Das Isländische Runengedicht

 
Copyright © Gerhard Hess - Ostermond 7017 n.M.
 
 
ISLANDS RUNEN
 
Die Runen, die Runen aus Island sind wahr,
die die „Insel aus Feuer und Eis“ gebar.
Keine anderen Run-Reime sind so echt,
die machten die pfäffischen Mönche schlecht.
 
Wer das Denken der Alten verstehen mag,
den rufen die Runen zum heiligen Hag,
dort raunen die Stäbe vom redlichen Sinn,
von Thursen-Trug und dem Asen-Gewinn.
 
Viele Sucher tappen durch Nebel-Streif,
nur wenige sind für die Wahrheit reif.
So war es schon immer, klein ist der Ring,
den niemals ein Träger im Zugriff fing.
 
Nur wem der Ase das Glück gewährt,
der über die Brücke nach Walhall fährt,
und nur wen im Reifen kein Ringen reut,
der wird mit der Runen-Erkenntnis erfreut.
 
Dazu hilft auch Islands Runen-Gedicht,
mit dem eigentümlichen Rätsel-Gesicht.
Wer isländische Runen zu raten versteht,
dem der Odrörir nimmer zur Neige geht !
 
 
Das Isländische Runengedicht
 
Die Überlieferung des altisländischen Runen-Gedichts verteilt sich auf vier Manuskripte der „Arnamagnäanischen Handschriftensammlung“, die in Kopenhagen unter Signatur „AM 413 fol“ aufbewahrt werden, deren älteste Teile auf das 15. Jh. geschätzt werden. Das Gedicht besteht aus den 16 Strophen der 16er Runen-Reihe. Auf eine Langzeile folgt immer eine Kurzzeile, die in sich selbst stabt. Die Anverse des altisländischen Runen-Gedichts ähneln unverkennbar den altnorwegischen, so dass von einer einzigen Urquelle ausgegangen werden muss. Es ist das einzige Gedicht, das noch den Namen „Ase“ (Wodan) für die A-Rune verwendet. Die anderen Runen-Gedichte erweisen sich als noch mehr kirchenchristlich redigiert, sie scheuen sich die heidnischen Götternamen auszusprechen. Dieses Lied besteht aus je vier Zeilen mit dem Stabreim zu jeder Rune. Das erste Wort der ersten Zeile bringt den altnordischen Runennamen. Das erste Wort in der vierten Zeile bringt die lateinische Übersetzung des Runenbegriffs und dahinter stehend, einen altnordischen Herrschertitel. In jedem Vers wird also der Name einer Rune in diversen Metaphern ( altnord: „kenningar“ ) zwei- bis dreimal wiederholt. Wer das Rätsel ihrer Bedeutung lösen kann, hat den Namen der Rune gefunden und ihre Bedeutung verstanden. Auf Schritt und Tritt erspüren wir die christlich-zeitgeist-bedingte Entschärfung der alten heidnischen Runenverse, die voll der deutlichsten lehrhaften Bezüge zum Götterglauben bestanden haben. Aber die Entkernung ist noch nicht derart fortgeschritten, dass es unmöglich wäre, die echten Anklänge herauszuhören.
 
Aufschlussreich ist - so nebenbei gesagt - eine derbe runische Verfluchung gegen einen Feind im isländischen „Galdr-Bok“ des 16. Jhs. erhalten geblieben: „Schreibe diese Stäbe mit Deinem eigenen Blut auf eine weiße Kalbshaut. Nimm das Blut von Deinem Schenkel und sprich: Ich schreibe Dir [dem Feind] acht Asen-Runen, neun Not-Runen, dreizehn Thursen-Runen, die Deinen Bauch mit üblem Kot und Gas plagen werden. Sie alle werden Deinen Bauch mit großem Pfurzen plagen. Mögen sie Dich von Deinem Ort vertreiben und Deine Eingeweide platzen lassen. Möge Dein Pfurzen niemals enden, weder am Tag noch in der Nacht. Du wirst so schwach wie der Feind Loki sein, der von allen Göttern zusammengebunden wurde. Bei Deinem mächtigsten Namen, Herrgott, Geist, Erschaffer.“
 
Die isländischen Runen-Reime
 
1.
Fé er frænda róg
ok flæðar viti
ok grafseiðs gata.
aurum ylkir

Vieh ist der Freunde Feindschaft
und das Feuer der Flut
und der Weg der Schlange
Gold „Anführer des Volkes“
 
Erklärung: „Vieh“ ist ein Kennwort für Geld/Gold. Es ist das „Feuer der Flut“ [Rheingold] und der „Weg der Schlange“ [Drachenhort] und der „Anführer des Volkes“ [Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles“].
 
2.
Úr er skýja grátr
ok skára þverrir
ok hirðis hatr.
umbre (imbre ?) vísi

Niesel ist das Weinen der Wolken
und der Verminderer des Eisrands,
und der Hass des Hirten.
Schatten „Anführer“
 
Erklärung: Der altgläubige Sinn ist mönchisch manipuliert, aus dem „Ur“, dem „Auerochsen“ und seinem herbstlichen Jahresopfer des alten ODING-FUThARK, wurde „Ur“ der Regen bzw. das „Weinen der Wolken“, das den Eisrand tauen lässt und als Schlechtwetter den „Hass der Hirten“ hervorruft. Aber das „Schatten-Wetter“ wird personifiziert zum üblen „Anführer“ im altheidnischen Runensinn des November-Stieropfers.
 
3.
Þurs er kvenna kvöl
ok kletta búi
ok varðrúnar verr.
Saturnus þengill

Thurse ist die Qual der Frauen
und der Felsen Bewohner
und der Ehemann Vardhrúnas.
Saturn „Führer des Things“
 
Erklärung: Der Thurse/Eisriese/Utgardloki ist der Antigott im altgläubigen Runensystem. Er ist als ungezähmte Brachialgewalt (Titanen) aller Schwachen und vornehmlich der „Frauen Qual“. Er ist mithin der unzivilisierte „Felsen-Bewohner“, der Ehemann einer Unholdin, einer Zauberin (altnord: varðloki = Zauberer; varðlokkur = Zaubergesang). Der Thurse wird gleichgesetzt mit lat. Saturn, dem Herrn der Kälte, des Bösen und der unterirdischen Schätze. Er ist der gefährliche „Führer des Things“ der antigöttlichen Berater. Die Astrologie kennt nur zwei Übeltäter, Saturn und Mars. Jenen nannte man im Mittelalter das große Übel, diesen das kleine“, schreibt Julius Schwabe in „Archetyp und Tierkreis“, S. 194.
 
4.
Óss er algingautr
ok ásgarðs jöfurr,
ok valhallar vísi.
Jupiter oddviti

Ase ist der Alte Vater
und Asgards Anführer
und der Herrscher Walhalls.
Jupiter „Spitzen-Führer“
 
Erklärung: Der Ase, also Wodin-Odin, ist der heidnisch „Alte Vater“, ist des Götterhofes, also „Asgards Anführer“ und der Toten-Ehrenhalle bzw. „Walhalls Herrscher“. Er nahm im runenreligiösen Konzept die Stelle des Himmelsgottes und Göttervaters ein, galt also dem lat. Jupiter (altnord: Tiu / Tyr) gleich, gilt somit als „Spitzen-Führer“ oder „Vorkämpfer im Eberrüssel", dem heldischen Vormann im Angriffs-Kampfkeil.
 
5.
Reið er sitjandi sæla
ok snúðig ferð
ok jórs erfiði.
iter ræsir

Reiten ist ein gesegnetes Sitzen
und eine Reise
und die Mühe des Pferdes.
Weg „Würdiger Mann“
 
Erklärung: Die R-Rune meint ursprünglich den „Wagen“ und die „Fortbewegung“, wohl auch das „Reiten als bequemes Sitzen“, was dem Pferd die meiste Mühe macht. Insofern sind sowohl das Reiten wie das Wagenfahren die Fortbewegungsmittel des „würdigen Mannes“, also des vermögenden Mannes, der sich solchen Luxus leisten kann.
 
6.
Kaun er barna böl
ok bardaga [för]
ok holdfúa hús.
flagella konungr

Wunde ist das Weh der Kinder
und eine Geißel
und das Haus verrottendes Fleisches.
Peitsche „König“
 
Erklärung: Die Rune Kaun (K) wurde mehrdeutig, auch als Karbunkel/Geschwür erklärt. Dass bei minderer Hygiene derlei Erkrankungen zuerst zum „Weh der Kinder“ werden, liegt auf der Hand. Eine „Geißel“ werden nicht ausheilende Geschwüre und sie sind vergleichbar mit einem „Haus verrottenden Fleisches“. Welcher „König“, also Herr des bösen Fluches, die Krankheits-„Peitsche“ schwingt, ist nur zu ahnen, nämlich der Dunkelheitsdämon der das „Geschwür“ am Leib des Jahres hervortreten ließ: Die Kaun-Rune steht im ODING-FUThARK-Kalender zur Herbstgleiche, von wo ab das Tageslicht geringen wird als die schwärende Dunkelheit.
 
7.
Hagall er kaldakorn
ok krapadrífa
ok snáka sótt.
grando hildingr

Hagel ist ein kaltes Korn
und ein Schauer aus Schneeregen
und die Krankheit der Schlangen
Hagel „Kampfführer“
 
Erklärung: Die Rune „H“ meint den dioskurischen (Alken-Brüder) Doppelsinn von „Hagel und Heil“. Hier, im hochmittelalterlichen Island-Reim, wird die Runendeutung reduziert als das negative: „Hagel ist ein kaltes Korn“ und „ein Schauer aus Schneeregen“. In dem Hinweis, Hagel sei auch eine „Krankheit der Schlangen“, wird scheinbar naiv auf das Leid der Kaltblüter bei Kälte angespielt, aber der altisländische Runenkenner hörte wohl noch aus der neuen geglätteten Unverfänglichkeit heraus, dass der echt-alte Runensinn sich auch auf das „Zerschlagen des Bösen“ bezogen hatte. „Hagel“ war immer auch ein Synonym für den jähen militärischen Zugriff, der wie ein Hagelgewitter über den Feind hereinbrach. Ein erfolgreicher „Kampfführer“ musste wie Hagel zuschlagen können.   
 
8.
Nauð er Þýjar þrá
ok þungr kostr
ok vássamlig verk.
opera niflungr

Not ist die Trauer der Dienstmagd
und harter Umstand
und anstrengende Arbeit
Leid „Niflung“
 
 
Erklärung: Die Not-Rune wurde zwar nicht auf das Unheil, den „harten Umstand“, oder die „Trauer der Dienstmagd“ und „anstrengende Arbeit“ beschränkt, sondern kommt etymologisch mehr auf „Notwendigkeit und „Nutzen“ heraus („Notfeuer / Nutzenfeuer“). Im isländischen Runenlied bleibt nur das „Leid“ im Fokus der Betrachtung und nicht die positive „Not-Wende“, die „Not-Behebung“. Der „Niflung“, meint den „Nibelung“, den Besitzer des „Niflungen Horts“, so wie man auch die reiche Königssippe der Burgunder benannte. Das grausliche „Leid“ des Burgunder-Untergangs - „der Nibelungen-Not“ - beschreibt das Nibelungenlied.
 
9.
Íss er árbörkr
ok unnar þak
ok feigra manna fár.
glacies jöfurr

Eis ist die Borke des Baches
und das Dach der Wellen
und Gefahr den Verfallenen
Eis „Eberhelm-Träger“
 
Erklärung: Die Eis-Rune meint im Schwerpunkt den Tod des Kaltwerdens. Darauf wird auch im Runengedicht angespielt. „Eis ist die Rinde das Baches“ und somit „das Dach der Wellen“ und die trügerische Eisschicht auch die „Gefahr für die Fallenden“. Wer ins Eis einbricht war in Winterzeiten so gut wie dem Tod verfallen. Der personifizierte Tod wird hier offenbar als Keiler, als „Eberhelm-Träger“, gekennzeichnet. Er ist mehrdeutig, doch der Wildeber ist ein Aasfresser und ernährt sich von Kadavern. Daher wird er mit dem Tod in Verbindung gebracht. In den Mythen Europas und Vorderasiens war er ein blutrünstiges Untier, das den männlichen Vegetationsgott tötete. Bei den alten Ägyptern verkörperte er das Böse als todbringende Bestie, in die sich der Gott Seth verwandelte, um seinen Zwillingsbruder Osiris umzubringen. Weil in der germanischen Mythologie der „Güllinbürsti“ („goldborstener Sonneneber“) als schützendes, im Kampf erprobtes Wappenbild mit der Bedeutung von Stärke und Heldenmut Gültigkeit hatte, wäre die negative Bewertung im Island-Gedicht als bewusste Umdeutung, aus missionierender mönchischer Feder, denkbar.
 
10.
Ár er gumna góði
ok gott sumar
algróinn akr.
annus allvaldr

Gute Ernte ist der Nutzen von allen
und ein guter Sommer
und ein vollreifes Feld
Jahr „All-Herrscher“
 
Erklärung: Die Jahr-Rune steht im ODING-Runen-Kalender auf dem Jahres-Teilungspunkt der Sommersonnenwende und eines hoffentlich „guten Sommers“, welcher ein „vollreifes Feld“ mit „guter Ernte“ und somit „aller Nutzen“ hervorbringen wird. Das „Jahr“ als Ernte-Jahr ist natürlich als „All-Herrscher“ zu bezeichnen, denn ohne gesicherte Ernährung durch den Fruchtertrag wird jedes andere Ding zweitrangig. 
 
11.
Sól er skýja skjöldr
ok skínandi röðull
ok ísa aldrtregi.
rota siklingr

Sonne ist der Schild der Wolken
und scheinende Pracht
und das ewige Unglück des Eises.
Rad „Sohn des Siegreichen“
 
Erklärung: Die Sol-Sonnen-Rune meint die solare „scheinende Pracht“. Ganz folgerichtig ist die personifizierte Sonnenmacht der Gegner und das „ewige Unglück des Eises [also des Todes]“. Die Sonne ist seit Urzeiten als „Rad“ bezeichnet worden und kann auch „Sohn des Siegreichen“ genannt werden, denn die Sonne erschien als Sohn oder Tochter des Himmels(Vaters), der als solarer Vatergott der „Siegreiche“ sein muss. 
 
12.
Týr er einhendr áss
ok ulfs leifar
ok hofa hilmir.
Mars tiggi

Tyr ist der einhändige Ase
und das Übriggebliebene des Wolfs
und Behüter der Höfe.
Mars „Leiter“
 
Erklärung: Die Himmelsgott-Rune (T-Rune) meint den Gott Tyr, Tiu, Zeus, Jupiter, Mars. Im germ. Mythos ist „Tyr ist der einhändige Ase“, weil ihm der Fenriswolf die Hand abbiss; ohne das Handpfand hätte sich der Dunkelheitswolf nicht fesseln lassen. Somit ist Tyr „das Übriggebliebene des Wolfes“, nämlich der Gesamtgottesleib ohne die verlorene Hand. Der Himmelsgott ist „Behüter der Höfe“, der Bauernhöfe sowie der Tempel, die man „heilige Höfe“ nannte. Der röm. Gott „Mars“ war - bevor er Kriegsgott wie der griech. Ares wurde, für den römischen Landmann ein himmlischer Lichtgott wie Jupiter. Der „Tyr“ der hier dem „Mars“ gleichgesetzt wird, steht im ODING-FUThARK-Kalender tatsächlich absolut passend Mitte März. Der „Mars“, im nach ihm genannten März, steht im Sternbild „Widder“, dem „Leiter“ aller folgenden jährlichen Sternbilder, denn er ist der leitende Kopf, mit dem der Sternbildreigen beginnt.   
 
13.
Bjarkan er laufgat lim
ok lítit tré
ok ungsamligr viðr.
abies buðlungr

Birkenzweig ist ein blattreicher Ast
und ein Baum, der noch klein ist
und ein junges Holz.
Silberfichte „Beschützer“
 
Erklärung: Die B-Rune meint die Birke oder den „Birkenzweig“, der „ein blattreicher Ast und ein Baum“ ist. Die Rune steht im ODING-FUThARK-Kalender auf der Frühjahrsgleiche, so dass sie im beginnenden Jahresreigen als „noch klein und ein junges Holz“ genannt werden könnte. Oft wurde die Birke mit einem jungen Mädchen verglichen, sie gilt als Frühjahrsbaum. Da sie aber auch ein Synonym für die Muttergöttin Freia war und der älteste Laubbaum des Nordens, der mit seiner weißen Haut sehr gut die nordische Urmutter kennzeichnen kann, ist sie für den Altglauben auch der mütterliche „Beschützer“-Baum. Warum das Runengedicht die „Silberfichte“ in den Zusammenhang mit der Birke stellt ist ungewiss, vielleicht war es einfach eine weitere umschreibende Huldigung weil der Begriff „Silber“ darin vorkommt oder weil die frühjährliche Birke, mit ihrem hellgrünen Habitus, im Sonnenlicht so silbrig schimmern kann.         
 
14.
Maðr er manns gaman
ok moldar auki
ok skipa skreytir.
homo mildingr

Mann ist die Freude des Menschen
und die Vermehrung des Staubes
und der Schiffe Schmuck.
Mensch „Großzügiger“
 
Erklärung: Die Mensch- oder Urmensch-Rune wird hier zunächst gedeutet als „Mann“, also den männlichen Teil der Menschheit, der „die Freude des Menschen“ sei, womit zweifellos der ehrbare, der tüchtige Vorbild-Mann gemeint sein dürfte. Ganz im kirchenchristlichen Sinne wird gleichzeitig an dessen Vergänglichkeit gemahnt, indem daran erinnert wird, dass er im Tode „die Vermehrung des Staubes“ werde. „Der Schiffe Schmuck“ ist der stolze „Mann“ und „Mensch“ welcher als Wiking jeden bekannten Erdteil zu erreichen fähig war und nach dem Ideal der Zeit ein „Großzügiger“ sein sollte, indem er von seiner Habe auch den Bedürftigen einen Teil gab, längst vor der kirchenchristlichen Barmherzigkeitslehre.    
 
15.
Lögr er vellanda vatn
ok viðr ketill
ok glömmungr grund.
lacus lofðungr

Nässe ist wogendes Wasser
und ein weiter Kessel
und das Land der Fische.
See „Preiswürdiger“
 
Erklärung: Die Laguz-/Lagu- bzw. die Wasser-Rune steht natürlich für „Nässe“, ist „wogendes Wasser“ und als Teich oder Meer oder „See“ auch „ein weiter Kessel“ und das „Land [Lebensraum] der Fische“. Dass der Geist des Wassers, dem allzeit Wissen und Weistum zugesprochen worden ist, als „Preiswürdiger“ bezeichnet werden kann, ist sehr gut nachvollziehbar. Die mehr ins Heidnisch-Religiöse gehende andere Bedeutung L-Rune, nämlich „lagu“, der Lauch-Rune, bleibt hier ungenannt.  
 
16.
Ýr er bendr bogi
ok brotgjarnt járn
ok fífu fárbauti.
arcus ynglingr

Eibe ist ein gebogener Bogen
und brüchiges Eisen
und Farbauti des Pfeiles.
(Regen)bogen „Yngling“
 
 
Erklärung: Die Eiben-Rune bringt den „gebogenen [gespannten] Bogen“, den Kampfbogen in Erinnerung der aus Eibenholz gefertigt wurde. Die Pfeile der Eibenbögen hatten durchaus die Gewalt, Brünnen zu durchschlagen, also „brüchiges Eisen“ zu bewerkstelligen. Der Fárbauti („gefährlicher Schläger“) wird erwähnt, es ist der Name eines Riesen (Jötunn) und Vater des verlogenen Loki. „Fárbauti des Pfeiles“ heißt es im Runen-Vers, womit nochmals der unholde Aspekt der Eibe als Gift-Baum (Taxus = Toxin) unterstrichen wird. Der altgläubige Weltenbaum-Aspekt der Eibe Yggdrasils bleibt wohl bewusst unerwähnt. Der „Yingling“ ist der Sippenangehörige, möglicherweise auch der Anbeter, des germ. Sonnengottes „Ingo-Frō“ („Ing-Herr“) bzw. altnord. „Ingvi-Freyr“, welcher zwangsläufig auch als Schöpfer des „Regen-Bogens“ galt. Der Sprung vom Eiben-Bogen zum Regen-Bogen ist ein gewagter, der ohne tieferen Sinn zu sein scheint -, nicht weniger unpassend wie die Nennung des „Yngling“. Oder wurden damit die zur Christenzeit ungewünschten Bezüge auf die einstmals höhere Bedeutung hinsichtlich des „Weltenbaumes“ versteckt ?

.o.o.o.o.o.o.
 
Michaela Macha schreibt dazu: Es existiert eine Reihe von Gedichten, in denen Reihenfolge, Namen und Bedeutung der Runen  (germanische Schriftzeichen) in die Form eines Merkgedichtes gebracht wurden. Das Isländische Runengedicht stammt aus dem Mittelalter, ca. 15. Jahrhundert, und hat 16 Strophen (wie das Norwegische). Mit diesem hat es einige Formulierungen gemeinsam. Die ersten zwei Zeilen jeder Strophe sind im altnordischen Versmaß „Fornyrðislag“ („Altes Versmaß“) geschrieben. Die dritte Zeile hat zwei Hebungen, die miteinander staben, unabhängig von den ersten beiden Zeilen. Im Original ist in jeder vierten Zeile das erste Wort ein lateinisches, und zwar als Entsprechung/ Übersetzung des Runennamens. Danach folgt ein altisländisches Beiwort für einen Herrscher. Meine Übersetzung basiert direkt auf der Englischen von Bruce Dickins, „Runic and Heroic Poems of the Old Teutonic Peoples“, Cambridge (1915). Das stabreimende Versmaß des Originals habe ich nach Möglichkeit versucht beizubehalten, ohne die Wortbedeutung zu sehr zu verändern.
 
Isländisches Runengedicht im Original
 
1.
Fé er frænda róg 
ok flæðar viti
ok grafseiðs gata.
aurum ylkir 
2.
Úr er skýja grátr 
ok skára þverrir
ok hirðis hatr.
umbre (imbre?) vísi 
3.
Þurs er kvenna kvöl 
ok kletta búi
ok varðrúnar verr.
Saturnus þengill
4.
Óss er algingautr 
ok ásgarðs jöfurr,
ok valhallar vísi.
Jupiter oddviti
5.
Reið er sitjandi sæla 
ok snúðig ferð
ok jórs erfiði.
iter ræsir
6.
Kaun er barna böl 
ok bardaga [för]
ok holdfúa hús.
flagella konungr
7.
Hagall er kaldakorn 
ok krapadrífa
ok snáka sótt.
grando hildingr
8.
Nauð er Þýjar þrá 
ok þungr kostr
ok vássamlig verk.
opera niflungr
9.
Íss er árbörkr 
ok unnar þak
ok feigra manna fár.
glacies jöfurr 
10.
Ár er gumna góði 
ok gott sumar
algróinn akr.
annus allvaldr
11.
Sól er skýja skjöldr 
ok skínandi röðull
ok ísa aldrtregi.
rota siklingr 
12.
Týr er einhendr áss 
ok ulfs leifar
ok hofa hilmir.
Mars tiggi
13.
Bjarkan er laufgat lim 
ok lítit tré
ok ungsamligr viðr.
abies buðlungr
14.
Maðr er manns gaman 
ok moldar auki
ok skipa skreytir.
homo mildingr
15.
Lögr er vellanda vatn 
ok viðr ketill
ok glömmungr grund.
lacus lofðungr
16.
Ýr er bendr bogi 
ok brotgjarnt járn
ok fífu fárbauti.
arcus ynglingr
 
 
Die Übersetzung

1. Vieh ist der Freunde Feindschaft
und das Feuer der Flut
und der Weg der Schlange
Gold „Anführer des Volkes"

2. Niesel ist das Weinen der Wolken
und der Verminderer des Eisrands,
und der Haß des Hirten.
Schatten „Anführer“

3. Thurse ist die Qual der Frauen
und der Felsen Bewohner
und der Ehemann Vardhrúnas.
Saturn „Führer des Things“

4. Ase ist der Alte Vater
und Asgards Anführer
und der Herrscher Walhalls.
Jupiter „Spitzen-Führer“

5. Reiten is ein gesegnetes Sitzen
und eine  Reise
und die Mühe des Pferdes.
Weg „Würdiger Mann“

6. Wunde ist das Weh der Kinder
und eine Geißel
und das Haus verrottendes Fleisches.
Peitsche „König“

7. Hagel ist ein kaltes Korn
und ein Schauer aus Schneeregen
und die Krankheit der Schlangen
Hagel „Kampfführer“

8. Not ist die Trauer der Dienstmagd
und harter Umstand
und anstrengende Arbeit
Leid „Niflung"

9. Eis ist die Borke des Baches
und das Dach der Wellen
und Gefahr den Verfallenen
Eis „Eberhelm-Träger“

10. Gute Ernte ist der Nutzen von allen
und ein guter Sommer
und ein vollreifes Feld
Jahr „All-Herrscher“

11. Sonne ist der Schild der Wolken
und scheinende Pracht
und das ewige Unglück des Eises.
Rad "Sohn des Siegreichen"

12. Tyr ist der einhändige Ase
und das Übriggebliebne des Wolfs
und Behüter der Höfe.
Mars „Leiter“

13. Birkenzweig ist ein blattreicher Ast
und ein Baum, der noch klein ist
und ein junges Holz.
Silberfichte „Beschützer“

14. Mann ist die Freude des Menschen
und die Vermehrung des Staubes
und der Schiffe Schmuck.
Mensch „Großzügiger“

15. Nässe ist wogendes Wasser
und ein weiter Kessel
und das Land der Fische.
See „Preiswürdiger“

16. Eibe ist ein gebogener Bogen
und brüchiges Eisen
und Farbauti des Pfeiles.
(Regen)bogen „Yngling“
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