sie „offenbar die Hypothese von 1970 für die Ewigkeit konservieren“ sollten. Leider hat das Buch keinen Index, aber über das differenzierte Inhaltsverzeichnis (S. 11-13) und eine gute interne Vernetzung (via Fußnoten) sind einzelne Sachbereiche schnell aufzufinden. Jedes Kapitel enthält eine vollständige Stellenbibliographie, und eine ausführliche englische „Conclusion“ (S. 523-549) schließt den Textteil des Buches ab. Es folgen eine tabellarische Übersicht über die behandelten Brakteaten und Goldmünzen (S. 550 f.) sowie ein (über 40 Seiten starkes) Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 552-597). Etwas eigensinnig ist die Anordnung der Titel einerseits nach „Beiträgen ohne Bezugnahme auf die runischen Goldstücke (alphabetisch nach Verfasser)“ und andererseits nach „Beiträgen, die auf die runischen Goldstücke Bezug nehmen (chronologisch)“. Letztere Liste mag für forschungsgeschichtliche Implikationen interessant sein, ansonsten erschließt sich ihr Sinn dem Rezensenten nicht. Der Text ist nahezu fehlerlos, zahlreiche illustrative Zeichnungen begleiten die Darstellung.