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Der Urning Karl-Heinrich Ulrichs
 
URNINGE UND DIONINGE
 
Karl Heinrich Ulrichs war ein Süßer,
nein, er war kein Rankenfüßer,
doch fühlt‘ er, dass er anders wär,
ein „Urning“-Mann so ungefähr.
 
Ganz stark verspürte er den Trieb,
die Männer, ach, fand er so lieb,
Mannmännerliebe war sein Schwarm,
ihn lockte nichts so wie ihr Darm.
 
Das Schwulsein fand er zu profan,
auf schöne Worte kommt es an,
denn gut verpackt, so wie das ist,
verkauft man locker jeden Mist.
 
Er sprach von einem 3. Geschlecht,
dafür ging Ulrichs ins Gefecht.
Die schwulen Roy und Rosalinde,
hieß er „Urning“ und „Urninde“.
 
Er meinte fest und starr und frank,
die sind normal und gar nicht krank.
Die „Urnings“ scheinen nur verkehrt,
in Wahrheit sind sie ehrenwert.
 
Karl-Heinrich fiel das wenig schwer,
„Ich bin ein Urning“, sagte er,
„die anderen nenn‘ ich Dioninge,
ich meine Männer und Jünglinge.“
 
Dem Ulrichs-„Urning“ schwebte vor,
zu bilden einen „Urning“-Chor,
denn „Urnings“ gäbe es in Menge
und machtvoll würden die Gesänge.
 
Karl Marx und Engels Friederich
lasen davon und schrieben sich:
„Aus solch‘ perverser Schweinerei
macht nur ein Deutscher ‘ne Partei“.
 
Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) wurde in Aurich/Ostfriesland geboren. Er war Jurist, Journalist, Verleger, Vorkämpfer der Schwulenbewegung und wird als „Pionier der Sexualwissenschaften“ gehandelt. Ulrichs entwickelte eine neuartige Terminologie auf seinem Fachgebiet der Homoerotik. Gleichgeschlechtliche Liebe nannte er „Uranismus“. Er setzte sich für die Eheschließung zwischen Männern ein („urnische Ehe“) und forderte die Abschaffung jeglicher juristischer Verfolgung dieser geschlechtlichen Verirrung bzw. Neigung. Die homosexuelle Frau bezeichnete er als „Urninde“. Die geschlechtlich Normalen nannte er „Dioninge“. Er war der Meinung, dass „Urninge“ und „Dioninge“ von grundsätzlicher Verschiedenheit geprägt wären, weswegen der Ausdruck „widernatürliche Unzucht“ auf Liebe zwischen „Urningen“ nicht zutreffen könne. Liebe zwischen zwei „Urningen“ war nach Ulrichs’ Meinung in höchstem Maße ethisch, weil sie die beiden Individuen ihrer Natur gemäß entwickeln lässt. In seinen Schriften erörterte Ulrichs auch die Frage einer Ehe zwischen einem „Urning“ und einem „Dioning“ und inwieweit diese ethisch vertretbar sei. Kurzum, Ulrichs suchte - aufgrund seines eigenen ungelösten Lebensproblems - krampfhaft nach Selbstbestätigungsaspekten. Auf dem deutschen Juristentag, 1867 in München, forderte er in einer Rede erstmals öffentlich die Straffreiheit für seine „Naturgenossen“, also für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen, da diese auf einer „natürlichen Veranlagung“ beruhen würden. Darauf kam es zu tumultartigen Szenen unter den Zuhörern und zum erzwungenen Abbruch seiner Rede. Ulrichs Wortwahl erklärt sich aus der Rede des Pausanias in Platons „Symposion“ (Kap. 8/9), welche zwei Formen der Liebesgöttin Aphrodite vorstellte. Den Hetero-Normalo nannte Ulrichs „Dioning“ nach Dionea, einer Bezeichnung der Aphrodite-Dione, deren Mutter Dione war. Den Homo-Schwuling verklärte Ulrichs zum himmlisch-uranischen „Urning“, nach Göttin Aphrodite-Urania, die nach dem Mythos aus dem abgetrennten Geschlechtsteil ihres Ur-Himmelsvaters Uranus entstanden sein sollte, also die eingeschlechtliche Liebe repräsentieren könnte. 1864 veröffentlichte Ulrichs die ersten Schriften „Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe“. Er stilisierte sich zum Anwalt weltweit aller anderen Unterdrückten hoch mit denen er sich solidarisierte: „Darum ist unsere Stellung überall auf Seite der Vergewaltigten oder Geschmähten, mögen sie heißen Pole [wegen zeitweiser Aufhebung der Staatlichkeit], Hannoveraner [wegen Preußens Annektion], Jude [wegen unvollständiger Gleichberechtigung], Katholik [wegen Diskriminierung durch Protestanten ?], oder sei es ein unschuldiges Geschöpf, das den Leuten ‚anrüchig' ist ... wir, die wir wissen, wie es thut, vergewaltigt und gemartert zu werden: wir können so recht von Herzen die Partei jener ergreifen, die wir in ähnlicher Lage erblicken.“ Ulrichs blieb ein Außenseiter und ging enttäuscht 1880 nach Italien ins „Exil“. Erst der aus jüdischer Familie stammende, selbst schwule Magnus Hirschfeld (1868-1935), ein Arzt und Sexualwissenschaftler, wurde als Mitbegründer einer Homosexuellen-Bewegung erfolgreicher. Auch er postulierte ein „Drittes Geschlecht“. Werke von ihm sind: „Was muss das Volk vom Dritten Geschlecht wissen !“, 1901 und „Der urnische Mensch“, 1903. Hirschfeld, wie viele andere seiner geistigen Genossen, setzte sich für die Völkervermischung ein. In der nach seinem Tod erschienenen Aufsatzsammlung „Racism“ proklamierte er sogar die angeblichen Vorteile einer Rassenmischung.
 
Karl Heinrich Ulrichs verschickte seine Schriften an verschiedenste einflussreichen Persönlichkeiten, um Mitkämpfer für sein Anliegen zu erwerben. Karl Marx bekam seine Schrift „Mennon oder Incubus“ und leitete sie an Sponsor und Freund Friedrich Engels weiter. Engels las Ulrichs Texte und schrieb am 22.6.1869 an Marx: „Das ist ja ein ganz kurioser ‚Urning', den Du mir da geschickt hast. Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an sich zu zählen und finden, dass sie eine Macht im Staate bilden. Nur die Organisation fehlte, aber hiernach scheint sie bereits im geheimen zu bestehen. Und da sie ja in allen alten uns selbst neuen Parteien, von Rösing bis Schweitzer, so bedeutende Männer zählen, kann ihnen der Sieg nicht ausbleiben. Guerre aux cons, paix aux trous-de-cul [Krieg den Mösen, Friede den Arschlöchern], wird es jetzt heißen. Es ist nur ein Glück, dass wir persönlich zu alt sind, als dass wir noch beim Sieg dieser Partei fürchten müssten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen. Aber die junge Generation ! Übrigens auch nur in Deutschland möglich, dass so ein Bursche auftritt, die Schweinerei in eine Theorie umsetzt und einladet: introite usw. Leider hat er noch nicht die Courage, sich offen als das zu bekennen, und muß noch immer coram publico ‚von vorne', wenn auch nicht‚ von vorne hinein', wie er aus Versehen einmal sagt, operieren. Aber warte erst, bis das neue norddeutsche Strafgesetz die droits de cul [Rechte des Arsches] anerkannt hat, da wird es ganz anders kommen. Uns armen Leuten von vorn, mit unserer kindischen Neigung für die Weiber, wird es dann schlecht genug gehen. Wenn der Schweitzer zu etwas zu brauchen wäre, so wäre es, diesem sonderbaren Biedermann die Personalien über die hohen und höchsten Päderasten abzulocken, was ihm als Geistesverwandten gewiß nicht schwer wäre...“ (MEW Bd. 32, S. 324/5, Engels an Marx, 22.6.1869)
 
Engels nahm also eine bereits bestehende Organisation der schwulen Cliquenbildung an, einer Art von schwulen Verschwörung. Das war überzogen. Engels übertrieb die Verfolgungsangst: „Überall finden sich Männer dieses Stammes, an Gerichtshöfen, in hohen Positionen des Heeres und der Marine, in Ateliers, in den Redaktionen großer Zeitungen, . . unter Kaufleuten, Lehrern und sogar Richtern. Alle vereint gegen ihren gemeinsamen Feind.“ Engels fühlte sich bereits persönlich anal herausgefordert, schreibt ein Kommentator. Von Marx und Engels unbeanstandet, kam der antischwule Paragraph zunächst ins Strafgesetzbuch des Norddeutschen Bundes, und ab 1871 dann ins Reichsstrafgesetzbuch. Hier ist er im Wortlaut des § 175: „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ Nicht das erste Mal taucht die bedingungslose Ablehnung derartiger „Widerlichkeiten“ im Briefwechsel von Marx und Engels auf. Schon am 10.3.1865 schreibt Marx an Engels: „Die Frechheit des Herrn Schweitzer [schwuler Anhänger des Ferdinand Lasalles], der doch weiß, dass ich nur seine eigenen Briefe zu publizieren brauchte, ist fabelhaft. Aber was soll der beschissene Hund auch machen. ... Du musst ein paar Witze über den Kerl dem Siebel zukommen lassen, der sie seinerseits in dieverschiedenen Blätter kolportieren muss.“ (MEW Bd. 31, S. 95) Engels macht einen antischwulen Witz in einem Brief an Marx: „Wer ist dieser schwüle Dr. Borruttau, der ein so empfindliches Organ für die Geschlechtsliebe an den Tag legt ?“ (MEW Bd. 32, S. 123) Und Marx antwortet: „Von dem Dr. Borrutau, dem Schwanzschwülen, weiß ich weiter nichts als ...“ (MECW, Bd. 43, S. 72) Die sprachliche Nähe zu schwül und schwul ist bekannt. Marx schreibt am 17.12.1869 an Engels: „Strohm... wünscht, dass Du ihm die Urnings, oder wie das Päderastenbuch heißt, zuschickst.“ (MEW Bd. 32, S. 421)
 
Schon Friedrich Engels Äußerungen in seinem Werk: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ kennzeichnen seine grundsätzliche Auffassung zum „widernatürliche Laster“ der Homosexualität bei den alten Germanen: „Sie [die germ. Thingversammlung] ist zugleich Gerichtsversammlung; hier werden Klagen vorgebracht und abgeurteilt, hier Todesurteile gefällt, und zwar steht der Tod nur auf Feigheit, Volksverrat und unnatürlicher Wollust.“ (MEW Bd. 21, S. 138/139) Er spricht davon, sie hätten auf ihren Wanderzügen nach dem Südosten „widernatürliche Laster“ der Steppennomaden am Schwarzen Meer angenommen, seien dort „sittlich stark verkommen“ und führt als Scheinbeleg Prokops Auslassungen im „Vandalenkrieg-Gotenkrieg“ über die Heruler an, was an unsinniger, haarenherbeigezogener Fehldeutung Prokop‘scher Textstellen kaum zu überbieten ist. (MEW Bd. 21, S. 71) Engels grundlegendes Werk wurde von Lenin derart überschätzt, dass dieser 1919 schrieb: „Ich hoffe, dass Sie sich im Hinblick auf die Frage des Staates mit der Schrift von Engels bekannt machen werden. Es ist das eines der grundlegenden Werke des modernen Sozialismus, worin man zu jedem Satz Vertrauen haben, worin man sich darauf verlassen kann, dass kein einziger Satz aufs Geratewohl ausgesprochen, dass jeder auf der Grundlage eines riesigen historischen und politischen Materials niedergeschrieben ist.“ (Lenin, „Über den Staat“, LW Bd. 29, S. 425) Millionen von Kommunisten wurden anhand dieses Werkes geschult und mit streckenweise brachialem Unsinn gefüttert.
 
Eine weitere Äußerung zum Thema stammt aus einem Brief Engels an Marx. Es geht um das Gothaer SPD-Programm von 1875 und die Umstände seiner Entstehung: „... Liebknecht ist natürlich wütend, da die ganze Kritik auf ihn speziell gemünzt war und er der Vater, der mit dem Arschficker Hasselmann zusammen das faule Programm gezeugt hat...“ (MEW Bd. 38, S. 30/31) Ein oberflächlicher Kommentator - der das Engel’sche Sinnbild ins Körperliche projizierte - meinte: „Vor lauter Verachtung für ,Arschficker‘ verstößt Engels hier sogar gegen die formale Logik. Der Vater zeugt mit dem Arschficker - wer fickt hier eigentlich wen ?“ Interessant ist, dass der SPD-Mitbegründer Lasalle, selbst stockhetero positioniert, zu dem von ihm juristisch verteidigten schwulen Herrn Schweitzer ausführte: „Die Tat Schweitzers ist ja nicht schön, ich erblicke aber darin keineswegs ein Verbrechen. Jedenfalls kann uns das Vorkommnis nicht dazu veranlassen, einer so tüchtigen Kraft, ja eines so phänomenalen Menschen zu entraten. Die geschlechtliche Betätigung ist schließlich Geschmackssache und sollte jedem Menschen, sofern er nicht fremde Interessen verletzt, überlassen werden. Ich würde allerdings einem solchem Manne meine Tochter nicht zur Frau geben.“ (siehe Detlef Grumbach, „Die Linke und das Laster“, 1995, S. 21).
 
Abschließend ist zu sagen, Ulrichs war ein an seiner seltsamen Sucht nach Gleichgeschlechtlichkeit leidender, armer, unverstandener, bedauernswerter, einsamer Mensch. Marx und Engels waren zwar die unwissenschaftlichen Begründer des mörderischen Kommunismus, sie haben - mehr oder minder unabsichtlich - Verderbliches geleistet, doch waren sie auch ganz naturgesund empfindende Männer. Sie verfochten das Hirngespinst einer nie funktionierenden „klassenlosen Gesellschaft“, wiegelten „Proletarier“ gegen die „Bourgeoisie“ auf, doch so verschroben, sich für „Urninge“ gegen „Diodinge“ zu engagieren, waren sie nicht.
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