Quellen- und Baumkult

                       

                            

Quelle/Kessel und Baum/Eibe = 11. + 12. ODING-Runen

 

 

  

Mittelalterliche Darstellung des Heiden-Tempels von Alt-Upsala mit Baum und Quelle,
2. Bild aus Olaus Magnus, „Historia de gentibus septentrionalibus“, 1562

 

Verbindung von Quell- und Baumkult

 

Im ODING-Runen-Reigen steht die Weltbaum-Rune des Eiben-Stabes  unmittelbar neben dem erdmütterlichen Kessel-Zeichen   der Perdo-Göttin. Damit folgte der Runen-Schöpfer einem uralten indogermanischen Mythen-Schema. Über die Verbindung von Quelle- (bzw. Gewässer) und Baum im Kult der Antike sind wir durch zahlreiche archäologische, schriftliche und bildliche Belege informiert. Besonders anschaulich zeigen dies griech. Vasenmalereien und römische Fresken. Die Zeus-Eiche von Dodona stand neben einer Quelle, die von Theophrast beschriebene immergrüne Platane von Gortynia (Kreta) ebenso. Thybris der Flussgott des Tiber, besaß eine heilige Eiche, die nach einem siegreichen Kampf, Waffen und Rüstungen des Besiegten empfing (Vergil, Aeneis X, 420 ff). (Wolf-Rüdiger Teegen, „Studien zu dem kaiserzeitlichen Quellopferfund von Bad Pyrmont“, 1999, S. 346 ff) Nach Adam von Bremen, der im Jahre 1070 seine Chronik schrieb, heißt es vom großen Heidentempel im schwedischen Alt-Uppsala: „Bei diesem Tempel steht ein sehr großer Baum, der seine Zweige weithin ausbreitet, Sommers und Winters immer grün [Eibe]; welcher Art er ist, weiß niemand. Dort ist auch ein Quell, wo die heidnischen Opfer vollzogen und ein Mensch lebendig versenkt zu werden pflegt. Wenn dieser nicht wieder auftaucht [das Quellopfer also angenommen wurde], so wird der Wunsch des Volkes in Erfüllung gehen.“

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Vom Tempel bei Alt-Uppsala, welches das Zentrum des heidnischen Glaubens der Svear / Schweden war, berichtet „Adam von Bremen“ (ca.1050-1081/1085) um das Jahr 1070 in seiner Chronik der „Hamburger Bischofsgeschichte“: „Noch in den sechziger Jahren des 11. Jahrhunderts stand der mächtige Tempel von Uppsala auf seinem Platz, obwohl Olof Skötkonung schon ein halbes Jahrhundert vorher dessen Zerstörung geplant hatte. Er bestand aus einem völlig vergoldeten Gebäude und in diesem thronten Abbildungen der heidnischen Götter."

„Dieses Volk hat einen hochberühmten Tempel, der Upsala heißt, nicht fern von der Stadt Gigtuna (und Björkö). In diesem Tempel, der ganz aus Gold zubereitet ist, verehrt das Volk die Standbilder von drei Göttern, und zwar so dass der mächtigste von ihnen, Thor, mitten im Gemach seinen Thron hat; zu beiden Seiten nehmen den Platz Wodan und Frikko ein. Ihre Bedeutung ist folgende: Thor, sagen sie, herrsche in der Luft und gebietet über Donner und Blitz, Wind und Regen, heiteres Wetter und Fruchtbarkeit. Der andere, Wodan, d.h. Wut, lenkt die Kriege und verleiht dem Menschen Tapferkeit gegen seine Feinde; der dritte ist Frikko, der Frieden und Freude den Sterblichen spendet.

Sein Bild versehen sie auch mit einem gewaltigen männlichen Glied. Den Wodan aber stellen sie bewaffnet dar, wie wir es mit dem Mars zu tun pflegen; Thor aber scheint mit seinem Zepter dem Jupiter zu ähneln. Sie verehren auch zu Göttern erhobene Menschen, die sie wegen gewaltigen Taten mit der Unsterblichkeit begaben; so liest man in der Lebensbeschreibung des heiligen Unskar, dass sie es mit dem König Herich gemacht haben.

So haben sie für alle ihr Götter Priester bestellt, die die Volksopfer darbringen. Wenn Seuche und Hungersnot drohen, wird dem Götzen Thor geopfert, wenn Krieg, dem Wodan, wenn eine Hochzeit zu feiern ist, dem Frikko. Es pflegt auch alle neun Jahre ein gemeinsames Fest aller schwedischen Lande in Upsala gefeiert zu werden. Von diesem Fest darf sich nämlich niemand ausschließen. Könige und Völker, alle und jeder schicken ihre Gaben nach Upsala, und, was die grausame Pein bereitet, die man sich denken kann, diejenigen, die bereits das Christentum angenommen haben, kaufen sich von jenen Feierlichkeiten los. Das Opfer nun ist der Art: von jedem Lebewesen männlichen Geschlechts werden neun Stück gebracht, durch deren Blut jene Götter versöhnt zu werden pflegen. Die Körper aber werden in einem Hain aufgehängt, der zunächst dem Tempel liegt.

Denn dieser Hain ist den Heiden so heilig, dass sie glauben, jeder einzelne Baum darin werde durch den Tod oder die Verwesung der Geopferten geheiligt. Dort hängen auch Hunde und Pferde neben Menschen, und solche Körper, erzählte mir ein Christ, habe er 72 durcheinander aufgehängt gesehen. Übrigens sind die Zauberlieder, die bei der Begehung der heiligen Handlung gesungen zu werden pflegen, vielfältig und unanständig und werden daher besser verschwiegen." So lautet der Bericht des dem Heidentum fernstehenden (!) Christenagenten A. v. Bremen.

 
URDA-QUELLE UND WELT-EIBE
 
Das dichterisch deutlichste Frauensymbol,
das Maimutter-Zeichen ist nimmer frivol.
Im geöffneten Schoße, der Lebensquelle,
dem Erdmund, der Allmutter heiligster Stelle,
in ihm sah das Schauen der alten Zeit
die markante mimische Gleichartigkeit
mit Schale und Schüssel und tiefem Tiegel,
dem blühenden Becher, dem hortreichen Hügel,
mit Truhe, Trog, Tasche, Topf und Tonne
und dem dort verwahrten Heilwag der Wonne.
 
Das wonnige Wasser des Lebens rinnt,
wo die minnigen Stätten der Mutter sind.
Jeder blanke Born, jeder traute Teich
sind der einzigen Mutter Einflussbereich.
 
Sie ist die urfirne Urda am Lebensbronnen,
von ihr werden Fäden des Fatums gesponnen.
Die Mutter selbst ist die mich‘lige Quelle,
aus ihr quillt des Lebens ewige Welle,
die dort flutet am Fuße vom Lebensbaum,
die ihn nätzend nähret mit weißem Schaum.
 
Da hocken die Schepfen, Schicksal zu schöpfen,
Keime zu knoten, zu knüpfen, zu knöpfen;
und wieder zu lockern, zu löschen, zu lösen,
sie falten die Fäden, - die guten, die bösen.
 
Drei Disen erwählen wohl Dürfte und Dorn,
sie stehen am Quellhaupt, am Quickeborn.
Drei Nornen erküren das Lebensgebot,
sie nesteln den Ninnen die Heile, die Not.
Drei Parzen prägen Geburt und Geschick,
die neigende Not, - das gneisternde Glück.

 

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