FRIEDRICH RÜCKERT

 
 
FRIEDRICH RÜCKERT
 
 
Das war ein Mann von großer Art,
den Weltkreis überschauend,
und ebenso empfindungszart,
auf deutschem Urgrund bauend.
 
Er wusst’ die Sprachen dieses Welt,
hat ihre Mythen gut gekannt,
durchdachte Erd’ und Himmelszelt,
stand treu zu Stamm und Heimatland.
 
Napoleons Sinn als Landesfeind,
den tät er löblich schmähen,
er hoffte, dass sich Deutschland eint,
die Zwietracht sollt’ vergehen.
 
So war der Rückert Patriot,
Weltbürger doch in einem -,
war niemals taub für deutsche Not
und mit der Welt im Reinen.
 
Er übersetzte den Koran,
die Fremdheit zu begreifen -,
versagte sich dem Christus-Wahn,
im hohen Geistes-Reifen.
 
In das was Rückert uns geschenkt,
mit fein gereimten Ranken,
hab’ ich mich freudig rein versenkt,
dafür will ich ihm danken !
 
 
 
Friedrich Rückert (1788-1866) war ein Dichter, Sprachgenie und Übersetzer, der mindestens 45 Sprachen beherrschte. Bekannt und geachtet wurde Rückert zunächst mit seinen „Geharnischten Sonetten“, die er gegen die schmähliche und brutale Beatzungszeit der Franzosen in napoleonischer Ära schrieb. Diese Sonette wurden in vier Abteilungen 1814, aus Vorsicht vor dem Franzosenterror, ohne Angabe von Verlag und Druckort veröffentlicht. 1817 reiste Rückert nach Italien, wo er im Kreise deutscher Künstler seine Studien betrieb. Über einen Zwischenaufenthalt in Wien kehrte er zwei Jahre später in die Heimat Ebern bei Coburg zurück. 1826 wurde er Professor der orientalischen Sprachen in Erlangen; er erhielt auch eine Professur in Berlin. Fr. Rückert war es gegeben, in unglaublich kurze Zeit von 6 bis 8 Wochen neue Sprachen zu erlernen. Als seine philologischen Hauptstudien hat er einmal genannt: „Griechische Bücher und deutsch, lateinische, slawische, welsche. Persische samt Sanskrit, Türkisch, Arabisches auch.“ Er beherrschte Albanisch, Altpersisch, Afghanisch, Aramäisch, Armenisch, Äthiopisch, Berberisch, Englisch, Finnisch, Hebräisch, Italienisch, Koptisch, Litauisch, Malaiisch, Portugiesisch, Spanisch, Syrisch und mehrere südindische Sprachen. Rückert war ein ungemein fleißiger, schaffensfroher Schriftsteller. Er übertrug Werke der klassischen persischen und arabischen Literatur (Koran) ins Deutsche und schuf eigene Dichtungen unter dem Einfluss von orientalischen Vorbildern. Unter dem erschütternden Eindruck des Todes zweier seiner Kinder entstehen die ergreifenden „Kindertotenlieder". Der Weltbürger Friedrich Rückert war trotz aller Offenheit für den Geist der Fremdvölker ein guter Deutscher, der tief und echt die Nöte seines Heimatlandes erfasste, was sich in seiner Dichtung niederschlug. Zudem war er ein Freidenker, der aus seinen Vorbehalten gegenüber dem Christianismus keinen Hehl machte.
 
 
„Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die bei dem Irrtum verharren, das sind die Narren." 
„Gesammelte Gedichte“, Bd. II (Erlangen 1836), S. 408
 
BEKEHRUNG
 
Ich war schon ziemlich ein Christ,
Und war´ es noch mehr geworden,
Doch mir verleidet ist
Auf einmal der ganze Orden.
Ihr machet es mir zu toll
Mit eurem christlichen Leide:
Mein Herz ist noch freudenvoll,
Darum bin ich ein Heide.
Bricht einst mein Lebensmut,
Dann könnt ihr vielleicht mich erwerben;
Denn eure Lehr´ ist gut
Zu nichts auf der Welt als zum Sterben.

1866, „Haus- und Jahreslieder“
 
 

KUR DER UNDEUTSCHEN

Ihr Zwitterdeutsche, trächtig
Von selbstischen Entwürfen;
Ihr scheint, dem Arzt verdächtig,
Der Kur noch zu bedürfen:
Was ordnen wir euch nur
Geschwind für eine Kur ?
 
Ich seh's an bösen Flecken:
Es sind des Franztums Seuchen,
Die noch im Blut euch stecken.
Wenn ihr sie wollt verscheuchen,
So braucht zu eurer Kur
Den rheinischen Merkur.
 
 
DEUTSCHER SPRUCH
AUF DEN DEUTSCHEN STEIN
 
Das ist der deutsche Stein,
Von Trug und Falsch entblößt;
Wer an den Stein sich stößt,
Der kann kein Deutscher sein.
 
Das ist der deutsche Stein,
Mit Treu' und Mut betraut;
Wer auf den Stein nicht baut,
Das muß kein Deutscher sein.
 
Das ist der deutsche Stein,
In Not und Tod erprobt;
Und wer den Stein nicht lobt,
Das muß ein Welscher sein.

 

AN DIE WIDERSACHER
DES DEUTSCHEN STEINS
 
Ihr seid gewiß nicht echtes deutsches Gold,
Und scheut euch vor der Probe,
Weil ihr davon durchaus nichts hören wollt,
Daß man den Prüfstein lobe.
 
Den, der den Busen hat voll Eisenerzen,
Zieht der Magnetstein an;
Ihr habt gewiß nur Kot in euren Herzen,
Weil er nicht ziehn euch kann.
 
 
DER EWIGE NORDSCHEIN
 
 Am Himmel ist ein Flammenrot,
Es ist nicht Abendröte,
Es ist auch nicht das Morgenrot,
Was ist's für eine Röte ?
Die tief herauf aus Norden bricht,
Und fort und fort verlischet nicht,
Wie gestern so noch heute;
Wer ist, der es mir deute ?
 
Da sprach der Geist, der bei mir stand,
Und deutete, wo's sprühte,
Zum Himmel auf mit seiner Hand,
Daß dran der Finger glühte;
Hast du vernommen von der Stadt,
Die sich gemacht zum Phönix hat,
Um aus der Flamme Wehen
Verjüngt hervorzugehen ?
 
Ein Jahr ist, seit sie ausgebrannt,
Doch steht des Scheines Helle
Noch leuchtend über allem Land,
Und auf derselben Stelle.
Vergehn wird noch ein ander Jahr,
Und stehn der Schein wird immerdar,
Vergehn noch viele Jahre,
Und stehn der Schein, der klare.
 
Solang' als Gottes Odem weht
Und Himmelsströme feuchten,
Wird dieser Schein, der nie vergeht,
Dem, der ihn sehn kann, leuchten.
Weit über Raum und über Zeit,
Ein Zeugnis seiner Herrlichkeit
Wird Gott ihn lassen funkeln;
Wer will den Schein verdunkeln ?
 
 
AUF DIE SCHLACHT VON LEIPZIG
 
 Kann denn kein Lied
Krachen mit Macht,
So laut, wie die Schlacht
Hat gekracht um Leipzigs Gebiet ?
 
Drei Tag und drei Nacht,
Ohn' Unterlaß,
Und nicht zum Spaß,
Hat die Schlacht gekracht.
 
Drei Tag und drei Nacht
Hat man gehalten Leipziger Messen,
Hat euch mit eiserner Elle gemessen,
Die Rechnung mit euch ins Gleiche gebracht.
 
Drei Nacht und drei Tag,
Währte der Leipziger Lerchenfang;
Hundert fieng man auf einen Gang,
Tausend auf einen Schlag.
 
Ei, es ist gut,
Daß sich nicht können die Russen brüsten,
Daß allein sie ihre Wüsten
Tränken können mit Feindesblut.
 
Nicht im kalten Rußland allein,
Auch in Meißen,
Auch bei Leipzig an der Pleißen,
Kann der Franzose geschlagen sein.
 
Die seichte Pleiß' ist von Blut geschwollen,
Die Ebenen haben
So viel zu begraben,
Daß sie zu Bergen uns werden sollen.
 
Wenn sie uns auch zu Bergen nicht werden,
Wird der Ruhm
Zum Eigentum
Auf ewig davon uns werden auf Erden.
 
 
VIER NAMEN
 
Vier Namen flecht’ ich in den Sang,
wie ich’s vermag, aufs beste,
dass man darauf mit Becherklang
anstoßen kann beim Feste.
Ihr lieben Namen alle vier,
ich hoffe doch, ihr werdet hier
euch miteinander vertragen.
 
Der erste Nam’ das ist der Arndt,
der hat zu allen Zeiten
vorm fremden Wesen streng gewarnt
und ließ nie ab vom Streiten;
er stellt’ als unverdrossner Scherg’
sich vor den welschen Venusberg,
der wahre treue Eckart.
 
Der zweite Nam’, und das ist Jahn,
der unser Volkstum geschrieben,
von dem, da er fraß Feuerszahn,
die Überschriften und blieben;
drauf hat er noch mit gutem Stift
geschrieben eine Runenschrift,
der nordische Runenmeister.
 
Der dritte Nam’ an dieser Statt
das ist der begeisterte Görres,
der auch ein Blatt geschrieben hat,
ein grünendes, kein dörres;
darauf mit dem Merkuriusstab
er hoch und tiefe Deutung gab,
der Himmelszeichendeuter.
 
Den vierten Namen nenn’ ich stracks
und werde gern sein Preiser,
das ist von Schenkendorf der Max,
der sang von Reich und Kaiser:
Der ließ die Sehnsucht rufen laut,
dass Deutschland ihn, die verlassene Baut,
nennt ihren Kaiserherold.
 
Das sind die Namen, deren Klang
ich war bemüht aufs beste
zu flechten hier in meinen Sang,
sie herzubringen zum Feste;
und sind euch lieb, wie mir, die vier,
so stoßt die Becher an mit mir
auf mein vierblättriges Kleeblatt.
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