AM GROSSEN SPIELBRETT STEHEN ZWEI

 

Immer seltener werden die schönen Tage. Sonnenschein und blauer Himmel muten wie kostbare Geschenke an, denn nur zu oft ist das Land in dichten Nebel gehüllt, den auch die karge Mittagswärme nicht immer zerteilen kann. Die entblätterten Bäume zeigen ihr schmuckloses schwarzes Astgewirr. Auf den Feldern haben sich schon die typischen Herbstvögel, Krähen und Raben eingestellt, die nun auch im Weichbild von Ansiedlungen aufzutauchen beginnen. Wir sehen der Natur förmlich den Schlaf einer tödlich erscheinenden Starre an, da frisches Grün und alles Blühen aus der Landschaft verschwindet.

 

NOVEMBER = WINTERBEGINN

Am großen „Spielbrett“ stehen zwei,
zu prüfen, an wem die Runde sei.
Es würfelt der Ries' mit dem Ackermann,
der Bauer verlor, der Riese gewann !

Der „Bauer“ gleicht redlicher Gotteskraft,
der „Riese“ doch jener die Unheil schafft.
Das Lebendige sauget der kalte Erpresser,
er ist der Jötun, der gierige Fresser.

Die Dornrute schwingt er nun grauenvoll,
man heißt ihn Thurse, den schlimmen Troll.
Als Saturnus umschleicht er, so sonnenfern,
den frohen Liebes- und Lebensherrn.

Und einmal, zur Zeit, wird er der Beender,
er wirft seine grauen, eiskalten Gewänder,
wie ein Greis mit Sense und Stundenglas,
fällt seinem Schnitt alles Frohe zum Fraß.

Er ist das Symbol für den Gottesfeind,
gegen den die lichte Schöpfung sich eint.
Er will den runischen Kosmos vernichten,
der wird ihn am Zeiten-Ende doch richten.

Gott Wodin, der Ase, der Weiße Berg -
die Sonne ist nur sein Funken-Zwerg -,
er ist Einundzwanz‘ger, der Gipfel-Geist,
der ewig aus eigenem Licht sich speist !

Der ranghöchsten Drei, dem Gottes-Ich,
steht immer entgegen, unänderlich,
wie traulichen Tagen die neidigen Nächte,
der Finsternis-Gipfel der höllischen Mächte.

Hier hechelt sein Herr in Wolfes Gestalt,
die winterlich wirsige Todesgewalt.
Der Teufel der Tiefe hat einen Turm,
dort sammelt er seine Vasallen zum Sturm.

Da flattert ein schwarzes Flügelgebraus,
um das zweiundzwanzigste Runen-Haus.
Seine eische Burg auf dem Berg des Bösen;
kein lichter Retter könnt‘ sie erlösen.

Denn Zweiundzwanzig heißt Schaitans-Vier,
ist nackte Materie, ist stoffliche Gier.
In ihren Schächten winden sich Schlangen,
die kaltäugig gierigen, giftigen, langen.

Es huldigen ihm, dem Höllen-Gevatter,
die Kröte, der Molch, die Viper und Natter -;
so sind es die ekligen Würmer und Drachen,
die Erbschätze unter der Erde bewachen.

Die Güter der Grotten, die Steine, das Gold,
sind blinkender Tand nur -, des Satans Sold.
Der wahre Wert liegt im geistigen Gut,
doch Geist erwacht nur im wertigen Blut !

Das mag uns der Thurse vergessen machen,
nach Adel und Odal gelüstet sein Rachen -;
Völker und Vätergeist will er verschlingen,
drum lehrt er die Lieder des Todes zu singen.

D'rum züchtet er zornig der Wolfszeit Zank,
machen seine Dämonen das Denken krank -,
d'rum schlagen sich Brüder um schnödes Geld,
so wie es dem wölfischen Würger gefällt.

Im Terror der Bomben und Unwetterbrechen
hör’n wir die bellenden Bestien sprechen.
Der Thiazi und Thrymr, die Winter-Titanen,
woll’n wirre Wege des Todes sich bahnen.

Jetzt schneidet mit eisigen Messern der Frost
vom Baume des Lebens lebendige Kost.
Die Finsternis fließet als tötende Flut -,
der Fenrir ist los, mit all seiner Brut !

 

PS: Die 22. Kalender-Rune (Thursen-Buchstabe) unserer gallo-germanischen Vorfahren steht im Runen-Zeitweiser um den November-Beginn, mit dem das Winterhalbjahr seinen Anfang nimmt. Der Thurse wurde als der unholde Winter-Riese gedacht, welcher die Welt mit seiner dornigen Rute in den Todesschlaf schlägt. -- Deshalb feiert man in den keltisch-germanischen Volksbräuchen bis heute auch „Halloween“ mit den Umzügen dämonischer Masken -, weil man ab November-Beginn die bösen Geister der Lichtferne und des Todes befreit glaubte. 

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