LOB DES VATERLANDES

 
Herr Walther von der Vogelweide
 
LOB DES VATERLANDES
 
Ihr sollt künden mir: „Willkommen !“
Der Euch Märe bringet, das bin ich !
Alles was Ihr sonst vernommen,
War nur Wind, drum fragt jetzt mich.
Jedoch mag ich dafür Miete,
Wird mein Lohn recht gut,
Will ich's künden was Euch sanfte tut.
Seht, wie man mir Ehre biete !
 
Von deutschen Frauen will ich sagen,
Solchen Lobes, dass sie dessen bass,
Aller Welt soll es behagen:
Ohne allen Lohne sag‘ ich das,
Warum auch sollt‘ man es lohnen ?
Sie sind viel zu hoch und her:
So füg‘ ich mich, hab‘ kein Begehr,
Darf ich in Frauen-Minne wohnen.
 
Ich hab‘ der Lande viel‘ gesehen,
Und nahm die besten gern gewahr,
Übles müsste mir geschehen,
Brächte ich mein Herze ihnen dar,
Nimmer könnte mir gefallen,
Wenn ich für der Fremden Sitten,
Hirnlos für das Falsche je gestritten;
Deutsche Zucht geht vor in allen.
 
Von der Elbe und bis an den Rhein,
Und hingegen an das Ungarnland,
Leben wohl die Besten allgemein,
Die ich in der Welt je fand.
Gott helfe mir, Ihr dürft mir trauen,
Hab‘ ein Blick für edle Art,
Die sich mit reiner Schönheit paart,
Holder als bei anderen Frauen.
 
Der deutsche Mann ist wohl erzogen,
Wie Engel sind die Frau‘n zu schau’n,
Wer sie schmäht hat frech gelogen,
Ihm ist sicher nicht zu trau’n.
Wer Tugend sucht und reine Minne
Und schätzt der hohen Lehren viel,
Deutscher Magister Bildungsziel,
Der komme her und leb‘ hierinne.
 
Walther v. d. Vogelweides mittelhochdeutsche Verse
ins Hochdeutsche übertragen von Gerhard Hess
 
 
Herr Walther von der Vogelweide (um 1170-1230) gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Die allermeisten Informationen über Walthers Leben stammen aus seinen eigenen Liedern und aus Erwähnungen bei zeitgenössischen Dichtern. Ein andere Dichterr, Tomasin von Zerclaere, äußert sich im „Wälschen Gast“ kritisch über Walther, wegen dessen papstfeindlicher Haltung, was uns ihn schon deshalb sehr lieb gewinnen lässt. Walther wurde von anderen Dichtern „Herr“ genannt, was seine hohe Ehrenstellung beweist. Von Walther sind 500 Strophen in über 110 Tönen bzw. - inhaltlich gruppiert – 90 Lieder (Minnelieder) und 150 Sangsprüche überliefert; außerdem ein religiöser Leich der wohl als ein Marienleich zu deuten ist. Walthers Werküberlieferung ist damit, neben denen der Dichtern Neidhart und Frauenlob, die umfangreichste des deutschen Mittelalters. Die Aussagen in Walthers Gedichten, aus denen Rückschlüsse auf seine Geburtsregion gezogen werden können, lauten beispielsweise: „ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen.“ Er war also Deutsch-Österreicher. Er lebte auch oft in Wien. Vom Thüringischen Hofe berichtete er, dass es dort zu seiner Zeit laut und ungehobelt zuging, es wurde viel gezecht und die rauen Mannen dort waren an seiner Lyrik kaum interessiert.
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