WEISHEITEN ?

 
 
WEISHEITEN ?
 
Ich sitze wie ein junger Fant,
und starre Löcher in die Wand -
ich denk‘ nur an Angelika
und weiß nur eins: Sie ist nicht da.
Doch jede Faser ruft nach ihr
sie ist mein Daseinselexier;
ein Widerstand wär‘ ganz vergebens,
sie ist der Lichtblick meines Lebens.
 
Jahrzehnte quälte mich der Trieb,
ein Weib war mir wie Schmerz so lieb,
bis sich der Körper endlich beugte,
der reine Geist ihn überzeugte -
sagt doch der Weisheit letzter Schluss:
Die Frauenlieb‘ schafft nur Verdruss !
So gab der Trieb nun endlich Ruh‘
und machte seine Augen zu.
 
Gerade war er sanft entschlafen,
im ehelichen Liegehafen,
da winkt‘ von fern ein Mägdelein
und lockt‘ mit ihrem Wonnewein.
Sie meint‘, ein Gläschen dürft‘ ich trinken,
ohn‘ gleich in Trunksucht zu versinken.
Kaum hörte ich ihr Angebot,
stand ich in Flammen und in Not.
 
Was scheinbar schlief wurd‘ wieder wach,
aus einem längst verschloss‘nem Fach
da drängten Süchte sich zuhauf -‚
der Trieb riss seine Augen auf,
und wieder bin ich alter Tor
so wenig weise als zuvor !
Und küss‘ das Weib, das Himmelsstück;
sie ist das einz‘ge wahre Glück!
 
Ich lieg‘ an ihrer Engelshaut
bis dass der neue Morgen graut;
und sauge ihren Gletscherschnee
und trinke ihren Feuersee.
Wenn sich mir alle Sinne dreh‘n,
dann will ich in ihr untergeh‘n.
Will nicht mehr weise sein, viel lieber
soll quälen mich das Liebesfieber !
 
Bild: Am Externstein 7999 n.M.
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