SACHSEN-TAUFE

 
 
 
SACHSEN-TAUFE


Die Nebel wallen am Aller-Fluss,
tief beugen die Weiden sich nieder,
der Henker der da sein Werk tun muss
  dehnt seine ermatteten Glieder.

Er steht inmitten von dampfendem Fleisch,
viele Hundert hat er erschlagen,
von blutigen Köpfen türmt sich ein Deich,
an dem schon die Kampfhunde nagen.

Die Mönche lauern mit starrem Gesicht,
in den grauen und schwarzen Talaren -;
ein Abt mit zürnender Stimme spricht
und zerrt ein Kind an den Haaren.

Fränkische Büttel mit blankem Schwert
bedrohen die sächsischen Haufen,
nichts ist ein heidnisches Leben wert,
hier vor den erzwungenen Taufen.

Am Ufer ballt sich das Bettelpack,
der mageren, hungrigen Menge,
wer abschwört kriegt einen Hafersack
und den Messweinschluck im Gedränge.

Und immer aufs Neue ertönt der Satz:
„Entsage dem Wodan, dem Teufel !“,
als Schlusspunkt wortreicher Seelen-Hatz
und dem salbungsvollen Geträufel.

Gar manchem werden die Augen eng,
sein Stolz wird zum trutzigen Lenker -,
da schrillt der Schrei eines Priesters, streng:
„Auch du da -, hinüber zum Henker !“

Die „Rote Beeke“ sie schillert im Blut,
zur Aller schwemmen die Wellen -;
der christliche Wahnsinn lebt seine Wut,
und die Schreie der Sterbenden gellen.


Die „Rote Beeke“ ist ein Bach an der Aller bei Verden, an dem Tausende von Sachsen im Verlauf der Sachsenunterjochung (772-804) Zwangstaufen und Massenmorde erdulden mussten. Hermann Löns beschrieb in seiner Novelle „Die rote Beeke“ im Jahre 1908 das „Verdener Blutgericht" von Frankenkönig Karl, dem „Sachsenschlächter“.
 
Das sächsische Zwangstaufgelöbnis ist in einer Handschrift des Klosters Fulda überliefert, die in der Vatikanischen Bibliothek zu Rom im „Codex Palatinus Latinus 577“ zu finden ist.
 
 
Der damalige Wortlaut von Fragen und Antworten, die jeder Sachse gewungen wurde, herzusagen:
 
 
Forsachistû diabolae ?
 
et respondet: ec forsacho diabolae.
 
end allum diobolgeldae ?
 
respondet: end ec forsacho allum diobolgeldae.
 
end allum dioboles wercum ?
 
respondet: end ec forsacho allum dioboles wercum and wordum, Thunaer ende Wôden ende Saxnôte ende allum thêm unholdum, thê hira genôtas sint.
 
Gelôbistû in got alamehtigan fadaer ?
 
ec gelôbo in got alamehtigan fadaer.
 
Gelôbistû in Crist, godes suno ?
 
ec gelôbo in Crist, gotes suno.
 
Gelôbistû in hâlogan gâst ?
 
ec gelôbo in hâlogan gâst.
 
 
In Neuhochdeutsch:
 
 
Sagst du dem Teufel ab ?
 
ich schwöre dem Teufel ab.
 
und allem Teufelsdienst ?
 
und ich schwöre allem Teufelsdienst ab.
 
und allen Teufelswerken ?
 
und ich schwöre allen Teufels-Werken und Worten ab, Thunaer und Wôden und Saxnôte und allen Dämonen, die ihre Genossen sind.
 
Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater ?
 
ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater.
 
Glaubst du an Christus, Gottes Sohn ?
 
ich glaube an Christus, Gottes Sohn.
 
Glaubst du an (den) Heiligen Geist ?
 
ich glaube an (den) Heiligen Geist.
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