AUGUST STRINDBERG

 
AUGUST STRINDBERG
 
 
Eine hohe Seele mit nordischer Stirn,
ein allumfassendes goethisches Hirn,
eines Geistesgiganten Giganten-Werk:
Schwedens Genie - August Strindberg.
 
Er lotete aus, die Welt und das Weib,
zum männlich faustischen Zeitvertreib.
Ein „Teufelskerl“, der so vieles kann,
ein Denker, dazu auch ein ganzer Mann.
 
Die Urkraft trieb ihn zum Frauenschoß
seine grübelnde Seele sehnte sich los.
Er suchte die Freiheit und seinen Stern,
die lagen den Fesseln des Weibes fern.
 
Wer weiblichen Zauberkünsten verfällt
wird zum törichten Kind der äußeren Welt.
Wer die Tiefe der Dinge erfassen will,
 hält nicht im Ergreifen des Weibes still.
 
Frauensinn ist auf Betörung bedacht,
er zieht die Männer in Wahn und Nacht.
Weil er niederschrieb, wie er’s gemeint,
galt Strindberg als unholder Frauenfeind.
 
Doch besaß er einen untrüglichen Blick,
besah des Geschlechterkampfes Geschick.
Auch der Gesellschaft vielfältiges Leid
beschrieb er -, hoffend auf bessere Zeit.
 
Er rügte den kirchlichen Muff und Mief,
die „Insel der Seligen“ sucht’ er und rief.
Eine höhere Menschheit war sein Traum,
Tschandalas wies er den zähmenden Zaum.
 
Seine Seele gärte -, sie rang und rief,
weil die träge Seele der Masse schlief.
So wurde der Strindberg ein Rufer-Poet:
„Erwachtet, erwachet, es ist schon spät !“
 
 
 
Johan August Strindberg (1849-1912) gilt manchen Verehrern als „Schwedischer Goethe“, jedenfalls ist er einer der gewaltigste schwedische Dramatiker und Autor eines umfangreichen literarischen Werkes. Immer war er umstritten, unangepasst, persönlich auch von tiefen seelischen Heimsuchungen erschüttert. Seine vitale Ausstrahlung und seine strahlend blauen Augen, der hohen Stirn und dem lockigen Haar machten ihn zum Frauenliebling. Er begriff sich selbst als „Teufelskerl“. Dieser schwedische Schriftsteller, Dichter, Maler, Schauspielschüler, Philosophiestudent, Journalist, Fotograf, Hauslehrer, Kulturhistoriker, Alchimist, Naturwissenschaftler, Photograph galt zu Unrecht als Frauenfeind, im leichtfertig dahergesagten Sinne. Er liebte Frauen zu sehr, dass er sich von ihnen fernhalten konnte, doch sein Freiheitsdrang bäumte sich auch gegen den Besitzanspruch und den listigen Ausschließlichkeitsanspruch der Frauen auf, so dass er in seinen Werken oftmals komplizierte und abgründige Frauencharaktere darstellte. Er konnte sich versteigen zu Formulierung wie Frauen seien  „bösartige Tiere“. Dreimal war er verheiratet und wurde dreimal geschieden. Das allgegenwärtige Drama des Geschlechterkampfes zeigte er schonungslos auf. Er gilt als unerreichter des kritischen Realismus in Schweden gilt. Er schrieb das historische Werk „Svenska folket“ (Schwedisches Volk) und den Roman „Det nya riket“ (Das neue Reich) in einem schonungslosen aufrüttelnden Stil mit dem er hoffte, die überalterten Formen des Gesellschaft als solche zu demaskieren, um den Blick auf eine bessere modere eröffnen zu können. Strindberg wies schonungslos auf die Folgen falscher religiöser Erziehung und Verkrampfung hin, insbesondere tadelte er die Konfirmation als „erschütternder Akt“, „durch den die Oberklasse auf Christi Leib und Wort der Unterklasse den Eid abnimmt, dass diese sich nicht darum kümmern werde, was jene tut“. Man verfolgt ihn mit einer Anklage wegen „Gotteslästerung und Verspottung der Heiligen Schrift und der Sakramente“. Er wurde freigesprochen. Den Anfeindungen aus konservativen kirchlichen Kreisen wich er aus und verließ 1883 bis 1889 Schweden und reiste durch Europa: Frankreich, die Schweiz, Deutschland und Dänemark. Seine Frauenkritik war nicht weniger ätzend. Er glaubte oder formulierte zumindest, dass die Frau dem Mann intellektuell und moralisch unterlegen, an Raffinesse aber überlegen wäre. Zwischen den Geschlechtern, so schrieb er überspitzt, herrsche „ein Kampf auf Leben und Tod“. Strindbergs Haltung zum weiblichen Geschlecht ist nicht leicht zu durchschauen. Er wurde von vielen als Frauenfeind beschimpft. Die Richtigkeit dieses Vorwurfs dementierte der Autor nachdrücklich. Er sei nicht gegen Frauen eingestellt, sondern vielmehr gegen die Frauenbewegung. Er fühlte sich von einer „Internationalen Frauenliga“, wie er es ausdrückte, verfolgt. Im „Das Blaue Buch“ gibt es die Stelle: „Was ist ein Frauenhasser ? … der Ausdruck wird als Scheltwort von Tröpfen für die benutzt, die sagen, was alle denken. Tröpfe sind die Männer, die sich einem Weib nicht nähern können, ohne den Verstand zu verlieren und treulos zu werden. Sie kaufen die Gunst des Weibes damit, dass sie die Köpfe ihrer Freunde auf silbernen Schüsseln ausliefern; und sie nehmen soviel Weiblichkeit in sich auf, dass sie mit den Augen des Weibes sehen, mit den Gefühlen des Weibes fühlen. Es gibt ja Dinge, die man nicht alle Tage sagt; und man sagt nicht seiner Frau, woraus ihr Geschlecht geschaffen ist. Aber man hat das Recht, es zuweilen zu schreiben. Schopenhauer hat es am besten geschrieben, Nietzsche nicht schlecht, Peladan ist der Meister. … Weininger [Otto Weininger war ein jüdischer österreichischer Autor, „Antisemit“, Frauen- und Körperhasser.] entdeckte den Trug im Alter von zwanzig Jahren, wartete aber nicht die Rache ab, sondern ging seines Weges. Dass das Kind ein kleiner Verbrecher ist, der sich nicht selber leiten kann, habe ich gesagt; aber ich liebe Kinder doch. Dass das Weib ist, was es ist, habe ich auch gesagt; aber ich habe immer ein Weib geliebt und Kinder mit ihr gehabt. Wer mich Frauenhasser nennt, ist also ein Dummkopf, ein Lügner oder ein Tropf ! Oder alles auf einmal.“ Immer intensiver versuchte Strindberg die Welt der Erscheinung und der gesellschaftlichen Probleme auzuloten. Herrlich freiheitlich und hellsichtig hat er in seinem Roman „Die Insel der Seligen“ die Aberwitzigkeiten des Christentums und seiner verhunzten abendländischen Kultur ins Lächerliche gezogen. Dass dieser gewaltige Befreiungswillen von althergebrachten Täuschungen sich nicht ohne gesundheitliche Folgen für die titanischen Selbstbefreier seine Bahn bricht, musste Nietzsche wie auch Strindberg schmerzhaft erfahren. Es gelang ihm, sich „frei zu schreiben“ und dadurch seine psychische Krisen zu überwinden. In den folgenden sechs Jahren verfasste er mehr als 25 Stücke. Strindberg hatte Briefkontakt mit Friedrich Nietzsche, den er verehrte und der sein Denken und Schaffen beeinflusste. Mit dem Titel seines Romans „Tschandala“ benutzte er einen Nietzsche-Begriff aus dem altindischen „Chandala“ für Paria und Gesindel, den auch der Wiener Rassetheoretikern Lanz v. Liebenfels gebrauchte, den Strindberg auf dessen Ordensburg Werfenstein an der Donau besucht hatte. Der Paria im Roman ist ein Roma, ein Zigeuner namens Jensen, ein betrügerischer, abgefeimter Schurke welchem es fast gelingt, den gelehrten Magister Andreas Törner in seine Fallen zu locken und zu Fall zu bringen, der aber schließlich überwunden und von einer Hundemeute zerfleischt wird. Strindberg hat viel Tiefgedachtes, auch Düsteres und Symbolisches und Schwerverständliches - aber immer lesenswertes - hinterlassen.
 
Bild: August Strindberg, 1871
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