RIESEN UND ZWERGE

18.11.2021
Der große Heinrich Geoge und sein kleiner Denunziant Ernst Stahl-Nachbaur
 
RIESEN UND ZWERGE
 
Wer Menschenwelt genau besieht,
die Masken von Gesichtern zieht,
nüchtern nach Tun und Treiben greift,
der fühlt, dass ihm Erkenntnis reift.
 
Der merkt im breiten Menschenstrom,
Giganten kaum, doch Gnom bei Gnom.
Die Riesen geh‘n den großen Schritt,
die Zwerge werkeln am Boden mit.
 
Kommt ein Riese durch Riesen zu Fall,
klatschen Zwerge den Beifall überall.
Und lautester Beifall ist dem gewiss,
der als David den Goliath niederriss.
 
Wenn ein mieses, mageres Zwergelein,
von fernher mit seinem Schleuderstein,
den rüstigen Recken runter gebracht,
hat die Zwergenmeute Hurrah-gelacht.
 
Nicht jeder Zwerg ist solch ein Strolch,
der sich ergötzt im Schlamm als Molch,
doch Zwerge sind den Pfützen nah‘,
das bleibt Gefahr der Zwergenschar.
 
Wer sich als Riese fühlt, habt Acht,
wenn ihm ein Zwerg ins Antlitz lacht.
Zum Giftzwerg wird ein David leicht,
dass Goliath seiner Schleuder weicht.
 
So kann‘s zu jeder Zeit gescheh’n,
zumeist wenn sich die Zeiten dreh’n,
wenn das was brav am Boden wühlt‘,
ein Zeitgeist hoch nach oben spült.
 
Das gab es alltags nach dem Krieg,
dass mancher Kleine sich verstieg
und denunzierte, heimtückisch, leis‘,
in Hoffnungen auf Lohn und Preis.
 
Zehntausenden bracht' das den Tod,
sie starben ohne Bett und Brot,
nur zwischen Stroh und Stacheldraht,
was Sieger-Gewalt aus Mordlust tat.
 
Auch Heinrich George, der Film-Gigant,
herrlichster Mime im Heimatland,
fand den Verräter, zur eig‘nen Schmach,
Stahl-Nachbaur war‘s, der ihn erstach.
 
Nein, er hat‘s ja nicht selber getan,
nur ans Messer geliefert im Rachewahn,
es waren die Russen aus Rachegier:
Er verhungerte nach Stalins Manier.
 
Heinrich George (1893-1946), zur Welt gekommen als Georg August Friedrich Hermann Schulz, war, nach Aussagen etlicher bedeutender Schauspielerkollegen, der talentierteste, einfallsreichste, ausdrucksstärkste, modernste Schauspieler des 20. Jahrhunderts. Im Oktober 1932 ließ er die amtliche Namensänderung auf seinen Künstlernamen Heinrich George eintragen. Er trat als Mensch und Künstler aus Gerechtigkeitsempfinden für die Armen und Ausgebeuteten ein, weswegen er zunächst der KPD zuneigte. Nachdem die Nationalsozialisten legal an die Macht gelangten und er erkannte, dass der Sozialismus nicht nur ein Lippenbekenntnis der neuen Politiker war, stand er, natürlich auch aus existentiellen Gründen, zunehmend positiv der NS-Staatsform gegenüber, ohne PG zu werden oder sonst wie im NS-Sinne aktiv zu werden. Nur Theaterspielen, auf der Bühne stehen und seiner Kunst freien Lauf zu lassen, das entsprach seinem Naturell, das war sein Leben. Im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern wurde er vom NS-Staat nie besonders geehrt und gefördert, allein seine Leistungen und seine Popularität bestimmten seinen Werdegang. Ab 1938 wurde George Intendant des „Schiller-Theater“ in Berlin, wo er ein Theater der Leidenschaft errichtete. Er nahm auch Künstler unter Vertrag, die für den NS-Staatsgedanken „unerwünscht“ waren. Beispielsweise die Kommunisten Wilhelm Fraenger, Karl Rössling, Günter Strupp und Günther Weisenborn, der in der Widerstandsorganisation „Rote Kapelle“ arbeitete und 1969 postum vom Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Orden des „Vaterländischen Krieges“ 1. Stufe erhielt. Ebenso beschäftigte und schützte George die „jüdisch Belasteten“ Robert Müller und Ernst Guggenheimer. Joseph Goebbels nannte das „Schiller-Theater“, in maßloser Übertreibung, „einen Judenstall“. Ohne behördliche Rückendeckung und mehrfach gegen sie, setzte er sich für seine Truppe und besonders für jene ein, die als Gefährdete galten, wegen des anhaltenden Krieges mit dem bolschewistischen Sowjetimperialismus und dem Weltjudentum. Unter den von ihm geschützten Schauspielern war der erwähnte Ernst Guggenheimer (1886-1960), der George sein Überleben zu verdanken hatte, welcher sich nach dem Krieg Ernst Stahl-Nachbaur benannte. Dieser kleine Mann denunzierte den großen Heinrich George - wohl aus einem Neidimpuls - massiv bei den sowjetischen Behörden, so dass dieser schließlich in das russische „Speziallager Sachsenhausen, Oranienburg“ Nr. 7 (es gab 11 dieser Sowjetlager) deportiert wurde (wo ca. 170.000 dt. Gefangene schmachteten und großteils verschmachteten), wo man ihn während der Verhöre prügelte, zusammenschlug, folterte und derart verhungern ließ, dass er über 83 Pfund abnahm und ganz hinfällig wurde. Schließlich war er so geschwächt, dass er in Folge einer Blinddarm-OP, der eine doppelseitige Lungenentzündung folgte, dazu akkute Herzschwäche, und  dann allein in einer der Lagerhallen am 25.09.1946 verstarb. Den beiden im Raum befindlichen Männern vom Putzkommando sagte er: „Bitte geht hinaus, lasst mich allein sterben.“ Guggenheimer/Stahl-Neubaur war nicht der einzige der den völlig unschuldigen George als privilegierten „Hitler-Faschisten“ den Russen angab, es waren auch andere aus Russland ins Nachkriegsdeutschland zurückkehrende niedere, hassvolle Kommunisten die ein Gleiches begingen, deren Namen aber in sowjetischen Protokollen nur als „anonym“ auftauchen, während der undankbare Guggenheimer-Stahl-Neubaur mit seinem vollen Namen aufgeführt wird. Erst ab 1996 waren die Akten aus den Geheimarchiven des KGB in der Lubjanka/Moskau zugänglich, die die hier gemachten Angaben beweisen, dass nämlich Heinrich George sich in keiner Weise im Dritten Reich schuldig gemacht hat. George erhielt (nicht aus der Hand von J. Gobbels) das Verdienstkreuz 2. Klasse, „für Löscharbeiten in der Brandnacht“, wie zehntausende andere Löschhelfer auch. Emmy Görig war es die George einen größeren Geldbetrag zusteuerte, der helfen sollte, das zerbombte Theater notdürftig wieder herrichten zu lassen. Zu allen diesen Ergebnissen kamen die beiden recherchierenden Söhne von Heinrich George, Jan und Götz George. Sie waren um die Rehabilitierung des Vater bemüht. Im Jahr 2013 erschien die Biografie von Berta Drews in Auszügen als Wiederauflage, ergänzt durch den Briefwechsel zwischen ihr und ihrem inhaftierten Mann: „Berta Drews. Mein Mann Heinrich George“, Verlag Langen Müller. Das neue Vor- und Nachwort schrieben Götz und Jan George. - Eine Informationsquelle: Die DVD „Berlin Alexanderplatz“, 2008, Standard Version, Dolby, HiFi Sound, PAL, ASIN: ‎B0011EQ5CQ, Bonusmaterial: Heinrich-George-Dokumentation „Wenn sie mich nur spielen lassen”, Nachruf auf Heinrich George, Film von Irmgard von zur Mühlen; beide George-Söhne und einige Lebensbegleiter Georges nehmen Stellung zu den ungerechtfertigen Anschuldigungen. Interviews mit Will Quadflieg, Jan George, Götz George, Gisela Uhlen, Boleslaw Barlog, Prof. Dr. Werner Maser - (1996)
  
Pin It