DAS MÄDCHEN VON PILSEN

 
 
Ein deutsches Mädchen am 6. Mai 1945
wankte, von Pilsen kommend, die Straße entlang.
 
DAS MÄDCHEN VON PILSEN
 
Am fünften Mai begann das Metzeln,
die Deutschen wurden vogelfrei,
es krochen Würger aus den Winkeln,
in Prag begann das Mordgeschrei.
 
Raubmörder rasten durch die Räume,
Lustmarder suchten Frauenfleisch,
die Messer wühlten in Gedärmen,
es machten sich die Schänder reich.
 
Und unter irren, schrillen Schreien
wurden die Weiber aufgespießt,
Soldaten hingen an Laternen,
die man mit Brandstoff übergießt.
 
Man hört Kleinkinderschädel platzen,
nach hohem Wurf auf dem Asphalt.
Der Höllenlärm von Todesschreien
aus anderen Gassen widerhallt.
 
Der alte Reichsgau Böhmen-Mähren,
ward wie einst zur Hussiten-Zeit,
zum grauenhaften Mord- und Blutfeld;
die Tschechen priesen sich „befreit“.
 
Am sechsten Mai wankte ein Mädchen,
von Pilsen her, am Straßenrand,
was sie erlitten stand ihr im Gesicht,
ihr arges Schicksal wurde nicht bekannt.
 
Ein deutsches Mädchen von Millionen,
geschlagen, getreten und entehrt
ganz ohne Schuld -, vergesst sie nicht,
dass unser Angedenken nie verjährt !
 
 
Ota Filip (1930-2018), geboren in Schlesisch Ostrau, war ein tschechischsprachiger Schriftsteller, der seit seiner Ausbürgerung 1974 aus der Tschechoslowakei in der BRD lebte und auch auf Deutsch schrieb. Er galt als eine nicht unbedeutende Persönlichkeit der tschechischen Exilliteratur. Unter dem Titel „Meine drei Befreiungen“ schrieb er am 5. Mai 1995 in „Die Zeit“ (19/95) folgenden Erlebnisbericht, der als ein Beispiel für das ungezügelten Morden an deutschen Zivilisten - an gefangenen deutschen Soldaten, an Frauen und Kindern - im Sudetenland dienlich sein kann: „Von der Herrschaft des Dritten Großdeutschen Reiches unter Adolf Hitler wurde ich, im Mai 1945 fünfzehn Jahre jung, gleich dreimal befreit. Am 5. Mai 1945 um zehn Uhr vormittags, als in Prag der Aufstand der tschechischen Bevölkerung gegen die Deutschen losging, kam unser Hausmeister, Herr Frantisek Vodicka, mit Gewehr und in einer erbeuteten Uniform des deutschen Afrikakorps - ein Magazin der Wehrmacht am Masaryk-Bahnhof war schon um acht Uhr geplündert worden - zu uns und sagte: „Jetzt befreie ich unser Haus von den Nazis !“ Herr Vodicka, der revolutionäre Gardist, ging in den zweiten Stock, wo die Ärztin Birgit Hahn wohnte, eine Deutsche. Ihr Mann war Ende März 1945 an der Westfront gefallen. Mitte April hatte Frau Hahn einen Buben namens Walter zur Welt gebracht. Im zweiten Stock hörten wir Frau Dr. Birgit Hahn fürchterlich schreien, wir liefen mit Mutter aus unserer Wohnung ins Treppenhaus hinaus. Gerade in diesem Augenblick flog Frau Dr. Hahns Säugling namens Walter mit einem leisen Winseln durch den breiten Lichtschacht an uns vorbei in die Tiefe. Auf dem kostbaren, strahlend weißen Marmorboden ein Stockwerk unter uns ist bis heute ein rotgelber Fleck zu erkennen. Dann hörten wir oben einen Schuss; Frau Dr. Birgit Hahn wurde still. Hausmeister Vodicka, seit zehn Minuten im Aufstand gegen die Nazis, schrie durchs ganze Haus: „So, jetzt habe ich mit den Nazis abgerechnet ! Wir sind frei !“ Vom Hausmeister Vodicka befreit, saßen wir dann drei Tage und Nächte im Keller; in Prag wurde gekämpft. Im Morgengrauen des 8. Mai 1945 tauchte am südlichen Rand der Stadt die sogenannte Wlassow-Armee auf, an die zwanzigtausend russische Soldaten unter dem Kommando des einst heldenhaften Sowjet- Generals Wlassow, bis 1941 Stalins Liebling, der sich allerdings vor den Toren Leningrads samt seiner Armeegruppe den Deutschen ergeben hatte und dann mit der Wehrmacht gegen die Bolschewiki kämpfte. Mitte April 1945 kündigte General Wlassow der deutschen Wehrmacht seine Dienste, schlug sich mit seiner Armee zu den Amerikanern durch und befreite dabei, wahrscheinlich eher durch Zufall, Prag, die Goldene Stadt an der Moldau. Ich wurde also in drei Tagen zweimal befreit, zum zweiten Mal von einer Armee, die ihr Vaterland verraten hatte und die hoffte, durch Prags Befreiung ihren Verrat wiedergutzumachen und bei den Amerikanern Gnade zu finden. Am frühen Nachmittag des 8. Mai 1945 habe ich in der Zitná-Gasse meine Befreier gesehen: Die Wlassow-Soldaten saßen bewegungslos am Straßenrand, sie rauchten Machorka, tranken aus der geplünderten Drogerie gegenüber Franzbranntwein und seufzten schwer. Einen Monat später waren sie alle tot: Die Wlassow-Armee ergab sich bei Pilsen den Amerikanern; Ende Mai übergaben die Amerikaner sie geschlossen den Sowjets, und Mitte Juni wurden die letzten Wlassow-Soldaten, so habe ich es dreißig Jahre später gelesen, bei Minsk als gemeine Verräter erschossen. General Wlassow wurde in Moskau gehängt. Meinen ersten Befreier, unseren Hausmeister Frantisek Vodicka, den revolutionären Gardisten, seit 5. Mai 1945 zehn Uhr vormittags im Kriegszustand mit Deutschland, sah ich am 8. Mai 1945 am unteren Ende des Wenzelsplatzes einen mit Benzin begossenen deutschen Soldaten mit dem Kopf nach unten an einer Laterne hochziehen. „Nieder mit den Deutschen ! Wir sind frei !“ schrie unser Hausmeister und zündete den Soldaten am Laternenmast an. Am 9. Mai 1945 wurde ich in vier Tagen zum dritten Mal befreit, diesmal von den Panzersoldaten der Roten Armee.“
 
Der tschechische Autor Ota Filip bringt die ungeheuerliche Geschmacklosigkeit auf, den schäbigen tschechischen Mörder einer völlig unschuldigen Nachbarin, der deutschen Ärztin Dr. Birgit Hahn und ihres Kleinkindes „Hausmeister Frantisek Vodicka“, den „revolutionären Gardisten“ zu nennen. Als perverse „Befreiung von den Deutschen“ wird bis heute die Ermordung unschuldiger, zumeist völlig wehrloser deutscher Nachbarn bezeichnet -, Frauen, alte Männer, Kinder, Säuglinge und sich ergebende, entwaffnete deutsche Soldaten. Von einer Entrüstung, über so viel verbrecherische Niederträchtigkeit, ist nichts zu spüren, so wie die gesamte tschechische Nation bis heute die Massenmorde und Massenvertreibungen an den Deutschen behandelt wie eine Art verzeihbaren Kavaliersdelikt, schließlich waren die deutschen Opfer „nur Nazis“. Mit dieser Bewertungsmethode nach zweierlei Maß lebt es sich bei den Nachfahren der Landräuber und Massenmörder im Osten wunderbar gewissensfrei.
 
 
 „Befreiung 1945“
 
Das Massaker von Ejpovice - Im Internet macht seit einigen Jahren ein Filmstreifen „1945 Lost German Girl“ die Runde, der seitdem beachtliche Aufmerksamkeit erregte. Er zeigt eine schwer misshandelte junge Frau, die zögernd dem Rand einer einsamen Landstraße entlang taumelt, am Kilometerstein „78“ vorbei. Ihr linkes Auge ist zugeschwollen; Blut sickert aus ihrem Mundwinkel; in ihren Haaren sind Strähnen von Blut. Sie ist mit einem schwarzen Pulli und einer Soldatenhose bekleidet, die keinen Schluss auf Waffengattung oder Rang zulassen, sollte sie zur Wehrmacht gehören. Trotzdem wird sie im zugehörigen Bildtext „SS-Girl“ genannt. Ein Internet-Forum Teilnehmer jedoch erkannte sie als Hilde, die bei Skoda in Pilsen angestellt war. Ein anderer bemerkte, dass der Ort des Geschehens Ejpovice bei Pilsen war. Die misshandelte Frau ist nicht allein. Sie ist umgeben von einigen lebenden, einigen sterbenden und vielen toten männlichen Kameraden. Einer der Toten ist mit „P28-4/8/45-Haglund“ markiert. Demnach fand das Massaker am 8. April 1945 statt. (4/8/45 ist die amerikanische Schreibweise für 8.4.45) Andere Bildbeschriftungen lauten: „Dead German lying in ditch“; „Four dead Germans lying on road“; „Germans killed by Czechs lying in road”;
„German dead with battered blood stained face”; „Half dead German in field” und einige mehr. Der Filmstreifen „1945 Lost German Girl” ist einer von mehreren, die zu einem Film „1945 Czechoslovakia in Color“ zusammengefasst wurden, der wiederum zu „Liberated Czechoslovakia; wounded and dead Germans, POWs“ erweitert wurde. Zusammen zeigen sie zusätzlich Menschenmengen, die (vermutlich in Pilsen) ihren US-Befreiern zujubeln, Gefangennahme und Marsch deutscher Kriegsgefangener in ein Sammellager und, was mich am meisten erschüttert, als letzte Szene eine Gruppe grinsender und applaudierender Menschen am Straßenrand, die einen zu ihren Füssen liegenden toten Deutschen bespucken. Unter ihnen sind Kinder, manche davon nicht älter als ich es damals war. Offenbar wurde Tschechen damals bereits in jungen Jahren das Hassen gelehrt. Vermutlich gehören sie heute zu denen, die 7 Jahrzehnte danach noch immer die Auslöschung der sudetendeutschen Volksgruppe gutheißen und das Fortbestehen der damals von Benesch geschaffenen Rassendekrete fordern. Die Geschichte der Filme ist folgende: Im Frühjahr 1945 schickte die US Army Air Force einen Kameramann namens Oren Haglund aus Hollywood nach Europa, um mit „VE/Victory in Europe Day“ zusammen hängende Ereignisse zu fotografieren und zu filmen. Im April und Mai 1945 arbeitete er in der Nähe von Pilsen, wohin die Spitze der 3. US Army unter General Patton vorgedrungen war. Dort wurde er Zeuge des oben beschriebenen Massakers. Haglunds Fotos und Filme wurden zunächst von der National Archives and Records Administration archiviert. Das US Holocaust Museum erwarb sie im August 2005, archivierte sie in den „Steven Spielberg Film and Video Archives“ und machte sie der Öffentlichkeit zugänglich.
 
Rudolf Pueschel BESCHREIBUNG 1945 Lost German Girl - Dr. med. Arnold Nieden zu, Facharzt für Chirurgie, aus Rössel: „Ich glaube auch, daß nur ganz wenige Russen diese furchtbaren Verbrechen nicht mitgemacht haben.“ „Während des Russeneinfalls in Ostpreußen war ich als leitender Arzt des St. Josefskrankenhauses in Rössel dort geblieben. Erst nach Ablösung durch einen polnischen Arzt habe ich am 12.12.1945 Ostpreußen verlassen. Rössel und Umgebung war infolge völligen Versagens der zuständigen deutschen Stellen nicht evakuiert worden. Nur wenige Einwohner haben sich noch rechtzeitig vor den Russen in Sicherheit bringen können. Die Stadt wurde nach ganz unbedeutender Gegenwehr am 28.1.1945 nachmittags besetzt. Sofort kam es zu ausgedehnten Plünderungen, Brandstiftungen, Gewalttätigkeiten und Vergewaltigungen, Mord und Totschlag. Schon in den ersten Tagen sind in Rössel 60 Personen erschlagen oder erschossen worden. Es handelte sich um Frauen, die sich nicht vergewaltigen lassen wollten, Männer, die sich schützend vor ihre Frauen und Kinder stellten, Leute, die nicht rasch genug mit ihren Uhren oder Schnapsflaschen herausrückten. In vielen Fällen war überhaupt ein Motiv nicht ersichtlich. So wurden im Kath. Hospital drei Männer und fünf Frauen erschossen, in der Stadt eine Lehrerwitwe mit vier Kindern. Diese ersten Opfer konnten erst nach einer Woche in einem Massengrab beigesetzt werden. In der Umgebung wurden vorwiegend größere Bauern und Gutsbesitzer erschossen. In einem der benachbarten Dörfer, Plössen, ist die Hälfte der Einwohner umgebracht worden, in dem Dorf Trautenau (Kreis Heilsberg) mehr als die Hälfte. Auffallend hoch ist auch die Zahl der erschossenen Geistlichen: Pfarrer Lindenblatt/Rastenburg, Zagermann/Glockstein (von zwei Russen durch Kopfschuß tödlich verletzt), Ludwig/Santoppen, erschossen von demselben russischen Offizier, den er noch abends zuvor bewirtet hatte. Marquwardt/Plausen zwischen zwei Schwestern erschossen; die Schwestern fielen ohnmächtig um und entgingen wohl nur so dem gleichen Schicksal. Schon nach den ersten Tagen wurde zu uns ins Krankenhaus eine Wöchnerin mit sehr schwerem Lungenschuß eingeliefert. Als ein Russe sie vergewaltigen wollte, machte sie ihm klar, daß sie dicht vor der Niederkunft stünde. Daraufhin trat ihr der Russe auf den Bauch und schoß auf sie; das Kind wurde vorzeitig geboren, die Mutter kam in fast hoffnungslosem Zustand ins Krankenhaus, ist aber nach Monaten geheilt. Die Vergewaltigungen nahmen ein unvorstellbares Ausmaß an. Nach meinen Erfahrungen darf ich behaupten, daß von den Frauen und Mädchen zwischen 50 und 15 Jahren nur 10% verschont geblieben sind. Der Russe machte vor nichts halt: Greisinnen (bis 80 Jahre), Kinder (bis 10 Jahre abwärts), Hochschwangere und Wöchnerinnen. Die Vergewaltigungen gingen unter den widerlichsten Umständen vor sich. Die Russen überfielen häufig schon tags die Frauen, vorwiegend aber nachts drangen sie durch die zerbrochenen Fenster oder durch die eingeschlagenen Türen, ja durch das abgedeckte Dach in die Häuser und stürzten sich auf die unglücklichen Frauen und Mädchen. Meist mit vorgehaltener Waffe. Häufig hielten sie die Pistolenmündung direkt in den Mund des unglücklichen Opfers. Häufig war es so (man sträubt sich, es zu schreiben), daß das weibliche Wesen von mehreren festgehalten wurde, während sich die Wüstlinge nacheinander bei der Vergewaltigung ablösten. So manche Frau ist anschließend erschossen worden (z.B. eine mir sehr gut bekannte Frau K.), eine andere (Frau D.) ist anschließend erschossen und dann noch mit dem Auto überfahren worden. Häufig wurden die Frauen bei der Vergewaltigung noch in übelster Weise geschlagen, gestochen oder sonst mißhandelt. Ich glaube auch, daß nur ganz wenige Russen diese furchtbaren Verbrechen nicht mitgemacht haben. Es bestand da kaum ein Unterschied zwischen Offizier und gewöhnlichem Soldaten. Als ein 10jähriges Kind mit schweren Zerreißungen nach Vergewaltigung ins Krankenhaus gebracht wurde, wandte ich mich an den polnischen Dolmetscher bei der GPU, ob es denn gar keine Möglichkeit gäbe, diesem entsetzlichen Treiben Einhalt zu gebieten. Daraufhin sagte er mir: „Anfangs war es erlaubt, da ist es natürlich schwer, es jetzt zu verbieten.“ Nur in ganz seltenen Fällen gelang es, die Missetäter der Kommandantur zu übergeben. Sie wurden dann auf ein paar Stunden eingesperrt, womit der Fall für die russische Kommandantur erledigt war. Davon, daß einmal auch ein Mörder zur Verantwortung gezogen worden ist, weiß ich nichts. Die Verheerungen auf körperlichem und sittlichem Gebiet waren furchtbar. Geschlechtskrankheiten, häufig schon bei Minderjährigen, waren außerordentlich verbreitet. Mittel zu ihrer Bekämpfung standen unzureichend zur Verfügung. Die Rösseler Apotheke war durch die Russen vollkommen ausgeräumt worden, im Krankenhaus waren nur geringe Vorräte. Im Krankenhaus Bischofstein waren die meisten Medikamente, wie auch Instrumente geraubt worden. Häufig wurde der Tripper zu Hause von der ahnungslosen Mutter auf die kleinen Kinder übertragen. Im Krankenhaus wurden täglich 25 und mehr Behandlungen und Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten durchgeführt. Schlimmer noch war die sittliche Verwilderung. Während anfangs Frauen und Mädchen bei der Eröffnung, sie wären geschlechtskrank, fassungslos weinten, nahmen später selbst Vierzehnjährige es gleichmütig, abgestumpft hin. Ein Hauptgesprächsthema wurde bald, daß man in letzter Nacht vom Russen „belästigt“ worden sei, selbst unter Halbwüchsigen. Weiterhin gingen später manche Frauen und Mädchen lieber mit einem Russen ein Verhältnis ein, um gegen Überfälle durchandere gesichert zu sein, später auch, weil sie der Hunger dazu trieb. Dazu kam noch das schlechte Beispiel von solchen, die sich den Russen an den Hals warfen und noch damit prahlten. Hiergegen treten alle anderen Greuel doch mehr zurück. Am 10.2. wurde, ohne ersichtlichen Grund, die Bevölkerung aus der Stadt ausgewiesen. Fuhrwerke, Autos oder Fahrräder durften nicht mitgenommen werden. So konnte jeder mehr oder weniger nur das mitnehmen, was er mit seinen Händen tragen konnte. Nur das Krankenhaus durfte bleiben und seinen Betrieb weiterfahren. Meine Bitte, man solle wenigstens die alten Schwestern im Kloster bleiben lassen, blieb unberücksichtigt. Die Rösseler mußten Zuflucht suchen in den umliegenden Dörfern, die durch die Flüchtlinge aus den Grenzkreisen überfüllt waren. So lagen häufig 80 und mehr Personen auf einem Bauernhof. Häufig mußten 20 bis 30 Menschen in einem Zimmer schlafen. Inzwischen wurden die Wohnungen von der Kommandantur systematisch ausgeräumt, ebenso die Geschäfte, Speicher. Was nicht fortgebracht wurde nach Rußland, wurde zerschlagen und vernichtet. Die Häuser waren bald in einem unbeschreiblichen Zustand, die Straßen in schlimmster Weise verdreckt. Später wurden deutsche Frauen und Mädchen von der Kommandantur zur Straßenreinigung eingesetzt, wobei sie den Schmutz von der Straße in die Häuser werfen mußten. Brandstellen waren etwa 40 in der Stadt, die Häuser, in denen die Russen nicht wohnten, bis zur Unbewohnbarkeit demoliert. Sehr bald setzten auch die Ausplünderungen der Bauernhöfe und Güter ein. Die Pferde wurden in Trecks fortgetrieben, die Kühe zu Hunderten auf größeren Besitzungen zusammengetrieben bzw. Kühe und Schweine wahllos abgeschlachtet, den Deutschen ihre Vorräte geraubt, so daß sie seit Ostern meistens nur noch Kartoffeln und Roggen als Nahrung hatten. Den Roggen mußten sie aus den noch von der letzten Ernte stehengebliebenen Schobern holen, er wurde zu Hause mit Hölzchen ausgedroschen und zweimal durch die Kaffeemühle gemahlen. Denn auch die landwirtschaftlichen Maschinen, selbst die Sensen waren überall geholt worden: Beutegut ! Die Folge war weitgehende Unterernährung. Es setzte unter den Alten und den Kleinkindern ein Massensterben ein. Säuglinge sind (bis auf einen einzigen) nicht am Leben geblieben, von den Kleinkindern nur wenige. Aber auch andere Krankheiten: Hungerödeme, ausgedehnte Hauteiterungen breiteten sich infolge der Unterernährung immer mehr aus. Bald nach der Ausweisung der städtischen Bevölkerung brach eine Ruhrepidemie aus, im Mai eine Typhusepidemie, die im September ihren Höhepunkt erreichte. Viele sind dem Typhus erlegen. Das Krankenhaus war vorübergehend mit 110 Typhuspatienten belegt mit 15% Todesfällen. Der Hundertteil der nicht ins Krankenhaus verbracht
en Kranken ist wahrscheinlich höher. Im Herbst ließen die Einlieferungen nach, wohl weniger, weil die Epidemie nachließ als deshalb, weil die meisten Deutschen inzwischen hatten auswandern müssen. Durch Mord, Seuchen, Unterernährung sind große Lücken in der Bevölkerung, aufgerissen worden, mehr aber noch wurde sie dezimiert durch die Verschleppungen. Ende Februar begann die GPU ihre Tätigkeit. Die Menschen wurden von der Straße, vom Arbeitsplatz, aus den Häusern, aus den Betten ergriffen und auf Lastautos nach dem nächsten GPU-Gefängnis gebracht. In Rössel war dieses im Gymnasium. Bei einem Menschenfang, denn anders konnte man die Verhaftungen nicht bezeichnen, wurde ganz willkürlich vorgegangen, nicht etwa nach parteilicher Belastung. So wurden vom Postinspektor L. aus Rössel alle vier Töchter geholt, von denen keine je mit der Partei etwas zu tun gehabt hatte. Von diesen ist die älteste im Dezember krank nach Berlin zurückgekehrt, die zweite ist in Sibirien gestorben, von den beiden jüngsten fehlt jede Spur. Es wurden von Männern und Jungens zwischen 70 und 15 Jahren etwa 90%, von Frauen und Mädchen zwischen 50 und 15 Jahren etwa die Hälfte verschleppt. Häufig sind stillende Mütter von ihren Säuglingen fortgerissen worden, häufig Mütter von sechs und mehr Kindern......“ Mit der zeitweiligen Öffnung der sowjetischen Archive 1989 sind neue Quellen zugänglich geworden, die belegen, daß die Sowjetunion einen Angriffskrieg gegen Deutschland plante. Im Hauptteil dieser aufsehenerregenden Studie kann der renommierte Mitarbeiter des MGFA in Freiburg belegen, daß Stalin diesen Krieg als Vernichtungs- und Eroberungskrieg konzipiert und dann auch durchgeführt hat, sowie Hitler seinem Rußlandfeldzug wesentlich rassenkämpferische Motive beimischte. Dabei kam Stalins Befehl vom 6.11.1941, alle Deutschen totzuschlagen, eine besondere Rolle zu.
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