HYPATIAS TOD

 

HYPATIA

Alexandria, brodelndes, steinernes Meer,
um die Füße der Säulen Urin und Kot.
Ein Gluthauch weht von der Wüste her,
über Luxus, Hochmut und Bettel-Not.

In den Judengassen wächst ein Dämon,
da schwelt er hervor aus manchem Bau,
einen Juden glaubt er als Gottessohn
und triebhaft hasst er die Griechen-Frau.

Das griechische Weib, ist so hell und frei,
den schwarzen Mönchen ein Augen-Dorn,
in hassvollen Seelen echot der Schrei,
wann wagt er sich vor, der „heilige Zorn“ ?

Sie deuten mit Fingern auf Text und Wort,
des fanatischen Saulus absurdes Gebot,
die Parabalanis, sie hecheln auf Mord:
„Tötet das Weib, das Weib ist der Tod !“

Der paulinische Wahn ist ein Ruf zur Tat,
jener Bischof Kyrill salbadert und hetzt:
„Mordet Hypatia“, so lautet sein Rat,
„dies Weib hat Gebote des Herrn verletzt.“


Die Frau soll schweigsam bescheiden sein,
so hat es der Saulus aus Tarsus gelehrt,
Hypatia doch schimmert im Glorienschein,
als Ausbund der Weisheit wird sie geehrt.

„Diese Frau ist zu eitel, sie muss hinab,
so griechisch ist sie, zu schön und blond,
schafft ihrem falschen Vorbild sein Grab,
dass kein Gottes-Tag ihren Fluch besonnt !“


Wie ein Wolfsrudel griffen die Mönche an,
schabten mit Scherben das Fleisch ihr weg.
Das christliche Grauen nahm seinen Gang,
es riss alles Hohe herab in den Dreck.

Die Kirchen-Geschichte ist blanker Hohn,
in Wahrheit griff das Gesindel zur Macht.
Fanatischer Dummheiten Rebellion,
hat weder Gott noch das Gute gebracht !
 
PS: Alexandrien, damals die größte Metropole der Welt, war eine griechisch-mazedonische Stadtgründung. Ihrer gebildeten und begüterten hellenisch-ptolemäischen Oberschicht stand die zunehmende Menge der Habenichtse und Sklaven gegenüber, eines unruhigen aufbegehrenden Großstadtgesindels. Diese Unterschichten griffen, von kommunistischen Impulsen motiviert, begierig die revolutionäre paulinische Lehre von einem vergötterten jüdischen Zimmermann auf, der angeblich verkündet hätte, alle Menschen seien gleich wert vor dem Judengott Jahwe und somit dessen Anbetung einforderte. Diese judäo-christliche Sekte wurde von der jüdisch-orthodoxen Kirche (Synagoge) als irrgläubig verurteilt und hartnäckig bekämpft -, sie setzte sich darum hauptsächlich bei Nichtjuden durch. Die Hypatia (355-416) aus Alexandria war eine hoch angesehene griechische heidnische Mathematikerin und Philosophin. Schon vor Hypatia gab es bei den Griechen weise Frauen und Lehrerinnen, wie beispielsweise Pandrosion. Sie war eine griechische Mathematikerin der ersten Hälfte des 4. Jhs. ebenfalls in Alexandria, die von dem griech. Mathematiker und Astronom Pappos von Alexandrien als Zeitgenossin erwähnt wurde. Hypatias Vater war der weise Theon. Sie unterrichtete öffentlich und vertrat den Neuplatonismus. Nach judäo-christlicher Lehre ist das Weib durch seine Lüsternheit der weltliche Fallstrick des Mannes und bewirkt seine Gottferne und mithin seinen Seelentod (siehe Erbsünden-Lehre). Die griechisch-hellenistische Frau der Spätantike war sehr frei und dem Manne gleichgeachtet, was dem völlig entgegengesetzen jüdisch-rabbinischen Denken des Christenkirchen-Stifters Schaul-Paulus fremd und zuwider sein musste, das kann den diversen Textstellen seiner Briefe auch entnommen werden. Ein Vorbild der hohen, weisen Frau vertrug sich also nicht mit der christlichen Lehre des „heiligen Paulus“ von der Minderwertigkeit der Frau, so dass der fanatische „heilige Kirchenvater“ und „Kirchenlehrer“ Kyrill I. (375-444), Patriarch bzw. Bischof von Alexandrien, den Vorgaben des Paulus folgend, gegen die freizügige Art der Alexandrinerinnen predigte und hetzte und schließlich seine mönchische Terror- und Mörderbande, die Parabalani, anstachelte, auch das „schlechte Vorbild“ Hypatia aus dem Weg zu räumen. Der aufgehetzte christliche Mob schleppte sie in eine Kirche und ermordete sie dort, indem sie mit Muschel- und Keramikscherben zerstückelt wurde. Es ging den Christen aber eigentlich um mehr, es ging um die Auslöschung jeder nichtchristlichen geschmähten heidnischen Weisheit und Wissenschaft überhaupt, es sollte allein die jüdische Bibel die zukünftige geistige Welt ausrichten dürfen. Deshalb verbrannten Christen auch die wunderbare Bibliothek von Alexandrien; es war die größte der damaligen Welt. Die weitgehend gelungene Auslöschung der heidnischen Wissenschaften, und die christenkirchlich erzwungene alleinige Weisungsbefugnis der Bibel, warfen das geistige und sittliche Europa um viele Jahrhunderte zurück und machte in der Neuzeit die Frauenemanzipation erforderlich.

Bilder: Ikonenbild des geheiligten Mordhetzers Kyrill I. und Hypatia unmittelbar vor ihrer Ermordung von Charles William Mitchell
 
-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-
 
Die schöne weise Griechin Hypatia lebte etwa von 370 bis 415. Sie war eine hochgewachsene, blonde, elegante, schlanke, wunderschöne Frau, die in langen weißen weichen Gewändern daher schritt. Sie muss einen umwerfenden Eindruck in jedem Männergemüt hinterlassen haben.

Die Heiden waren stolz auf sie und verehrten sie wie eine Göttin. Sie war Mathematikerin und Philosophin, Tochter des Mathematikers Theon von Alexandria. Wenn sie in die Hörsäle der Universität trat, die überfüllt waren von wissbegierigen Schülern aus aller Herren Länder, erhoben sich die Massen und gaben ihr minutenlange Ovationen. Als Vorsteherin des Museions war sie auch Direktorin und hatte solch eine Fülle von Verpflichtungen, dass es manchen Mann erstaunte was sie tagtäglich zu leisten fähig war. Ihr Hauptunterrichtsgebiet war die neuplatonische Lehre im Sinne des späteren Philosophen Iamblichos, der das hohe Wissen der Alten in dieser christlichen Niedergangszeit noch einmal zusammenfassen konnte. Hypatia schrieb zusätzlich Bücher, es waren Kommentare zu Apollonios von Perge und Diophantos. Leider sind sie verschollen, mit Sicherheit wurden sie von christlichen Fanatikern verbrannt.

Diese große Heidin war dem christlichen Pöbelhaufen natürlich ein Dorn im Auge. Der Bischof von Alexandrien, ein kleiner untersetzter schielender Fettwanst, der einen Hass auf alle Schönheit und insbesondere gegen alle Frauen in seinem hässlichen Herzen trug, hetzte unablässig in seinen Predigten. Wenn dann im schummrigen Dunkel, beim Kerzengeflackere der dunkle würdelose Christenhaufen beisammen hockte, schwoll die Gier nach der hohen fraulichen Reinheit der Hypatia ebenso an, wie der Wunsch diese Frau herabzuzerren auf die eigene niedere Ebene. Krampfhaft arbeiteten die armen christlich verseuchten Gehirne, was man ihr antun könne. Alle sollten zu dem neuen Judengötzen beten, alle vor ihm niederfallen, genau wie diese Strolche, die Wegelagerer, Taschenfingerer, Huren, Kleinhändler, Bettler und Tagediebe, kurz, das ganze Großstadtgesindel der Metropole Alexandrien.

Nach einer besonders aufhetzenden Predigt des Bischofs stürmte die Menge hinaus ins grelle Mittagslicht, sie rannten zu den hohen Säulenhallen des Museions, man wollte die Lehrerin in einer Vorlesung stören, dazwischenschreien, Lärm machen, sie auffordern doch endlich auch Christin zu werden. Das schmierige zerlumpte Volk hatte sich unterwegs herumliegende Muschelteile und Keramikscherben vom Boden aufgelesen, die trugen sie in den Händen mit hochroten verschwitzen Gesichtern, stinkenden Leibern und im Herzen den christlichen Wahn ihrer Besonderheit. Da schritt in diesem Augenblick die hohe weiße Hypatia zufällig aus einer Nebengasse kommend eilends auf die breiten Stufen, um hinauf zu eilen ihren Amtsgeschäften und Pflichten zu. Sie grüßte das Pöbelvolk freundlich, wie es ihre umgängliche Art war. Doch die Ersten, gedrängt von den Hinteren, stießen schon nach ihr, griffen mit unsauberen Händen nach ihrem Umhang, einer gierte nach ihren langen schlanken Beinen, ein anderen gar griff schon mit wüster schmutziger Krallenhand in ihr langes Blondhaar hinein. Er riss unvermittelt ihren Kopf weit zurück und schrie ihr mit üblem Atem etwas von „Jesus Christus“ ins Gesicht. Dann fiel die ganze Meute wie eine Rattenschar über sie her, jeder wolle ihren Leib betasten und sie hatten die scharfen Muscheln in den Händen, sie zerschnitten den Körper in tausend kleine Fetzen. Es war ein Schreien und Johlen und ein Halleluja-Jauchzen über dem ansonsten menschenleer ausgestorbenen Platz. Dann verlief sich die Rotte mit frommem Gefuchtel ihrer Arme, sie hoben die Fleischfetzen zum Himmel empor, ihrem Götzen entgegen. Wie sie meinten und erhofften, würde ihnen einstige hohe Belohnung für diese grausliche Tat zuteil werden. Der Bischof und der von ihm verkündete „Gott“ würden mit ihnen zufrieden sein. Nur ein blutbesudeltes Gerippe und weithin führende Blutspuren blieben auf den in der Sonne gleißenden Marmorstufenbänken zurück.

Diese Tat war ein Fanal, ähnliches geschah bald im weiten sich christlich gebärdenden Römerreich, aber die Wissenschaften starben. Die Mathematikerschule schloss ihre Pforten, kein Lehrer getraute sich angesichts solcher Verrohungen noch zu lehren. Das christliche, das wahnsinnige schwarze Zeitalter hatte seinen Anfang genommen ! An einem Tag im Juli soll es gewesen sein -, wir gedenken mit Trauer und Schmerz der Hypatia.
 
-o-o-o-o-
 
 
HYPATIA (von Christine Schmidt)
 
An einem Tag im März, kurz vor Ostern des Jahres 415, wird in Alexandria die Gelehrte Hypatia von einem Trupp christlicher Mönche auf der Straße ergriffen und unter Schlägen in die Kirche Kaisarion geschleppt. Dort hacken ihr die Mönche mit Ziegelscherben (nach anderen Quellen: mit scharfen Muschelschalen) bei lebendigem Leibe das Fleisch vom Körper und bringen schließlich ihren blutüberströmten, zerfetzten und zerstückelten Leichnam an den heute nicht mehr nachweisbaren Ort Kinaron, wo er verbrannt wird.
 
Das grausige Ende einer der bedeutendsten Gelehrten der griechisch-römischen Antike - und nach Aussagen von Historikern der bis zu Marie Curie berühmtesten Wissenschaftlerin aller Zeiten - ist der Nachwelt durch Zeitzeugenberichte überliefert. Die Tatsache, dass ihr Name und ihr Wirken über Jahrhunderte jedoch nahezu vergessen waren, bis sie von Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts »wiederentdeckt« wurde, wirft Fragen auf: Warum und in wessen Interesse wurde Hypatia nach ihrem Tod ignoriert und »vergessen«? Wieso konnten nicht wenigstens ihre Schriften gerettet und bewahrt werden - ist das doch bei nahezu allen, sogar deutlich früher lebenden (männlichen) Denkern gelungen. Auch das Wenige, das von ihr überliefert ist, ist lächerlich wenig im Vergleich zu anderen antiken Denkern und Gelehrten. Dieser Mangel an Quellen und belegbaren Fakten lädt dazu ein, über Hypatia als Person, als Wissenschaftlerin und Philosophin zu spekulieren und je nach Weltanschauung der Autorin oder des Autors zu bewerten oder für eigene Positionen zu vereinnahmen.
 
Alexandria wurde 331 vor unserer Zeitrechnung durch Alexander den Großen gegründet und planmäßig angelegt. Sie war eine prosperierende, wohlhabende Stadt, eine Weltstadt ersten Ranges. Schon bald nach der Stadtgründung waren eine Universität, das Museion, und die sagenhafte Bibliothek errichtet worden. Im Museion wurden, anders als an den Akademien des griechischen Mutterlandes, nicht nur Philosophie, Philologie und andere Geisteswissenschaften gelehrt, sondern auch Naturwissenschaften. Zudem wurden Forschungen auf dem Gebiet der Technik gefördert. Ihre Blüte erlebte diese Bildungs- und Forschungsstätte während der Zeit der ptolemäischen Herrscher, als sich hier die berühmtesten und namhaftesten Gelehrten versammelten. Am Museion wurden die ersten Leichen seziert, unser Kalender »erfunden«, geometrische Berechnungen angestellt, die Grundlagen des Buch- und Bibliothekswesens entwickelt, Homers Ilias für die Nachwelt kopiert, das Alte Testament ins Griechische übersetzt. Es wurde bewiesen, dass die Erde rund ist und ihr Umfang sowie die Entfernung zum Mond berechnet. Aber auch nach der Eroberung Ägyptens durch die Römer um 30 v.u.Z. blieb Alexandria Anziehungspunkt für die bedeutendsten Mediziner, Philosophen, Philologen, Mathematiker, Geographen und Astronomen ihrer Zeit, noch vor Athen, Rom oder gar Konstantinopel.
 
Zu der Zeit, als Hypatia in Alexandria lebt, gehört die Stadt noch immer zu den glanzvollen Metropolen der damaligen Welt, wenn auch das Museion seine herausragende Stellung mittlerweile verloren hat. Der größte Teil der alexandrinischen Bevölkerung setzt sich zusammen aus Griechen, die meist noch ihrer hellenischen Kultur und Religion anhängen, den Juden und den immer zahlreicher werdenden Christen [einer jüdischen Sekte]. In all diesen Bevölkerungsgruppen zählen Frauen nicht viel [diese Aussage ist in sofern falsch, als Griechinnen kleineswegs derart eingeschränkt waren]; sie gehören zum Besitz der Männer und dienen bestenfalls als Gefäß für deren Kinder. Um so überraschender ist, dass sich - die unverheiratet bleibende - Hypatia an die Spitze der Gelehrten des Museions setzen kann.
 
Theon, Hypatias Vater, ist Grieche und lehrt als Mathematiker und Astronom am Museion. Über Hypatias Mutter ist nichts bekannt, außer dass sie früh starb. Theon lässt seiner Tochter die beste Ausbildung angedeihen. Möglicherweise reist sie zu Studienzwecken sogar nach Athen. Nach ihrer Rückkehr lehrt sie Mathematik, Astronomie, Philosophie und Mechanik. Obgleich es mittlerweile eigene Schulen für Hellenen, Juden und Christen gibt, unterrichtet sie Anhänger sämtlicher Religionen. Zu ihren Schülern und Bewunderern gehört auch Synesios, der spätere Bischof von Kyrene.
 
Neben ihrer Lehrtätigkeit verfasst Hypatia wissenschaftliche Werke. Das bedeutendste unter ihnen ist ein 13-bändiger Kommentar zur Aritmetica des Diophantos. Diophantos, der »Vater der Algebra«, hatte die Gleichungen mit ganzzahligen Lösungen entwickelt und arbeitete mit quadratischen Gleichungen. Erst Zahlentheoretiker der Neuzeit haben diesem etwas Gleichwertiges beifügen können. Indem nun Hypatia Alternativlösungen vorschlägt, neue Problemstellungen formuliert und die diophantische Zahlentheorie kommentiert, zeigt sich ihre hohe wissenschaftliche Qualifikation. In einer weiteren, achtbändigen Abhandlung beschäftigt sich Hypatia mit den Kegelschnitten des Apollonius von Perga. Sie ist fasziniert von der Ellipse – eine Figur, die sich ergibt, wenn eine Ebene durch einen Kegel gelegt wird - und versucht damit, die unregelmäßigen Planetenumlaufbahnen zu erklären. Nach ihrem Tod geraten ihre Studien zu den konischen Kurven in Vergessenheit, bis 1200 Jahre nach ihr Johannes Kepler herausfindet, dass eine dieser Kurven die Bewegung der Planeten beschreibt.
 
Außerdem unterstützt Hypatia ihren Vater bei seinen Arbeiten. Theon hatte Euklids „Elemente der Geometrie“ revidiert und verbessert; an der Revision ist Hypatia wahrscheinlich beteiligt. Diese bearbeitete Fassung wird noch heute benutzt. Zudem ist sie Mitautorin einer seiner Abhandlungen über Euklid und schreibt mindestens einen Band der Werke Theons über Ptolemäus, der um das Jahr 150 alles mathematische und astronomische Wissen seiner Zeit systematisch zusammengefasst hatte.
 
Hypatias Diagramme zu den Bewegungen der Himmelskörper könnten ein Teil dieses Ptolemäus-Werks sein oder aber eine selbstständige Arbeit. Zumindest übernimmt sie Ptolemäus‘ geozentrisches Weltbild nicht unhinterfragt – also die Auffassung, dass sich Sonne, Mond und Sterne um eine ruhende Erde drehen – welches bis ins 16. Jahrhundert die einzig akzeptierte Lehrmeinung bleibt. Stattdessen beschäftigt sie sich auch mit dem heliozentrischen Weltbild des griechischen Mathematikers Aristarchos. Aber ebenso wenig wie Aristarchos mehr als 600 Jahre zuvor kann sie oder können Kopernikus, Kepler und Galilei mehr als 1000 Jahre nach ihr unwidersprochen die Theorie verbreiten, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Das ist aus religiösen Gründen nicht opportun, und es droht mindestens ein Strafverfahren wegen Gotteslästerung. Erst 1822 erlaubt die päpstliche Glaubenskongregation grundsätzlich die Verbreitung des heliozentrischen Weltbilds.
 
Ihre Briefe an Synesios zeigen Hypatias Interesse für Mechanik: Sie enthalten zahlreiche Zeichnungen für verschiedene wissenschaftliche Instrumente, unter anderem für Astrolabien. Mit dieser Apparatur lassen sich Planeten- und Sonnenpositionen bestimmen sowie die Tierkreiszeichen und Aszendenten. Zwar ist dieses Gerät im Prinzip bereits bekannt, aber mit ihrer Weiterentwicklung, die aus zwei drehbaren Scheiben besteht, lassen sich Aufgaben der sphärischen Astronomie bearbeiten. Ferner werden Hypatia die Entwicklung eines Wasserstandsmessers, eines Wasserdestillierapparates und eines Hydrometers zur Bestimmung des spezifischen Gewichts von Flüssigkeiten zugeschrieben.
 
Weitaus bekannter und zu ihrer Zeit populärer als ihre naturwissenschaftlichen Arbeiten sind Hypatias philosophische Tätigkeiten. Sie wird auf den Lehrstuhl für platonische Philosophie berufen und erläutert in ihren Vorlesungen die Werke der bedeutendsten antiken Denker. Gerühmt wird ihre besondere Gabe, mit den Menschen zu sprechen und ihnen Wissen zu vermitteln. Von vielen ihrer Zeitgenossen wird Hypatia bewundert und verehrt. Ihr jüdischer Schüler Hesychius schreibt über sie: »Im Philosophentalar zog sie durch die Innenstadt und sprach für alle, die zuhören wollten, öffentlich über die Lehren des Platon oder des Aristoteles oder irgendeines anderen Philosophen […] Die Magistraten pflegten für die Verwaltung der Staatsgeschäfte zuerst ihren Rat einzuholen.«
 
In der Tat verkehrt Hypatia mit den politisch Mächtigen. Nicht nur ist sie Wortführerin der hellenischen Gemeinde und erteilt wie selbstverständlich dem Magistrat Ratschläge; sie ist auch Orestes freundschaftlich verbunden, dem römischen Statthalter in Ägypten und damit ranghöchsten Staatsvertreter. Der ist zwar Christ, aber tolerant gegenüber Anders- und Nichtgläubigen. Das bringt ihn in Gegnerschaft zu Kyrill, seit 412 Bischof von Alexandria und fanatischer Christ. Dieser will mit allen Mitteln das »rechtgläubige« Christentum verbreiten; auf seiner Liste stehen Juden, Heiden, »Pseudo-Christen« – wie nach seiner Meinung Orestes – und die verschiedenen christlichen Sekten. Mittels Intrigen und Gewalt schaltet er die unerwünschten Sekten aus oder bringt sie »auf Linie«. Auf seine Kappe gehen auch ein Mordversuch an Orestes sowie ein Pogrom an der jüdischen Gemeinde. Tausende von Jüdinnen und Juden werden aus der Stadt gejagt, ihre Häuser beschlagnahmt oder angezündet und ihre Synagogen zu Kirchen umgewandelt. [Die vorausgegangenen Massenmorde seitens rebellierender Juden an den Griechen, sollten allerdings an dieser Textstelle auch nicht verschwiegen werden.]
 
Zu Hilfe ist ihm der Mönchsorden der Parabalani, eine radikale, intolerante, asketische, größtenteils analphabetische Gemeinschaft. Ihre Aufgabe ist zuvörderst die Pflege der von Typhus, Cholera, Fleckfieber und anderen Seuchen heimgesuchten Einwohner der Stadt. Sie verstehen sich aber auch als Wortführer der Armen, für die sich sonst niemand interessiert, und schaffen es immer wieder, diese gegen Missliebige - vor allem Wohlhabende und Gebildete - aufzuwiegeln. Mit Fürsorge und Gewalt missionieren sie in ihren braunen Kutten für das Christentum: Wissen zählt nicht, sondern nur der Glaube. Hier ist Platz für die Armen, die Ungebildeten, die sozial Verachteten.
 
Aber nur begrenzt für Frauen, und für eine Frau wie Hypatia schon gar nicht. Als Griechin, als Anhängerin des wissenschaftlichen Rationalismus und aufklärerischen Bildungsguts, die sich weigert, ihre Ideale aufzugeben und Christin zu werden, befindet sie sich in zunehmender Gefahr. Für Kyrill ist diese unabhängige, gebildete, eigenständig denkende und handelnde Frau (!), die sich ohne Scheu in der Öffentlichkeit und unter Männern bewegt und mit ihrer Philosophie und Wissenschaft »heidnische Propaganda« betreibt, eine unerträgliche Provokation. Mit ihrer Ermordung durch die Parabalani werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Der hellenischen Kultur und damit der griechischen Gemeinschaft wird ein endgültiger Schlag versetzt. Viele Gelehrte verlassen die Stadt; Alexandria verliert seine Bedeutung als ein führendes Zentrum der Bildung und Wissenschaft. Die Verkündung von Platons Philosophie findet mit dem Tod Hypatias nicht nur in Alexandria, sondern im ganzen Römischen Reich ihr Ende. Kyrill kann den innenpolitischen Machtkampf, auch um die weltliche Macht, für sich entscheiden: Orestes quittiert den Dienst und verlässt ebenfalls die Stadt. Der Frauenhass der christlichen Würdenträger bricht sich erstmals Bahn: Hypatia wird von Historikern als erstes Opfer des Glaubenswahns gesehen, der sich zu den späteren Hexenverfolgungen steigert.
 
Der Mord an Hypatia bleibt ungesühnt. Untersuchungen darüber, inwieweit er selbst in die Ermordung Hypatias verwickelt ist, weiß Kyrill durch Bestechung zu verhindern. Er lebt noch bis 444 und wird 1882 heiliggesprochen. Das reichhaltige Wissen der alten Griechen überlebt teilweise in Byzanz und später durch die islamischen Gelehrten. Der römisch-christliche Teil der Welt versinkt für die nächsten 1000 Jahre im wissensfeindlichen »finsteren« [kirchenchristlichen] Mittelalter.
 
Zitate:
 
Verteidige dein Recht zu denken. Denken und sich zu irren ist besser, als nicht zu denken. [Hypatia zugeschrieben]
Ich glaube an die Philosophie. [Hypatia zugeschrieben]
 
In Alexandria lebte eine Frau mit Namen Hypatia, die eine Tochter des Philosophen Theon war. Sie verfügte über eine so herausragende Bildung, dass sie sämtliche Philosophen ihrer Zeit ausstach. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie an die Spitze der platonischen Schule, die sich von Plotin herleitet, und sie unterrichtete jedermann in allen Wissensgebieten, der danach verlangte. Den Behörden gegenüber trat sie freimütig und mit dem Selbstbewusstsein auf, das ihre Bildung ihr verlieh, und sie zeigte auch keine Scheu, sich in der Gesellschaft von Männern zu bewegen. Wegen ihrer außergewöhnlichen Intelligenz und Charakterstärke begegnete ihr nämlich jeder mit Ehrfurcht und Bewunderung. Sokrates Scholastikos (ca. 380 – 440)
 
Darf ich dich sehen, hören, huldige ich kniend, das Sternenhaus vor Augen, wo die Jungfrau wohnt. Denn auf zum Himmel weist dein Handeln und die Kunst, mit der du sprichst, erhabene Hypatia, du strahlendes Gestirn geistreicher Wissenschaft! [Palladas (um 400)]
 
Hypatia hat den Himmel intensiv beobachtet, natürlich noch ohne Teleskop. Sie soll die Konstruktion des Astrolabiums deutlich verbessert haben. Mit diesem Instrument lässt sich die Position der Gestirne am Himmel bestimmen. Zudem hat sie die Planisphäre weiter entwickelt, einen frühen Typ der Sternkarten.
Das Leben der offenbar ersten Astronomin überhaupt endete tragisch: Im Jahr 415 haben fanatische Christen Hypatia in Alexandria ermordet.


 

Pin It