VOM URMENSCH-ZWITTER

 
 
Abb. 1 - Vermählung der Urpolarität nach einer indischen Darstellung, aus C.G. Jung „Psychologie und Alchemie“, 1944, S. 207
 
 
 
VOM URMENSCH-ZWITTER
 
Gott gilt als das glaubhaft Wahre,
als das urkraftstark Polare,
dessen Selbst zur Welt sich regte,
im Innern alles Sein bewegte.
 
Duale Spannungskräfte halten
die Welt im Ausgleich der Gewalten,
bis zum End‘ der Erdentage,
hält die Harmonie der Waage.
 
Zwittrig war der Urwelt-Meister,
zwittergleich schuf er die Geister -,
zwitterhaft war Urmensch-Wesen,
das aus Gottes Sinn genesen.
 
„Mannus“ hieß man seine Leibung,
Zwitter-Mensch war die Beschreibung.
Frau und Mann war er in Gänze,
tanzte seine Liebes-Tänze.
 
Diesem Urmensch sprossen Kinder,
Liebes-Sucher - Liebes-Finder.
So hat sich der Mensch begründet,
wie die Saga es verkündet.
 
Seitdem ist der Mensch gespalten,
will sich doch zusammen falten,
denn die beiden Menschlein litten,
wie inmitten durchgeschnitten.
 
Von der ersten Menschen-Paarung
hörte man die Namens-Wahrung,
dass sie „Ask“ und „Embla“ heißen,
Urstamm-Eltern aller Weißen.
 
Folglich ist daraus zu klären,
menschlich süchtiges Begehren
nach dem Akt der Wiederfindung,
 jener Glut der Neu-Verbindung.
 
Leicht verlieren sie die Grenzen,
wenn die Zwei zusammenschmelzen,
ihrer Liebe Lust zu schauen,
göttlich rein, im Urvertrauen.
 
Sündlos ist die Sucht der Liebe,
wenn ihr Heil der Würde bliebe,
dass ein jeder schenkt und nehme,
sich auch zum Verzicht bequeme.
 
Also spricht ein Sinnbild-Zeichen,
dessen Antwort wir erheischen,
denn der Mannus-Rune Prägung,
zeigt genannte Menschen-Wägung.
 
 
Abb. 3 + 3a - Beim Helgoländer Nationaltanz „Slim min Moderkern“ drehen sich die Paare Rücken gegen Rücken über Kreuz angefasst Hand in Hand, in Tanzstellung der Mannus-Rune, wozu sie in plattdeutscher Mundart singen: „Slim mien Moderken…“.  Abb. 3 a ist das alte Postkartenbild eines sich verabschiedenden Liebespaares. Die sich kreuzenden Arme sind ein Ursinnbild menschlicher Verbundenheit.     
 
 
Abb. 4 5   6
 
Germanische durchbrochene Bronze-Zierscheiben des Mittelalters versinnbildlichen die Hochzeit von Mann und Frau bzw. das Ur-Elternpaar - Abb 4. Fränkische Scheibe Niederbreisig / Nat.-Mus.-Nürnberg - 
 
 
Der germanische Gott „Tuisto“ wurde vom röm. Historiker Cornelius Tacitus (um 58 - 120 n.0) in seiner „Germania“ überliefert. Auch die Formen „Tuistonem / Tuisconem“ kommen in seinem Text vor. Er galt als erdentsprossener göttlicher Stammvater der Germanen, dessen Nachkommen, bzw. Sohn „Mannus“ war (Germ. 2,2). Urgermanisch „twis“ bedeutet „zwei“, bei „Tuisconem“ liegt eine Weiterbildung mit der Endsilbe „-ka“ vor, so dass „zweifache“ gemeint war. Auch der aus altnord. Mythen-Literatur bekannte Urriese „Ymir“ (altnord. Zwilling / Zwitter) galt als erstes Lebewesen. Er entspricht dem altpers. „Yima“. „Ymir“ war zweigeschlechtlich, geworden aus Feuer und Wasser. Aus seinem Schweiß unter dem linken Arm entwuchsen ihm Sohn und Tochter, sie wurden die Eltern des Riesengeschlechtes. Über die Entstehung des Menschengeschlechts liegen mehrere Überlieferungen vor, und zwar aus der Prosa-Edda und der Lieder-Edda („Völuspá“). Die ersten Menschen nennt der nordische Mythos mit „Ask und Embla“. „Ask“ wird als „Eschen“-Mann gedeutet, „Embla“ als „Ulmen“-Frau. Die germ. Beziehung zwischen Mensch und Baum, wie sie im nordischen Mythos von Ask und Embla zum Ausdruck kommt, als Totemismus erklärt. Aber auch völlig anderslautende Namenserklärungen sind denkbar. Das germ. Sinnbild für den Menschen ist die Mannus-Rune, der 5. Stab im ODING’schen Urrunensystem, denn fünf ist die Zahl des Menschen. Unter dem germ. Begriff „Mannus“ ist nicht der „Mann“ vielmehr der „Mensch“ zu verstehen, und der Mensch bzw. die Menschheit besteht aus männlichen und weiblichen Menschen, also aus Mann und Frau. Martin Luther gebrauchte noch die Wortformen „Mann und Männin“. Das Zwitterhafte des Menschen drückt sich nicht allein im körperlichen Erscheinungsbild aus, vielmehr auch darin, dass in jedem Menschen der geistige Lichtkeim ebenso zuhause ist wie die Materie und der böse Trieb. Die Form der Mannus-Hieroglyphe spricht für sich: Zwei gleichwesige, gleichwertige Senkrechte, die sich kreuzen.
 
Der Urmensch-Mythos wird von Platon (Dialog Symposion) beschrieben. Sie werden als übermütige männlich-weibliche „Kugelmenschen“ bezeichnet, deren männliche Wesenshälfte von der Sonnen stamme und die weibliche von der Erde. Zeus teilte sie zur Strafe mitten durch. Die nunmehr zweibeinigen Menschen litten schwer unter der Trennung von ihren anderen Hälften. Sie umschlangen einander in der Hoffnung, zusammenwachsen und so ihre einstige Vollkommenheit wiedergewinnen zu können. Sie leiden aber weiterhin unter ihrer Trennung, immerfort sucht jeder die verlorene andere Hälfte. Die Sehnsucht nach der verlorenen Ganzheit zeigt sich in Gestalt des erotischen Begehrens, das auf die erneute Verschmelzung abzielt. Im arioindischen Veda heißt der Urmensch auch „Purusha“ („Mann / Menschheit / Urseele“). Aus ihm wurde - ebenso wie in nord. Edda-Mythen vom Ymir - der gesamte Kosmos geschaffen. Purusha ist ein Urindividuum, aus dem die Welt und die „Varnas“ (Kasten) entstanden. Er wird allumfassend, deshalb mit tausend Köpfen und tausend Füßen beschrieben. Er bedeckte die Erde vollständig und ragte noch darüber hinaus. Er gilt als Herrscher der Unsterblichkeit. Ältester Rigveda-Beleg dazu: RV.10.90. Der Urmensch breitete sich durch Selbstzeugung aus. Sein weibliches Schöpfungsprinzip („Viraj“) gebar die Welt. Die Pferde, Rinder, alle Tiere bis zur Ameise wurden durch sie geboren. Der Mund von Purusha wurde zu den „Brahmanen“, die Arme zu den „Kshatrivas“, die Schenkel zu den „Vaishyas“ und die Füße zu den „Shudras“ (unterste Kaste). Der Mond wurde aus seinem Geist geboren, aus seinen Augen die Sonne, während Indra und Agni seinem Mund entsprossen. Aus seinem Kopf entstand der Himmel, aus seinem Nabel das Weltall.
 
In altpersischen Erzählungen („Bundehesh“) heißt der androgyne Urmensch „Gayomart / Gayo-Maretan“ (pers. „sterbliches Leben“). Er ist Kind des Himmelsvaters Ahura-Mazda und der Erdgöttin Armaiti. Aus seinem Körper und dem des Ur-Stiers entspross alles Leben. Gayomarts Samen befruchtete die Erde, wodurch die sieben Metalle entstanden. Die Erdmutter ließ aus einem der Metalle, dem Gold, eine Pflanze (oder Baum) gedeihen, nämlich die Raiva-Staude, dem das Urmenschenpaar „Mashva und Mashvai“ entspross. Diese besaßen jeder sein Gesicht, doch waren sie miteinander verbunden in Eiergestalt. Von der Pflanzengestalt gediehen sie zur Gestalt von Menschen. Gott sprach zu ihnen: „Seid Menschen, seid die Eltern der Welt; ihr seid von mir vollkommenen Sinnes als die besten [Wesen] geschaffen; gesetzliche Werke verrichtet vollkommenen Sinnes, denkt gute Gedanken, sprecht gute Reden, tut gute Handlungen, verehret nicht die Daevas [bösen Geister].
 
 
 
DIE DOPPEL-GOLDGUBBER
 
Abb. 8
Abb. 8 - Quelle: Wilhelm Holmquist „The  Dancing Gods“, 1960 - Abb. 9 - Fünen
 
 
Guldgubber (Goldmännchen) sind kleine, geprägte Goldblechfiguren, die in ganz Skandinavien, aber hauptsächlich im dänischen, schonischen Bereich und der Insel Bornholm, gefunden wurden. Allein auf Bornholm sind bisher 2.300 dieser Goldgubber bekannt. Bei 94 der Lundeborg-Gubber handelt es sich um Pärchen-Prägungen. Sie haben eine Größe von ein bis zwei Zentimeter und ihre Entstehungszeit wird auf 500-800 n.0 bzw. jüngere Eisenzeit gerechnet. Es finden sich die Motive einzelner Männer, einzelner Frauen, sowie Paare. Ein sich wiederholendes Motiv auf Fünen zeigt eine Frau und einen Mann, die sich umarmen (Liebespaare). Man hat dies als Fruchtbarkeitsmotiv (Heilige Hochzeit) oder als Abbildung eines Götterpaares verstanden. Naheliegend ist, dass es sich zumeist um mythische Paare handeln muss, also um Götterdarstellungen. Die norwegische Mediävistin und pagane Religionswissenschaftlerin Gro Steinsland erkannte in den Doppel-Gubber das Paar Gerdr und Freyr (Erdenfrau und Sonnenheld) aus der eddischen Skírnismál. Allein Rudolf Simek, der bekanntermaßen grundsätzlich bemüht ist, altnord. Mythen profan zu deuten, konstruierte eine Interpretation, die nicht auf göttlichen Motiven beruhte, sondern auf einem Vergleich mit den Rechtsgesten aus dem Heidelberger Sachsenspiegel (cpg 164), um zu zeigen, dass Doppelgubber eine Munt-Ehe meinen könnten. Anzunehmen ist, dass die Guldgubber als Votivgaben an höhere Mächte galten, wohl auch im Totengedenken ihren Platz hatten und im Zusammenhang standen mit Wünschen oder Bitten an höhere Mächte. Jedenfalls stellen die Guldgubber ein Zeugnis für die Kunstsinnigkeit und das symbolische Denken der Menschen zur jüngeren Eisenzeit des germanischen Nordens aus. Sie weisen auch nach, dass meine alte Deutung der Mannus-Rune als Symbol einer zwischenmenschlichen Übereinkunft - die auch eine Heilige Hochzeit von Ur-Frau und Ur-Mann bzw. eines Götterpaares - aus dem nordischen Fundgut volle Bestätigung erfährt.
 
 
Zahlenmythologie der Mannus-Rune
 
 
 
Die altgerm. „Mannus“-Rune ist das 5. Zeichen im ODING-FUÞARK-Buchstaben-System. Sie zeigt mittels ihrer knappen Linienführungen sehr genau worauf es bei der mythologischen Bekundung des „Mannus“, also des Urmenschen, ankommt. Die 5 Elemente gelten in den manichäischen Urkunden als des Urmenschen Glieder. „Mannus“ ist das Lautzeichen für den Konsonanten „m“. Es stehen sich hier zwei Pflanzen-Runen („lauka“) gespiegelt gegenüber und kreuzen ihre Ärmchen. 4 Endpunkte hat die Hieroglyphe und eine Kreuzung, macht zusammen 5. Rechnet man die beiden Lauka-Runen einzeln, mit ihren jeweils 2 Endpunkten, kommt man, mit dem Kreuzungspunkt, auf die Zahl 7 des Urmenschen Gayomart. Unter den „7 Metallen“ verstand das Altertum, die den 7 Planeten zugeordneten Metalle, welche mit ihren charakteristischen Eigenschaften die dazugehörende Planeten-Gottheiten widerspiegeln: Sonne = Gold, Mond = Silber, Mars = Eisen, Merkur = Quecksilber, Jupiter = Zinn, Venus = Kupfer, Saturn = Blei. Mit diesem Gleichnis erhält der Urmensch seine kosmische Umfänglichkeit. In der alt-eranischen Gedankenwelt wird Gayomart mit der Weltseele gleichgesetzt. Er kämpft gegen den bösen Geist („Ahriman“) und dessen Trabanten, erliegt den Angriffen, er stirbt, aber der „Gute Gott“ („Ōhrmazd“) rettet seine seelische Lichtsubstanz und vertraut sie der Sonne an. Der „Ur-Mensch“ ist hier der „Gute Mensch“, der „Gerechte Mensch“, ja sogar der „Erlöser der Menschheit“. Es heißt, dass der Urmensch erstand, um den „Bösen Geist“ zu bekämpfen und schließlich zu entmachten. Da der pers. Urmensch mit der Weltseele gleichgesetzt wird und ebenso als Vertreter der Einzelseelen gilt, erlebt sie - die Weltseele - völlig alles was das Gotteswesen erfährt. Zählt man bei der „Mannus“-Rune sämtliche Punkte wo Linien enden zusammen, dazu der Kreuzungspunkt, erhält man die Zahl 9, welche im Runen-ODING das Sonnenzeichen „Sowilo“ darstellt.
 
 
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