Copyright Gerhard Hess - März 2022

Abb. 1  - Münzkabinett, Staatl. Museen Berlin – Einzige Münze der Kaiserin Beatrix (1140-1184) und mit Namensnennung, die ansonsten auf Brakteaten gelegentlich anonym u. ebenfalls anonym neben ihrem Gemahl Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1122-1190) dargestellt ist. Auch einzige direkte Nennung der Pfalz Gelnhausen (Geilenhus) als Münzstätte. Nur zwei Exemplare aus dem Fund von Lichtenberg bekannt. Vorderseite: Thronende Kaiserin Beatrix mit Sonnen-Rune (ing-Zeichen) und Lilienzepter (altheiliger Dreispross) und zur Segensspendung erhobenen Rechten.
 
Die Sonnenheil-Rune
 
Wie es meine Forschungsergebnisse erwiesen, tragen die germanischen Runen-Buchstaben eine ganz andere, oder besser gesagt, überhaupt eine tiefere Bedeutung, von der sich keiner meiner Vorgänger-Runologen etwas in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Wir haben mit dem rechtsbeginnend zu lesenden ODING-FUTHARK eine germanische Religionsurkunde und einen Sakralkalender vor uns, mit denen ich die Quellenlage der deutsch-germanischen Geistesgeschichte schlagartig auf eine neue Stufe hob. Ein weiteres junges Standbein zur Ergründung der germanischen Religiosität ist die mittelaterliche Brakteaten-Kunde, um die sich der MediävistKarl Haug große Verdienste erworben hat. (z.B. „Goldbrakteaten aus Sievern”, 1970) Wie daraus zu erfahren ist, stand die deutsch-germ. Volksreligion in einem über Jahrhunderte währendem Abwehrkampf gegen die christenkirchliche Gewaltmission, die von den damaligen Obrigkeiten deswegen protegiert wurde, weil allein das christliche Mönchstum, den auf undemokratische Weisen, d.h. ohne Zustimmung der einfachen Menschen, an die Macht gelangten Herrscherhäusern, die gewünschten Legitimationen gab. Und sie vergab sie umso lieber, je durchgreifender und rücksichtsloser Herrscher gegen den angestammten Volksglauben vorgingen. Dabei gab es ja auch immer etwas zu gewinnen und ein Gutteil des Raubes fiel auch stets in mönchische Taschen. Das beste Beispiel dafür ist die Person des Massenmörders Karl der Große”, welcher für seine Schandtaten des massenhaften Gefangenenmordes, sogar vom Vatikan ausdrücklich beglückwünscht und posthum heilig gesprochen” wurde. Aus den fränkisch-karolingischen Hausmeiern, also Verwaltungsbeamten der Merowinger-Könige, schwangen sich subalterne Elemente ins Königtum hinauf, die sich allein hervortaten durch ihr Engagement gegen den Volksglauben.  Ein solches Vorgehen musste zu allen Zeiten von Täuschungs- und Beschwichtigungsmanövern begleitet werden, die den möglicherweise aufflammenden Volkszorn zu puffern haben. Die nicht nachlassenden Unmutsbekundungen und blutigen Aufstände der düpierten Volksmassen, beginnend mit dem Stellinga-Aufstand (841-45) bis zu den Sachsenkriegen der salischen Heinrich-Kaiser, des 12. Jh., sprechen für sich. Dass uns die Kirchenchroniken kein wahres Bild vermitteln und man es für die Wissenden nicht betonen muss, es heute wissenchaftlich belegt ist, dass sich die Klöster nicht nur nicht scheuten, dem Volk freie Erfindungen hinsichtlich der Heiligen-Legenden und anderer Missionsmärchen aufzutischen, dass sie vielmehr als industrielle Fälscherwerkstätten von Dokumenten aller Art bezeichnet werden müssen. Authentizität darf man von dieser orientalisch-römisch-katholischen Organisation an keiner Stelle vermuten und erhoffen. Ganz natürlich bestand seitens des Klerus der Wille, die Glaubensinhalte und die Glaubensstrukturen durch Nichterwähnung des Komplexes der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, jedoch einige Fragmente des Altglaubens, ohne den zum vollen Verständnis nötigen Erklärungszusammenhang, gelangten bis in unsere Jetztzeit. Darunter befindet sich das uralte Sonnen-Rautenzeichen, das als 3. ODING-Rune ins 24er UR-Runensystem gefunden hat, wovon ich im Folgenden vier Kostproben vorführe. Ein Anschauungsmaterial liefern die Reliefs der Kircheneingangsbögen und die hochmittelalterlichen Taufsteinbilder.
 
Abb. 2 - Zwei Segmente der Eingangssteine von Newgrange, im County Meath/Ireland, einem megalithischen Ganggrab, um 3.150 v.0 erbaut. Die Doppelspirale als Jahressymbol, auch die Dreierspirale findet sich und die Sonnenraute.
 
Abb. 3 - Der vor-karolingische Türsturz von Geisenheim in der Sammlung Nassauischer Altertümer im Mus. Wiesbaden. Rechtsseitig vom „Christuskopf die Sonnen-Rune (ing-Rune). Einen am Kreuz hängenden Helgi bzw. orientalisch-jüdischen „Erlöser“ konnte man dem noch unverbogenen, missionarisch-unaufgeklärten Volk nicht anbieten. Deshalb steht dieser Krist von zwei Kreuzen flankiert und breitet weit seine übergroßen Segenshände, wie es schon bronzezeitliche Felsritzbilder Skandinaviens zeigen und ebenso die frühen irischen Christus-Darstellungen. Die Missionare biederten sich zunächst an, mittels Darstellungen vieler Sonnenräder und der Verbrämung des Christen-Gottessohnes bzw. die Gleichstellung mit dem germ. Sonnengott ahd. Ingo-Frō / an. Ingvi-Freyr.
 
Abb. 4 - Der Frankenkönig und spätere Kaiser „Karl der Große“ (747-814), der einen 30-jährigen Vernichtungskrieg gegen das freie, artgläubige Volk der norddeutschen Sachsen führte, ließ noch in seinem Signum die germ. Sonnen-Rune erscheinen, denn als Neue Sonne wollte er sich seinen Untertanen gegenüber glorifizieren. Sein Signum sollte ausdrücken, dass die Strahlen seiner Macht in alle vier Himmelsrichtungen auszugehen haben.
 
Der Volksgott Wodan/Odin stand allerorten im Abwehrringen gegen den „Weißen Krist“, der schwarzkuttigen Mönche. Es entstanden heidnisch-christliche Mischformen. Wodan, als die überhöhte Projektion des germanischen Mannes, erschien den Gläubigen in der Gestalt des weise-erfahrenern, heilkundigen Wanderers, mit langem Schnauzbart, Hängebart (Sidgrani, Síðskeggr), wie er im eddischen Grimnismal u.a. genannt wird. Mit einer solchen germ. Barttracht begann man auch den neuen Christengott darzustellen, beispielweise auf den feinen Goldpressblechen der italischen Langobarden und der südwestdeutschen Alamannen, die eigentlich Elbgermanen waren. Sie wurden, auf ein Tuch aufgenäht und dem Verstorbenen über das Gesicht gelegt. Die Bestattungssitte stammte ursprünglich aus dem langobardischen Italien. Der zu Mittelhofen (Lauchheim, Ostalpkreis) gehörige Alamannen-Friedhof ist die reichste Fundstätte von Goldblattkreuzen nördlich der Alpen. Das Grab 38 barg ein Goldblattkreuz mit zwei vertikal übereinander angeordneten Hängebart-Wodanköpfen (7. Jh. - Archäolog. Landesmus. Konstanz). Das Goldblattkreuz, in Form des rundschnittigen Tatzenkreuzes, aus Landsberg am Lech, zeigt im zentralen Kreis den Wodankopf, mit re. u. li. langen Haar-Schlingen, wie man es von rein heidnischen Figürchen kennt (Max Martin, „Die Alamannen“, Abb. 47). Ein weiteres Tatzen-Goldblattkreuz, mit schnauzbärtigem Wodangesicht auf dem oberen Kreuzarm und zwei flankierenden Raben oder Adlern, stammt aus Giengen an der Brenz; die Zeitstellung ist 640-660. Dass Wodan/Odin als der Rabengott (an. Hrafnaguð) galt, ist wohl überflüssig anzumerken. Die übrigen drei Kreuzarme und das Zentrum sind mit für das alamannische Gebiet typischen Flechtbandornamenten geschmückt. Alle drei Stücke sind aus Goldfolie ausgeschnitten und über einem Model gepresst. Sie lagen auf dem Kinn des bestatteten Mannes. Maße: Goldfolie Kreuz 6,5 x 5,1 cm; Raben/Adler 2,2 x 3,5 cm/2,3 x 3,0 cm. Das Goldblattkreuz und die Vogelfiguren sind in der Schausammlung „Legendäre MeisterWerke“ im Alten Schloss-Stuttgart ausgestellt. Seit dem Ende des 6. Jhs. traten in Mittelhofen/Lauchheim die ersten christlichen Zeugnisse auf, bei denen die Kreuzformungen mit Sicherheit als primär heidnische Sonnensymbole verstanden wurden und am allerwenigsten als christliche Galgenkreuze, an denen der kirchliche „Erlösersohn“ hängend assoziiert werden konnte. Wer diese Goldblattkreuze als Beweise für eine christenkirchliche Evangelisierung der Alemannen argumentativ heranziehen möchte, erzählt Unsinn, und sei er auch der schwäbische Landeskonservator. Diese Leute - meist sind sie klerikal gebunden - sind geradezu lüstern darauf, möglichst frühe christliche Spürchen zu entdecken. - Die dauerhaften Kernräume der frühmittelalterlich-alemannischen Siedlungs- und Herrschaftsgebiete, der sog. Alamannia, lagen vor allem im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg und dem linksrheinische Elsass (das von Frankreich geraubt wurde), Bayerisch-Schwaben, der Deutschschweiz, Lichtenstein und Voralberg. Zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert ging die Alemannia politisch und kulturell im deutschen Ostfrankenreich auf und wurde zwischen dem 10. und zum 13. Jahrhundert politisch nochmals vom staufischen Herzogtum zusammegefasst.
 
Abb. 5 - Die südenglische Pfarrkirche St. James/Jakob von Little Paxton war eine Kapelle aus angelsächsischer Zeit, die erst in der Neuzeit zu einer eigenständigen Pfarrei geweiht wurde. Eines ihrer Eingangsbogenfelder zeigt das Tatzenkreuz als Sonnen-Standarte, die von heidnischen Bestien und (re.) vom langohrigen Esel verehrt wird. Das was die Herren Interpretatoren der alemannischen Goldblatt-Kreuze als typisch-christlich erklären, das wird auf diesem 1.000 Jahre alten Relief als typisch heidnisch gebrandmarkt. Kreuze, Radkreuze, Tatzenkreuze, insbesondere wenn sie aus einem Kreis geschnitten wurden, waren in den Augen der Angehörigen der nordischen Kultur- und Religionskreise ausschließlich Sonnen-Zeichen. Als die Christenkirche erkennen musste, welchen starken Widerhall das Sonnenkreuz in den Seelen der Nichtchristen hervorrief, begann sie das Kreuz zu adaptieren und 1. ihren Jesuischen-Kunstgott, der eigentlich ein Zimmermann bzw. tekton war, solar zu interpretieren (sein unbekanntes Geburts-Datum wurde auf die Sonnengeburt zur Wintersonnwende verlegt) und 2. das Kreuz neu, sowie sinnentstellend, als Galgenholz umzustilisieren. Bei den diversen Zeugnissen des sich anbahnenden heidnisch-christlichen Synkretismus ist es kaum möglich, zu erkennen, welchen geistigen Horizont die Schöpfer und die Träger besaßen.
 
Abb. 6 - Alamannischer Gold-Siegelring aus dem Grab eines adeligen Kriegers, um 660/680, vom Friedhof Lauchheim-Wasserfurche (Gewicht 12,58 g, Durchmesser der Ringplatte 1,9 cm). In der Beschreibung der Landsmuseums Baden-Württemberg/Konstanz heißt es: Außerdem ist er durch die auf dem Ring wiedergegebene Symbolik ein wichtiges Zeugnis für die Christianisierung der Alamannen. In Wahrheit zeigen die Ringmotive ausschließlich heidnische Sínnzeichen: Wodans Ross, darunter zwei Jera-(Fruchtbarkeits-Jahr)-Runen, über dem Ross die T-(Tiu/Tyr)-Rune (mit dem fruchtbringenden Dreispross-Schweif), fankiert vom Mond- und Sonnen-Zeichen. Lediglich die Querlinie der T-Rune, könnte als Kreuz interpretiert werden, doch auch diese könnte ebensogut eine rein solare Deutung erfahren. Oder wurde das Kreuz als Welt-Stütze des Himmelsdaches gedacht, wobei der heidnische Weltsäulenkult aufscheint.   
 
Deutsche Kaiserin Beatrix von Burgund
 
Beatrix war die einzige Tochter des Grafen Rainald III. von Burgund und  der Agathe von Lothringen. Am 17.06.1156 heiratete sie noch sehr jung in Würzburg den ungefähr 20 Jahre älteren Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Dieser erhielt mit Burgund einen wichtigen Zugang nach Italien, der nun unter seiner militärischen Kontrolle stand, andererseits vergrößerten die Einnahmen dieses Reichsteils Barbarossas Möglichkeiten, Söldner für seine militärischen Unternehmungen anzuwerben. Nach einem blutigen Feldzug im Jahr 1167 durch das, obwohl zum Reich gehörende Italien der widerspenstigen lombardischen Städte, belagerte er die Stadt Rom, um seine geliebte und hoch geachtete Beatrix vom Papst zur Kaiserin krönen zu lassen, was nach Eroberung der Peterskirche und Beseitigung der feindlichen Truppen am 1.08.1167 auch geschah. Beatrix war also Königin (seit 1156) und Kaiserin (seit 1167) des sog. „Römisch-Deutschen Reiches“, wobei man das formalistische Attribut „römisch“ getrost weglassen könnte, denn es war ein rein deutsch-germanisches Reich. Sie war die zweite Gemahlin von Barbarossa und wurde die Großmutter des hoch gepriesenen Wunders in Menschengestalt, nämlich Kaiser Friedrich II. Die intelligente und gebildete Beatrix wird in zeitgenössischen Quellen als auffallende Schönheit beschrieben. Der Staufer - also Alemanne - Barbarossa musste eine kriegerische Politik führen, zur Erhaltung des weiträumigen Reiches. Bekanntlich ertrank er in einem heute türkischen Fluss, während seines zweiten Kreuzzuges. Kaiser Otto I. der Große (912-973) hatte das Reich ausgedehnt und gefestigt. Durch seinen Sieg 955 in der Lechfeld-Schlacht über die räuberischen Ungarn, dann über die Slawen, kam es zur deutschen Blüte in der sog. „Ottonischen Renaisance“. Im Jahre 961 eroberte er das Königreich Italien und dehnte sein Reich nach Norden, Osten und bis nach Süditalien aus. Er sah in der „unbedingten Wahrung“ des „honor imperii“ (Ehre des Reiches) eine wesentliche „handlungsleitende Vorstellung“, wie Historiker schreiben. Barbarossa sah sich genötigt das große Erbe Ottos ebenfalls in Ehren zu erhalten und zu festigen. Am 11.05.1189 brach Barbarossa von Regensburg als einziger europäischer Herrscher zu einem zweiten Kreuzzug auf. Für den Kreuzzug war der Frieden im Reich notwendige Voraussetzung. Im Hader zwischen dem aus England zurückgekehrten Heinrich dem Löwen und dessen Nachfolger im sächsischen Herzogtum wurde auf einem Hoftag in Goslar entschieden, dass Heinrich abermals für drei Jahre ins Exil gehen muss. Die meisten Intelligenzler sind, von Adel oder nicht von Adel, weil karriereorientiert, immer korrumpierbar, sie passen sich jeder Obrigkeit an, um im jeweiligen System aufzusteigen. Aber den Kleinen Leuten, den Bauern und Handwerkern, könnte man diktieren und tat es, aber in Kriegszeiten mussten die Herrschgewaltigen gewisse Rücksichtnahmen einräumen und dem Umstand Rechnung tragen, dass kein ins Feld befohlener Kriegsmann sein Besten zu geben willig sein würde, wenn er sich mit dem zu verteidigenden Herrscherhaus, als dessen Gefolgsmann, nicht zumindest streckenweise identifizieren könnte, auch wenn ein ganzheitlicher Konsens nicht vorhanden wäre.
 
Abb. 7 - Das Kaiserpaar Friedrich I. und Ehefrau Beatrix, 1180/90, mit runder Sonnen-Rune über ihren Häuptern.
 
Barbarossa und Beatrix benötigten also im hohen Maße eine viele Teile des Reiches umfassende Zustimmung für ihre Politik. Die kirchlich eingestellten Untertanen hatten sie mit der Schaffung des Erzstiftes Magdeburg und dem Kreuzzugsgedanken gewonnen, versuchten sie mit der Sonnen-Rune in den Münzbildern die Altgläubigen, diversen halbchristlichen Sektierer und Synkretisten für den Reichsgedanken loyal zu stimmen ? Wir wissen es nicht. Das Wagnis war nicht unkalkulierbar, was die Sonnen-Rune im Türsturz von Geisenheim beweist, die für den kirchlichen „Erlösersohn“ längst funktionalisiert worden war. Nur eines ist sicher, die selbstsichere, freie Denk und Regierungsweise der klugen Beatrix, hätte es nicht erlaubt, dass dieses Zeichen auf ihre Münze gelangt wäre, ohne ihren ausdrücklichen Wunsch und ihr Wissen. Man kennt einen weiteren Brakteaten aus der Münzstätte Gelnhausen, von um 1180, mit dem Kaiserpaar Friedrich I. und Beatrix (siehe Abb. 7), auf dem Er den Reichsapfel hält und Sie die Lilie. Zwischen ihren Köpfen eine kleine G-Rune bzw. das Vermehrungskreuz/Malkreuz und über beider Häupten wieder die Sonnen-Rune, diesmal in der runden Form. Auf einem anderen Brakteaten der Stauferzeit, nämlich dem der Äbtissin Beatrix II. von Winzenburg (1138-1160), der Abtei Quedlinburg im nördlichen Harz, sitzt die Äbtissin mit Lilie und geöffnetem Buch zwischen zwei Nonnenbrustbildern auf Mauer und links von ihrem Münzbildkopf erscheint die Sonnen-Raute. Auf einem Brakteaten des Dietrich I., genannt „der Bedrängte“ (1162-1221), ab 1198 Markgraf von Meißen und ab 1210 als Dietrich III. Markgraf der Lausitz, sieht man ihn von zwei Sonnen-Kreisen flankiert. Wahrscheinlich demonstrierte er damit gegenüber seinen damals noch mehrheitlich heidnischen Landsassen in diesen östlichen Gauen, seine landesväterliche Toleranz, trotz der von der großen Politik vorgegebenen Missionierungsstrategie. Ein Brakteat von 1240 der Abtei Reichenau am Bodensee, des Abtes Konrad von Zimmern (1234-1255), weist zwei flankierende und ein drittes Sonnen-Kreischen auf. Der Staufer-Kaiser Friedrich II. geriet bekanntlich mit dem Papst in Konflikt, wodurch auch Konrad von Zimmern in Bedrängnis geriet. Konrad sollte sich von Friedrich II. abwenden und die päpstlichen Gegenkönige unterstützen, was er anfangs nicht befolgte, weshalb ihn 1244 der päpstliche Kirchenbann traf. Als er sich endlich doch beugte, konnte er sich von seiner Insel kaum weggetrauen, denn die Dörfer rundum hielten fest zum Kaiser und nicht zum Papst. Sogar innerhalb seiner Mönchsgemeinschaft verliefen die Fronten; die Parteien wurden zwischen Kaiser und Papst regelrecht zerrieben. Auch mit dem Bischof von Konstanz lag er im Konflikt. Das lateinische Gedicht „Planctus Augiae“ („Die Klage der (Reichen-)Au“) stammt erwiesenermaßen aus der Feder Konrads. Der Heimatforscher u. Schriftsteller Ottmar Schönhuth schreibt, unter Berufung auf andere Quellen, in „Chronik des ehemaligen Klosters Reichenau, der ersten Pflanzschule süddeutscher Bildung, Wissenschaft und Kunst - Ein Beitrag zur schwäbischen Geschichte aus handschriftlichen Quellen dargestellt.“, 1836, S. 177-184, dass Abt Konrad: „… in Gegenwärtigkeit vieler Personen, so zu Hof kommen, mit Weinen und Seufzen den verderblichen Stand und Unfall des Gotteshauses [Reichen-]Au beklagt hat.“ Die Sonnen-Heilszeichen in seinem Brakteaten scheint der eigensinnige Mann hochnötig gehabt zu haben.
 
Wir sehen anhand dieser wenigen besprochenen Funde, dass der karolingisch verordnete Glaubensumbruch nicht so gradlinig-bruchlos vonstatten gegangen sein kann, wie uns die offizielle Geschichtsschreibung zu vermitteln bestrebt ist. Wenn schon in den höchsten Kreisen solche Irritationen und Orientierungsprobleme auftraten, welche Querelen müssen dann erstrecht im einfachen Gemeindevolk abgelaufen sein. Welch ein abgründiges Misstrauen, ja Hass, gegen die christliche Obrigkeit schwelte, offenbarte sich in den Erhebungen, auch der späteren Bauernaufstände der 15.-17. Jh., gegen die Klöster, die ausbeuterische, fettwanstige „Pfaffenbrut“. Die Statuten der Aufständischen gaben sich zwar, dem Zeitdiktat entsprechend, vordergründig christlich, doch ihre Hauptforderungen zeigten, dass sie sich darunter etwas sehr viel anderes vorstellten als Mönchstum, Klerus und Staatsmacht. Und den altdeutschen Sinn- und Buchstabenzeichen, den Runen, muss auch eine bedeutend nachhaltigere, unterschwellige Beeinflussung des mittelalterlichen Denkens zuerkannt werden.