DER HARRY PIEL

 

 
DER HARRY PIEL
 
- der Unübertroffene -
 
Mich fasziniert der Harry Piel,
ich möchte ihm ein Loblied schreiben.
Er hatte Schick und Sexappeal,
so war‘s ihm leicht sich zu beweiben.
 
Die schönen Frauen flogen Harry zu,
dem tollen Kerl mit Kraft und Köpfchen,
er war Charmeur und kein Filou,
der Könner drehte hundert Knöpfchen.
 
Er hatt‘ wohl Dynamit im Blut,
ein Muskel-Bär, wie sonst kaum einer,
Nerven wie Stahl und heißen Mut,
im Umgang aber ein ganz Feiner.
 
Er fuhr als See-Kadett und war Pilot,
er scheute kaum ein Abenteuer,
geriet als Tausendsassa oft in Not,
doch seiner Dany war er stets ein Treuer.
 
Als Akrobat, Artist und Filmspielleiter
bestach er, wie als Hauptdarsteller.
Und immer auch mitreißend heiter,
schnurrt‘ Harry grad‘ wie ein Propeller.
 
Er liebte Sensationen, Bums und Knall,
riskierte eiskalt Kopf und Kragen -
markante Eleganz in jedem Fall -
kein anderer mochte so viel wagen.
 
Nie arrogant und niemals kompliziert,
blieb er der nette Düsseldorfer Junge.
Wie wohl kein zweiter hat er imponiert,
als erster Action-Filmer deutscher Zunge.

  

Der tolle Rheinländer Heinrich-Harry Piel (1892-1964), aus Benrath bei Düsseldorf, brannte nach dem Gymnasium von Zuhause durch wurde Kadett auf einem Segelschulschiff „Grossherzogin Elisabeth“. Seine Mutter hatte schon von früh Bedenken, „dass er mit dem Kopf unter dem Arm wieder kommen würde“, wussten Vertraute der Familie. Er lernte mehrere Sprachen und begann eine kaufmännische Lehre bis 1911. Er schlug sich als Maler, Sprachstudent, Zirkusmitarbeiter und Wanderbühnenclown durch. In Paris wollte er Kunstflieger werden. Ein Jahr später gründete er als 20jähriger die „Kunst-Film-Verlags-Gesellschaft“ und drehte, als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in einer Person, seinen ersten Spielfilm „Schwarzes Blut“ (1912). Piel schrieb fast alle Drehbücher zu seinen Filmen selbst. Viele Abenteuer- und Sensationsfilme folgten, in denen immer mehr „Action“ eingebaut wurde. Bald erhielt Piel den Beinamen „Dynamit-Regisseur“, da er einen Sprengmeister kannte, der ihn mit Informationen über bevorstehende Objektsprengungen versorgte, die Piel in seine Filme einzubauen wusste. 1915 wurde Piel das „hinter der Kamera stehen“ zu langweilig und er begann, auch vor der Kamera zu agieren. In seinem Film „Unter heißer Zone“ (1916) wurden erstmals waghalsige Raubtierszenen eingebaut, was Piel in weiteren Filmen, teilweise nach eigenen Dressuren, immer wieder in unüberbotener Weise erfolgreich aufgriff. Mit dem Film „Der große Unbekannte“ (1919) begann er unter dem Namen „Harry Peel“ auch international bekannt zu werden. 1927 heiratete Piel die wunderbare blonde Hamburgerin Dary Holm (1897-1960), die in etlichen seiner Filme die weibliche Hauptrolle spielte. 1928 gründete Piel mit der „Ariel-Film“ bereits seine fünfte Firma, die bis zur Verstaatlichung 1939 bestand. Was Harry Piel auszeichnete, war seine Experimentierfreudigkeit. So gehörte er zu den ersten Regisseuren, die Außenaufnahmen im Ausland drehten. Bis 1935 hatte er über 100 unglaublich spannende Abenteuerfilme gedreht. Darunter war 1927 der Klassiker „Sein größter Bluff“. Die Insel Sylt verwandelte er für den Film „Der Dschungel ruft“ (1935) in eine Dschungellandschaft. Piel war ein Tausendsasa, ein Macher und ein Ausprobierer. Mit waghalsigen Stuntnummern in Sensations- und Abenteuerfilmen erwarb er schon in frühen Jahren die Zuneigung eines breiten vornehmlich jugendlichen Publikums. Berühmt wurde Piel vor allem für seine halsbrecherischen Stunts: Er sprang, ein Tarzan vom Rhein, aus Flugzeugen auf fahrende Lokomotiven, kämpfte auf den Tragflächen von Doppeldeckern, hing zwischen den Rädern des Nachtexpress, am Rumpf von Luftschiffen, hangelte über Abgründe, warf sich durchgehenden Pferden entgegen, zerschmetterte ganze Gangster-Banden, bändigte ausgebrochene Tiger und Löwen in großer Zahl. Bei den extrem gefährlichen Szenen ließ sich Piel allerdings von dem legendären Hermann Stetza („Salto King“) doubeln. Sein Film „Panik“ (1940-43) zeigte in realistischer Wochenschaumanier die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte, mit dem damit einhergehenden Terror gegen Zivilisten und Tiere. Er wurde auf Wunsch von J. Goebbels - um die Bevölkerung nicht über Gebühr zu entsetzen - nicht zur Aufführung freigegeben. Was Piel filmisch dargestellt hatte, ist ihm gewissermaßen selbst wiederfahren. Seine 72 Filmkunstwerke, darunter fast alle Stummfilm, wurden bei einem Bombardement vernichtet. Sein steiler Aufstieg soll erst aufgehört haben, als er beim „Minister für Volksaufklärung und Propaganda“ J. Goebbels in Ungnade fiel. Das trifft die historische Wahrheit nur schwerlich, denn der Minister setzte ihn auf die 36 Seiten umfassende „Gottbegnadeten-Liste“, der möglichst zu schützenden außergewöhnlichen Menschen. Nach der deutschen Niederlage hatte man für Helden keine Verwendung mehr, man begann mit „Trümmerfilmen“, Seichtigkeiten, „Heimatschnulzen“ das Publikum zu füttern, um den Geschmack zu infantilisieren und zu sexualisieren, damit die einsetzende Große Destruktion vom Publikum möglichst nicht mehr realisiert werde, bis zu dem Niveau von solchen Höchstleistungen hin, wie „Schulmädchenreport“ und „Liebesgrüße aus der Lederhose“ der 70er Jahre. Im Zuge der alliierten „Entnazifizierung“, in der jeder der sich für seine Heimat eingesetzt hatte, sich durchleuchten lassen musste, ist er als „Mitläufer“ eingestuft worden. Er saß nur ein halbes Jahr in Haft und wurde mit Arbeitsverbot bis 1949 belegt. Aus Selbstschutz hatte er bei der Befragung verschwiegen, dass er Fördermitglied der SS gewesen ist. Nach einem seiner letzten Filme, „Gesprengte Gitter“ (1953), zog sich Harry Piel aus dem Filmgeschäft zurück. Er starb verarmt und enttäuscht am 27. März 1963 in einer Münchener Klinik. Beerdigt ist der Unvergessliche im alten Teil des Waldfriedhofs zu München.

Die kompetente Stephanie D'heil schreibt: „Harry Piels Pionierarbeit für den deutschen Film ist unbestritten, er ging als erster deutscher Filmmann in die Berge und kurbelte auf der Zugspitze. Unzählige Male hat er als Hauptdarsteller seiner von ihm verfassten Filme mit dem Leben gespielt, sei es bei reinen Todesfahrten auf dem Motorrad sei es bei halsbrecherischen Kletter- und Turnereien, besonders aber bei seiner Arbeit mit Raubtieren und Großwild, Elefanten und anderem gefährlichen Getier. Er arbeitete seit Mitte der 1920er Jahre so gut wie nie mit einem Double und wurde mehrfach schwer verletzt. Für eine ganze Generation war er der Inbegriff des Abenteuerlichen, des Wagemuts und der tollkühnen Sensationen auf der Filmleinwand. Von Gerald Koll stammt der Kurzfilm ‚Harry Piel - Der Entfesselte‘ (2004).“ - Und Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz schreibt im „Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars“ (Ausgabe 2000, S. 277): „Harry Piel war der Mann der ‚tausend Sensationen‘: In fünf Minuten erkletterte er einen Fabrikschornstein, ließ sich von dort in ein darüber fliegendes Flugzeug hinaufziehen und landete kurze Zeit später im Versteck der Verbrecher, die er ohne Ausnahme schachmatt setzte. Als der kühnste und originellste Sensationsdarsteller des deutschen Kinos blieb er stets seinem Motto treu: „Man muss das filmen, was auf der Bühne darzustellen nicht möglich ist. Film ist kein Theater.“ Der artistische Gaukler und glänzende Alleinunterhalter, als Charmeur mit eisernen Nerven eine Mischung aus Tom Mix, Douglas Fairbanks und Eddy Polo, prägte auch deshalb Kinoerinnerungen, weil er als Darsteller selbst in der Aktion noch der Inbegriff des sympathisch-eleganten Kavaliers blieb, dem die gutgescheitelte Frisur nicht verrutscht. Als Liebhaber war er stets jugendfrei. Seine Kletterpartien, Verfolgungsjagden und Tierdressuren bedeuteten ihm mehr als seine Liebesabenteuer.“
 

Zu Harry Piels wichtigsten Filmen zählen unter anderem „Auf gefährlichen Spuren“ (1924), „Sein größter Bluff“ (1927, mit Marlene Dietrich und Piel in einer Doppelrolle), „Die Mitternachts-Taxe“ (1929), „Sprung in den Abgrund“ (1933), „Ein Unsichtbarer geht durch die Stadt“ (1933), „Die Welt ohne Maske“ (1934), „Der Herr der Welt“ (1934; nur Regie), „Artisten“ (1935), „Der Dschungel ruft“ (1936), „Der Unmögliche Herr Pitt“ (1938), „Menschen, Tiere, Sensationen“ (1938), Die grosse Nummer (Gastrolle 1942), Panik (1940-43),Der Mann im Sattel“ (1945), Der Tiger Akbar (1951), Gesprengte Gitter (1953).

 

 
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