Volkslied vom Ritter Tynne

 
Volkslied vom Ritter Tynne
 
Es war Ulswa, des kleinen Zwergs Tochter,
die sprach zu ihrer Maid:
„Geh, bring‘ mir meine goldne Harfe,
den Ritter, Herrn Tynne, zu locken an meine Seit.“
 
Ihr gewältigt wohl die Runen !
 
Den ersten Griff sie in die Goldharfe tat,
so lieblich mochte das klingen,
all das Gewild in Feld und Wald
vergaß, wohin es wollt springen.
 
Ihr gewältigt wohl die Runen !
 
Hier blühte die Au, hier belaubt‘ es sich rings;
das kommt von der Runen Walten;
Ritter Tynne stach sein Ross mit den Sporen,
er konnte es nicht mehr halten.
 
Ihr gewältigt wohl die Runen !
 
Und es war der Ritter, Herr Tynne,
er schwang sich vom Rosse geschwinde;
und gehet zu Ulswa, des kleinen Zwerges Tochter,
die saß an der grünen Linde.
 
Ihr gewältigt wohl die Runen !
 
„Du sitzest, holde Maid, hier,
wie unter Lilien eine Rose;
nicht sieht dich hier ein irdischer Mann,
der nicht um deine Liebe kose.“
 
Ihr gewältigt wohl die Runen !
 
Und Thora war’s, des kleinen Zwergs Frau,
die sprach zu ihrem Kinde:
„So wenig führt dein Gang hierher,
wie kommts, dass ich im Hain dich finde ?“
 
Ihr gewältigt wohl die Runen !
 
Und Thora nun, des kleinen Zwergs Frau,
sie nahm fünf Runenbücher zur Hand,
und machte von den Runen ihn frei,
in die erst ihre Tochter ihn band.
 
Ihr gewältigt wohl die Runen !

 

Aus „Volkssagen und Volkslieder aus Schwedens älterer und neuerer Zeit“, Bände 1-3, von Arvid August Afzelius, übersetzt aus dem Schwedischen von F. H. Ungewitter, Leipzig, 1842, Bd. 1, S. 54 ff - Er schreibt dazu: „Eine derartige Kunst, zu bezaubern und zu bannen, misst man noch jetzt den Lappen bei, und mit einiger Wahrscheinlichkeit möchte man vermuten können, dass das asiatische Volk, welches in den Sagen unter dem Namen Zwerge angedeutet wird, als das eingewanderte morgen- oder ostländische Volk der Lappen, zugleich Stammvolk unserer heutigen Lappen; wie auch, dass der Finnen von den Jotnen oder Riesen herstammen, demnach der älteste unter den Volksstämmen sind, die jetzt Schweden bewohnen.“ - In dem alten Volkslied geht es um die magische Macht der Runen im schwedischen Volksbewusstsein. Diese Zaubermacht gibt es und wer sie versteht, der vermag zur Liebe verführen wie die kleine Ulswa den starken Ritter Tynne betört, dass er zu ihr eilen muss, um ihr zu verfallen. Aber die gestrenge Mutter ist ebenso des Runenzaubers mächtig und löst den Zauberbann der Tochter wieder auf. Der Refrain, „Ihr gewältigt doch/wohl die Runen !“, stellt die kirchenchristlich gewünschte Beschwörung dar, dass die ungeheuerliche Runenmacht doch zu bändigen sein müsse. 
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