Bügelfibel von Beuchte - FUÞARKING

 
Abb. 1 - Bügelfibel von Beuchte / Ldkr. Goslar
 
 
FUÞARKING
 
 
Die Runenfibel von Beuchte, Ldkr. Goslar, Niedersachsen, stammt aus einem kleinen merowingerzeitlichen Gräberfeld, das 1955 im Zuge von Arbeiten an der Lehmgrube bei der Oberen Schierksmühle im Weddetal entdeckt wurde. Die Beschreibung entnehme ich - unter Kürzungen und Korrekturen - der fachwissenschaftlichen Funddarstellung: Es handelte sich um ein Holzkammergrab, das mit einer Tiefe von 2,75 m ungewöhnlich stark eingetieft war. In ihm war eine etwa 1,60 m große Frau im Alter von 18-40 Jahren bestattet. Die Tote gehörte aufgrund ihrer Ausstattung vermutlich zu einer Familie thüringischer Herkunft. In dem Grab befanden sich neben der Runenfibel noch weitere reiche Beigaben: ein handgeformtes, verziertes Gefäß; vier gegossene Bronzeschlüssel, teilweise punzverziert; eine mit Goldblech belegte Eisennadel; ein eiserner Hakenschlüssel. Verfärbungen an den Beinknochen geben Hinweise auf eine nicht erhaltene Wadenbindengarnitur. Der Entstehungszeitraum der Fibel lässt sich anhand der Tierstilverzierungen relativ sicher bestimmen, er lag vermutlich in dem ersten Viertel des 6. Jhs., anzunehmen ist, dass sie zwischen 501 / 550 hergestellt wurde. Das Material kann im Braunschweigischen Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte in Wolfenbüttel besichtigt werden.
 
Die Bügelfibel ist 9,7 cm lang und besteht aus einer Silber-Kupfer-Legierung. Die Legierung war zudem feuervergoldet, die Nadel der Fibel bestand aus Eisen. Auf der Rückseite der Fibel sind vier geritzte Zeichenkomplexe zu erkennen. Es handelt sich um zwei rechtsläufige Runensequenzen und zwei runisch-ornamentale Zeichengruppen. Sie scheinen von einer nicht ungeübten Person angebracht worden zu sein.
 
Eine Runeninschrift verläuft von unten nach oben an der linken kurzen Seite der rechteckigen Kopfplatte. Die Runen dieser Inschrift sind kräftig eingeritzt und gut lesbar. Die zweite Inschrift ist am rechten Ende der oberen Längsseite der Kopfplatte angebracht, sie verläuft in ca. 3 mm Abstand nahezu parallel zu dieser Kante; die Runen sind etwas schwächer eingeritzt und zum Teil enger gedrängt. Ein sanduhrförmiges Zeichen (wie 90° gekippte „d“-Rune) liegt direkt unter der zweiten Inschrift und ist deutlich größer als die Zeichen darüber; ihm schließt sich ein zweites Zeichen an („u“-Rune ?). Ein rein ornamentales Zierband verläuft zudem längs auf dem Fibelfuß. An der Fibel-Vorderseite sind deutliche Abnutzungsspuren zu erkennen; sie wurde über einen längeren Zeitraum hinweg getragen. Die Ritzungen an der Rückseite hingegen zeigen noch einen relativ frischen Grat und sind trotzdem sicher nicht erst für die Grablege angebracht worden, wie das von manchen Interpreten vermutet wurde. Die Fibel könnte von einer früheren Trägerin in Gebrauch gewesen sein, beispielsweise der Mutter des Runen-Ritzers, der sie später an seine junge Frau - mit seiner Widmungs-Ritzung versehen - verschenkte. Die bei der Toten gefundenen Schlüssel weisen darauf hin, dass sie seine Ehe- und Hausfrau war.
 
„Auf der Fibel von Beuchte finden sich zwei Inschriften (1. Buirso, wohl der Name des Runenmeisters, 2. die Futhark-Reihe von f bis r, erweitert um z und j), wobei die eine im Gegensatz zur Fibel keine Abnutzungsspuren aufweist und womöglich erst nach dem Tode der Trägerin eingeritzt worden war (die Futhark-Reihe, also die ersten acht Zeichen, als „Alphabet“-Zauber, die quasi als magische „Formel“ gilt ?). Dies könnte darauf hindeuten, dass die Inschrift zur Abwehr eines „Wiedergängers“ gedacht war.“ (Rennie Wyss /Attiswill)

Abb. 2 - Schriftzug: FUÞARKING
 
Derartige Ausführungen wie die von R. Wyss und weiteren ähnlichlautenden, sind kritisch zu überdenken. Nicht zu folgen ist den makabren Erklärungen mancher Runologen, die davon reden, bei der „fuðar“-Folge handle es sich wohl um einen Bannzauber, er habe magisch-apotropäische Funktion, um der Toten die Wiedergängerei unmöglich zu machen. Je schauriger umso schöner, meinen wohl manche Leute. Da die Runen-Ritzungen dem Abnutzungsgrad der Spange nicht zu entsprechen scheinen, seien sie wahrscheinlich erst nach dem Tod der bestatteten Frau eingeritzt worden, zwecks des obskuren „Runenzaubers“. Runen müssen ja möglichst ins Heidnisch-Düstere getaucht werden, wie es der gelenkte Zeitgeist erwartet. Dass aber die rückwärtige - zum Stoff hin gewendete Seite - keinen bedeutsamen Abrieb erfahren kann, während die Spangenvorderseite in der täglichen Nutzung abgegriffen wird, sollte man in Rechnung setzen. Die rechtsläufige Inschrift f-u-ð-a-r-k-ing versuchten Runologen auf diverse Art und Weise zu deuten bzw. zu verstehen. Um es kurz und bündig zu sagen, sie meinen als 6. Rune den Endlaut „z/R“ sehen zu müssen, obwohl dieser meines Erachtens nicht vorhanden ist und eben auch bekanntlich allein an einem Wortende zu stehen hat. Es handelt sich hier um die korrekte links beginnende Runenfolge: f - u - th - a - r - k. Das 6. Gebilde hat in der Tat ungefähr die Form , doch ist der Stab nicht durchgezogen, was sonst auf dieser Spange stets der Fall ist. Das kleine senkrechte „i“-Stäbchen im „k“-Runen-Winkel hat keine Verbindung zum Stab dem die um 90° gedrehte „k“-Rune aufsitzt. Es kann deshalb nicht zugehöriger Teil der 6. Rune sein, die -  wäre es der Fall - als „z“-Rune gedeutet werden dürfte. Die gestabte „k“-Rune geht ersichtlich keine Verbindung mit der darüber gestellten „i“-Rune ein, es handelt sich also um keine Binderune, gebildet durch „k“ und „i“. Vielmehr besteht der Schriftzug aus 8 selbständigen Runen. Zwar wurde vom Runen-Ritzer auch der linke „k“-Winkel-Strich nicht bis zum Anstoß an den rechten „k“-Winkel-Strich rangezogen, doch ein Gleiches geschah beim Ziehen des oberen Ärmchens der „f“-Rune, ohne, dass dadurch der Charakter der „f“-Rune in Frage gestellt würde. Es bleibt bei der Feststellung einer beabsichtigten deutlichen Verselbständigung der „i“-Rune über der gestabten „k“-Rune. Warum die Fachleute diesen Sachverhalt bisher nicht berücksichtigt haben, erklärt sich aus der Tatsache, dass eine solche Runenkombination kein zweites Mal vorhanden ist. Aber was besagt das schon ?! Es gibt immer ein erstes Mal ! Eine ausführliche Beschreibung liefert nur Runen-Altmeister Wolfgang Krause, der es nicht für eindeutig hält, wie die fragliche Rune zu lesen ist. In seiner Würdigung braucht er zweimal das Wort „wohl“, entscheidet sich dann aber doch für die Lesung als „z“. Er meint zurecht, diese Rune sei „stark entstellt“, und man „möchte an dieser Stelle eine k-Rune erwarten“, doch entspreche das Zeichen keiner der bekannten k-Formen. Da im Fuþark an dieser Stelle die „k“-Rune zu erwarten ist, wird es auch die „k“-Rune sein die nun folgt. Aber das Winkelchen des „k“ ist hier auf einen Stab gestellt mit der Öffnung nach oben, und zwar aus gutem Grund. Dadurch macht es Raum, um in seinen Winkel eine kleine „i“-Rune hinein stellen zu können; so entsteht die Folge: f - u - th - a - r - k - i, was einer Pluralbildung gleich käme. Erst die letzte Rune löst für mich das Rätsel. Es ist das Lautzeichen für „ng“. Dass es sich dabei nicht um eine „j“-Rune handeln kann, ersieht man daran, dass keineswegs zwei Winkel der Jahres-Rune gegenüber gestellt werden, vielmehr mit vier deutlichen Gravurstrichen eine Raute der „ingwaz-ing“-Rune gezeichnet worden ist. Hätte der Runenritzer zum Abschluss das Heilszeichen der „Jahr“-Rune gemeint, hätte er deren beiden Winkel nicht unmittelbar aneinander aufsitzen lassen -; das ist kein „j“, das ist ein „ng“. Die Zusammenfügung von „i“ mit dem folgenden „ng“ ergibt den Gesamtlautwert „ing“. Die Endsilbe „ing“ konnte, wie mehrfach von Skandinavisten ausgeführt wurde, als schwankender Lautwert durch „ing“-Rune als „ing“ ausgeführt werden, oder durch gleiche „ing“-Rune als „ng“-Laut gedacht, mit vorangestellter „i“-Rune Verwendung finden. Die „ing“-Rune ist auf der Spange an die Folge „fuðark“ angehängt, um den Begriff „fuðarking“ hervorzurufen. Das bedeutet, nach altem Sprachsinne  „Fuðark-Kind / -Nachkömmling“  und darf also im Prinzip sinngleich an die Seite des von mir wiederentdeckten „Oding“ bzw. „Od-Kind“, gehalten werden. Die Neigung dieses Runen-Meisters war es, eine auffällig hochgezogen Schrift zu ritzen. Alle Buchstaben haben Überlängen, das schien ihm ästhetisch, das war sein Stil. Seinem Stilgefühl folgend zog er auch die abschließende „ing“-Rune mittels ihrer strukturellen Möglichkeiten so nach oben und unten aus, dass sie sich den vorangehenden Runen-Körpern bruchlos anpasste, um ein Gleichmaß im Schriftbild zu erzielen.
 
Es ist zu überlegen, was mit diesem neu erschlossenen Begriff gemeint sein könnte ? Dass mit dem linksläufigem ODING-System der runengläubige Lehrkomplex gemeint sein muss, ist recht eindeutig, denn allein die linksläufige Zahlensymbolik erbringt sinnvolle mythologische Deutungswerte. Das FUÞARK-System wäre als ein reines schrifttechnisches Informationsmittel zu erklären und mithin lautlich als „Fuðarking“ die gleiche Bedeutung gehabt haben wie das heute gebräuchliche Wort „Abc“, wenn wir von unserem jetzigen Schreibmedium reden.
 
Buirso der Fuðarking ?
 
Abb. 3 - Buirso - der Runenmeister ?
 
Die andere Inschrift lautet „buirso“. Sie könnte - da es sich bei der Spangenbesitzerin um eine Fränkin oder Thüringerin handelt - ein männlicher Eigenname sein, oder in einem Zusammenhang mit bäuerlicher oder baulicher Tätigkeit stehen. Ganz und gar nicht nachvollziehbar ist die von Fachleuten wiederholt vorgetragene Vermutung, der Runen-Ritzer hätte sich wohl verschrieben und hätte eigentlich nicht „buirso sondern Buriso“ gemeint. Undenkbar, dass sich ein Runenritzer bei einer so kurzen und markant geschriebenen Buchstabenfolge „verschreiben“ könnte. „Búi“ heißt im Germanischen der Bauer und ein „Búir“ wäre stammesmundartlich problemlos denkbar. Die Endung „so“ käme als Koseform in Frage. Zu vergleichen sind as. „bū“ = Wohnung, Bau - „bū(i)an“ = wohnen, bauen - altisl. „bhū“ = Erde, Welt. Zum Ornament auf der Fußplatte der Bügelfibel schrieb Wolfgang Krause in seinem Runenwerk,1966, S. 27: „Das in 5 Quadrate eingeteilte Zierband auf der Rückseite des Tierkopffußes scheint in der Ausfüllung mit diagonalen Strichen das Sanduhrzeichen von Ritzung C rein ornamental vervielfältigt zu haben; … .“ Und in der Publikation von Krause und Niquet bemerkte W. Völksen 1956, S. 100 f.: „… und ferner sehen wir auf der entsprechenden Seite des Tierkopffußes ein fünfmal sich wiederholendes geometrisches Muster, dessen quadratisches Feld durch Strichritzungen weiter aufgeteilt ist …. Durch die benachbarten in gleicher Weise aufgeteilten Felder erfährt das Muster jeweils eine Ergänzung, so daß sich die fünf quadratischen Felder gewissermaßen zu einem neuen Muster in unendlicher Abfolge aneinander reihen. Die vollständige Zeichnung ist 6 mm hoch und 22 mm lang. Beide Ritzzeichnungen zeigen grundsätzlich in der diagonalen Aufteilung von Quadraten, woraus sich Dreiecke ergeben, eine gewisse Ähnlichkeit, wenn auch die Zeichnung auf dem Tierkopffuß durch Hinzufügung weiterer Ritzungen reicher ausgeführt ist als die Dreieckszeichnung unterhalb der BURISO-Ritzung.“F
 
Abb. 3 - Vorderseite der Fibel von Beuchte
 
Wenn es ein Runenmeister namens Buirso war, welcher der vornehmen Dame die silbervergoldete Spange präparierte und schenkte, dann drängt es sich auf, Bezug zu nehmen, auf die ornamentalen Gebilde die er der Spange außer seinem Namen und dem Wort „Fuðarking“ zufügte (siehe Abb. 1). Unter seinen Namenszug ritzte er eine um 90° gedrehte „d“-Rune, das Dopelaxt-Zeichen des Tagbringer-Urgottes. Ähnlich wirken die diagonal geteilten Quadrate auf dem Oberteil der Fibel. Er ritzte Derartiges gleich 5 Mal nebeneinander. Es sind also 6 geritzte „d“-Runen. Durch das Zeichen unmittelbar unter seinem Namen identifizierte er seine Person mit diesem Symbol, wie etwa einer der das mit seinem Hauswappen tuen würde. Markierte sich Buirso damit tatsächlich als ein Bildner, ein Bauer, Erbauer ? Denn 5 seiner Gebilde stellt er in eine Reihe wie etwas Gefügtes, Geschaffenes. War er also ein Steinmetz der Gebäude zu erbauen half, durch die von ihm gefertigten Quader ? Die 6-Zahl ist das Zahlensymbol des Weltbaues, des Kosmos. Oder baute er an geistigen Schöpfungen, Kubus für Kubus ? Ich habe das Original bisher keiner Untersuchung unterziehen können, die feinen unvollkommenen Linienzüge in den 5 Quadraten halten möglichweise weitere Informationen bereit.
 
Buirsos Namen ruht demonstrativ auf dem Fundament des Doppelaxt-Gottes, er ist mit ihm geradezu verwachsen. Sein runischer Namenszug ist von dem „d“-Runen-Podest nicht zu trennen. Was besagt das ? Lehnte er die ODING-Lehre möglicherweise ab, die den Asen Wodin-Odin mehr lobte als die Wanen-Götter mit dem Tag-Vater-Gott, dem die „d“-Rune galt ?  Betonte Buirso deshalb demonstrativ seinen Zusatznamen „Fuðarking“ ? Alle Einzelheiten der Spangen-Beschriftungen und -Verzierungen würden sich harmonisch zusammenfügen, wenn wir es wagen dürften, Buirso als einen Runen-Schmied / Runen-Bauer zu deuten, der sich selbst als Futharking verewigte, aber wir können - erzwungen durch das knappe Material - nicht mehr als nur vage Vermutungen äußern. Doch meiner Intuition nach handelt es sich bei der Inschrift um eine selbstbewusste, stolze Widmung an die geliebte Frau: „[Ich] der Fuðarking, der Runenfex / Runenbildner [schenke Dir]“. Doch die auffällig enge Verbindung des Eigennamens „Buirso” mit der darunter angehängten „d“-Rune lässt weitere Deutungen zu. Runologische Fachwissenschaftler besprachen seltsamerweise diese „d“-Rune als ein unbekanntes „Sandurzeichen“. Es handelt sich aber zunächst nur um eine Schriftfortsetzung von der Buirso-Grundlinie nach unten. Der „d“-Rune ist ein Abstrich angeheftet, so dass eine Binde-Rune des Ausdrucks „du“ entsteht. Es kann sich bei diesem Begriff kaum um etwas anderes handeln als um das Personalpronomen „du“: ahd. „dū“ - altnord./ isl. þú - got. Þu (siehe Abb 1 + 3). Nach dieser Deutung lautet die Gesamtinschrift „Buirso-Du“ bzw. „Buirso [˃] Du“. Hiermit vervollständigt sich die Widmung vom gedachten „Buirso-Ich“ zum konkreten „Du“ der Beschenkten.
 
Zusätzlich, zur Gravur mit der der Runen-Ritzer ein „u“ an das „d“ anhängte, führte er eine unscheinbar zarte Linie von der rechten Senkrechten der „d“-Rune zur Diagonalen der „u“-Rune, in der Weise, dass keine neue Binde-Rune entstehen konnte, aber ein drittes Dreieck unterhalb der beiden Dreiecke welche die „d“-Rune bilden (siehe Abb. 3). Er schuf, nach seinem Verständnis, damit einen zahlenmythischen Segen der heiligen 3 und der heiligen 9 (3x3 Ecken). Er beschwor damit ersichtlich den Göttersegen auf seine Beziehung, fußt doch damit ER - der „Buirso“ - mitsamt seinem Weib - dem geliebten „Du“ - auf dem „9-er-Segen“. So sah praktische Runen-Magie aus. Die Dame, zierlich, von nur 1.60 m Höhe, muss eine wundervolle Frau gewesen sein.
Pin It