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Gotländischer C-Brakteat aus Djupbrunns (IK 44) mit Runenschrift (aus 400 n.0), linksläufig „alu“ und Hakenkreuz, mit der Gesamtbedeutung „Glücksschutz“. Eine silberne Fibel aus dem 3. Jh. aus Værløse, Seeland, Dänemark, weist auf ihrem Stifthalter eine Runeninschrift auf, nämlich „alugod“ („göttlicher Glücksschutz“), gefolgt von einem Hakenkreuz. Die Værløse-Fibel ist im dänischen Nationalmuseum, Kopenhagen zu sehen.

Wilhelm Heizmann, „Die Formelwörter der Goldbrakteaten“:

In der intensiven Auseinandersetzung mit den Bildern und Inschriften der Goldbrakteaten [münzenartige Umhänge-Amulette] hat sich innerhalb des Teams um Karl Hauck zunehmend die Einsicht durchgesetzt, daß beide Bedeutungsträger zusammengesehen werden müssen. Diese Sichtweise findet eine natürliche Stütze in den spätantiken Vorbildern der Brakteaten, denn auch dort, auf den konstantinischen Münz- und Medaillon-Prägungen, die im Norden in erster Linie als Amulette rezipiert wurden, traten Schrift und Bild zusammen auf und bildeten ein Ganzes. Zum ersten Mal formuliert und an einer bestimmten Gruppe von Inschriften (laukaR) vorgeführt wurde diese neue Sichtweise Zusammenfassungen Summaries in einem Aufsatz mit dem als programmatisch verstandenen Titel „Bildformel und Formelwort“ aus dem Jahr 1987 (Heizmann 1987). Konsequent umgesetzt und weitergeführt hat diesen Ansatz Karl Hauck in seinem Beitrag zum 4. internationalen Runensymposium in Göttingen (Hauck 1998,2). Daraus ergibt sich die Forderung, daß jede Deutung der Runeninschriften auf Brakteaten auch deren Ikonographie zu berücksichtigen hat. Diese Ikonographie weist die Brakteaten als Heilsbilder und Götterbildamulette aus. Eine profane Deutung der Inschriften ist damit apriori wenig wahrscheinlich. Der Ausdruck „Formelwort“ wurde zum ersten Mal von Wolfgang Krause in der ersten Auflage der „Runeninschriften im älteren Futhark“ in die Diskussion eingeführt (Krause 1937), ohne allerdings jemals genauer definiert worden zu sein. Dieser etablierte Begriff soll im Folgenden beibehalten werden. Unter „Formelwörter“ werden hier bestimmte appellativische Substantive verstanden, die in den Inschriften im älteren Fuþark und zwar insbesondere auf den Goldbrakteaten mehrfach vorkommen. In erster Linie sind dies alu, auja, laþu, laukaR und ota. Weitere Wörter sind zu diskutieren. Ihre Bedeutung läßt sich auf dem Wege der Etymologie oder aus ihrem Weiterleben in jüngeren Sprachstufen weitgehend erschließen. Als Vorbilder können die formelhaften Wendungen (salus, pietas, iustitia, felicitas, gloria, spes, virtus, gaudium, victoria, securitas etc.) der spätantiken Münz- und Medaillonlegenden gelten. Formelwörter treten sowohl alleine als auch in Gruppen auf. Mit Ausnahme von auja sind sie ohne syntaktische Verbindung zur Umgebung und stehen daher zumeist im Nominativ Singular. Daß sie überwiegend auf goldenen Götterbildamuletten begegnen, rechtfertigt es, sie in die Nähe von Zaubersprüchen zustellen und als gleichsam auf ein einziges Wort verkürzte Zauberformeln anzusprechen. In höchster Konzentration repräsentieren sie die Macht des festgeprägten Wortes, das Handlungen und Geschehnisse erzeugt und erzwingt (de Boor / Mohr 1958, S. 473). Als extreme Verkürzungen sind sie besonders für den winzigen Raum geeignet, der auf Goldbrakteaten zur Verfügung steht. Wie die Bildformeln, mit denen sie Hand in Hand gehen, zeigen sie sich gleichsam janusköpfig, indem sie einerseits ins Bildinnere gewendet ihre Wirksamkeit auf der Ebene der dargestellten Mythenentfalten, andererseits aber wie diese heilsgeschichtlichen Präzedenzfälle nach außen in die reale Gegenwart der Amuletträger wirken und diesen Heilung, Rettung und Schutz verheißen.

Eine lesenswerte Rezension zum Thema: Auch der von Wilhelm Heizmann verfasste Beitrag „Die Formelwörter der Goldbrakteaten“ (S. 525-601) darf wohl die Bezeichnung „Auswertung“ für sich in Anspruch nehmen. Heizmann liefert übersichtliche Verzeichnisse der behandelten Inschriften mit den Formelwörtern alu, laÞu, laukaR, ota sowie der vermeintlichen Formelwörter auja, eh(w)u und salusalu. Dieses Verzeichnis berücksichtigt sowohl die Brakteateninschriften, als auch Inschriften auf anderen Denkmälergruppen wie insbesondere Runensteine. Die einzelnen Inschriften werden in Transliteration und - was besonders leserfreundlich ist - als Zeichnung mit Nummerierung der Runen und Segmentierung der Inschrift geboten. Zudem enthalten die Verzeichnisse eine Angabe der Leserichtung und die Zuordnung zur Formularfamilie. Die Bedeutung der Formelwörter wird in eigenständigen Abschnitten ausführlich besprochen und über die Etymologie bzw. über ihr Weiterleben in späteren Sprachstufen und ggf. über ihren Kontext erschlossen: alu = „Abwehr“ (n i c h t „Bier“!); laÞu = „Einladung“; laukaR = „Lauch“; ota = „Furcht“, „Schrecken“. Da es sich bei den Goldbrakteaten um Amulette handelt, ist die apotropäische Funktion von alu - das auch auf Runensteinen zum Schutz der Grabesruhe bzw. zum Schutz vor Wiedergängerei auftritt - wird ota - als auf feindliche Mächte gerichteter Zauberbefehl - unmittelbar verständlich (S. 538-544, 574-577). Es handelt sich um Zauberformeln, die - ähnlich wie die Bilder - aufgrund des winzigen Raums auf ein einziges Wort verkürzt wurden. Das Auftreten der Formelwörter laÞu und laukaR, die konsequenterweise ebenfalls in die Nähe von (extrem verkürzten) Zaubersprüchen zu stellen sein müssen, sei hingegen nur vor dem Hintergrund der Bildinhalte zu begreifen. Das Formelwort laÞu stehe im Zusammenhang mit den Vögeln, Caniden, Pferdchen und Mischwesen, die dem göttlichen Heiler der C-Brakteaten bei der Heilung des Balder-Fohlens behilflich sind. Auf dieser Grundlage könne laÞu als „Wortchiffre für die Herbeirufung von theriomorphen Helfern" (S. 550) aufgefasst werden. Die Funktion von laukaR im Zusammenhang der mythischen Pferdeheilung wird vor dem Hintergrund der besonderen Bedeutung von Lauch (allium) in der Erfahrungsmedizin von der Antike bis in die Neuzeit deutlich. Gerade hinsichtlich von Verletzungen oder Erkrankungen der Pferdeextremitäten gilt Lauch seit Alters her als ideales Heilmittel. Als besonders heilkräftige und magisch wirksame Pflanze ist der Lauch auch in der altnordischen Überlieferung belegt, etwa in den „Sigrdrifomal“ wo es heißt, man müsse Lauch in den Met mischen um sich vor Vergiftung zu schützen. In der „Völuspa“ wird berichtet, dass die von Burs Söhnen emporgehobene Erde zu allererst von grünem Lauch bewachsen war. „Lauch erscheint hier als Pflanze der mythischen Urzeit, der die produktiven und regenerativen Potenzen der Welt in ihrem primordialen Zustand innewohnen“ (S. 560f.). Dass gerade Odin um die Macht des Lauchs wusste, macht eine Reihe von Texten wahrscheinlich, die den Gott als Kräuterkundigen ausweisen. Besonders erwähnenswert ist der altenglische „Neunkräutersegen“, der Wodens Überwindung einer Giftschlange mit Hilfe von Kräutern bzw. Zweigen als mythischen Präzedenzfall vorführt. Die überragende und bestens belegte Bedeutung des Lauchs als Heilpflanze wird von Heizmann eingehend geschildert. Als besonders bemerkenswerte Beobachtung möchte ich hervorheben, „dass es unabhängig von der Semantik zwischen einzelnen runischen Wörtern und Wörtern der Münz- und Medaillonlegenden phonetische Äquivalenzerscheinungen gibt" (S. 529). Dies betreffe etwa SALVS und salusalu, EQVES/EQVIS und ehwu/ehu sowie insbesondere VOTA und ota. Heizmann vermutet, dass die Brakteatenmeister gezielt nach lautlichen (n i c h t semantischen) Äquivalenten in der eigenen Sprache gesucht haben. Ein sehr ähnliches Phänomen liegt anscheinend beim Aneignungsprozess auf bildlicher Ebene vor, wenn etwa die Huldigung des Kaisers durch Mars und Victoria als formales Vorbild gewählt wird, da sich daraus die Tötung Balders durch den Mistelzweig herstellen lässt. Hier scheint mir Heizmann - leider nur kurz und mit großer Vorsicht - einen Komplex anzuschneiden, der nicht nur für das Verständnis der Aneignungsverfahren von Bild und Schrift auf den Goldbrakteaten, sondern überhaupt für das Verständnis von der Entstehung und Genese von Bild und Schrift bei den Germanen sowie ihres Verhältnisses zueinander von zentraler Bedeutung ist.