DER LETZTE MANN

 
 
DER LETZTE MANN
 
Sie haben gefochten eins zu vier,
Nun zieht Sie der Tod ins kühle Revier.
     Sie haben gefochten vier zu eins,
Die Helden im Strahl des Ewigenscheins.

     Nun brennt das Schiff an Bug und Heck,
Die Mannschaft steht auf Vorderdeck.
     Und wie sie in die Tiefe sinkt,
Greift sie zur Mütze und grüßt und schwingt,
     Bis das von Fluten begraben die Hand,
Hurra dem Kaiser und Vaterland !
     Als sich vollendet das Geschick,
Kieloben treibts einen Augenblick
     Und reckt noch einmal den wunden Rumpf
Und gurgelt hohl und gurgelt dumpf.
     Da plötzlich aus der Meeresflut
Taucht ein Matrose, ein junges Blut,
     Der hält über See in höchster Not
In der Rechten die Flagge schwarz-weiß-rot.
     Mit ihr erklimmt er das brodelnde Wrack,
Steht er, ein Fels, standhaft und strack,
     Er schwingt mit kräftiger Seemannshand
Noch einmal die Flagge fürs Vaterland.
     Und als der Rumpf in die Fluten versinkt,
Mit beiden Händen die Fahne er schwingt.
     Und als die Welle den Kopf bedeckt,
Aus dem Wasser ein Arm noch die Fahne streckt.
     Er läßt sie nicht, er nimmt Sie hinein;
Sie soll auch im Tod sein Begleiter sein.

Heinrich Röser

 
 
 
SEESCHLACHTEN VON CORONEL UND FALKLANDS
 
 
Am 1. November 1914 stieß, aus dem Pazifik kommend, in den chilenischen Gewässern vor Coronel das deutsche Ostasiengeschwader - bestehend aus den Großen Kreuzern „SMS Scharnhorst“ und „SMS Gneisenau“ sowie den Kleinen Kreuzern „SMS Leipzig“, „SMS Nürnberg“und „SMS Dresden“ unter Vizeadmiral Maximilian Graf von Spee - auf ein britisches Geschwader. Die britischen Panzerkreuzer Flaggschiff „HMS Good Hope“ und „HMS Monmouth“ wurden versenkt, der Kreuzer „HMS Glasgow“und Hilfskreuzer „Otranto“ ergriffen nach Treffern die Flucht.
 
 
Nach dem Gefecht beabsichtigte Graf Spee aufgrund der schlechten Versorgungslage seiner Einheiten den Durchbruch in den Atlantik, verlor aber 4 Tage Vorsprung gegenüber den Briten durch das Kohlebunkern. Die deutschen Panzerkreuzer hatten fast die Hälfte ihrer 21-cm-Munition verschossen und keinen Ersatz bekommen können. Anstatt das starke britische Geschwader unter Admiral Frederik Doveton Sturdee mit seinen beiden Schlachtkreuzern „HMS Inflexible“ und „HMS Invincible“ anzugreifen, das bei Port Stanley der Falklandinseln beim Bunkern lag, versuchte Graf Spee in den Atlantik auszulaufen, wurde aber eingeholt und am 8. Dezember 1914 zum Kampf gestellt. Die Briten hatten unter Konteradmiral Stoddart Verstärkung erhalten in Gestalt von drei weiteren Panzerkreuzern, zwei leichten Kreuzern und einem Hilfskreuzer. Das deutsche Geschwader, ausgenommen „SMS Dresden“ und „SMS Emden“, wurde vernichtet. Der Kleine Kreuzer „Dresden“ wurde erst am 14. März 1915 von seiner eigenen Besatzung versenkt, nachdem er in neutralen chilenischen Gewässern von den Briten angegriffen worden war.
 
 
Die Meldungen vom heldenhaft-trotzigen Benehmen deutscher Seeleute im Angesicht ihres Unterganges hat u.a. der englische Admiral Sturdee mitgeteilt: „Die Einprägung der Idee und des Gefühls der Pflicht in ihr Denken und ihre Seele, ihr unerschütterlicher Glaube an ihren Kaiser, welcher in ihrer Auffassung das Vaterland repräsentiert, beseelte sie mit jenem höchsten Stolze, der zur unbedenklichen Selbstaufopferung führt." Nachdem etliche Männer ihre Pflicht bis zum Äußersten erfüllten, indem sie bis zur Vernichtung ihres Schiffes gekämpft hatten, glaubten sie, nicht das Recht zu haben, nach Verlust ihres Schiffes als Gefange weiter zu leben, sondern beschlossen, auf dem Höhepunkt einer höchsten Tätigkeit, der Vererbung einer goldenen Tradition an das Vaterland, welche die kommenden deutschen Geschlechter beseelen wird, zu sterben.
 
 
Wie britische Offiziere erzählten, hielten auf der „SMS Nürnberg“ einige deutsche Seeleute mit wehender kaiserlicher Flagge bis zum letzten Beschuss durch. Ein Augenzeuge des Untergangs vom Schwesterschiff berichtete 1917: „Leipzig“ wird … zerschossen, erst Achter- dann Vorderdeck unter Feuer. 7 Uhr abends keinen Schuss Munition mehr. Von 320 Besatzungsmitgliedern kamen auf Befehl nur 100 zusammen zum Kaiserhoch und Nationalhymne absingen. Viele über Bord gesprungen, erfroren, ertrunken. 9 Uhr geht das Schiff mit Kommandant unter.“ Vizeadmiral z.D. Hermann Kirchhoff schrieb in „Der Seekrieg 1914-1915“ (Verlag Hesse & Becker“, Leipzig, 1915) auf S. 185: „Nach einem Bericht aus englischer Quelle teilt Konsul Stubenrauch noch folgende Episode von dem Untergang des kleinen Kreuzers ,Leipzig‘ mit: Auf der ,Leipzig‘ hatte sich die Mannschaft auf dem Vorderdeck aufgestellt und weigerte sich, der Aufforderung zur Übergabe nachzukommen. Als der Kreuzer schon gekentert war und einen Augenblick kieloben trieb, schwamm ein Matrose an das Schiff heran, kletterte hinauf, eine deutsche Fahne schwingend, und ging dann mit ihm unter.“ Auf S. 185f heißt es: „Die im allgemeinen nicht als deutschfreundlich bekannte griechische Zeitung ,Hestia‘ brachte am 29. Dezember v. J. einen Leitartikel, worin sie ausführt, daß der gegenwärtige Krieg viele Beispiele von Aufopferung und Heldentum aufweise. Wir entnehmen dem Artikel folgendes: ... Aber am kräftigsten hat dieses schöne Bild der Aufopferung die Besatzung der deutschen ,Gneisenau‘ gezeigt, die nach der Seeschlacht in den Meeren der südlichen Hemisphäre gesunken ist. Die Besatzung des deutschen Kreuzers konnte sich retten, wenn sie wollte, ohne eine moralische Einbuße zu erleiden. Sie kämpfte gegen einen stärkeren Feind und wurde besiegt. Ihr von Geschossen durchlöchertes Schiff versank in den kalten Armen des Meeres. Die tapferen Matrosen der ,Gneisenau‘ weigerten sich stolz, sich auf ein englisches Schiff zu retten. Sie wollten ihr sinkendes Schiff nicht verlassen, und sie gingen unter mit ihm, indem sie sangen ,Deutschland, Deutschland über alles‘“. Und auf S. 192 heißt es bei Kirchhoff: „Um 7 ½ Uhr sank die ,Nürnberg‘; die Kommandobrücke stand in Brand. Einige Männer standen auf Deck mit wehender Fahne.“ Die Verfolgung der „SMS Nürnberg“, die in ihrer Geschwindigkeit durch den schlechten Zustand der Maschinenanlage und Kessel behindert war, hatte der Panzerkreuzer „HMS Kent“ aufgenommen. Als sie infolge schwerer Treffer zu sinken begann, gab Kapitän zur See von Schönberg den Befehl zur Sprengung, das Schiff sank mit 327 Mann, nur 7 Mann konnten gerettet werden. Nach britischen Berichten hielten auf dem sinkenden Schiff eine zeitlang vier Männer an einer Stange eine Bootsflagge hoch. Unter den Gefallenen des Seegefechts bei den Falklandinseln befanden sich der Geschwaderführer, Vizeadmiral Graf Spee, mit seinen beiden Söhnen, sämtliche Kommandanten und die gesamte Besatzung des Panzerkreuzers Scharnhorst.
 
 
Bild: Diese Erzählungen, namentlich die Untergangsepisode der „SMS Leipzig“, inspirierten den damaligen Marinemaler Prof. Hans Bohrdt zu dem Gemälde über die authentische Begebenheit „Der letzte Mann“. Das Original gilt seit 1916 als verschollen.
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