INGEGERD und das Utgard-Zeitalter

Waräger-Prinzessin Ingegerd nach der Schädelrekonstruktion
von der russischen Dr. n. biol. Dorota Lorkiewicz-Muszyńska 
 
INGEGERD
 
Anders schimmert im Norden das Licht,
wie es im Lenzing die Nebel durchbricht,
wie‘s zu Mittsommer die Tage erfüllt,
die nordischen Seelen zum Heil umhüllt.
 
Nirgends sind Geister so stark, so rein,
wie unter dem Mitternachtssonnenschein.
Unter weißen Nächten wächst ein Gemüt,
in dem der Wille zur Klarheit erblüht.
 
Männer wie Frauen sind stark und stolz,
so wie nicht zersplitterndes Eibenholz,
mit dauernder, grünender Lebenskraft,
die sommers und winters hinan sich rafft.    
 
Der Nordmensch, von bäriger Energie,
strebt nach seinen Zielen, verliert sie nie.
Doch er ist voll heiterer Lauterkeit,
drum ist er zu täuschen, zu seinem Leid.
 
Die Predigt vom „Weißen Krist“ war Betrug,
die Mission glich einem Eroberungszug.
Die Menschen wurden mit Lügen belehrt,
sie blieben treu, oder wurden verkehrt.
 
Für Schwedens Königin gab's keine Reu‘,
Sigrid-Storråda, „die Stolze“, blieb treu.
Sie sagte Olaf Tryggvason ins Gesicht:
„Ich lass‘ meinen alten Glauben nicht !“
 
Und nach ihr Ingegerd, ihr Enkelkind,
so schön und stark wie Nordfrauen sind,
verschmähte „Olav den Heiligen“ strikt,
als sie den Fettwanst erstmals erblickt.
 
Sie heiratete Jaroslaw, den Kiewer Rus,
ins spätere Russland setzt‘ sie den Fuß.
Als Mitgift gab sie das „Ingermanland“,
um Ladoga sie manche Kämpfe bestand.
 
Nordwestrussland war ein Germanengau,
Waräger sind blond und die Augen blau.
Wer das vergisst und die Rasse verrät,
zur eigenen Schande die Götter schmäht.
 
 
Ingegerd Olofsdotter (1001-1052) war die in Sigtuna geborene Tochter des Schwedenkönigs Olof Skötkonung und Mutter Estrid, die aus dem altdeutschen Geschlecht der rechtselbisch siedelnden Nakoniden stammte. Ingegerd sollte 1018 die Ehefrau des norwegischen Königs Olaf II. Haraldsson werden, der zu Lebzeiten Olav Digre („Olaf der Dicke“) genannt wurde, um Frieden zwischen beiden Ländern herzustellen. Nach seinem Tod wurde er von der Kiche heiliggesprochen und ist bis heute als „Olav der Heilige“ bekannt. Ingegerd und ihr Vater erschienen jedoch nicht zum vereinbarten Zeitpunkt am verabredeten Ort, um die Heiratsmodalitäten auszuhandeln. Die Gründe dafür waren wohl die Unattraktivität des frömmelnden norwegischen Kandiaten und ein alternatives Angebot von Jaroslaw dem Weisen, dem Warägerfürsten von Nowgorod und Anwärter auf den Großfürstenthron der Kiewer Rus. Ingegerd heiratete ihn im Jahr 1019 und wurde die Mutter der Großfürsten Isjaslaw I., Swjatoslaw II. und Wsewolod I.. Das sog. Ingermanland war die Mitgift der schwedischen Königstochter Ingegerd. Das Herkommen besagt, das Land sei nach ihr benannt worden. Hier regierte Ingegerd nach ihrer Heirat das Gebiet um Ladoga persönlich. Nahe dem Dorf Alt-Ladoga, am Ladoga-See, hatte sich seit dem Jahr 753 n. 0 die älteste und eine der größten Siedlungen skandinavischer Wickinger-Waräger in Nordosteuropa entwickelt, von der Größe und Bedeutung her vergleichbar mit dem schwedischen Birka und deutsch-dänischen Haithabu. Ab 862 herrschte in Ladoga der Schwede Rurik (um 830-879), der Begründer des russischen Herrscherhauses der Rurikiden. Nach den schriftlichen Berichten wurde das Gebiet des Ladoga-Sees vom Jaroslaw dem Weisen, dem Großprinzen der Rus, seiner Frau, Ingegerd Olofsdotter, zur selbständigen Verwaltung übergeben. Sie setzte ihren Verwandten Jarl Ranvald Ulfsson als Gouverneur darüber. Die Region stellte seitdem einen Bezirk Nowgorods dar und ebenso des späteren Russlands. Ingegerd spielte eine aktive Rolle zur Unterstützung der energischen Politik ihres Mannes. Sie soll Truppen in den Auseinandersetzungen mit dem Fürsten Brjatscheslaw von Polozk selbst ins Gefecht geführt haben. Von der orthodoxen Kirche wurde Ingegerd eine Klostergründung des Jahres 1037 angedichtet. In Kiew ist ein erstes Frauenkloster gegründet worden, das den Namen einer „heiligen Irene“ trug. Ingegerds Taufname war Irina, daher vermutet man, dass sie die Initiatorin für das Kloster war. Es wird sogar angedacht, sie sei möglichweise mit einer „Anna von Novgorod“ gleichzusetzen, die man in der russisch-orthodoxen Kirche als Heilige verehrt.
 
Die Scheinheiligen - Geheiligte christliche Totschläger
 
Ein Blick zurück auf Ingegerds Abstammung: Ingegerds Vater Olof Skötkonung (um 980-1022), war ein Sohn von König Erik VIII. Segersäll (an. Eiríkr sigrsæli, dt. „der Siegreiche“) von Schweden und Mutter Sigrid Storråda („Sigrid der Stolzen“, um 965-1015). Nach dem Krankheitstod ihres Mannes Erik im Jahr 995 blieb sie zunächst allein. Als wieder ledige Herrscherin über ihre schwedischen Gebiete war sie begehrt bei auch unbedeutenden aber aufdringlichen Kleinkönigen der umliegenden Gebiete, die sie mit nervigen Heiratsanträgen bedrängten. Eines Tages muss ihr das derart zu viel geworden sein, so dass sie zwei besonders zudringliche Bewerber, Harald Grenske, den Vater des überfrommen norwegischen Königs Olav II. und einen Jarl namens Vissevold, in einer Halle verbrennen ließ, um - wie sie erklärte - künftig den unstandesgemäßen Kleinkönigen zu verleiden, zu ihr zu kommen, um ihre Hand anzuhalten. Schließlich heiratete Sigrid, nach Ausschlagung etlicher Bewerber, den Dänenkönig Sven I. Gabelbart (um 960-1014), der als Wikingerführer große Teile Englands eroberte und sich tributpflichtig machte. Die Schwedin brachte als Mitgift ihre privaten schwedischen Besitzungen in die Ehe ein, die dann als dänische Besitzungen in Schweden die Bezeichnung Syghridslef („Sigrids Erbgut“) trugen. Sigrid wurde Mutter der Dänenkönige Harald II., Knut der Große, sowie dreier Töchter, von denen eine Estrid Svendsdatter war, Titularkönigin, durch ihre Ehen eine russische Fürstin und möglicherweise Herzogin der Normandie. Sven Gabelbart belagerte erfolglos London, zusammen mit einem anderen Wikingerführer, dem späteren König von Norwegen Olav Tryggvason (968-1000), dem man den Beinamen an. „Craccaben/ Krakaben“, dt. „Krähenbein“ zulegte, weil er angeblich in abergläubiger Manier aus Vogelknochen habe wahr- und weissagen lassen. Beide Wikingerführer, Sven Gabelbart wie Olav Tryggvason, gaben vor, Christen zu sein. Sven ließ in Roskilde eine Kathedrale errichten. Die fast unfassbaren Grausamkeiten, mit denen Olav sein Christentum in Norwegen einmordete, um die dortigen Kleinfürsten zu unterjochen, spricht Bände über den niederen Charakter des Mannes. Bevor Olav 995 Norwegens König wurde, war er lange als Wikinger auf Raubzügen unterwegs gewesen. Bei seinen Beutezügen kam er mit dem Christentum in Kontakt, wobei er erkannte, dass sich damit hervorragend Eroberungspolitik als moralischer Akt verschleiern ließ. Demgemäß christianisierte er - laut der „Orkneyinga saga“ - die Orkneyinseln, indem er den regierenden Jarl Sigurd von Orkney vor die Wahl stellte: „Taufe oder Kopf ab“. Zur Beendigung seiner Angriffe auf England zahlte ihm der angelsächsische König Æthelred II. schließlich im Jahr 994 ein sog. „Danegeld“ von 22.000 Pfund in Gold und Silber. Sein dänischer Mitstreiter, Sven Gabelbart, war zu diesem Zeitpunkt schon wieder unterwegs zu den dänischen Heimathäfen. Der christliche König Æthelred befahl am 13. November 1002 alle in England lebenden Dänen zu ermorden. Unter den Umgebrachten befand sich auch Gunhilde, die Schwester Sven Gabelbarts. Dieser erhielt damit eine glaubhafte Rechtfertigung, England zu erobern, was er in den Folgejahren mit Erfolg unternahm. 1013 vertrieb er den Angelsachsen Æthelred in die Normandie und blieb bis zu seinem Tode der Beherrscher Englands.
 
Die beiden vorgeblich christlichen, aber mehr aus politischem Kalkül sich christlich gebenden Wikinger-Könige, Sven und Olav, zerstritten sich in der Folgezeit immer heftiger. Es ging auch um die Seeherrschaft in der Ostsee. Wie schon im Jahr 972, als Olav Tryggvason auf Besuchsreise in Novgorod bei dem Rurikiden, also schwedenstämmigen Wladimir dem Weisen, dem Herrscher der Waräger/Rus, weilte, war er im Jahr 1000 wieder in der Ostsee unterwegs. Diese Gelegenheit erkannten Sven Gabelbart und sein Schwager (Sohn von Sigrid Storråde, „der Stolzen“) der schwedische König Olof Skötkonung. Sie stellten ihn am 9. September in der sog. „Seeschlacht von Svold“, bei der Insel Svolderoie. Nach dem Historiker Adam von Bremen fand die Schlacht nicht in Svolder, sondern im Øresund statt. Ein Begleiter Olav Tryggvasons war Jarl Sigvaldi, welcher damals die Jombswikinger anführte. Die von dänischen Wikingern gegründete Jomsburg lag an der Odermündung. Sigvaldi zog seine Schiffe aus dem Gefecht zurück. Die Schlacht ging für die Norweger verloren. Olav Tryggvason beging, um nicht in Gefangenschaft zu geraten, Selbstmord, durch einen Sprung über Bord. Nach der Niederlage spielten die Norweger im Ostseeraum keine Rolle mehr, Norwegen wurde zwischen Dänen und Schweden aufgeteilt. Olof Skötkonung ließ sich, zusammen mit seinem Hofstaat, im Jahr 1008 durch einen „Bischof Siegfried“ taufen. Er errichtete ein Bistum in Skara, was seine Regierungstätigkeit sehr erschwerte, denn der Großteil der schwedischen Oberschicht und der Bevölkerung verblieben im Volksglauben und ungetauft. Seine Mutter Sigrid kann das nicht gutgeheißen haben, sie blieb dem Heimatglauben treu. Kein Wunder, dass Olofs Rückhalt unter den Svearn in den darauffolgenden Jahren schwand. Wie und wann er starb blieb unüberliefert. Olav II. Haraldsson, als „Olaf der Heilige“ (995-1030) bekannt, ereilte sein Todesschicksal in der „Schlacht von Stiklestad“, am 29. Juli 1030. Um das Jahr 1020 hatte er das Christentum zur offiziellen Religion Norwegens bestimmt und sich damit zum Volksfeind gemacht. Seine Zwangschristiansierung rief den Unmut des Adels wie der Bauern hervor. Viele Menschen flohen außer Landes zum dänisch-englischen König Knut dem Großen (995-1035), dem Sohn des Sven Gabelbarts. Knut griff im Jahr 1028 mit einer Flotte von 50 Schiffen Norwegen an und vertrieb den „heiligen Olav“ nach Schweden, dann nach Novgorod. Dieser missionarisch eifernde Olav II. Haraldsson sah zwei Jahre später eine neue Chance, sich zum König von Norwegen aufzuschwingen. Er ließ die Schilde und Helme seiner Mannen mit einem Kreuzzeichen ausstatten, das mittels Tonerde gezeichnet wurde, was ihm aber keinen Vorteil einbrachte. Seine Streitmacht wurde von einer norwegischen Bauernarmee gründlich besiegt und er fand währenddem den Tod. Schon 1035 bewirkte die Kirche den unbeliebten, toten Herrscher heiligzusprechen und zum „Sankt Olav“ umzudeuten.
 
Gemunkelt wurde, die Frau Sven Gabelbarts, die Schwedin Sigrid Storråde (um 965-1015), habe ihren dänischen Gatten und ihren Sohn, den amtierenden schwedischen König, aufgestachelt, in der „Seeschlacht von Svold“ gegen Olav Tryggvason vorzugehen. Dazu bedurfte es aber der stolzen Sigrid sicherlich nicht, denn die dänisch-schwedische politische Kontrolle des Ostseehandels war ein ausreichendes Motiv für den Militärschlag gegen Norwegen. Als Grund für diese Nachrede galt der überlieferte Streit zwischen Olav Tryggvason und der schwedischen Königswitwe Sigrid Storråda vom Jahr 998, als der Usurpator und Heidenverfolger um ihre Hand angehalten hatte. Sie war nicht gänzlich abgeneigt. Doch als anmaßende Vorbedingung für die Ehe verlangte er ihren Übertritt zum Christentum. Sigrid lehnte das kathegorisch ab, worauf sie der als Hündin beschimpfte. Auf das Ansinnen des christgesonnenen Gewalttäters hatte die stolze Sigrid geantwortet: Ekki mun ek ganga af trú Þeiri“ (Niemals werde ich den alten Glauben aufgeben !).
 
Die Vorgeschichte zum blutigen Finale der Wikingerzeit
 
Wie wir in meinem kurzen Abriss zu den wilden, aufwühlenden Geschehnissen der Wikingerzeit und gleichzeitig der Endphase des altnordischen Heidentums erfuhren, gingen die zeitbedingten Zerreißproben mitten durch Familien, Völker und Herrschersippen. Es war der Germanist Bernhard Kummer der in seinem Werk „Midgards Untergang - Germanischer Kult und Glaube in den letzten heidnischen Jahrhunderten“ (1927) dazu tiefergehende Deutungen abzugeben vermochte. In den Jahrhunderten, beginnend mit den massenmörderischen römischen Invasionen in Germanien, dann den zentripetalen Erschütterungen in der Völkerwanderung, bis zum romkirchlichen Angriff und des sich abzeichnenden Glaubensumbruchs, war Germanien und waren seine Bewohner im wahrsten Wortsinne außer sich geraten. Zuerst einmal ist als verständnisschaffende Vorbedingung festzustellen, dass die Wikingerzeit zweiffellos als nordischer Gegenschlag begann, nachdem die ungeheuerlichen, staatlich angeordneten Massenmorde von Seiten der verchristlichten Franken an den nichtchristlichen Sachsen begangen worden sind. Die Chronologie bringt uns auf die Spur der wahren Zusammenhänge folgender Jahre: 772 = Überfall des Frankenreiches unter König Karl gegen Sachsen, Zerstörung der Hauptheiligtümer der Eresburg (Obermarsberg) und an den Externsteinen im Teutoburger Wald. Angelsächsische Missionsmönche stellen sich in großer Anzahl in den verbrecherischen Dienst des Frankenreiches, Gewaltmission in zentraleuropäischen Bekehrungsgebieten zu betreiben. 775-80 = setzt das katholische Frankenreich seine Eroberungspolitik gegen heidnische Länder fort: Eroberung der Sigisburg (Hohensyburg) an der Ruhr. 777 = Erzwungene Massentaufen der Sachsen. 778 = Befreiungsaufstand des Westfalen Widukind durch neue franko­christliche Feldzüge (779 und 780) im Blut erstickt. 782 = Frankenkönig Karl, der Sachsenschlächter, führt mit Grafschafts­verfassung ein fränkisches Terror-Regime mit kollaborierenden Adligen in Sachsen ein. 782 = Das entrechtete, gedemütigte norddeutsche Heidenvolk will sich wehren, es kommt zur Schlacht am Süntel; nach Niederlage flieht Widukind zu den Dänen. Blutorgie in Verden an der Aller: 4.500 (wehrlose / gefangene) Edelste / Führer / Sippenälteste der heidnischen Sachsen werden an einem Tag hingemetzelt (sämtliche abmildernde Spekulationen von Seiten heutiger kirchenchristlicher Beschönigungsversuche sind als unhistorisch abzulehnen (s. Erst Schubert, Lexikon des Mittelalters, 1977-99). Erlass des Standrechts „Capitulare de partibus Saxoniae“ für das geknechtete Sachsenvolk. In diesem grauen­haften, allerchristlichsten Blutgesetz wird jeder mit dem Tode bedroht der Heide bleiben will. 785 = Widukind, krank von der gnadenlosen Hetzjagd, gibt selbst auf oder wird gefangen und bleibt danach auf Klosterinsel Reichenau/Bodensee ca. 40 Jahre bis zum Tode in Beugehaft (diesen Sachverhalt weisen die Namens­listen der Mönche aus). 787 = In den Angelsächsischen Chroniken wird bereits für dieses Jahr ein Wikingerangriff gegen England verzeichnet. 789 = Tötung eines überheblichen Abgesandten der christlichen Königin Beorhtic durch heidnische Wikinger. 793 = Eine neue Generation sächsischer und friesischer Freiheitskämpfer vernichtet ein Frankenheer an der Weser. Gnadenlos verfügt Frankenkönig Karl jetzt die Verheerungganzer Landstriche, Sachsenvertreibungen, Sachsenumsiedlungen im großen Maßstab und Ansiedlungen von „gekristeten“ Franken im Sachsenland. 793 = (8. Juni) Jetzt erst erfolgt der Wikingerüberfall auf das Fanatiker- und Missionsklosters Lindisfarne. Der Mönch Simeon in der „History of the Church of Durham“: „Sie erschlugen einige der Brüder, andere führten sie in Ketten fort. Der größten Zahl rissen sie die Kleider vom bloßen Leib, stießen sie zu den Türen hinaus, und einige ertränkten sie im Meer.“ Die heuchlerische Selbstbeweinung ist, nach allen den bekannten christlichen Terrortaten, zutiefst abstoßend. Der Gelehrte Alkuin übertreibt maßlos, weil es sich um nordische Heiden handelte: „Niemals zuvor brach ein solches Entsetzen über Britannien herein.“ Von den viel grausameren Eroberungszügen der Römer wusste er nichts zu sagen, hätte sie aber aus Julius Cäsars Buch „Commentarii de Bello Gallico“, sehr wohl wissen können. Der christlich-heidnische europäische Krieg nahm seinen Fortgang: 795 = Nach dem Bericht der Fränk. Reichsannalen (Annalen Mosellani), werden 10.000 Sachsen nach Frankreich deportiert. Überfall des Klosters Iona (Irland) durch Wikinger. 799 = Wikinger plündern die nordfranzösischen Mündungsgebiete der Loire. 800 = Durch Wikingerheerfahrten zerfallen alle christlich geprägten angelsächsischen Reiche bis auf Wessex. 810 = Die karolingische Provinz Friesland von dänischen Wikingern angegriffen. 820 = Erfolgte der erste Großangriff von Wikingern im Frankenreich, betroffen war die Region der Seinemündung, zeitgleich fielen vermutlich andere Wikinger in Flandern ein. 822 = Papst Pascal gibt Ebo (Erzbischof von Reims) den Auftrag die nördlichen Gebiete Europas zum Christenglauben zu betören. Nach den Kausalitätsgesetzen war es der christenkirchlich-geistige und -materielle Vernichtungsangriff der die Verbitterungen auslöste mit der nordisch-volksgläubige Jungmannschaften auf christliche Einrichtungen und ihre Träger zurückschlugen.
 
In dem eddischen Reimwerk „Völuspá“ („Prophezeiung der Völva“) findet sich die Weltentstehung bis zu ihrem Untergang und Wiederaufgang geschildert. In Strophe 32 wird die außerordentliche Unheilzeit des Weltuntergangs beschrieben:Brüder kämpfen und bringen sich den Tod, Brudersöhne zerbrechen die Sippen. Arg wurde die Welt, Ehebruch gedeiht furchtbar. Nicht einer will des andern Leben schonen.“ Schon daraus ist abzulesen, dass das nicht der germanische Alltag in heilen Zeiten gewesen sein kann. Bernhard Kummer schrieb an einer Stelle dem Sinne nach: Die Edda ist kein Glaubensbuch gewesen, sie ist eine nicht unwerte, aber späte, christliche Zusammenstellung von Götter- und Heldenliedern aus dem Erbe vieler bücherloser Jahrhunderte, und deshalb niemals ein heidnisches Bekenntnisbuch. Aus der Edda ist das germanische Sitten- und Glaubensleben nicht ablesbar. Dazu bedurfte es beispielsweise des Dänen Wilhelm Grönbechs Arbeit über die „Kultur und Religion der Germanen“, zuerst erschienen 1909-1912. Zum besseren Verständnis trugen weiterhin bei, Jakob Wilhelm Hauer mit seinen Schriften „Deutsche Gottschau“ (1934) und „Glaubensgeschichte der Indogermanen“ (1937), sowie der Holländer Jan Pieter de Vries mit „Altgermanische Religionsgeschichte“, Bd. I + II (1935/1956). Bernhard Kummers bleibendes Verdienst ist es, und das war Ziel seiner Forschung, „...auf Grund der Isländersagas eine Entwicklung des Glaubens oder der religiösen Einstellung der letzten heidnischen Jahrhunderte, ein Stück germanischer Religionsgeschichte, und zwar das letzte und für uns wichtigste sichtbar zu machen.“ (s. S. 23) Die germanische Religion, die von Gemeinschaft der Sippe, der Familie getragen wird, soll der kritischen christlichen Beurteilung der Germanen als primitive Barbaren entgegengestellt werden, womit B. Kummer dem deutschen Suchenden zurecht den Weg zeigen mochte zur „neuen, innerlichen Bindung nur an das ererbte, fromme deutsche Gemüt das seines Gottes gewiss ist.“ (s. S. 7) Denn, dass die wachen Deutschen bis heute sich ihres Religionsverlustes sehr wohl bewusst sind und die unvernünftigen orientalisch-biblischen Angebote nicht zufriedenstellen können, steht außer Frage. Nach der Dekodierung der Oding-Runenreihe, als vorchristliches Sakralkalendarium, durch Gerhard Hess, mit seinem Buch „ODING-WIZZOD - Gottesgesetz und Botschaft der Runen“ (1993), wurde der alte mönchische Vorwurf vom germanisch-religiösen Barbarentum unwiderruflich ad absurdum geführt. Und auch die argumentative Kontroverse zwischen den Germanisten Bernhard Kummer und Otto Höfler bekommt nach der Runenentschlüsselung neue Gewichtungen. O. Höflers Werk „Kultische Geheimbünde der Germanen“ (1934) setzte Maßstäbe, aber keine absoluten. Die Gemeinschaftsform, die O. Höfler, und ebenso der Mutterkult-Enthusiast Herman Wirth, als typisch germanisch und typisch für den Wodan-Odin-Kult darstellte, sei geprägt durch die kriegerischen Männerbünde und ihren ekstatischen Ahnendienst. Für die erzwungenen Notwendigkeiten der Völkerwanderungszeit mag das zutreffen, nicht aber mit Bestimmtheit für die vorausgegangenen Friedensepochen. Im Vorwort seines Buches zeigt er das Ziel seiner Forschungen auf, nämlich die Rekonstruktion einer kultischen Lebensform, die seit Urzeiten die treibende Kaft der deutschen Geschichte wäre: „…von Kulten ekstatischer Ergriffenheit, von kriegerisch-politischen Verbänden, die in uralten Zeiten wurzeln, aber bis in späte Epochen lebendig bleiben … von der Entstehung des deutschen volkhaften Dramas.“ (s. S. VII) B. Kummer hielt dagegen und betonte die Beutung beider Geschlechter für den Sippengedanken der Germanen, dass man eine Geschlechtertrennung weder bei kultischen Handlungen noch bei den meisten Festen kannte. Kriegermännerbünde gab es sicherlich in den argen Zeiten der Notwehr und eines weiterführenden Angriffsschwunges, doch sie können nicht zum innersten germanischen Wesen gehört haben. Für B. Kummer hat es in der Germania weder Männerbünde noch ein Matriarchat gegeben. Als Grundwerte der Germanen nennt er die Friedensliebe, das Wirken für Haus und Hof, die Gastfreiheit, die eigene Ehre, die Hochachtung für das Heilige, die harmonische Kunst, die Einehe und das Eintreten für Familie und Sippenverband. B. Kummer stellt in trefflichen Metaphern die Friedenszeiten den Umbruchszeiten gegenüber, er nennt sie „Midgard-Zeit“ und „Utgard-Zeit“. Die Wikinger-Zeit wurde entschieden dominiert vom Utgardloki der germ. Mythologie, welcher als Meister des täuschenden Blendwerkes galt, der zusammen mit dem Fenriswolf und unholden Auslands-Mächten auf den Untergang der germ. Midgardwelt abzielte. Die Achtungslosigkeit vor der Frau war ein Mitbringsel der Christreligion, ebenso wie die Verneinung der Sippenbande, das Züchtigen der Kinder und Weiber, der Fegefeuer- und Höllenspuk, der synkretistische Zauberglaube, die weltflüchtige Todessehnsucht, die sündhaft gewordene, mit verdorbener orientalischer Erotik durchtränkte Sexualität. All das waren, nach B. Kummer, Bestandteile der Untergangszeit, der „Utgardzeit“, der vom allverneinenden, Lebensfreude und Frohsinn verteufelnden, fremdartig-orientalischen Christianismus hervorgeprügelten Wikingerzeit.     
 
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