DIE ODAL-RUNE AM KULTBAU

 

1.) Träger-Kapitell des Lesepults im „Tempietto Longobardo“ in Cividale

  2.) Kapitell aus den Tempelresten von Windisch-Oberburg

 
Wenn es so ist, dass das Schlingenzeichen der „o“-Rune den von mir erkannten hohen Symbolwert besaß, als Anfangszeichen der Runenbuchstabenreihe und dem Wizzod der germanisch-altdeutschen Volksreligion, dann wäre ebenso zu vermuten, dass sie nicht allein ihren Amulett-Charakter auf völkerwanderungszeitlichen germanischen Gürtelschnallen und auf den mittelalterlichen Goldbrakteaten unter Beweis stellte, sondern auf eindeutig kultischen Gerätschaften. Haben solche Nachweise möglicherweise die Christenkirchenzensur überlebt, oder sind sie restlos von klerikalen Fanatikern ausgetilgt worden ? Die Funde beweisen unzweifelhaft das Schlingenzeichen als Sinnbild für das Seelenleben in Form der Metaphern von Seelen-Schlangen und -Vögeln, die auf den Fundbildern mit der „o“-Rune verbunden wurden, um sie als solche kenntlich zu machen. Darüber hinaus gibt es einen krönenden Beweis für die altheilige Ehrwürdigkeit der „o“-Rune an einem Sakralbau. Die norddeutschen Völker der Alemannen und Langobarden trugen den Runen- und den Wodankult in den Süden und erlebten in einem über Jahrhunderte hinwegreichenden Prozess ihre schrittweisen synkretistischen, glücklicherweise aber nie vollendeten Verchristlichungen, weder in der katholischen noch der protestantischen Form. Den altheidnischen Symbolismus und seine Sinninhalte aber vermochte die Mission zunächst auszulöschen. Über Generationen vermischten sich altheidnische Glaubensvorstellungen und Symbolismen mit denen der byzantinischen und römischen Kirchen. Die Überreste eines solchen Tempels oder einer Kapelle in der altgläubig-germanische Relikte zur Geltung traten, fanden sich auf dem Gebiet der heutigen Schweiz, in der Nordwestschweiz bei Brugg, im Flusstal von Aare und Reuss. Dort liegt Windisch, wo sich eine keltische Schanzanlange und von 15 v.0 mit Unterbrechungen bis 401 n.0 das römische Legionslager Vindonissa befand. Der Ortsname bedeutet im Keltisch-Helvetischen „Ort des Windon“. Die altehrwürdige Bedeutung der Stätte erweist sich aus dem Umstand, dass hier Kloster und Bischofssitz in christlicher Zeit entstanden. Viele keltische und römische Funde wurden hier aus dem Boden gehoben. 1956 musste im Ortsteil Oberburg das „Haus Schatzmann“ einem Mehrfamilienhaus weichen. Beim Abbruch des alten Mauerwerkes kamen 9 Baufragmente zum Vorschein, die in zweiter Verwendung, zum Vorgängerbau einer 1360 genannten Kapelle gehörten.
 
Dieses ursprünglich keltoromanische Siedlungsgebiet gehörte wohl im 5. bis Beginn 6. Jahrhundert zum Reich der Burgunder, dies ergibt sich aus der Teilnahme der Bischöfe von Martigny, Genava und Windisch an der burgundischen Synode von Epao-Jenne. 111 Gemeinden des westlichen Mittellandes tragen heute noch Namen auf -inges, -ins, -ens. Es sind Umbildungen der ursprünglich deutschen Endung -ingen. Vufflens am Genfer-See heißt ursprünglich Wölfingen, wie es auch ein Wülfingen in der Ostschweiz gibt. Der arianische Burgunderkönig Gundobad ließ im Jahr 501 seinen Bruder Godegisel, den Teilkönig in Genf, ermorden und setzte dort seinen Sohn Sigismund als dessen Nachfolger ein. Dieser trat gegen den Willen seines Vaters im Jahre 506 (nach anderen Quellen bereits 497) zum Katholizismus über, wurde 516 Gundobads Nachfolger und nahm den Titel „Magister militum“ an, während ihm der oström. Kaiser Anastasios I. den Ehrentitel „patricius“ verlieh. Um das Jahr 517 verheiratete König Sigismund seine Tochter Suavegotho mit dem Frankenkönig Theuderich I.. Nachdem sich Sigismund von dem damals sehr rührigen Katholiken-Bischof Alcimus Ecdicius Avitus die Legende vom „Martyrium der Thebäischen Legion“ mit dem „Mauritius-Kult“ hatte aufschwatzen lassen, gründete er i.J. 515 das Kloster St. Mauritius (St. Maurice), das älteste der Schweiz. Es liegt am südöstlichen Ende des Genfer Sees. Urheber der Legende war eigentlich Bischof Eucherius von Lyon, dessen Sohn Salonius vor 441 Bischof von Genf geworden war. Avitus bekämpfte energisch den in Burgund vorherrschenden Arianismus und leitete 517 das von ihm einberufene 1. burgundische Konzil in Epao-Jenne, zur Wiederherstellung des katholischen Glaubens, wo der Arianismus verboten wurde. Im Jahr 522 ließ Sigismund seinen Sohn Sigerich erdrosseln, da er ihn verdächtigte, sich gegen ihn verschworen zu haben. Dadurch verlor er die Freundschaft mit Theoderich dem Großen und verband sich noch näher mit dem oströmischen Hof zu Byzanz, der ihn aber auch nicht retten konnte. Von den Ostgoten und den Merowingern angegriffen, wurde Sigismund von seinen eigenen Landsleuten an die Franken ausgeliefert die ihn mit Frau und zwei seiner Söhne in einen Brunnen warfen.
 
Erster Bischof von Windisch soll Bubulcus (517–534) gewesen sein, auf den Cromatius (534 bis 552), 585/590 verlegten die alemannischen Herzöge das Bistum von Windisch nach Konstanz an den Bodensee. Beim Vorgängerbau der Kapelle von Windisch muss es sich um einen etwa im Jahre 517 abgerissenen arianischen Sakralbau gehandelt haben aus der germanischen Endphase des röm. Imperiums (König Odoaker 433-493), oder der Ostgotenzeit (König Theoderich der Große, 451-526), in denen synkretistische christlich-heidnische Mischreligionsformen des Arianismus üblich waren. Bei den in zweiter Verwendung vermauerten Baufragmenten im Mauerwerk des abgebrochenen Hauses handelt es sich um Säulenbasen, Kapitelle, Konsolen und Kämpferplatten. Einzig die vorliegenden Stücke wurden aus dem Schuttberg gerettet. Die geometrischen Muster, Flechtbänder und der florale Schmuck entsprechen dem langobardischen Stil, sind aber von den Steinmetzen eher provinziell und nicht von der Perfektion geschaffen wie sie in den langobardischen Hochburgen ausgeführt wurden. Alle Elemente sind aus Kalkstein behauen und besitzen in den Rillen teilweise Reste von roter Ocker-Farbe und Hämatit. (Katrin Roth-Rubi, „Die frühmittelalterlichen skulpierten Architekturstücke aus Windisch-Oberburg - Komplex Haus Schatzmann“ - Beide Abb. aus dieser Schrift.) Das Kapitell von Windisch-Oberburg (Abb. 1) zeigt die Odal-Rune, das Schlingenzeichen der Seele und des runisch-germanischen Seelen- und Schicksalsglaubens. Ebenso erscheint das Sinnzeichen in kantiger Version auf dem Träger-Kapitell des Lesepultes des „Tempietto Longobardo“ (Langobardentempel) von Cividale in der Provinz Friaul, dem alten oberitalienischen Langobardenland. Dort steht die „o“-Rune (odala) kombiniert über der „g“-Rune (gibor), wie auf der berühmten goldenen Scheibenfibel des Frauengrabs 106 von Soest in Westfalen. Es handelt sich um den runischen Beschwörungsappell bzw. die Heilsformelbitte: „Seele/Schicksal sei vermehrt/verbessert !“. Die 8 Punkte in der Zeichenkombination weisen auf den 8. Raum über den 7 Wandelsternsphären hin, dem Raum der Himmelsgottheit Tiu (8. Oding-Rune), auf den auch Clemens von Alexandria (150-215) schrieb: „Wem Jesus die ewige Seligkeit schenken will den hebt er in die 8.“ Im Herzen des Viertels in Cividale, oberhalb eines vorbestehenden frühchristlichen Gebäudes, wurde die Mutterkirche der Langobarden errichtet. Der Tempel soll Mitte des 8. Jhs. errichtet worden sein, wo die Gastaldaga, die langobardische Fürstenherberge stand, deren Bau auf den Herzog von Friaul und späteren König Aistulf bzw. Astolfo (Krönung: 749) zurückgeht und seiner Gattin Giseltrude. Die norddeutschen Langobarden besetzten nach ihrer Südwanderung zwischen 568 und774 die italienische Halbinsel und schufen ihr Königreich, das sich vom Friaul und den Alpen bis nach Benevento und Apulien erstreckte.
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