FREISCHÜTZ JENNERWEIN

Georg-Gigl Jennerwein mit Sennerin Agathe-Agerl und Töchterchen Rosl
 
FREISCHÜTZ JENNERWEIN
 
Da war ein Freischütz Jennerwein,
ein Mannsbild wie nur eines, fein,
ein strammer Bayer, bis ins Mark,
so wie ein Gamsbockbulle stark.
 
Ob Rausch, ob Raufen, er war vorn,
mit Zitterspiel und Bier und Korn,
kam ihm kein zweiter Bursche an,
kurzum, er war ein ganzer Mann.
 
Kein Tann zu dicht, kein Steig zu steil,
dem Gigl schien das Glücksrad feil.
Er drehte es mit sicherer Hand,
wann immer er ein Liebchen fand.
 
Die Weibsleut mochten ihn so gern,
kein Mädel dachte, sich zu sperr’n,
wenn er die Gstanzl-Lieder sang,
zum Platteln auf die Bretter sprang.
 
Nahm er die Büchse in die Faust,
zu äugen, wo ein Wildbret haust,
dann sandte auf neunhundert Fuß,
sein Flintenblei den Todesgruß.
 
Die Zeit war arm, des Hungers viel,
nicht wildes Schießen war sein Ziel.
Er brachte manches Bratenstück
Bedürftigen hin, zu deren Glück.
 
Als der Franzmann, frecherdings,
den Rhein bedrohte, her von links,
trat auch der Jennerwein ins Heer,
macht‘ sich und seinem König Ehr‘.
 
Doch Gigl fiel in keiner Schlacht,
ein Neider hat ihn umgebracht.
Der Jagdgehielf‘ vom Tegernsee,
erschoss ihn nach Behörden-Dreh.
 
Ein Freischütz galt als vogelfrei,
weil Jagd ein Herrenrecht nur sei.
Wir aber ehren echte Männer,
zu aller Zeit, nicht nur im Jänner !

Georg/Girgl Jennerwein (1849-1877) wurde als Wild- oder Freischütz bekannt und avancierte sogar zum allseits beliebten Volkhelden. Auch ich mag, mittels meiner kleinen Arbeit für ihn, gewissermaßen ein weiteres Eichenblatt seinem Ehrenkranz zufügen. Gigl, der volkstümliche Begriff für Georg, war das Kind der Kleingütlerstochter Anna Jennerwein. Als Vater ist im Taufbuch der aus oberbayerischen Gemeinde Otterfing stammende Peter Glas vermerkt. Als 12-Jähriger musste Jennerwein 1860 miterleben, wie sein Stiefvater von Staatsjägern wegen Wilderei erschossen wurde, ein Schicksal welches ihm ebenso widerfuhr. Als herzhafter Kerl, von der eigenen Kraft und Raschheit überzeugt, scherte er sich nicht viel um behördliche Verbote, zu verlockend waren die dichten Wälder rundum, voller Wild -, und Schmalhans war bei den in ärmlichen Verhältnissen lebenden Häuslern der tägliche Küchenchef. Jennerwein wurde ein kräftiger Bursch, wie das bei einem Holzknecht in den Wäldern des Schliersees nicht anders zu erwarten war. Im deutsch-französischen Krieg, den der Franzosenkönig Napoleon III. provozierte, rückte auch Jennerwein ins Feld und stand seinen Mann. Die handfesten bayerischen Regimenter („Compagnie-Commando des I. k.b. Infanterie-Regiments“) trugen entscheidend zum Sieg über den linksrheinischen Erbfeind bei. Gigl Jennerwein war ein ganzer Mann wie aus dem Bilderbuch, ein ausgezeichneter Zitherspieler, Schuhplattler und Gstanzlsänger, Wirtshaus- und Weiberheld und ganz natürlich ein sehniger Raufbold. Eine seiner Freundinnen war die hübsche Sennerin Agathe von der Baumgarten-Alm, mit der er eine Tochter, die Rosl, hatte. Viele der einheimischen Burschen, die alle Schleichwege kannten, gingen der Wilderei nach, da war nicht viel dabei. Dass die Jagd ein alleiniges Herrenrecht sei, hat sich dem Landvolk seit frühesten Zeiten nie beibringen lassen.
 
Es war Gigls Jugend-, Kriegs- und Wilderer-Kamerad Johann Josef/Sepp Pföderl, der in Tegernsee Jagdgehilfe geworden war, welcher sich eine Auszeichnung zu erwerben gedachte, indem er einen der bekannten Wildschützen erledigte. Eine schlechte Portion Neid kam wohl hinzu, weil Gigl ihm eine Freundin ausgespannt hatte. Laut Gerichtsakten wurde Gigl im Todesmond, am 6.11.1877, von seinem früheren Freund Sepp Pföderl beim Wildern ertappt und auf einer Waldlichtung am Rinnerspitz, dem „Peißenberg“, in den Schlierseer Bergen hinterrücks erschossen. Pföderl meldete seinen dienstlichen  Mord dem ihm vorgesetzten Förster Mayr. Dieser wollte, wie es bis heute gängiger Behördenbrauch ist, den Vorgang vertuschen. Trotz des erhobenen Verdachts, seitens des zweiten Jagdgehilfen Simon Lerchenauer, wurde manipuliert. Mit des beamteten Försters Deckung täuschte Pföderl durch zwei Schüsse aus Jennerweins Gewehr einen Selbstmord vor. Die Leiche Jennerweins wurde trotz großer Suchbeteiligung der Bevölkerung erst am 14.11.1877 aufgefunden. Gigls rechte große Zehe steckte im Abzug seines Gewehres, sein Unterkiefer war zerschmettert. Zudem wies sein Rücken eine nicht tödliche Schussverletzung auf. Obwohl Pföderl den Mord bestritt und sogar Lechenauer als Täter verdächtigte, wurde er verurteilt. Doch das der Jagdobrigkeit gegenüber wohlwollende Gericht befand ihn lediglich, ohne Tötungsabsicht, schuldig. Es verurteilte ihn zu nur acht Monaten Gefängnis unter Anrechnung seiner viermonatigen Untersuchungshaft. Das gesunde Volksempfinden sah in ihm aber zurecht einen Mörder, dem trotz Versetzung Feindschaft und Abneigung entgegengebracht wurde. Der Neidling begann zu trinken und soll vor seinem Tod Wahnvorstellungen gehabt haben, dass ihn wegen des ungesühnten Mordes der Teufel holen würde. Zu Jennerweins 99. Todestag wurde eine gewilderte Gams an sein Grabkreuz gehängt. Zu seinem 100. Todestag wurde 1977 wenige hundert Meter entfernt vom „Bodenschneidhaus“ zu seinem Gedenken ein Marterl errichtet.
 
Bericht des Schorsch Kirner
 
Der Bericht des bestens unterrichteten Schorsch Kirner geht so: Der Pföderl Sepp war als Holzfuhrknecht kein großes Licht. Ausgerechnet am Leonharditag 1876 wurde er aus seinem Dienst entlassen. „Es war ein schöner Herbsttag, an dem in Tölz der große Leonhardi-Ritt stattfand. Natürlich gab es auch ein Wirtshaus, wo zum Tanz aufgespielt wurde. Dorthin ging der Pföderl Sepp aus einem besonderen Grund, er hatte sich mit dem Agerl von der Sigrizalm verabredet. Nach und nach fanden die beiden Gefallen aneinander. Er schüttete ihr sein Herz aus, dass er davon träumte, einmal Jäger zu werden. Ja, er ging sogar soweit, dass er dem Agerl einen Heiratsantrag machte. Ziemlich diplomatisch sprach sie ihn auf seine ramponierte Kleidung an, träumte aber wohl doch davon, eines Tages als Jägersfrau in einem Häuschen im Gebirge wohlversorgt zu sein. Mit dieser Frau begann die Tragödie. Plötzlich tauchte Jennerwein auf dem Fest auf. Er ging an den Schießstand. Die geschossenen Blumen verschenkte er an die hinter ihm stehenden Madln. Das Schicksal wollte es wohl so, dass auch das Agerl mit ihrem Sepp dort stand. „Du, des is fei da Wildschütz Jennerwein“, wurde sie von einer Freundin gewarnt. Jetzt bemerkte auch der Girgl das hübsche Agerl, sie fanden sofort Gefallen aneinander. Das blieb Pföderl nicht verborgen, er bat sie um einen „Ehrentanz“, aber sie hatte sich bereits für den Girgl entschieden. Pföderl schwor seinem alten Freund Rache. Er hatte ihm die Zukunft genommen. Sepp Pföderl bekam tatsächlich eine Stelle als Jagdgehilfe, hatte eine schöne Uniform. Aber glücklich war er nicht, denn er hatte erfahren, dass „sein“ Agerl ein Kind von seinem Todfeind hatte. Er wusste auch, dass der Girgl immer noch als Wildschütz unterwegs war - und wartete sehnlichst auf den Tag, an dem er ihn beim Wildern treffen würde. Dann könnte er mit ihm abrechnen, ganz legal. Pföderl saß eines Tages wieder mal beim „Hennerer“, als unvermutet der Girgl erschien. Der holte seine Zither und sang. Dann nahm er seinen Hut vom Kopf, strich damit dem Sepp über das Kinn und sagte: „Solch’ scheene Bleamal wachsen bei Eich im Garten, aber Pflücken tua’s i.“ Das Gelächter war groß beim Hennerer - und der Sepp blamiert. [Oder auch: Pföderl, der später vom Königlichen Amtsgericht zu (nur) acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde, soll demnach erwidert haben: „I hab' den Jennerwein erschossen“, also ein Geständnis, das es vor Gericht nie gab. „Der hat es schon lange verdient, der Lump“, soll Pföderl gesagt haben. „Mei Agerl hod er mia ausg'spannt und unter großem Spott hod er mia an Gamsbart unter d' Nosn g'halten und g'sogt: 'Solch schene Bleamal blüh'n bei eich im Garten, aber brocka tua's i!“ Daraufhin habe er ihm Rache geschworen „und heid is endlich de Stund' kemma.“] Plötzlich verschwand Jennerwein. In und um Schliersee kamen schon bald allerhand Gerüchte auf. Der Girgl ist seit dem Leonhardtag abgängig! Bald wurde dieses geredet, bald jenes behauptet. Kameraden rotteten sich schließlich zusammen und man ging auf die Suche. Sie zogen hinauf durch das Tufttal, durchstreiften die Wälder, verfolgten Spuren und gelangten dann hinüber in das Kühzagltal. Zwei Tage vergingen noch, dann wurde Jennerwein gefunden. Oben am Peißenberg, am sogenannten Schwarzholzeck. Der untere Teil des Gesichtes war verstümmelt, das Kinn von einer Kugel zersprengt. Die Leiche war gefroren, eine Hand hielt den Gewehrlauf umklammert, seine rechte große Zehe klemmte am Abzugshahn. Erschüttert umstanden Kameraden die Leiche. Also hatten sich die Befürchtungen bestätigt. Der Girgl erschossen. Und - dem ersten Anschein nach - hatte er sich selbst den Tod gegeben. Der Schuss ging durch das Kinn aufwärts durch die Schädeldecke. Doch plötzlich rief einer: „Herrgott, Leut, da schaugt’s!“ Er zeigte auf die Leiche, die er umgedreht hatte. Zu sehen war: ein Schussloch im Rücken. Eine Kugel hatte den Jennerwein von rückwärts durchbohrt - wahrscheinlich die erste. Das Wort „Selbstmord“ wurde nie mehr ausgesprochen. Mit einer Bahre aus Fichtenzweigen trugen sie ihn ins Tal. Noch am selben Tag wurden die Behörden verständigt. Die Sektion ergab, dass auf Jennerwein drei Schüsse abgegeben worden waren. Eine Kugel hatte die linke Brust und die Lunge durchbohrt. Außerdem stieß das Seziermesser auf eine eingeheilte Kugel, die schon lange in seinem Körper war. Am 6. November 1877, mittags um 11 Uhr wurde Girgl Jennerwein mit 29 am Peißenberg am Schwarzholzeck erschossen. Das ergaben die Ermittlungen. Der Mörder? Der Pföderl Sepp. Als er später gefragt wurde, warum, da sagte er: „Der hat es schon lange verdient, der Lump.“ Nachdem die gerichtliche Kommission die Leich freigegeben hatte, wurde Jennerwein am Friedhof in Schliersee in geweihter Erde bestattet. Auch die Gerechtigkeit ging ihren Gang. Eines Tages wurde der Jagdgehilfe Pföderl des Mordes an Jennerwein angeklagt, und am 20. November 1878 das Urteil verkündet. Wegen Körperverletzung bekam er eine achtmonatige Gefängnisstrafe. Nicht mehr. Aber Pföderl kam die Untat trotzdem teuer zu stehen, denn nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, wurde er in das Forstrevier Valepp versetzt, wo er zuerst in strenger Pflichterfüllung seinem Beruf nachging. Er blieb aber ein einsamer Mensch, verachtet, gequält von Gewissensbissen. Er ergab sich dem Alkohol, bis ihn der Säuferwahnsinn erfasste. In den 1880er-Jahren verstarb Pföderl im Tegernseer Krankenhaus. Sein Ende war grauenhaft. Während eines schweren Gewitters rief er verzweifelt um Schutz gegen den Teufel, der ihn holen wollte. Dann sank er tot in die Kissen. Das Agerl hat später noch einen strammen Floßmeister geheiratet und ist mit ihm glücklich geworden. Die Sigrizalm existiert aber nicht mehr, sie ist durch eine Lawine verschüttet worden. Das Jennerwein-Grab am Westenhofener Friedhof wird nicht nur wunderschön gepflegt, sondern auch von Besuchern aus Amerika, Australien und von überall her besucht. Es kommt immer wieder vor, dass ein Wilderer-Kollege oder ein treuer Jennerwein-Anhänger in der heutigen Zeit einen Gamsbock, den Lauf eines Hirschen oder eine Patrone auf seinen Grabstein ablegt. Und das 140 Jahre nach seinem Tod. Auf einer Patrone, die erst vor einiger Zeit abgelegt wurde, steht eingraviert: „für deinen Mörder“.
 
Der Text des Jennerwein-Liedes:

1. Es war ein Schütz in seinen besten Jahren,
der wurde weg geputzt, von dieser Erd.
Man fand ihn erst am neunten Tage
bei Tegernsee am Peißenberg

2. Auf hartem Fels hat er sein Blut vergossen
und auf dem Bauche liegend fand man ihn:
Von hinten war er angeschossen,
zerschmettert war sein Unterkinn.

3. Du feiger Jäger, das ist eine Schande
und bringt dir ganz gewiß kein Ehrenkreuz:
Er fiel gar nicht im off‘nen Kampfe
der Schuß von hinten her beweists!

4. Man brachte ihn ins Tal und auf den Wagen,
bei finstrer Nacht ging es sogleich noch fort,
begleitet von den Kameraden
nach Schliersee, seinem Lieblingsort.

5. Dort ruht er sanft im Grabe wie ein jeder
und wartet stille auf den jüngsten Tag.
Dann zeigt uns Jennerwein den Jäger,
der ihn von hint‘ erschossen hat.

6. Und zum Gericht am großen jüngsten Tage
putzt jeder ‘s Gwissen und auch das Gewehr:
Marschieren d‘ Jager samt die Förster,
aufs Gamsgebirg zum Luzifer.

7. Und nun zum Schlusse dank noch den Vetranen,
die ihr den Trauermarsch so schön gespielt!
Ihr Jager, laßt euch nun ermahnen,
daß keiner mehr von hinten zielt!

8. Denn auf den Bergen, ja da gilt die Freiheit,
ja auf den Bergen ist es gar so schön,
allwo auf grauenvolle Weise
der Jennerwein zu Grund mußt gehn.
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