ANNO 40 / 50

 
 
ANNO 40 / 50
 
Ich war, wenn ich es recht bedenk’,
gerade das, ein „Führer-Geschenk“.
Ich ward gebor’n im schönsten Siegen,
erst später tät das Glück sich biegen.
 
Als Säugling war ich froh und heiter,
ich kannte nicht die Lebens-Leiter
und wusste nichts von Niedertracht,
wohl darum hab’ ich oft gelacht -,
 
auch später als die Bomben fielen
und unterm Bombensplitter-Spielen.
Ich hör’ noch die Sirenen heulen,
das Donnern auch der Bomben-Keulen.
 
Unter Getös’ und Sprengungs-Krach,
ein Blindgänger durchschlug das Dach.
Ein alter Mann, ansonst’ nur Frauen,
mussten sich ans Löschen trauen.
 
Der Feind griff nachts die Städte an,
die Frau’n und Kinder flohen dann
Hals über Kopf die Stiegen runter,
zumeist geordnet, manchmal bunter.
 
Die Hausgemeinschaft hielt sich prächtig,
bei Kerzenschein in Kellern, nächtig,
hab’ nie ein Schimpfwort je gehört,
das Reichs-Regierungs Ruf gestört’.
 
Im Gegenteil -, geradlinig im Gemüt,
rein deutsch und bieder von Geblüt,
war’n all die Menschen eingestellt,
die man heut’ gern für „Nazis“ hält.
 
Der Leute Urteil schien gerechter:
„Vor den Nazis war es schlechter !“
Ich erwuchs, klingt’s heut’ gar krass,
mit Bürgern ohne „Nazi“-Hass.
 
Die Nachbarn lobten „Nazi“-Taten,
ganz unverhohlen - ohne Braten -
denn das Hungern mit Verdruss,
begann erst nach des Krieges Schluss.
 
Die „Girls“ die mit Besatzern gingen,
um Spaß und Essen zu erringen,
verdient mit Hintern und mit Tittchen,
nannte man die „Ammi-Flittchen“.
 
Dann später, all’ die Klassen-Lehrer,
nicht einer war ein Feind-Verehrer,
nicht einer auf die „Nazis“ schimpfte,
uns Schüler gegen „Nazis“ impfte.
 
Mein Meister war ein „Ostfrontkämpfer“,
vom Krieg empfing er wenig Dämpfer,
kriegsmüde war er keine Spur,
er sprach vom „dummen Iwan“ nur.
 
So lang’ Zeit-Zeugen aktiv lebten,
die Leute für den Aufbau strebten,
blieb in der Zeit, die ich genannt,
die „Nazi“-Ächtung unbekannt.
 
Das las ich später erst im „Stern“,
der Zeitung „Quick“ lag Hetze fern.
In 60-er Jahren fing’s dann an -,
da war ich längst ein junger Mann.
 
 
Bild: Ich, 7 Monate jung, 1942
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