„FERNSPÄH-KOMPANIE 200“

Gerhard Hess als Springer-Soldat
 

„FERNSPÄH-KOMPANIE 200“

Ich dachte mir, ich bring‘s, ich bieg‘s,
ich ging zu den Soldaten,
es war die Zeit des „Kalten Kriegs“,
das mögt ihr wohl erraten.
 
In Mannheim war ich stationiert,
da hat man mich geschunden,
hab‘ Grundausbildung absolviert,
in frohen Männer-Runden.
 
Ich war kein Freund Tabaks und Weins,
wollt‘ Einzelkämpfer werden,
mein „Tauglichgrad“ war Nr. 1,
fremd waren mir Beschwerden.
 
Darauf in Esslingen beim „Stab“,
schob man ‘ne ruhige Kugel,
wir sprangen mit dem Fallschirm ab,
es stimmte auch der „Rubel“.
 
Doch wo nur wurd‘ ein echter Mann,
als ganzer Kerl gefordert ?
Ich träumte mich zum Held hinan,
hätt‘ mich gern wegbeordert.
 
Wer Abenteuer sucht, den freut’s,
„Fernspäher“ wollt‘ man prägen,
ich traf den Mann mit Ritterkreuz,
da gab es nichts zu wägen.
 
Major Rittmeyer hieß mein Chef,
die Russen wollt‘ er packen,
im kalten Hass, nicht im Gekläff,
sprach nur von den „Kanacken“.
 
Ganz klar war unser „Feindbild Ost“,
zum Rachezug entschlossen,
noch unbeschwert von Lügen-Post,
der Nachkriegszeit entsprossen.
 
Die Zeit verändert manchen Sinn,
das Alter macht uns weiser,
man denkt mit Skrupeln her und hin,
und auch das Herz klopft leiser.
 
 
 
 
Ferdinand Konrad Rittmeyer (1919-2009) trat 1937 in die Wehrmacht ein und wurde im Weltkrieg II. ununterbrochen an verschieden Fronten eingesetzt (Polen, Frankreich, Afrika, Russland). Oft war der Haudegen mit seiner Panzeraufklärungskompanie hinter den feindlichen Linien im Einsatz. Er paarte Mut mit Entschlossenheit und hatte das was man einen 6. Sinn für Gefahr und Chance nennen könnte. So schoss er mit seinem Panzerspähwagen - während einer Aufklärungsfahrt im Hafen von Tobruk - ein auftauchendes englisches U-Boot an, zwang die Mannschaft zum Aussteigen, nahm sie gefangen und versenkte das feindliche Schiff. Aus seinem Soldatenleben sind eine Menge schier unglaublicher Heldenstückchen zu berichten. An Auszeichnungen erhielt er: Ritterkreuz, Deutsches Kreuz in Gold, Eisernes Kreuz I, Eisernes Kreuz II, Ärmelband in Afrika, Medaille Winterschlacht im Osten 1941/42, Verwundetenabzeichen. Kurz vor Kriegsende geriet der Hauptmann in Gefangenschaft bei der US-Armee, die ihn an die Russen auslieferte. Der tadellose Offizier wurde von sowjetischen Menschenschindern dreimal zum Tode verurteilt und in eines der berüchtigten Schweigelager nach Sibirien deportiert. Allein seiner eisernen Gesundheit und Willenszucht ist es zu verdanken, dass er die mörderische Gefangenschaft, in der Millionen deutscher Männer wegstarben, überlebte. Er kehrte erst 10 Jahre später wieder, zunächst mehr tot als lebendig, 1955 in die Heimat zurück. Seine Frau mit den beiden Mädchen sind in der Tschechoslowakei von einer entmenschten Soldateska zu Tode geschändet worden. Nach K. Rittmeyers Rückkehr stellte er sich der Bunderwehr für deren Wiederaufbau der Panzeraufklärungstruppe zur Verfügung.
 
Seinem tadellosen Ruf als verwegener und draufgängerischer Offizier war es zu verdanken, dass am 16. November 1961 vom Heeresamt den Auftrag erhielt, „Lehrgruppe R(ittmeyer)“ an der Luftlande- und Lufttransportschule Altenstadt/Schongau aufzubauen, eine Truppe die zwecks Aufklärung hinter den feindlichen russischen Linien arbeiten sollte. Major Rittmeyer reiste durch die damaligen Bundeswehrverbände - insbesondere Gebirgs- und Fallschirmjägereinheiten - um seine ca. 2.000 Freiwilligen zu suchen. Er sagte während seiner Vorträge in den Kasernen: „Ich suche die zweitausend härtesten Männer der Bundeswehr.“ Der Major war eine imposante Erscheinung, von durchtrainiertem drahtigem Körperbau, hoch und schlank gewachsen, mit den hochgeschnürten Springerstiefeln, engen Hosen, das Schiffchen verwegen schräg in die Stirn gezogen -, das Bild von einem Mann und Soldaten. Wer Mark in den Knochen fühlte, wollte dabei sein, doch die Auswahlprüfungen waren nicht leicht zu bestehen, jeder „Fernspäher“ musste auch den Tastfunk beherrschen, also, neben einer eisernen Gesundheit und Belastbarkeit, über ein feines Gehör verfügten. Ich begegnete K. Rittmeyer erstmalig Anfang 1962 in der Esslinger Stabskompanie der 1. Luftlandedivision, melde mich und wurde als Führer des geplanten „Fotozuges“ angenommen. Ich war als Wehrpflichtiger am 28.08.1961 in Wiesbaden mit Tauglichkeitsgrad I. gemustert worden, so dass man mir freistellte, zu welcher BW-Einheit ich mich melden möchte. Ich wählte die Fallschirmtruppe aus und absolvierte in Mannheim meine Grundausbildung. Mein Dienst zur Vollausbildung in Esslingen war mir zu lasch. Wir Fallschirmjäger erhielten eine monatliche „Springerzulage“ von 150 Mark, das hieß, der „Rubel“ stimmte, es ging uns finanziell gut, zudem waren wir alle sehr anspruchslos. Ich war Chef des Fotolabors und machte Pressefotos für die 1.-LL-Truppenzeitung. Wenn ich keine Lust hatte und versäumten Schlaf nachholen wollte, schloss ich mich in meiner Dunkelkammer ein und selbst wenn die Herren Generale Hans Kroh (1907-1967) oder Walter Gericke (1907-1991) vor meiner Tür standen und anklopften, konnte ich erwachend rufen: „Tut mir leid, ich kann nicht öffnen, rufe Sie später an !“, oder bei einem der unteren Dienstgrade: „Tut mir leid, habe Arbeiten für den General !“ Das war mir dann doch zu billig. So kam mir die Werbung für die „Fernspäher“ sehr gelegen. Wir bezogen als Stammpersonal mit zunächst nur 20 bis 30 Mann eine von Stacheldrahtrollen geschützte Baracke innerhalb der Kaserne Altenstadt-Schongau. Diese Truppe erhielt spezielle Funkgeräte, die über eine Distanz von über 2.000 km per Höhenwellen senden konnten und im Äther nur als kurzes Summen auf wechselnden Zeiten und Frequenzen wahrnehmbar waren. Mit diesen weitreichenden Kleinfunkgeräten setzten wir Späher im Schnellgebeverfahren unsere Meldungen ab. Die „programmierten Funksprüche“ hätte der Feind schlecht entschlüsseln und die Standorte unserer Sender hinter der HKL nur mühevoll anpeilen können. Die Truppe wurde schon bald „Fernspähkompanie 200“ betitelt, sie erhielt die Aufgabe, weitere Kompanien „100“ und „300“ auszubilden. Allen Männern der „Fernspäher“ war klar, dass sie sich einem Todeskommando verschrieben hatten, denn im Ernstfall würde der Gegner die mit Fallschirmen in seinem Rücken gelandeten Fernspäher, mit allen Mitteln versuchen aufzuspüren. Die Fernspäher in der Altenstädter Kaserne waren ein recht wilder Haufen, ohne jegliche Formalausbildung (kein Kasernenhofdrill), der nicht selten durch Schlägereien und mancherlei Übertretungen ins Gerede kam. Der Chef klagte augenzwinkernd: „Ich habe 30% Verbrecher in meiner Kompanie.“ Ich fiel meinem Kompanieführer bei einer der üblichen Spindkontrolle positiv auf, als er bei mir zwei Bücher fand an denen auch sein Herz hing, er zog mich ins Vertrauen und beorderte mich - bis zur Aufstellung des Fotozuges - zur Schreibstube, in seine Nähe, denn ich besaß auch Handelsschulausbildung.   
 
Wir hatten eine Menge Ausbildungen zu durchlaufen, neben den technischen Disziplinen standen die Körperertüchtigungen im Vordergrund, Faustkampf, Nahkampftechniken und Geländeübungen der Tarnung und Täuschung des Gegners. Damals war das Feindbild klar gegen Ost gerichtet, man rechnete mit einem erneuten Angriff der Russen, wir sangen die stolzen Fallschirmjägerlieder des Krieges und brannten darauf, uns im erwarteten Ernstfall bewähren zu können. Es war eine traumhaft schöne Männerzeit, in hervorragender Sportskameradschaft, mit unvergesslichen Erlebnissen in den Wäldern und Feldern der Einsatzorte. Wir drängten uns, möglichst viele Fallschirmsprünge erleben zu dürfen und sprangen aus dem Doppelrumpftransporter „Noratlas“, dem Transporthubschrauber „Vertol“, „Banane“ genannt, und dem „Sikorsky“-Hubschrauber. Es war eine wunderbare Zeit männlicher Bewährungen und ständiger Abenteuer im Kreis von tüchtigen Kameraden, wie meinen Freuden, dem feingeistige Heiner Mühl, mit dem ich erste Gedichte austauschte und dem grandiosen Athleten Manfred Meier, der jeden - auch OL Abele - im Schachspiel zu schlagen wusste.
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