DIE v. BÜLOW-REDE

 
 
Bernhard von Bülow in einer Rede vor dem Reichstag am 11. Dezember 1899
 

„In unserem neunzehnten Jahrhundert hat England sein Kolonialreich, das größte, das die Welt seit den Tagen der Römer gesehen hat, weiter und immer weiter ausgedehnt, haben die Franzosen in Nordafrika und Ostafrika festen Fuß gefaßt und sich in Hinterindien ein neues Reich geschaffen, hat Rußland in Asien seinen gewaltigen Siegeslauf begonnen, der es bis zum Hochplateau des Pamir und an die Küsten des Stillen Ozeans geführt hat. Vor vier Jahren hat der chinesisch-japanische Krieg, vor kaum anderthalb Jahren der spanisch-amerikanische Krieg die Dinge weiter ins Rollen gebracht, große, tiefeinschneidende, weitreichende Entscheidungen herbeigeführt, alte Reiche erschüttert, neue und ernste Fermente der Gärung in die Entwicklung getragen. [...] Der englische Premierminister hatte schon vor längerer Zeit gesagt, daß die starken Staaten immer stärker und die schwachen immer schwächer werden würden. [...] Wir wollen keiner fremden Macht zu nahe treten, wir wollen uns aber auch von keiner fremden Macht auf die Füße treten lassen und wir wollen uns von keiner fremden Macht beiseite schieben lassen, weder in politischer noch in wirtschaftlicher Beziehung. Es ist Zeit, es ist hohe Zeit, daß wir [...] uns klar werden über die Haltung, welche wir einzunehmen haben gegenüber den Vorgängen, die sich um uns herum abspielen und vorbereiten und welche die Keime in sich tragen für die künftige Gestaltung der Machtverhältnisse für vielleicht unabsehbare Zeit. Untätig beiseite stehen, wie wir das früher oft getan haben, entweder aus angeborener Bescheidenheit oder weil wir ganz absorbiert waren durch unsere inneren Zwistigkeiten oder aus Doktrinarismus - träumend beiseite stehen, während andere Leute sich in den Kuchen teilen, das können wir nicht und wollen wir nicht. Wir können das nicht aus dem einfachen Grunde, weil wir jetzt Interessen haben, in allen Weltteilen. [...] Die rapide Zunahme unserer Bevölkerung, der beispiellose Aufschwung unserer Industrie, die Tüchtigkeit unserer Kaufleute, kurz, die gewaltige Vitalität des deutschen Volkes haben uns in die Weltwirtschaft verflochten und in die Weltpolitik hineingezogen. Wenn die Engländer von einem Greater Britain reden, wenn die Franzosen sprechen von einer Nouvelle France, wenn die Russen sich Asien erschließen, haben auch wir Anspruch auf ein größeres Deutschland, nicht im Sinne der Eroberung, wohl aber im Sinne der friedlichen Ausdehnung unseres Handels und seiner Stützpunkte. [...] Wir können nicht dulden und wollen nicht dulden, daß man zur Tagesordnung übergeht über das deutsche Volk. [...] Es ist viel Neid gegen uns in der Welt vorhanden, politischer Neid und wirtschaftlicher Neid. Es gibt Individuen, und es gibt Interessengruppen, und es gibt Strömungen, und es gibt vielleicht auch Völker, die finden, daß der Deutsche bequemer war und daß der Deutsche für seine Nachbarn angenehmer war in jenen früheren Tagen, wo trotz unserer Bildung und trotz unserer Kultur die Fremden in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht auf uns herabsahen, wie hochnäsige Kavaliere auf den bescheidenen Hauslehrer. Diese Zeiten politischer Ohnmacht und wirtschaftlicher und politischer Demut sollen nicht wiederkehren. Wir wollen nicht wieder, um mit Friedrich List zu sprechen, die Knechte der Menschheit werden. Wir werden uns aber nur dann auf der Höhe erhalten, wenn wir einsehen, daß es für uns ohne Macht, ohne ein starkes Heer und eine starke Flotte keine Wohlfahrt gibt. Das Mittel, meine Herren, in dieser Welt den Kampf ums Dasein durchzufechten ohne starke Rüstung zu Lande und zu Wasser, ist für ein Volk von bald 60 Millionen, das die Mitte von Europa bewohnt und gleichzeitig seine wirtschaftlichen Fühlhörner ausstreckt nach allen Seiten, noch nicht gefunden worden. In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein."

Nach Beendigung des 2. 30-jährigen Krieges gegen Deutschland (1914-1945) ist Restdeutschland zum Amboß degradiert, mit allen den fürchterlichen Folgen die wir tagtäglich in Mitteleuropa erleben.
 
 
DIE v. BÜLOW-REDE
 
In klarer, schlichter Rede,
hat v. Bülow es benannt,
der Zukunftsfragen jede,
um deutsches Volk und Land.
 
England und Frankreich teilen,
den Globus Strich für Strich;
Russlands Kosaken eilen,
kassier‘n Sibirien sich.
 
Jetzt gilt es nicht zu schlafen,
lang‘ war der Deutsche Knecht,
die Zukunft würd' uns strafen;
Macht allein bringt Recht !
 
Deutschland muss erwachen,
ist fleißig wunderbar,
soll Wehrkraft nun entfachen,
denn rundum droht Gefahr !
 
Umgeben von den Mächten,
umringt von Hass und Neid,
besteh‘n nur die Gerechten,
die nutzten ihre Zeit.
 
So lasst uns redlich bauen,
ein deutsches Friedens-Reich,
woll‘n schaffen und vertrauen,
wehrhaftig auch zugleich.
 
Was v. Bülow sprach war weise,
er hat es gut gemeint,
doch hat der Feind sich leise,
zur „Einkreisung“ geeint.
 
Es nutzt nicht Recht noch Stärke,
wenn’s Nachbarn nicht gefällt;
des Niedertrachtes Werke
zerstör'n die heile Welt.
 

 

Fürst Bernhard Heinrich Martin Karl von Bülow (1849-1929) war ein deutscher Politiker und Minister des Äußeren und Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs. Er studierte Jura und nahm als Freiwilliger am Abwehrkrieg 1870/71 gegen Frankreich teil. V. Bülow sprach vier Sprachen fließend. Er durchlief eine außenpolitisch-diplomatische Karriere. In einer Reichstagsdebatte am 6. Dezember 1897 rechtfertigte er die Erweiterung deutscher Kolonialinteressen an der Küste Chinas: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne. In Ostasien wie in Westindien werden wir bestrebt sein […], ohne unnötige Schärfe, aber auch ohne Schwäche unsere Rechte und unsere Interessen zu wahren.“ V. Bülow führte etliche erfolgreiche Verhandlungen mit den wichtigsten Weltmächten, um dem zu spät erwachten Deutschland einige Restchen von überseeischen Stützpunkten, zum Zwecke der Handelsverbindungen zu sichern. Er förderte die Erschließung der Kolonien und den Handel mit Kolonialerzeugnissen. In seine Amtszeit als Staatssekretär des Äußeren fällt auch der chinesische „Boxeraufstand“ im Jahr 1900. Als Kanzler verhielt sich Bülow gegenüber dem Kaiser loyal, kritisierte jedoch dessen mitunter unglückliche „persönliche Politik“, ohne durchschlagenden Erfolg. Deutschland war zur zweitstärksten Exportnation herangewachsen. Zur Absicherung gegenüber dem see-militärisch weltdominierenden Großbritannien war eine gewisse Aufrüstung zur See unumgänglich, so dass v. Bülow die von Großadmiral Alfred v. Tirpitz vorgelegten Flottengesetze unterstützt hat. Durch den Erwerb von Übersee-Besitzungen sollten für die Flotte geschützte Häfen an den Weltmeeren geschaffen werden. Ein weiteres Ziel v. Bülows war der Bau von Eisenbahnen wie der „Bagdad-Bahn“ und die Durchführung von zukunftsfrohen Eisenbahn-Projekten in den Kolonien. Das aufstrebende Kaiserreich erweckte in Großbritannien und anderswo bei den alten Mächten Verwunderung, Neid, schließlich Hass und Vernichtungswillen. Im Jahr 1904 kam es zur Bildung der „Entente“ zwischen Frankreich und Großbritannien, einem Kampfbund mit der klaren Absicht, Deutschland bei sich bietender Gelegenheit gemeinsam zu stoppen. In seiner Reichstagsrede vom 14.11.1906 nannte v. Bülow offen Ross und Reiter, indem er die Gegner Deutschlands der „Einkreisungs-Politik“ beschuldigte. Ab 1907 regte v. Bülow beim Kaiser an, den Flottenaufbau zu verlangsamen, um die missgelaunten Briten - die sich auf den Weltmeeren als unnachgiebige Platzhirsche ansahen - zu besänftigen. Am 14.06.1909 reichte Fürst v. Bülow seinen Rücktritt ein. 1914 wurde er angesichts der sich dramatisch zuspitzenden außenpolitischen Lage Sonderbotschafter in Rom (er sprach fließend Italienisch und war mit einer Italienerin verheiratet), mit dem Auftrag, Italien zum Verbleib im „Dreibund“ zu bewegen, was nicht gelang, weil Italien auf Gebietseroberungen bedacht war. Nach Kriegsende lebte v. Bülow in Rom. Der Ullstein-Verlag erhielt die Rechte an seinen Lebenserinnerungen, den „Denkwürdigkeiten“.

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