EZRA POUNDs USURA

 
EZRA POUNDs USURA
 
Der beste Lyriker seiner Zeit,
ein großes, gründliches Rätsel ist,
sein Hirn war wie der Kosmos weit,
doch Ezra Pound war ein Faschist.
 
Mildtätig war er,  so herzensgut,
verschenkte oft sein letztes Hemd,
er machte jungen Künstlern Mut,
kein Menschenelend war ihm fremd.
 
Unruhig zog sein Geist durchs All,
sah hinter manchen Menschentrug,
ihm galt als ärgster Sündenfall,
der Banker Geldvermehrungszug.
 
Er hat das Banksystem missbilligt !
Sein Urhass auf die Bankwirtschaft,
macht‘ ihn für den Faschismus willig,
ihm schenkt‘ er seine Kämpferkraft.
 
Sein Feindbild fortan klar gedieh,
hielt für den „Duce“ Rundfunkreden,
schimpft‘ auf US-„Usurokratie“,
sprach von Bedrohung für ein‘ jeden.
 
War Ezra Pound ein Don Quixote ?
Ein Spinner war er doch wohl nie !
Des besseren Morgens früher Bote
vielleicht, trotz aller Perfidie ?
 
Im Weltkampf unterlag sein Sinn,
musst' zahlen blutige Zölle,
man schleppte ihn als Opfer hin,
den „Sieben Säulen der Hölle“.
 
Redefreiheit gewährte die nicht,
und die Rache heißt ihr Gesetz -;
käuflich dem Golde ist jedes Gericht,
töne auch anderes Geschwätz !
 
In den Affen-Käfig sperrten sie ihn,
in den Stacheldrahtgitterkasten,
wo ihn der Mond und die Sonne beschien,
doch im ungebrochenen Rasten.
 
„Landesverrat“ warf man ihm vor,
ihm winkte - wie vielen - der Galgen,
man warf ihn hinter‘s Irrenhaus-Tor,
da sollt‘ er mit Kranken sich balgen.
 
Doch Ezra Pound blieb ungezähmt,
ein Genie ist nicht zu bemessen -,
keiner die hassenden Rächer erwähnt,
der Dichter bleibt unvergessen !
 
 
 
Ezra Weston Loomis Pound (1885-1972) war ein amerikanischer Dichter von konkurrenzloser Geistesfülle, englischer Abstammung; sein Hauptwerk sind die Gesänge: „The Cantos“. Sie zählen zu den bedeutendsten lyrischen Werken der englischsprachigen Moderne. Ezra P. wird beschrieben als ein Jüngling mit wilden, roten Haaren und katzengrünen Augen, der es sich leisten konnte, den akademischen Lehrbetrieb zu verachten, weil ihn seine außerordentliche Begabung für Sprachen vor den meisten seiner Kommilitonen hinlänglich auszeichnete. Bereits als Zwanzigjähriger erhielt Pound einen Lehrauftrag für romanische Sprachen, ein Jahr später erwarb er den Titel eines „Master of Arts“, der in Deutschland etwa dem Dr. phil. entspricht, also dem von den Philosophischen Fakultäten der Universitäten verliehenen Doktortitel. Der Schock des Weltkrieges I. ließ ihn über dessen Ursachen nachgrübeln. Verschiedene ästhetisch-politische Standpunkte prüfte und verwarf Pound, hing eine Zeit lang  Vorstellungen Lenins an und gelangte dann zur Verachtung des Zinssystems, das er mit dem Begriff „Usura“ - von lat. „usura“ (Wucher) - beschrieb. Die „Herrschaft des Wuchers“ drückte Pound mit diesem Begriff aus und die Geldherrschaft mit „Usurokratie“. Er kam zu dem Schluss, dass die große Geldmacht der Hauptübeltäter sei. Der internationale und amerikanische Kapitalismus, hatte nach seiner Meinung auch den Weltkrieg II. verursacht. Seine diesbezüglich engen Personifizierungen gelten als unzulässig. Er verschrieb sich während seines Italienaufenthaltes in Rapallo (1924-1945) der Propaganda für den Faschismus des „Duce“ Mussolini. So forderte er über den italienischen Rundfunk etwa amerikanische Soldaten auf, den Kampf einzustellen. Er erklärte dazu: „Ich schreibe keine italienische Propaganda, ich schreibe für die Menschheit, die vom Wucher angefressen ist.“ Er hat sich niemals von seiner antikapitalistischen und faschistischen Überzeugung abgewendet. Der englische Literatur-Nobelpreisträger Thomas Stearns Eliot urteilte über Pound: „Keiner der Lebenden kann so schreiben wie er, und wie viele vermag man wohl zu nennen, die halb so gut schreiben können ?“ „Pounds Zorn auf die Struktur der Geldwirtschaft in den Vereinigten Staaten und seine Überzeugung, die Banken seien schuld an nahezu allem Elend dieser Welt, trieben ihn dazu, als ein Don Quixote in einen aussichtslosen Kampf zu ziehen“, lautet die heutige Interpretation.
 
Er stellte sich bei Kriegsende 1945 den in Italien einrückenden US-Invasionstruppen. Daraufhin setze man ihn in einen extra zu seiner Schmach hergestellten offenen Eisenkäfig, mit Stacheldraht umwickelt, und stelle ihn sechs Wochen lang der Bevölkerung in Pisa zur Schau. Pound war körperlichen Attacken, Wind und Wetter und dann der glühenden Sommersonne ausgesetzt und schrieb trotzdem, so übel es die Umstände erlaubten. In dieser Zeit entstand der berühmteste Teil seiner Cantos, die „Pisaner Cantos“, für die er 1949 einen renommierten US-Preis erhielt. Ulrich Raulff schreibt im Katalog einer in Marbach gezeigten Ausstellung über Pounds Zeit im Käfig: „Wer einen Menschen zum Tier erniedrigen will, zwingt ihn dazu, auf allen Vieren zu gehen oder sperrt ihn in einen Käfig: wie einen Vogel, eine Ratte oder einen Bären. Auch wo sich der Insasse des Käfigs und sein Gegenüber außerhalb auf scheinbar gleicher Höhe begegnen, etabliert der Käfig eine absolute und unwiderrufliche Vertikalität. Nur wenigen gelingt es, in dieser Situation sich ihrer Sprache zu versichern und ihre menschliche Stimme nicht zu verlieren.“ Ezra Pound dagegen ist im Käfig nicht verstummt, die elf Pisaner Cantos zeigen ihn auf der Höhe seiner Kunst, ungebrochen in seiner Vielstimmigkeit, seiner historischen Imagination, seinem jähen Wechsel von wütender Hybris und Demut. In der Enge war Pound jedes Stückchen Papier recht, um weiter zu dichten, wie ein im Marbacher Ausstellungskatalog abgebildetes Faksimile eines Toilettenpapiers zeigt, auf dem der Beginn des ersten Pisaner Cantos notiert ist: „The enormous tragedy of the dream in the peasant’s bent / shoulders“. Seine hassvollen Ankläger bezichtigten ihn des „Landesverrats“ und beantragten die Todesstrafe des Erhängens. Dieser entging er, weil er von einem wohlwollenden Gutachter als geisteskrank erklärt wurde. Die nächsten zwölf Jahre verbrachte er im „St. Elizabeth's-Krankenhaus“, einer staatlichen Anstalt für nervenkranke Sträflinge in Washington. Pounds „Verfehlung“ war, seinem Heimatland nicht seine Loyalität zu erklären, als es im Krieg war. Dies verfolgte ihn vom Ende des Krieges bis zum Ende seines Lebens. Wie doppelzüngig und niederträchtig ein derartiger Vorwurf war, hebt sich ins Bewusstsein angesichts der Vielzahl von „Landesverrätereien“ welche die USA für ihre eigenen nationalen Interessen zu nutzen wussten. Man denke nur an die Deutsche Marlene Dietrich. Unnachsichtig waren die US-Ankläger auch gegenüber anderen, wie Douglas Chandler und Robert Best, welche sich der deutschen Propaganda im Krieg zur Verfügung stellten. Beide erhielten lebenslängliche Haftstrafen. In London wurde der Ire William Joyce an den Galgen gehängt, der im Radio der Deutschen gesprochen hatte.
 
Nach Pounds Freilassung ließ er sich auf der Brunnenburg bei Meran und in Venedig nieder. Seine Verachtung für die Zeit drückte er durch seine zurückgezogene Lebensweise und spätere demonstrative Sprachlosigkeit aus. Er suchte noch einmal den berühmten Bildhauer Arno Breker auf, um sich portraitieren zu lassen (siehe Bild). Sein Grab liegt auf der Friedhofsinsel „San Michele“ bei Venedig. Möglicherweise sind sein entschiedener Sinn für seine eigene persönliche Freiheit und die der Völker aber auch sein Urhass auf die Bankwirtschaft darauf zurückzuführen, dass Pound zur letzten Generation der Amerikaner gehörte, die den großen Freiheitsrausch und Pionierdrang in die Weiten des Westens noch miterfühlt haben.
 
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E. Pound erinnert seine Leser an einen Artikel der amerikanischen Verfassung, demzufolge nur der Kongress das Recht hat, Kredit- und Geldwesen in den Vereinigten Staaten zu regulieren. Durch ihren Kreditbedarf aber habe die amerikanische Regierung bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit an die Banken verloren. Im 37. „Canto“ heißt es:
 
„Vom Aufsichtsrat der Bank
wurden Regierungsmitglieder ausgeschlossen.
Bankdirektoren überwachen Regierungsgelder
und betrügen das Volk
Regierungsgelder verhindern die Arbeit der Regierung“
 
Die Gesellschaftsordnung, die auf diese Weise entstanden ist, hält Pound - im Sinne seiner Interpretation durchaus folgerichtig - für undemokratisch und verfassungswidrig. Er sieht die Vereinigten Staaten beherrscht von einer „Usurokratie“ (Wucher-Herrschaft). „Usura“ Pound schreibt das Wort stets mit großen Buchstaben - ist der Zentralbegriff der Gesänge. Im 45. „Canto“ beklagt Pound, seiner deutschen Übersetzerin Eva Hesse zufolge:
 
„Bei usura, der Sünde wider die Natur,
bleibet dein Brot altbacken immerdar wie Lumpen,
bleibet dein Brot dürr wie Papier;
der Meißel rostet ein durch usura,
es rosten das Handwerk und der Handwerker.“
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